Amors Abenteuer (3)

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Meine rosaweißen Flügelchen trugen mich zielsicher zurück zu Wolke. Eigentlich wäre jetzt Zeit gewesen für einen ausgiebigen Mittagsschlaf nach all der Anstrengung. Aber da gab es dieses Problem.

Ich befahl Wolke, einen der grünen Hügel in der Landschaft Apuliens anzufliegen, um in Ruhe nachzudenken. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten. Nichts kündete von dem drohenden Unheil, das darin bestand, keinerlei Wein und Kraut in dem Palast meiner Mutter mehr vorzufinden. Wenn es ganz schlecht lief, würde ich zum armen Schlucker werden, wie Apollo es so treffend beschrieben hatte. Dann wäre ich das Gespött aller Götter. Und meine arme Mutter noch dazu.
Es musste etwas geschehen.
Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich den letzten Pfeil abgeschossen hatte. Nach einer Weile kam ich zu dem Schluss, dass das tatsächlich schon ziemlich lange her war. Apollo hatte also Recht. Wie immer.
Seufzend beschloss ich daher, die Arbeit wieder aufzunehmen.
Ich musste ziemlich lange kramen, bis ich meinen Köcher in Wolke fand. Er war voller Pfeile. An einer ganz anderen Stelle in Wolke entdeckte ich meinen Bogen. Ich legte beides über meine Schultern, was ziemlich anstrengend war. Anscheinend hatte ich die Bewegung nicht mehr so häufig ausgeführt.
Dann zog ich einen Pfeil aus dem Köcher und betrachtete ihn. Ganz dunkel erinnerte ich mich: es gab da auch noch so eine Höhle …
Der Pfeil blitzte im Sonnenlicht. Es war einer von den Goldenen, die die Liebe verursachten. Ehrlich gesagt hatte ich mich nie intensiv mit den Dingern beschäftigt.
»Leidenschaft«, stand am Pfeilende eingraviert.
»Leidenschaft«, murmelte ich. »Was auch immer es damit auf sich hat.«
Für mich waren diese ganzen menschlichen Emotionen wie barbarische Dörfer. Liebe, Leidenschaft, Gefühlsduselei, Strohfeuer, Kussfreundschaft, ewige Liebe, große Liebe, erste Liebe, Affäre, … bei den Titanen, wie viele Begriffe gab es für die Liebe?
Die bleiernen Pfeile waren weitaus nützlicher als die goldenen, denn sie hielten einem lästige Lebewesen – zum Beispiel Insekten – vom Leib. »Ablehnung« und »Ignoanz«, ich verbesserte mich: »Ignoranz«, vertrieben sogar Schmeißfliegen. Die Arbeit konnten sie aber nicht vertreiben.
»Nee, ey!«, stöhnte ich und ließ mich rücklings auf Wolke fallen. »Ich hab sowas von kein Bock!«

Wolke ruckelte sachte hin und her. Ich verstand das als Einladung, ihr mein Herz auszuschütten.
»Die Menschen sind in Liebesdingen eine Katastrophe. Weißt du, ich habe mich viele Jahre abgemüht, es ist immer dasselbe: Er liebt mich nicht, sie liebt mich nicht, wieso liebt der mich, aber nicht der, wieso liebt die mich, aber nicht die? Warum liebt mich keiner? Wieso-weshalb-warum ist die Mondsichel krumm?«
Ich stellte mich aufrecht hin. Es tat gut, das alles mal rauszulassen.
»Es ist doch so: Menschen sind nicht geschaffen für die Liebe. Da kann ich noch so toll schießen. Ständig finden sie irgendwelche Möglichkeiten, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Und falls, ja ich sage »falls« – denn es passiert selten – sich mal zwei gefunden haben, die sich wirklich lieben … dann stirbt der eine und der andere direkt danach.«
Ich setzte mich wieder.
Szenen spielten sich vor meinem inneren Auge ab. Pyramus hieß der Typ, soweit ich mich erinnerte, und Tisbe hieß die Frau.
Die hatten sich wirklich gerne, durften aber nicht zusammen sein, weil ihre Familien verfeindet waren. Ich half ihnen, so gut ich konnte. Zwei meiner schönsten goldenen Pfeile habe ich hergegeben, um sie so richtig dolle ineinander verliebt zu machen.
Was passierte?
Sie schlichen nachts aus ihren Häusern, um sich zu treffen. Ich erwartete ein Happy End!
Aber ein Löwe, ein verlorener Schal und ein Missverständnis machte alles zunichte.
Schlussendlich:
Beide mausetot.
Damals begriff ich: Männer und Frauen passen nicht zusammen!
»Wofür also soll ich schuften, weswegen mich abmühen, Wolke? Kannst du es mir sagen?«
In diesem Moment machte Wolke einen Satz; ich stolperte und fiel hinab. Mein Sturz verursachte ein riesiges Loch im Erdboden und ich hatte mir eine Locke verbogen. Tapfer rappelte ich mich wieder auf.
»Was erlaubst du dir? Ich bin ein Gott!«
Ich wollte Wolke gehörig die Meinung sagen, als mein Blick auf den Eingang einer Höhle fiel, die ich … zugegebenermaßen … etwas verdrängt hatte.
Ich bedachte Wolke mit einem bösen Blick, – gewiss steckte sie dahinter, mich genau hier abzuwerfen – und betrat mit einem unguten Gefühl in der Magengegend die Höhle. Es war stockfinster und ich brauchte einige Augenblicke, um mich an die Dunkelheit zu gewöhnen.
Dann sah ich sie. Ich hätte es mir kaum schlimmer vorstellen können. Pfeile um Pfeile, die ganze Höhle vollgestopft damit.
Und ich erinnerte mich, dass ich sie, – wenn es auf Wolke zu voll wurde – einfach hier abgeladen hatte. Scheiße!
Diese Dinger mussten verschwinden! Wenn mir jemand auf die Schliche kommen würde, nicht auszudenken! Apollo hatte so verdammt Recht gehabt.
Die Erkenntnis durchzog meinen Geist schmerzhaft wie die Kopfschmerzen, die in diesem Moment wieder einsetzten. Mit zusammengekniffenen Augen und beiden Händen an den Schläfen, meinen Kopf haltend, musterte ich den Schaden.
Immerhin hatte ich die Pfeile halbwegs sortiert. Die mit rosa Schimmer für Mädchen und Frauen, rechter Teil der Höhle, die mit blauem Schimmer für Jungs und Männer – linker Teil.
Aber wie verdammt sollte ich all die Pfeile loswerden? Es würde mehrere Erdumläufe dauern. Eine Ewigkeit. Auf jeden Fall zu lange. Auch wäre, so schien mir, damit viel zu viel Arbeit verbunden.

Ich bestopfte Wolke mit den goldrosa Liebespfeilen. Alles dabei: Leidenschaft, Strohfeuer, ewige Liebe, heftige Affäre … und flog los. Die Dinger mussten weg, so schnell wie möglich.
Und irgendwo über dem Mittelmeer, über den ägäischen Inseln, darunter eine mit dem vielversprechenden Namen »Lesbos«, schmiss ich sie einfach runter.

Die blaugoldenen Pfeile flog ich zu einer Halbinsel mit fünf kleineren Halbinselchen daran. Die Menschen nannten es Griechenland.
Mit Sicherheit paßten Männer viel besser zu Männern und Frauen viel besser zu Frauen. Es konnte nur besser werden als die klassische Variante »Mann-Frau«.
Ein genialer Plan! Ich heiße Amor! Ich bin ein Gott!

Als ich zurück kam, lagen immer noch einzelne Pfeile in der Höhle. Die hatte ich wohl übersehen. Ich überlegte, ob ich sie liegen lassen konnte. Genug getan für heute.
Sicherheitshalber klaubte ich sie doch zusammen und verstreute sie über einsamen Bergwipfeln, wo es nichts anderes zu geben schien als Hirten und ihre Herden.
Dann flog ich zurück zur Wolke, um einen wohlverdienten Frühabendschlaf abzuhalten. Ich war zufrieden mit mir. Während ich einschlief, stellte ich mir vor, wie Krüge um Krüge in den Opferschrank meiner Mutter geliefert wurden.
Die Griechen tranken ausgezeichneten Wein.
Ich war mir sicher, dass alles gut werden würde.
Wer hätte gedacht, dass Arbeit so glücklich machen kann!

Anmerkung:

Dies ist der vorerst letzte Teil des „Entwurfes“ zu Amors Abenteuer. Ich plane aber, demnächst an dieser Stelle das Wagnis eines „Fortsetzungsromanes“ zu beginnen.

Dazu brauche ich Deine Hilfe!

Wenn Du bis hierher gelesen hast und vielleicht sogar Freude daran empfandest, wäre ich schon mal sehr glücklich. 😀 Besonders wichtig ist für mich allerdings ein kurzes Feedback, ein Kommentar, damit ich ggf. die „Richtung“ meines Buches noch etwas besser koordinieren kann.

Was hat Dir besonders gut gefallen?

Was hat Dir nicht so gut gefallen?

Was würdest Du gerne noch von Amor, Diana, Apollo, Venus, Mars, Jupiter … u.a. lesen?

Was sonst gibt es zu sagen?

Ich meine, klar, ich habe einen Plan, genauso wie unser Amor. 😉 — Aber mir ist es ganz wichtig, dass das, was ich schreibe, auch beim Leser ankommt. Dass es verständlich ist! Dass es Spaß macht, das zu lesen. Dass der Humor (hoffentlich) nicht zuuuu derb gewesen ist. Dafür ist jeder Kommentar hilfreich und wichtig!!!

Wer nicht hier drunter posten kann/mag, der ist natürlich herzlich eingeladen, mir eine private Nachricht zu schicken.

Runa.Phaino@gmail.com

Herzlichen DANK!!! ❤

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3 Gedanken zu “Amors Abenteuer (3)

  1. Tolle Fortsetzungsgeschichte. Die griechischen Gottheiten quasi in der heutigen Sprache agieren zu lassen, Amor als fauler Liebesgott mit den ganzen Gedanken, dass sein Job eh nichts bringt.
    Einfach lesenswert.
    Welche Richtung soll es weiter gehen? Schwer zu sagen. Ich denke, du lockst aus allen Gottheiten noch verborgene Dinge.
    Egal was kommt, ich werde es lesen

    Gefällt 1 Person

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