Der Stil und seine Mittel (2) – Ein lustiger Gesell´

Die Mode ist das, wodurch das Phantastische für einen Augenblick allgemein wird. (Oscar Wilde) 

DAS BÁTHOS

Zugegeben, es kommt nicht ganz so stark daher wie seine großen Freunde, Sarkasmus, Ironie, Zynismus. Es ist auch nicht ganz so widerspenstig wie ein Oxymoron, nicht ganz so gegensätzlich wie eine Antithese. In seinem Namen aber schwing Pathos mit, Leidenschaft und Kraft, die allerdings -seinem Namen nach – in der Tiefe bleiben.

βάθος ist altgriechisch und bedeutet „Tiefe“.

Die rhetorische Figur nutzt man, wenn in einem Satz ein hoher „Wert“ einem niedrigen „Wert“ gegenüber gestellt wird. Dieser hohe Wert kann sowohl etwas „Positives“ oder „Negatives“ sein.

Beispiele

„Bei dem Sturz habe ich mir den Oberschenkel gebrochen und mir ist ein Haar ausgefallen.“

Dieses Báthos besteht aus dem Bruch des Oberschenkels und dem Ausfallen des Haares. Es findet sich sowohl auf syntaktischer Ebene (beides sind Akkusativ Objekte), als auch auf inhaltlicher Ebene. Ein Bruch ist „höher“ (in diesem Falle „schlimmer“ als das Ausfallen eines einzelnen Haares). Daher ist dieses Báthos sogar ein doppeltes Stilmittel, wenn man so will, denn hier liegt auch eine parallele Konstruktion (siehe „mir“ = Dativ) auf syntaktischer Ebene vor. Ein Parallelismus. Ein kleiner.

„Das Unwetter zerstörte das gesamte Dorf und auf unserem Hof wurde ein Vogelnest aus der Regenrinne geweht.“

Báthos inhaltlich, syntaktisch nicht 100% ausgeführt. Denn „das Dorf“ ist Akkusativ (wen/was?), „ein Vogelnest“ (aufgrund des Passivs) Subjekt und damit Nominativ.

„Er liebte sie von ganzem Herzen und betrog sie nur selten.“

Syntaktisch sind hier die Verben am Werk. Unter der Annahme, dass „Liebe“ etwas sehr Hohes ist und damit einen Betrug ausschließt, wird diesem hohen Wert ein extrem niedriger Wert, „Betrug“, gegenüber gestellt.

„Ich bin wirklich sehr kleinlich und extrem genau. Meistens.“

Dieses Báthos funktioniert nur auf inhaltlicher Ebene. Es schließt sich aus, „meistens“ „sehr kleinlich“ und „extrem genau“ zu sein. Entweder man ist es oder eben nicht.

„Das Phantastische wird für einen Augenblick allgemein.“

„Das Phantastische“, ein hoher, ideeller Wert – wird hier inhaltlich „allgemein“. Ebenfalls ein Báthos, wenn mich nicht alles täuscht.

Zur Funktion und Verwendung

Das Báthos ist ein wunderschönes Stilmittel, wie ich finde. Ich meine auch, es in verschiedenen, insbesondere humorvollen Texten schon (unbewusst) gelesen zu haben. Möglicherweise ist es daher sogar „modern“.

Das Báthos macht Texte oder/und Figuren interessant, überraschend und „locker“. Man spürt die leise Ironie in diesen leicht widersprüchlichen Aussagen. Irgendetwas wird nicht ganz ernst genommen. Oder meinen der Text/die Figur vielleicht doch ernst, was sie sagen?

Der Leser wird ein wenig an der Nase herumgeführt, denn er weiß nicht recht „Was soll das eigentlich?“. Das verwirrt und macht – im besten Fall-  neugierig auf mehr.

Beste Grüße

Eure

Runa

PS. Wie ich eingangs erwähnte, ist die Verwendung von Stilmitteln eine sehr individuelle Angelegenheit.

https://lehmofen.wordpress.com/2015/07/11/der-stil-und-seine-mittel-1-welches-kleid-passt-meiner-geschichte/

Es mag daher nicht alles 100% stimmig sein oder „passen“, was ich hier schreibe. Ich würde mich sehr über eure Gedanken und Beispiele freuen, auch Widerspruch (am besten begründet) ist gerne gesehen! Dankeschön!

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6 Gedanken zu “Der Stil und seine Mittel (2) – Ein lustiger Gesell´

    • Hm. Wenn dem so wäre, dann wäre das, bezogen auf Deine Kunst: Understatement. Und ja, ein Bathos ist auch Untertreibung. Also: Ja.

      Bei Wiki gibt es dazu noch ein Zitat von Kant: „„Hohe Türme und die ihnen ähnlichen metaphysisch-großen Männer, um welche gemeiniglich viel Wind ist, sind nicht vor [!] mich. Mein Platz ist das fruchtbare Bathos der Erfahrung.“
      Soll auch ein Bathos sein.
      Klingt ganz ähnlich wie Deines. 😉

      Gefällt mir

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