Der Falke des Königs

ferruginous-hawk-948753_1280Einst lebte ein Falke und er war das Lieblingstier des Königs. Er hatte ein prächtiges Gefieder, lange, scharfe Krallen und einen Schnabel, der sich mit einer feinen Spitze nach unten krümmte.
Wann immer der König zur Jagd ging, nahm er den Falken mit und der Falke erspähte die kleinen Waldbewohner, Mäuse, Hasen oder Vögel, fing sie und flog mit ihnen zum König zurück. Der König belohnte den Falken mit saftigen Fleischhappen.
Beide verband eine innige Freundschaft.

Eines Tages wurde der Falke von einem Adler angegriffen. Er verlor darüber die Orientierung, flog auf einen Ast und wartete darauf, dass seine Sinne zurückkehrten.
Da kam ein alter Mann des Weges, der sich über den Anblick des Vogels freute, ihn einfing und mit nach Hause nahm. Er setzte ihn auf den Boden, doch der Falke flatterte auf den Tisch und schließlich auf eine Stange, wo Zangen und allerlei Wirtschaftsgeräte des Alten hingen. Dort oben krallte er sich fest und fiepte.
Der alte Mann sah, dass es dem Tier nicht gut ging.
„Armes, schwaches Tier! Du hast ein dünnes Gefieder“, sprach der Alte. „Gefüttert hat man dich kaum, bist doch viel zu mager!” Und er streute dem Falken mit vollen Händen Körner auf den Boden. Doch die wollte der Falke nicht fressen.
Da fielen dem Alten die scharfen Krallen auf. „Hat dir denn keiner die Krallen gestutzt!”

Und er nahm seine Zange und schnitt dem Falken die Krallen ab.

Der Falke fiepste und wehrte sich, da entdeckte der Alte seinen Schnabel.
„Ach, du lieber Gott“, sprach er. „Du hast ja einen ganz krummen Schnabel. So kannst du keine Körner picken und fett werden!“
Und er brach er ihm mit der Zange ein Stück des Schnabels ab.
„So“, sprach der Alte fröhlich „Nun kannst du Körner picken, wie es die anderen Hühner tun!“

Der König aber war voller Trauer über den Verlust seines Lieblingstieres. Überall im Land ließ er verkünden, dass derjenige, der seinen Falken zurückbrächte, eine große Belohnung erhalten würde.
Als der alte Mann den Markt besuchte, stand dort ein Bote des Königs, der mit lauten Worten das Gesuch des Königs vortrug.
Der Alte ging zu dem Boten und sprach: „Ich habe einen Vogel gefunden, in eben jenem Wald, von dem ihr sprecht. Ein jämmerlich verhungertes Tier, mit einem missgestalteten Schnabel und viel zu spitzen Krallen. Der König, erlaubt mir diese Worte und Gott möge ihm gnädig sein, hat seinen Vogel sehr vernachlässigt. Ich habe ihn zurechtgestutzt und aufgepäppelt.“
Der Bote sah ihn stirnrunzelnd an, ging der Sache nach und brachte den Falken zurück zum König.

Als er sein Lieblingstier so zugerichtet sah, schlug der König bestürzt die Hände zusammen.

Dem Alten aber ließ er eine Belohnung zukommen, denn er hatte ja im Guten gehandelt.
Für alle Zeiten aber ließ der König festschreiben:
„Ein Freund, der dein Wesen nicht zu schätzen weiß, ist ein Feind.“

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6 thoughts on “Der Falke des Königs

  1. „Ein Freund, der dein Wesen nicht zu schätzen weiß, ist ein Feind.“ Tja, das “Rettungsprogramm” der Bundesregierung für Griechenland steht leider unter diesem bösen Stern. Gut gemeint, aber durch Unverständnis vergiftet.

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  2. Danke für dieses schöne Märchen. Da kommt etwas in die Welt eines Menschen, und er behandelt es nach bestem Wissen und Gewissen. Er kommt gar nicht darauf, daß es andere Bedürfnisse hat, als sich dieser Mensch vorstellen kann. Gehen wir nicht zu weit weg von uns selbst, wahrscheinlich haben oder hatten wir auch schon solche Falken, die wir zurechtgebogen haben.

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    • Dankeschön für das Kompliment. Das ist das Beste, wenn jemand sie gerne liest! — Danke auch an die anderen Kommentatoren, ich gehe davon aus, dass ihr die Geschichte auch mochtet. 🙂 Ich sende euch Herzenswünsche!
      Eure
      Runa

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