Amors Abenteuer (2)

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Apollos Wagen funkelte und strahlte wie die Sonne selbst. Der Zephyr gab mir Antriebskraft. Unter mir zogen Wolken dahin, dazwischen konnte ich die Erde sehen: Flüsse, Berge, Städte. Das Meer mit winzigen weißen Punkten, Schaumkronen und Wellen.
Apollo schätzte es nicht, wenn ich ihn bei der Arbeit besuchte, aber dies war ein Notfall. Außerdem, fand ich, arbeitete er gar nicht, sondern jagte mit einer mordsmäßigen Geschwindigkeit durch den Äther. Cooler Job.

»Oh Shit!« Ich purzelte kopfüber auf die Rückbank, wobei eine meiner Federn brach.
»Ey, Alter!«, Apollo dreht sich zu mir um, »Was is`n los, Mann?«
»Ich dachte, ich komm mal vorbei …«
Apollo ließ die Peitsche knallen und die Pferde wieherten. Es waren vier riesige Tiere mit flammend hellen Mähnen, wilden Augen und gefährlich schlagenden Hufen.
»Krass schnell, was?«
»In der Tat«, bestätige ich, während ich versuche, meinen Kopf nach oben und meine Beine nach unten zu bekommen.
»Das is´n Phaeton, zehn Ellen lang. Üppiger Radstand, goldene Karosserie, kaum Schnörkel, dafür straffe Linien an den Seiten – das Teil hat Charakter. Zwei Pferdestärken mehr und heizt richtig rum!«
»Meinst du, ich kann vielleicht den alten Wagen haben?«, fragte ich, mittlerweile richtig positioniert. Es war zwar nicht mehr das neuste Modell, aber es war ein WAGEN, kein Westwind, keine Wolke und vor allem keine affigen Flügel mit weißen (und ein paar hellrosa) Federn, die aufgeregt flatterten, wenn ich flog.
»Klaro, wenn deine Alte das erlaubt …« Apollo lachte. »Was willste? Ich muss arbeiten, weißte doch.«
»Jaja«, sagte ich und schüttelte kurz den Kopf, was Apollo nicht sehen konnte. Arbeiten, von wegen.
»Ich habe eine Frage. Und du bist der schlauste aller Götter, also …«
Apollo ließ die Peitsche knallen.
»Haste schon gemerkt, dass die Sonne jetzt weiter hinten hängt?«, fragte Apollo.
Ich drehte mich um.
»Stimmt, ist nicht mehr so heiß hier wie früher.«
Apollo nickt zufrieden.
»Und die Sitze sind aus Leder«, er machte eine bedeutungsvolle Pause, »vom kalydonischen Eber.«
Gerade hatte ich mir eine richtig gute Frage überlegt, aber seine Worte brachten mich aus dem Konzept.
»Aus Leder? Von einem Tier? Und deine Schwester?«
Apollos Zwillingsschwester Diana war, was Tiere anbelangte, ziemlich eigen. Zwar war sie eine Jägerin, aber gleichzeitig auch selbsterklärte: »IchbeschützealleTiererin«
»Das ist das Beste!«, feixte Apollo. »Die hat ihn auf dem Gewissen.«
»Echt jetzt?«
»Ja, irgend so ein König hat vergessen ihr Opfergaben darzubringen und dann hat sie den kalydonischen Eber auf ihn gehetzt. Der ist dabei leider umgekommen.«
»Und opfern die Leute ihr jetzt wieder?«
»Klaro.«
Den Gedanken, dass die Verbreitung von Angst und Schrecken eine Lösung für mein Opfergabenproblem sein könnte, verwarf ich sofort wieder. Dianas Methoden waren zu extrem.
»War Vollmond?«, fragte ich.
Apollo grinste. »Zu meinem Glück! Guck dir das Leder mal an, komplett weiß, wunderbar weich; ey, pass mit deinen Füßen auf!«

»Okay«, begann ich, »mal angenommen, deine Opfergaben würden schwinden, was würdest du tun?«
»Das passiert nich.«
»Ja, aber mal angenommen.«
»Nee, das passiert nich.«
Ich versuchte es noch einmal.
»Ja, aber mal angenommen!«
Apollo guckte mich skeptisch an. »Was´n los, Kleiner, gibt´s Probleme?«
»Nein«, antwortete ich, konnte aber nicht verhindern, dass meine Flügel aufgeregt zitterten.
»Du kriegst eh nix. Also isses … deine Ma?«
»Quatsch!«, rief ich. Jetzt zitterte mein ganzer Körper. Mist!
»Deine Ma. Wusste ich´s doch.«
Ich seufzte.
»Sag´s nicht weiter«, bat ich, enttäuscht, dass er mir so schnell auf die Schliche gekommen war. Aber ich konnte ihm vertrauen. Bestimmt. Er war schließlich mein bester Freund.
»Mann, voll peinlich, Alta, das sollte sich echt nicht rumsprechen«, sagte Apollo.
»Ja«, pflichtete ich ihm kleinlaut bei. »Ich versuche, der Sache auf den Grund zu gehen und dachte mir, du kannst mir helfen.«
Apollo rieb sich das Kinn.
»Woran könnte es liegen, dass die Göttin der Liebe keine Opfergaben mehr kriegt?«
Er guckte nach links und nach rechts, nach oben und nach unten. Das alles wirkte sehr theatralisch auf mich.
»Was meinst du?«, fragte ich.
Jetzt sah er mich direkt an mit seinen stechenden blauen Augen, während den Pferden der Schaum vom Maul flog.
»Wer is´n verantwortlich für die Liebe?«
»Na …«, ich dachte kurz nach, »Ich.«
»Und was machst du den ganzen Tach?«
»Äh …«
Ich hatte das untrügliche Gefühl, dass das jetzt sehr, sehr unangenehm werden würde.
»Nix!«, fuhr Apollo fort. »Du machst nix. Du pennst bis in die Puppen, du säufst wie ein Loch, du jammerst rum und vor allem: Du machst deine Arbeit nicht, seit – ich weiß gar nicht wie lange!«
»Aber …«, ich wollte das nicht auf mir sitzen lassen. DAS konnte unmöglich der Grund sein. »Aber wenn Du Deine Arbeit nicht machst …«
Apollos Blick verfinsterte sich.
»Äh, ich meine, wenn du sie nicht machen kannst, weil deine Schwester den Mond vor die Sonne schiebt, klar, du machst ja immer deine Arbeit und tut mir leid, ich wollte dich jetzt echt nicht kritisieren …«
»Das hoffe ich.«
»Okay«, fuhrt ich fort, »wenn irgendwas deiner Arbeit im Wege steht, dann opfern die Menschen doch wie verrückt!«
»Klaro«, entgegnete Apollo ungerührt. »Weil sie Angst haben. So eine Verdunkelung der Sonne ist eben schwer zu ertragen für die Menschen. Meine Schwester darf sich solche Späße auch nicht allzu oft erlauben.«
Ich pflichtete ihm bei. Diana hatte einen makabren Sinn für Humor.
»Ja, aber meine Schwester kriegt ´ne Menge Opfergaben«, fuhr Apollo fort. »Sie zieht ihr Grausamkeits-und-Ich-bin-doch-ganz-nett-Ding konsequent durch. Du aber solltest jetzt echt mal zusehen, den ganzen Mist der letzten Zeit wieder auf die Reihe zu kriegen. Ich hab´s dir von Anfang an gesagt.«
»Du hast nicht gesagt, dass es keine Opfergaben mehr geben würde!«, protestierte ich.
Apollo rollte mit den Augen. Er hielt die Hand in die Luft, streckte den Daumen aus, dann den Zeigefinger, dann den Mittelfinger.
»EINS, ZWEI, DREI!«, zählte er. »Oder anders gesagt: Lo-gik.«
»Konquesennzen?«, fragte ich bekümmert.
»Genau, Amor. Das sind Kon-se-quen-zen.«
»Scheiße«, seufzte ich.
Apollo drehte sich zu mir um kräuselte die Brauen.
»Jetzt schwirr ab und lass mich meine Arbeit machen.«
»Was soll ich denn jetzt tun?«
»Dir wird schon was einfallen.«
»Und wenn nicht?«
»Tja, dann … gibt´s halt keine Opfergaben mehr und du wirst ein armer Schlucker.«
»Apollo!« Langsam machte er mir wirklich Angst.
»Komm, Kleiner, das wirste doch selber hinkriegen.« Er gab mir einen Klaps auf die Schulter. Das untrügliche Zeichen, dass ich abflattern sollte. Es machte mich auch ein bisschen stolz, dass er glaubte, ich selbst würde eine Lösung finden.
»Na gut,« sagte ich, »Danke, du bist echt toll, Mann.«
»Na klaro«, entgegnete Apollo, »Ich bin Apollo.«
Ich war schon halb in der Luft, als Apollo mir hinterherrief: »Denk heute Abend an den Retsiner!«
Apollo hatte einen ausgezeichneten Geschmack. Der Retsiner war der beste Tropfen im Weinkeller meiner Mutter.

(…)

https://lehmofen.wordpress.com/2015/07/25/amors-abenteuer/

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9 thoughts on “Amors Abenteuer (2)

    1. Ich bin mir dabei auch noch nicht so ganz sicher. Aber ich fand es lustig, dass der “Übergott” Apollo ein wenig prollig daherkommt. Mal gucken, ob ich das so lasse. Danke für Deinen Kommentar! ❤

      Liked by 1 person

  1. Haha, so macht Mythologie Spass. Wenn ich da nur an die olle Iphigenie denke, die uns mit ihren monotonen Monologen von einer krachen Schallplatte aus im Deutschunterricht marterte. Schrecklich! Die hätte eine Modernisierung gut brauchen können.

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