Das Herz des Zackenbarsches

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„Dieses Ding“, hörte es die Menschen sagen, „hat kein Herz.“
Ein Herz zu haben ist wichtig, wusste das Ding und machte sich auf die Suche danach. Es fand Fliegenpilze und einen Nasenzwerg, gelbe Schuhe und Blut, sogar den Tod fand es, aber der schüttelte nur seine schwarze Kapuze.
Schließlich traf das Ding einen Zackenbarsch.

„Was tust du hier in meinen eisigen Gefilden?“, wollte der Zackenbarsch wissen.
„Ich suche ein Herz“, sagte es.
„Vielleicht findest du eines in mir“, sagte der Zackenbarsch, denn das Mädchen gefiel ihm gut. „Hier ist der Schlüssel.“ Und er spuckte ihm einen goldenen Schlüssel vor die Füße.
Das Mädchen nahm den Schlüssel, machte sich ganz klein und kletterte vorbei an den spitzen Zähnen in den Bauch des Zackenbarsches. Der tauchte glücklich unter in die Tiefen des Nordmeeres. Sie wärmte sich in seinem Innern.
Doch so sehr das Mädchen auch suchte, dort waren Leber, Geist und Mut, ein Herz fand es nicht. Es wurde unruhig und fürchtete sich.
„Hier ist kein Herz! Lass mich hinaus!“
Der Zackenbarsch spürte ihre Angst und sorgte sich. Er überlegte genau, was er sagen sollte, und antwortete schließlich:
„In mir hast du ein Herz.“
Das Mädchen wunderte sich über diese Worte, sah hinunter auf seine Brust, doch da war nichts. Es spürte nichts. Alle Menschen hatten gesagt, es sei herzlos. Der Zackenbarsch musste lügen.
„Lass mich gehen und weiter suchen“, rief das Mädchen und hoffte insgeheim, er täte es nicht, denn in ihm fühlte es sich warm und gemütlich an.
Doch der Zackenbarsch schwamm zurück ans Land, weil er nicht wollte, dass sich jemand vor ihm fürchtete. Dort kroch das Mädchen hinaus aus dem Bauch und kletterte auf das Eis. So einfach lässt er mich gehen, dachte es bekümmert. Aber kein Wunder, dachte es weiter, das geschieht einem, wenn man herzlos ist.

Der Zackenbarsch betrachtete sie und er sah traurig aus. Das Mädchen stand zitternd am Ufer und der Himmel wurde langsam heller.
Einmal noch hob er an zu sprechen, um sie zu behalten, denn sie gefiel ihm wirklich gut.
„Wir sind wie Nebelschwaden, Schatten in der Dämmerung der Zeit. Wir verschwinden, wenn die Sonne aufgeht. Es wäre schöner, wenn du bei mir wärst.“
Was redet er für seltsames Zeug, dachte das Mädchen, denn es verstand seine Worte nicht. „Verschwinde jetzt“, schrie es wütend und schleuderte ihm den Schlüssel gegen sein Maul. Da brach einer der spitzen Zähne, flog blitzschnell zu dem Mädchen zurück und schnitt ihm den Brustkorb auf. Erschrocken blickte es zu der Stelle, fasste dorthin, fühlte es, spürte den kräftigen, tuckernden Schlag. Tief in ihrer Brust pochte ein kleines Herz.
Die ersten Strahlen der Morgensonne schienen über die weiten Eisflächen, ließen sie glitzern und funkeln. Der Zackenbarsch aber war verschwunden.

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4 Gedanken zu “Das Herz des Zackenbarsches

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