Traum und Albtraum

War das wirklich echt? War das tatsächlich sie, die hier saß? Und dieser gutaussehende Prinz, hatte er in ihre Richtung gesehen?

Psyche fühlte sich wie in einem Traum.
Sie saß an einer reich gedeckten Tafel, neben ihrer Mutter und ihren Schwestern. Die Gäste unterhielten sich und kosteten vom festlichen Mahl. Es wirkte alles so friedlich. Keine Schreie, keine entsetzen Gesichter. Wieder kreuzten sich die Blicke von Psyche und dem jungen Prinzen.
Er war Psyche sofort aufgefallen, denn er war begleitet von seinen Freunden auf einem weißen Hengst in den Burghof geritten. Aktaion von Theben. Was für ein Mann!
Psyche fasste sich ungläubig ins Gesicht, was von ihren Schwestern mit einem leisen Zischen quittiert wurde.
„Lass das, du siehst gut aus!“
Und Psyche nickte, lächelte und konnte es immer noch nicht glauben.
Das letzte Mal, dass sie sich so „normal“ gefühlt hatte, lag Ewigkeiten zurück. Als sie noch ein Kind war, erinnerte sich Psyche, musste sie sich nicht verstecken. Doch nachdem Psyche zur Frau wurde, veränderte sich die Reaktion der Menschen. Eines Tages konnte niemand mehr ihren Anblick ertragen. Selbst der Vater und die Mutter. Seither musste Psyche unter einem Schleier leben.
Psyche hatte häufig darüber nachgedacht, was genau die Ursache dafür war, und eine Erklärung gefunden.
Sie war nicht so groß wie ihre Schwestern. Ihre Arme und Beine aber waren unverhältnismäßig lang. Und sie hatte einen dicken, runden Bauch. Keine schmale Taille wie ihre Mutter. Keine grazile Statuette wie ihre Schwestern.
Die Unverhältnismäßigkeit ihrer Proportionen setzte sich an Händen und Füßen fort. Die Füße einer jeden Frau im Palast waren klein und schmal. Psyches Füße aber waren viel zu lang. Und die Zehen! Sie waren krumm und schief und der kleine Zeh spreizte sich in einem unnatürlichen Winkel vom Fuß ab.
Am Schlimmsten aber musste es um ihr Gesicht bestellt sein. Tessa und Gorda hatten süße Stupsnasen. Wenn Psyche mit verdrehten Augen auf ihre Nase blickte, dann erschien sie riesengroß und schief. Aber heute Abend war alles anders. Tessa und Gorda hatten ein wahres Wunder bewirkt.
Schon wieder sah Aktaion zu ihr. Ob er sie zum Tanzen auffordern würde? Psyche schlug die Augen nieder. Oh, wie sie schön es wäre, endlich einmal zu tanzen!
„Der Ball ist ein voller Erfolg!“, plauderte Gorda. Die Königin nickte zufrieden und prostete Aktaion zu. „Schau mal, dieser Prinz von Theben, er guckt immer wieder zu dir rüber. Er wäre eine ausgezeichnete Partie.“
Psyche lächelte verlegen.
„Es ist wirklich erstaunlich, was ihr aus Psyche gezaubert habt!“, sprach die Königin in Richtung ihrer Töchter.“
„Wir sollten sie so schnell wie möglich vermählen“, antwortete Tessa. „Dieser Putz wird nicht ewig halten.“
„Vorerst wirkt es“, entgegnete Gorda. „Und bis zur Hochzeit bleiben wir an ihrer Seite.“
Aktaion verbeugte sich schwungvoll vor der Königin.
„Dürfte ich Eure Tochter zum ersten Tanz entführen?“, fragte er.
Die Königin nickte ihm wohlwollend zu. „Ihr seid ein Mann der Tat, Aktaion, das gefällt mir.“ Sie erhob sich und klatschte in die Hände. „Spielt auf!“, rief sie. „Der erste Tanz gebührt dem ehrenwerten Prinzen von Theben und meiner Tochter!“
Psyches Herz klopfte, als Aktaion ihr die Hand reichte. Alle Augenpaare im Saal waren auf sie gerichtet. Psyche hatte noch nie mit einem Unbekannten getanzt, aber die zahlreichen Stunden, die sie unterrichtet worden war, zahlten sich nun aus. Galant setzte sie die Füße auf, passte ihre Bewegungen denen von Aktaion an, ließ sich umherwirbeln, lächelte und tanzte. Psyche war, als ob sie auf Wolken schwebte. In den Gesichtern der Menschen las sie Anerkennung, Wohlwollen, Staunen. In keinem Blick fand sie die üblichen Angst, den Schrecken und das Entsetzen, das ihr sonst zu Teil wurde.
„Großartig, großartig!“, rief die Königin und die Menge applaudierte dem Paar.
Es folgten Tänze, bei denen die gesamte Gesellschaft gefordert war. Erstaunt stellte Psyche fest, dass Aktaion sie dabei kaum aus den Augen ließ. Es war wirklich wahr. Wirklich Wirklichkeit. Immer wieder trafen sich ihre Blicke. Vielleicht war er der Eine. Psyche drehte sich um sich selbst und ein Gefühl heiterer Freude überkam sie. Endlich geschah das, wonach sie sich so lange gesehnt hatte.
Die Tanzenden bildeten Pärchen und Psyche erwartete zitternd die Begegnung mit Aktaion. Als sie aufeinander trafen, zog Aktaion Psyche so kräftig, dass sie bei der Drehung ins Straucheln geriet. Er fing sie auf und presste sie an seinen Körper.
„Du bleibst hier und tanzt mit mir“, raunte er in ihr Ohr. Der Druck war so stark, dass Psyche einen kurzen Moment keine Luft bekam.
Der Tanz begann, Aktaion und Psyche waren umgeben von wallenden Kleidern und sich drehenden Paaren. Aktaions Hand lag an Psyches Taille. Er bewegte sie in verschiedene Positionen, sein Rhythmus wurde abgehackter und schneller. Psyche hatte Mühe, ihm zu folgen. Plötzlich spürte sie, wie seine Hand auf ihr Gesäß rutschte.
„Gefällt Euch das?“, zischte Aktaion.
„Ich …“, hob Psyche an. Sie versuchte, sich dem Griff zu entwinden. Doch Aktaion packte noch fester zu.
„Scht!“, zischte Aktaion. „Nicht zappeln! Ihr wollt Euch doch nicht den Abend verderben.“
In Aktaions Stimme lag ein bedrohlicher Klang. Verzweifelt sah sich Psyche um. Aktaion tat ihr weh, diese Berührung war unsittlich! Die Tanzenden aber schienen nur Augen für sich zu haben.
Aktaion schob seine Hand zurück auf Psyches Taille. Plötzlich waren sie wieder eine tanzende Prinzessin und ein tanzender Prinz, als wäre nichts geschehen.
Als die letzten Töne der Lyra erklangen, nutzte Psyche die Gelegenheit, um zu ihrem Platz zurück zu kehren. Sie musste ihre Gedanken ordnen.
„Entschuldigt mich, ich möchte mich einen Moment ausruhen.“
„Gewiss“, hörte sie Aktaions Antwort. Sie knickste in aller Form und kehrte verwirrt zu ihrem Platz zurück. Was war geschehen? Hatte sie sich das nur eingebildet? War es ein Versehen? Etwas sagte ihr, dass ganz und gar nicht in Ordnung war, was Aktaion getan hatte, aber sie wusste nicht, was sie tun sollte.
„Wo ist der Prinz?“, fragte die Königin, als sich Psyche auf ihren Stuhl sinken ließ.
„Ich brauchte eine Pause“, antwortete Psyche monoton.
„Eine Pause! Schätzchen, du hattest die letzten Jahre eine Pause! Das ist heute deine Chance auf einen Ehemann. Nutze sie und tanze!“
Die Königin sah sie stirnrunzelnd an. „Du bist das alles nicht gewohnt, richtig? Vielleicht ist das gerade zu viel für dich, nach all dem, was geschehen ist. Ruh dich ruhig aus. Einen Moment. Aber Psyche … Aktaion ist die perfekte Partie und er interessiert sich für dich. Und er sieht so gut aus! Ich werde dir helfen, damit er uns nicht durch die Lappen geht!“
Psyche sah ihrer Mutter nach, die im Tanzgetümmel verschwand.
„Ihr wollt Euch doch nicht den Abend verderben“, hörte sie Aktaions Worte. Nein, das wollte sie gewiss nicht. Bis gerade eben war alles so schön gewesen, so perfekt. Vielleicht hatte sie sich falsch verhalten. Nein, ganz gewiss hatte sie sich falsch verhalten. Aktaion war ein anständiger Prinz, ein ehrenwerter Mann. Wahrscheinlich war es nicht mehr gewesen, als eine kleine Neckerei.
Aber warum fühlte es sich so verkehrt an?
„Schätzchen, guck mal, wen ich mitgebracht habe!“, riss sie die Stimme ihrer Mutter aus den Gedanken.
Die Königin strahlte über die Maßen. Aktaion verbeugte sich edelmütig.
„Gestattet, dass ich Euch in den Palastgarten begleite. Die frische Luft wird Euch gut tun.“
Die Königin drückte ihre Tochter und flüsterte:
„Liebes, der Garten, das ist doch dein Vergnügen, und schau, der Prinz, er sagte mir, dass er Blumen liebt und … ihr habt sogar eine Gemeinsamkeit …“ Die Stimme der Mutter überschlug sich fast.
Wie in Trance ließ Psyche es zu, dass Aktaion sie zu sich hochzog.
„Kann … kann uns nicht jemand begleiten?“, brachte sie schließlich hervor.
„Um für ihre Sicherheit zu sorgen, werden meine Mannen uns begleiten“, versprach Aktaion mit bedeutungsvoller Miene.
Die Königin kicherte. „Was seid ihr doch für ein Gentleman, werter Prinz.“
„Man kann nie wissen“, sagte Aktaion bedächtig. „Immerhin ist Euer Herr Gemahl nicht im Haus.“
Die Königin lachte. „Lasst euch ruhig Zeit, ihr zwei Turteltäubchen!“
Voll von Sorgen schritt Psyche neben Aktaion her. Er hielt ihren Arm und führte sie immer tiefer in den Garten. Seine Kameraden folgten ihnen mit einigem Abstand.
Fieberhaft überlegte Psyche, was sie tun sollte. Sie fühlte sich unwohl in seiner Gegenwart, doch musste sie ihm gefallen, wollte ihm gefallen, um ihre Mutter nicht zu enttäuschen.
„Wie findet Ihr den Garten?“, versuchte sie es.
Aktaion grinste. „Er könnte ein bisschen üppiger sein, so wie du.“
Kräftig schlug er ihr auf den Po. Psyche sprang erschrocken zur Seite. Sie hörte das Lachen von Aktaions Freunden.
„Jetzt habt dich nicht so“, sprach Aktaion. „Komm her.“
Zweifelnd sah Psyche ihn an.
„Nun komm schon“, sagte er, aber in seinem Gesicht zeigte sich ein verräterisches Spötteln. Es war ganz und gar nicht mehr der hübsche Prinz, den sie zu Beginn des Balls erblickt hatte.
Psyche schüttelte den Kopf und wich noch einen Schritt zurück.
„Man nennt dich verflucht, weil du keinen Mann abkriegst. Kein Wunder, wirklich schön ist sie nicht, oder, Männer?“
Aktaions Freunde lachten höhnisch. Psyche wurde gleichzeitig heiß und kalt.
„Du solltest dich glücklich schätzen, dass wenigstens einer es mit dir versuchen will. Jetzt komm her!“
Tränen schossen Psyche in die Augen. Aktaion hatte Recht. Eigentlich sollte sie alles daran setzen, ihm zu gefallen. Aber ihr wurde schlecht bei dem Gedanken.
„Ich kann nicht!“, schluchzte sie und rannte in den unteren Teil des Gartens.
Vor einiger Zeit war hier eine kleine Grotte angelegt worden, ummauert von Steinen, mit einem künstlichen Teich und einem Wasserfall. Dorthin floh Psyche, um sich zu verstecken.
Aktaion und seine Gefährten waren ihr dicht auf den Fersen.
Kurz bevor sie den Eingang der Höhle erreichte, versperrten sie ihr den Weg.
„Jetzt hab dich nicht so, Prinzesschen!“, feixte Aktaion. „Ich werde dich schon heiraten, wenn du jetzt ein bisschen lieb zu mir bist.“
Langsam kam er auf sie zu. Seine Kumpanen bildeten einen Halbkreis und engten ihn mit jedem Schritt weiter ein.
Da war etwas in ihren Blicken, das Psyche in Todesangst versetzte.
„Nein!“, rief Psyche panisch. Sie raffte ihr Kleid und sprang über die kleine Mauer ins Wasser. Das kühle Nass schlug über ihrem Kopf zusammen, ließ Paste, Öl und Puder verschwinden. In feinen Schlieren verlor sich die Maske im Teich. Mit einem Seerosenblatt auf dem Haupt tauchte Psyche aus dem Tümpel auf.
„Was im Namen aller Götter bist du?!“, keuchte Aktaion entsetzt und stolperte rückwärts.
Die Gefährten von Aktaion hoben die Hände, als wären sie geblendet worden.
Befriedigt sah Psyche die Männer eiligst durch den Garten stürmen. Mit kleinen Schritten, zitternd und tropfend, stieg sie die Stufen zum oberen Teil des Gartens empor. Ein Gefühl von Macht durchströmte sie. Niemals würde sie heiraten, wenn der Preis dafür war, dass sie sich so behandeln lassen musste. Niemals.
„Der Ball ist zu Ende“, sagte Psyche, als sie den Saal betrat. Sie sagte es ruhig und bedächtig. Fasziniert beobachtete sie, wie die Menschen in alle Richtungen auseinanderstoben. Dann warf ihr jemand ein Tuch über den Kopf.
„Psyche, um Himmels willen!“, hörte sie die Stimme ihrer Schwester Tessa. Durch den Stoff entdeckte sie ihre Mutter, die umherlief und versuchte, die Gäste zurückzuhalten.
Das letzte, was Psyche hörte, bevor alles um sie herum schwarz wurde, war die zornige Stimme ihres Vaters.
„Was ist hier los? Kann man euch nicht mal für drei Tage alleine lassen?“

 

 

 

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