Die Prüfung

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Es ist mitten in der Nacht, mein Handy klingelt. Ich hab es extra neben das Bett gelegt, hebe es auf – Staubflusen, Haare, igitt!- pusten und putzen.
„Hallo Claudi“, gähne ich.
„Hallo …“, flüstert Claudi am anderen Ende.
„Alles klar?«
„Ich pack´ das nicht.“
Das wird ein längeres Gespräch. Ich dreh mich auf die Seite, Handy unters Ohr, zieh mir die Decke über den Kopf und schließe die Augen.
„Na, dann …“, seufze ich.
Die Worte sprudeln aus ihr raus wie Wasser aus einer frischen Quelle. Und das mitten in der Nacht.
„Oh Mann, danke, dass du das mitmachst. Ich hab solche Angst. Morgen, ich kann nicht, wie soll ich das schaffen? Ich glaub, ich verkacke, ich …“
Claudi erzählt und erzählt, ich hör mir alles an, geduldig, abwartend. Irgendwann eine Atempause, in die ich hineinflüstere:
„Das wird schon.«
„Meinst du wirklich?“
Claudi legt wieder los, sie habe sich gut vorbereitet, alles gelernt, den kompletten Reader in und auswendig, Seite sowieso bis sowieso, Modell xy und z, aber dann gäbe es Momente, wo sie den gesamten Scheiß, äh Stoff, vergessen würde.
„Das ist wie ein schwarzes Loch“, erklärt sie panisch. „Dann erinnere ich mich an gar nichts mehr!“
„Das ist doch normal“, murmel ich. „Jeder ängstigt sich vor Prüfungen. Da spielen die Nerven verrückt. Beruhige dich, versuche zu schlafen.“
„Ich kann nicht pennen, Marie!“, japst Claudi. „Ich dreh echt durch. Ich glaube, ich muss mich morgen krankmelden …“
Nein, denke ich und bin mit einem Mal wieder hellwach.
„Nein, mach das nicht!“
Ich versuche, meine Stimme so vernünftig wie möglich klingen zu lassen. Wenn sie das morgen nicht durchzieht, dann wiederholt sich dieses Drama wohlmöglich bis in alle Ewigkeit.
„Das sind nette Prüfer. Professor Kümmerling, von dem hab ich gehört, dass er sehr fair prüfen soll. Weißt du noch, Natalie konnte sich kaum vorbereiten und ist trotzdem durchgekommen.“
„Aber mir passiert sowas nicht“, sagt Claudi und knirscht mit den Zähnen.
„Du hast dich ja auch gut vorbereitet“, sag ich. „Das wird morgen bestimmt super.“
„Meinst du?“, fragt Claudi mit leiser Stimme.
„Ja“, antworte ich und setze mich wie zur Bestätigung im Bett auf.
„Außerdem, wenn du das morgen nicht machst, dann kommst du vielleicht zu Professor Fieser.“
Claudi denkt nach.
„Du hast Recht, Marie.“
„Klar, hab ich immer. Ich leg jetzt auf.“
„Warte!“
„Was denn?“
„Und was ist, wenn sich morgen bei der Prüfung der Boden unter mir auftut und ich in ein riesiges Loch falle, vor lauter Scham, weil ich die einfachsten Antworten nicht mehr weiß?“
Ich lache leise. „Dann bestehst du die Prüfung trotzdem, weil du die schwierigen Fragen beantworten kannst.“
»Sicher?«
»Klar«, sag ich, »Ich habe immer Recht.«
Ich treffe Claudi vor dem Seminarraum wenige Minuten vor der Prüfung. Unter ihren Augen dicken Ringe, überall aufgekratzte Pickel, auf denen zu viel Camouflage pappt. Sie sieht aus wie ein verwunschener Gnom.
Verzweifelt guckt sie mich an.
„Ach, komm her“, sag ich und umarme sie fest.

Dann kommt, ich glaub, Ines heißt sie, gefolgt von Professor Kümmerling aus dem Büro. Die strahlt wie ein Goldpokal. Das war bestimmt ’ne gute Prüfung, denke ich, und dass es sicherlich schwer wird, ihre Glanzleistung zu überbieten.
Herr Kümmerling winkt uns ins Büro.
„Guten Tag, Frau Mai, herzlich willkommen!“
„Ja“, haucht Claudi aus blutleeren Lippen. Taumelnd geht sie auf ihn zu. Ich fürchte, sie ist der Ohnmacht nahe.
„Und Sie bringen Zuschauer mit!“
„Ich bin Marie“, sag ich, dirigiere Claudi mit der einen und reiche Herrn Kümmerling die freie Hand.
„Na, dann kommen Sie herein, Frau Mai und Marie.“
Drinnen sitzen noch ein paar andere Doktoranden und Professoren, die ich nicht kenne. Ich nehme in der Ecke Platz und Claudi tapst in die Mitte des Raumes, direkt vor die Prüfungskommission.

Und dann fängt sie an, die Prüfung. Die werten Herren Professoren stellen leichte Fragen. Die könnte sogar ich beantworten, finde ich, aber ich muss mir auf die Zunge beißen. Claudi sagt nichts. Keinen Ton kriegt sie raus. Stattdessen spielt sie mit ihrer Haarsträhne und guckt aus dem Fenster.
Herr Kümmerling hakt noch einmal nach, freundlich, aber bestimmt.
Claudi sitzt stumm da und zappelt mit den Beinen, als wäre sie ein Fisch auf dem Trockenen oder eine ähnliche bemitleidenswerte Kreatur. Die Situation ist furchtbar. Ach, könnte ich ihr irgendetwas auf den Kopf hauen!
Die Gesichter der Kommission werden länger.
Jetzt bekomme ich es mit der Angst zu tun. Hätte ich ihr besser zureden sollen? Bin ich eine schlechte Freundin? Arme Claudi! Die einfachsten Fragen – und nicht mal die kann sie beantworten.
Auf einmal ertönt ein seltsames Geräusch, das ich noch nie gehört habe. Irgendwas zwischen Schaben und Hämmern. Dann vibriert es leicht, ruckelt, ruckelt stärker, stärker, rüttelt und schüttelt den gesamten Raum. Ein Erdbeben? Hier bei uns?
Der Fußboden wölbt sich, Claudis Stuhl sinkt einen Meter nach unten, Holz knackst und splittert, der Boden kracht, Claudi kreischt und verschwindet samt Teppich in einem gewaltigen Loch.

Die Kommission guckt mich an, ich gucke die Kommission an, Staub auf unseren Häuptern. Ratlosigkeit in unseren Gesichtern. Herr Kümmerling sieht außerdem bekümmert aus. Überall wirbeln Flusen durch die Luft.
Vorsichtig stehe ich auf und nähere mich dem Rand des Einbruchs. Claudi ist unverletzt. Mit verschränkten Armen steht sie da und sieht hoch. Ihr Gesicht ist ganz rot, energisch pustet sie sich eine Haarsträhne von der Nase.
„Frau Mai …“, stammelt Herr Kümmerling und klopft sich den Staub von seinem Jackett. „Geht es Ihnen gut?“
„ICH KANN SIE NICHT HÖREN“, schreit Claudi. „SPRECHEN SIE LAUTER UND STELLEN SIE MIR ENDLICH SCHWIERIGE FRAGEN!“

Die Professoren und Doktoren wechseln Blicke, Herr Kümmerling runzelt die Stirn. Zögernd greift er zu Papier und Stift, dann geht alles ganz schnell:
Die nächsten fünfzehn Minuten schreien sich Herr Kümmerling und Claudi an, als gäbe es kein Morgen. Seine Fragen knallen in die Grube, ihre Antworten stemmt sie mit Rufen in die Höhe, direkt auf den Tisch der Kommission.
Mir klingen die Ohren, ich halte sie mir daher zu.

Während Herr Kümmerling und Konsorten die Note besprechen, werde ich losgeschickt, um vom Hausmeister eine Leiter für Claudi zu holen.
„SIE HABEN UNS EINEN GANZ SCHÖNEN SCHRECKEN EINGEJAGT!“, höre ich Herrn Kümmerling schreien.
„ABER INSGESAMT SIND WIR ZU DEM ERGEBNIS GEKOMMEN, DASS IHRE LEISTUNG NOCH IM SEHR GUTEN BEREICH ANZUSETZEN IST!“

Höchst zufrieden klettert Claudi aus der Grube. Sie wischt sich den Schmutz aus dem Gesicht, tänzelt den Rand des Einbruchs entlang, reicht allen Prüfern galant die Hand und schwebt förmlich aus dem Gebäude.

„Du hattest Recht, Marie, wie immer“, säuselt Claudi elfengleich. »Das war ganz leicht.“

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