Männer und Frauen

Als Amor erwachte, war ihm, als hätte er tausend Jahre geschlafen. Er reckte und streckte er sich, gähnte und stand auf. Es war nichts mehr zu spüren von den stechenden Kopfschmerzen, die ihn den ganzen Tag über geplagt hatten. Er fühlte sich wie neugeboren.
Seine Pfeile stapelten sorgsam gereiht auf der Wolke. Im Licht der untergehenden Sonne strahlte die Watte goldgelb und lila. Die Wolke war aufgeräumt und sauber.
„Warum …, was …?“, überlegte Amor verwundert. Dann fiel ihm alles wieder ein.
Pluto hatte ihn aufgesaugt und in seinem verwirbelten Inneren über Pyramus und Thisbe ausgequetscht. „Im Angesicht des Todes lügt niemand: wo sind die beiden?“, lauteten die dunklen Worte.
Doch Amor wusste nichts. Das akzeptierte schließlich auch der Gott des Todes. Und dann war etwas Seltsames geschehen.
Pluto hatte doch allen Ernstes gesagt: „Ich will erfahren, was diese … Liebe ist. Ich lasse dich gehen, unter der Bedingung, dass …“
Amor kicherte nervös. Was Pluto von ihm verlangt hatte, war genauso verblüffend wie unmöglich. Der Gott des Todes wollte sich verlieben. Natürlich aus reinem Interesse und zu Forschungszwecken.
Amor fluchte. Warum nur hatte er in den Handel eingewilligt? Hatte er nicht schon genug Probleme? Wie um alles in der Welt sollte er eine Frau für den Gott des Todes finden, die nicht sofort vor Schreck starb?
Liebend gerne hätte Amor ein paar Amphoren von der Wolke gekickt, aber die waren verschwunden. Es gab nur die Pfeile. Sorgsam gereiht und poliert.
Es würde Wochen dauern, vielleicht sogar Monate, die alle abzuschießen.
Und darauf hatte Amor überhaupt keine Lust.
„So eine Scheiße!“, rief er erbost.
Die letzten Strahlen der Sonne verschwanden hinterm Horizont. Über ihm zischte die Luft.
„Hey Kleiner, alles klar bei dir?“
Amor blickte nach oben. Dort schlugen vier Rösser ihre Hufen im Wind, angeschirrt an einen prächtigen Wagen mit goldenen Felgen und glänzender Ummantelung.
„Apollo!“
Amor winkte dem Sonnengott freudig zu. Dann erkannte er den dunklen Schopf seiner Cousine Thalia. Sie lehnte hinter Apollo aus dem Wagen.
Verdattert ließ Amor die Hand sinken.
„Du hast aber fleißig Pfeile geschnitzt“, sagte Thalia anerkennend.
„Ja, äh, klar“, sagte Amor, „ist ja auch für was … Gutes.“
„Oh ja“, hörte Amor die melodische Stimme seiner Cousine Kalliope, die auf der anderen Seite neben Apollo auftauchte.
„Liebespfeile!“
Kalliope küsste Apollo auf die Wange und winkte Amor fröhlich zu. „Huhu!“
Amors Blick verdüsterte sich. Er brachte nur ein „Hu“ zustande. Warum um alles in der Welt erlaubte Apollo den beiden Musen, im Sonnenwagen zu fahren?
„Was hat er denn?“, Kalliope kicherte und verschwand. Thalia schmiegte sich an Apollo und blickte nachdenklich hinab. „Ich glaube, Amor braucht dich“, flüsterte sie.
„Wer braucht mir nicht, ich bringe Licht!“, entgegnete Apollo verschmitzt. Dann schnalzte er mit der Zunge und die Hengste starteten im Galopp.
„Harre aus, junger Freund, ich fahre nur eben diese beiden Grazien nach Hause!“
In Amors Ohren zischte der Wind, als er der Kutsche hinterherblickte. Noch nie hatte Apollo ihn auf eine Tour mitgenommen! „Du kleckerst doch nur die Ledersitze voll“, hatte Apollo mit einem Schmunzeln gesagt. Und dann, in einem für Apollo sehr ernsten Ton: „Der Sonnenwagen ist gefährlich. Ich kann nicht verantworten, dass dir etwas passiert.“
Das hatte Amor schweren Herzens akzeptiert.
Doch seit Neustem galten wohl andere Regeln, zumindest, wenn man eine Muse war.
„Pfff!“
Amor blickte missmutig in den Nachthimmel. Der Mond zeigte sich als dünne Sichel. Seine Laune war am Tiefpunkt. Er beschloss, Diana zu besuchen. Sofern kein Vollmond war, war sie die vernünftigste Göttin, die er kannte.

Diana bewohnte in einem dichten Hain eine Art Palast, der ganz und gar aus zusammengewachsenen Bäumen bestand. Alles darin stammte aus dem Wald und war lebendig. Weiches Moos bedeckte den Boden, das Mobiliar bestand aus kleinen Büschen, die ihre Zweige zu Kommoden, Stühlen und Schränken formten. Als Vorhänge dienten der Göttin Spinnenweben.
Am liebsten hielt sie sich in der Mitte des Gewachsenen auf, wo sie auch den kleinsten Rest des Mondes aufbewahrte, wenn dieser nicht am Himmel flog.
Amor traf Diana in meditativer Haltung auf dem Boden sitzend an. Vor ihr wuchs eine kleine Pflanze aus dem Boden, angestrahlt vom Mondlicht.
Sie gebot ihm zu schweigen. Amor setzte sich auf einen Stuhl aus Buschwerk und beobachtete Diana.
Sie trug ein helles Gewand, das ihre schlanke Figur weit umspielte. Ihr Haar hatte sie zu einer hohen Frisur gebunden, die von zwei Bändern festgehalten wurde. Konzentriert blickte sie auf die zartgrünen Knospen und hielt ihre Hände darüber.
Dann stand sie auf.
„Ich habe versucht, dieser Pflanze etwas Heilkraft einzuflößen“, flüsterte sie. „Sie wird den Frauen bei der Geburt ihrer Kinder helfen, das hoffe ich zumindest.“
Amor nickte anerkennend. „Finde ich gut, das mit der Pflanze.“
„Ich muss noch überprüfen, ob es geklappt hat“, sagte Diana. Sie holte ein kleines Messer und schnitt dem Pflänzchen ein Blatt ab.
„Was verschafft mir die Ehre?“
„Och, eigentlich nix“, sagte Amor und druckste ein wenig herum. Er konnte Diana unmöglich erzählen, dass er ein Totalversager war. Andererseits wusste Amor, dass Diana klug war, dass sie ihm vielleicht helfen konnte.
Diana blickte ihn mit ihren blauen Augen aufmerksam an. Wie zwei Waldseen, in denen ein wenig Mondlicht glitzerte.
„Du hast doch irgendwas.“
„Hm. Ja“, schnaufte Amor schließlich. „Aber ich … also ich … ich habe da so einen Freund.“
Diana zog ihre Augenbrauen hoch. „Soso“, antwortete sie. „Und was hat denn … dein Freund?“
Amor seufzte. Das mit dem Freund war auf jeden Fall ein geschickter Anfang gewesen. Aber nun, wie sollte er weitermachen? Er hatte nicht „etwas“, er hatte „alles“. Alles, was einem Gott an Pech zuteilwerden konnte. Wo sollte er anfangen?
„Also diesem Freund …“, sagte Amor, „dem opfern die Menschen nicht mehr.“
Diana zerschnitt das Blatt in zwei Hälften und dachte nach. Dann sagte sie:
„Es gibt klare Regeln. Für die Menschen und auch für uns Götter. Wir sind dazu da, um den Menschen zu helfen. Aber wir sind auch dazu da, um die Menschen zu bestrafen, wenn sie uns nicht gehorchen.“
„Bestrafen?“, fragte Amor.
„Ja“, sagte Diana und hackte das Blatt in kleine Stücke. „Vor einiger Zeit zum Beispiel, da hat mir ein König nicht geopfert. Ein wilder Eber, eine kleine Jagd, ein paar Tote und alles war wieder in Ordnung.“
„War es der kalydonischen Eber?“, fragte Amor.
„Richtig“, antwortete Diana erstaunt. „Woher weißt du davon?“
Amor zuckte mit den Schultern. Er hatte das einfach genial kombiniert. Apollo hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass die Bezüge in seinem Wagen mit dem Leder des kalydonischen Ebers überzogen waren. Und dass er diesen Umstand seiner Schwester verdankte.
„Allerdings wusste ich nicht“, schloss Amor, „dass dabei auch Menschen gestorben sind.“
„Ach, das meiste haben die sich selber zuzuschreiben“, sagte Diana gleichgültig. „Ich habe nur den Eber geschickt, getötet haben die sich gegenseitig.“
Amor runzelte die Stirn.
„Trotzdem. Das ist nicht nett“, sagte er. „Man kann doch den Menschen nicht einfach so einen solchen Schrecken einjagen.“
„Selbstverständlich nicht ´einfach so´.“ Diana mischte die kleingehackten Blätter in ein durchsichtiges Gefäß mit klarer Flüssigkeit. „Es geht auch nicht um Kategorien wie ´nett´.“ Sie schmeckte mit einem Finger die Flüssigkeit ab und fasste sich dann nachdenklich ans Kinn.
„Amor, wir sind Götter. Die Menschen, Amor, sind Menschen. Jeder hat seine Aufgaben. Schau dir deinen Vater Mars an, der lässt jeden Tag hunderte Menschen miteinander kämpfen. – Und sterben.“
Amor verzog das Gesicht. Nur ungern erinnerte er sich daran, wie er früher tagelang mit seinem Vater auf einer grauen Kriegswolke ausharrte. Stunde um Stunde hatte er Mars´ Gerede über Waffentechnik und Schlachtenaufstellung über sich ergehen lassen müssen, während von unten die Schreie der Verwundeten zu hören waren. Erfreulicherweise hatte Mars es irgendwann aufgegeben, Amor für sein Aufgabengebiet zu begeistern.
„Ich finde es falsch, Menschen zu töten oder sie zu erschrecken“, sagte Amor entschlossen.
„Warum wollt ihr Menschen töten?“, rief in diesem Moment eine lachende Stimme. Apollo schob ein paar Zweige zur Seite und betrat Dianas Wohnstube.
„Ich habe dich überall am Firmament gesucht, Kleiner!“, rief Apollo und schlug Amor auf die Schulter. „Wieso hast du nicht auf mich gewartet?“
Amor drehte sich beleidigt zur Seite.
„Was ist denn los, Mann?“, fragte er und blickte Diana verständnislos an.
„Es wartet eben nicht jeder auf die Sonne“, sagte Diana mit einem Glitzern in den Augen. „Außerdem hat … Amors Freund … Probleme mit Opfergaben. Was würdest du denn tun, Bruder, wenn dir so etwas passieren würde?“
Apollo schob sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Ich bin die Sonne, jeder braucht mich.“
„Da siehst du wieder, Amor, welch große Hilfe mein Bruder ist“, sagte Diana. Sie hielt Apollo das durchsichtige Gefäß unter die Nase. „Probiere mal, ob das so passen könnte.“
Apollo tauchte einen Finger hinein, roch daran und kostete.
„Bah!“, rief er dann und spuckte aus. „Das ist irgendsoein Frauenzeug, richtig?“
„Richtig“, schmunzelte Diana. „Wenn es dir nicht schmeckt, wird es ausgezeichnet wirken.“
„Stets zu Diensten“, brachte Apollo angewidert hervor. „Und vielleicht kann ich `Amors Freund` ja damit helfen …“
Apollo schlug Amor so kräftig auf den Rücken, dass er fast vom Blattstuhl flog. „Ich hab da jemanden in der letzten Zeit ziemlich oft lange schlafen gesehen! Vielleicht fängst du endlich mal an, deine Pfeile zu verschießen? Dann opfern die Menschen von ganz alleine!“
Amor spürte, wie er rot anlief. Wie konnte Apollo es wagen, ihn vor Diana so bloßzustellen? Er musste irgendetwas tun. Sofort!
„Und ich“, blaffte er zurück, „habe Kalliope und Thalia heute bei dir im Wagen gesehen!“
Apollo lachte, während Diana ihren Bruder ungläubig anblickte. „Zwei? Gleichzeitig? Übernimmst du dich nicht etwas?“
„Schwester, lass gut sein“, winkte Apollo ab. „Wir sind alt genug, Spaß, Fun, oder anders gesagt: eine offene Beziehung!“
„Du meinst – für dich“, tadelte Diana.
„Ich zwinge keine“, sagte Apollo versonnen. „Sie wollten es auch …“
Diana kniff die Lippen zusammen und setzte zu einer Gegenantwort an.
Amor blinzelte wütend. Das war ja mal wieder typisch. Die Zwillinge stritten miteinander und vergaßen dabei alles um sich herum. Keiner kümmerte sich um ihn. Dabei hatte er Probleme!
Es platzte aus ihm heraus:
„Und warum dürfen die Musen mit in deinen Wagen?“, fragte er. „Was ist mit mir? Ich dachte, wir wären Freunde!“
Apollo drehte sich überrascht zu Amor um.
„Kleiner“, sagte er, „es gibt da Sachen zwischen Himmel und Erde, da musst du einfach noch ein bisschen älter für werden.“
„Ich bin dreihundert Jahre alt!“, widersprach Amor entrüstet.
Apollo hob geschlagen die Hände empor. „Okay. Dann lass dir gesagt sein: Thalia, Kalliope und ich … wir sind sozusagen ein Liebespaar.“
Verdattert blickte Amor den Sonnengott an.
„Wie …?“, fragte er.
„Na, wir sind halt zusammen. Schon seit ein paar Jahrzehnten. Und als sie heute mitfahren wollten … ich konnte ihnen das einfach nicht abschlagen.“
„Aber, aber … wie geht das?“, fragte Amor. „Das sind doch zwei … Mädchen.“
„Ja und?“, fragte Apollo.
„Sind die beiden denn auch `zusammen`?“, fragte Amor ungläubig.
„Kann man so sagen …“, lachte Apollo. „Was soll ich sagen. Ein Gentleman genießt und schweigt. Aber wenn es dir so wichtig ist, nehme ich dich auch mal mit auf ´ne Spritztour, klar.“
Die Aussicht auf das Abenteuer mit dem gefährlichen Sonnenwagen ließ Amor begeistert aufspringen. Begeistert klatschte er in die Hände und flatterte vor Freude einmal durch den Raum.
„Spritztour“, hörte er Diana verächtlich murmeln.
„Jetzt hab dich nicht so, Schwester“, feixte Apollo. „Es geht, man kann eine offene Beziehung führen. Guck mal, Amor ist wieder ganz der Alte. Und: Meine Strahlen haben mir geflüstert, dass du dich zurzeit häufiger in der Nähe eines Sterblichen herumtreibst.“
Auf einmal war Amors ganze Aufmerksamkeit geweckt. Diana und ein Sterblicher? Diana, die einzig Vernünftige im ganzen Götterhimmel und ein Sterblicher?
„Ich will nicht darüber sprechen“, sagte Diana und begann, das Glas an einer Quelle, die direkt aus der Wand sprudelte, auszuspülen.
„Aber ich will darüber sprechen!“, rief Apollo lachend. „Oh, Aktaion von Theben, du schönster aller Erdenprinzen!“
Diana bespritzte Apollo mit etwas Wasser.
„Du bist doof!“, sagte sie, aber sie lächelte.
„Bist du verliebt?“, fragte Amor neugierig.
„Verliebt …“, Diana hielt inne. „Verliebt würde ich es nicht nennen. Ich kenne ihn ja kaum.“
„Aber er ist so schön, so schön!“, rief Apollo und tanzte einmal quer durch den Raum, wobei er Amor einfach mit sich zog. „Es ist kaum zu glauben, dass meine Schwester solcherlei Neigungen verspürt. So gegensätzlich sind wir dann wohl doch nicht.“
Diana blickte ihnen schmunzelnd hinterher.
„Vielleicht nicht“, sagte sie und trocknete das Gefäß mit Spinnenweben. „Aber es ist noch nichts entschieden.“
„Amor sollte einen Pfeil auf diesen Aktaion schießen“, feixte Apollo.
„Untersteh dich!“, rief Diana. „Ziele lieber auf Apollo und seine Musen!“
„Bloß nicht“, Apollo verzog das Gesicht. „Die sind jetzt schon anhänglich genug.“
Amor kicherte vergnügt. Es war eine lustige Vorstellung, seine Pfeile einfach quer im Götterhimmel zu verteilen.
„Wer weiß, ob das überhaupt wirken würde“, sagte Diana.
„Ich glaube nicht“, sagte Amor. „Die funktionieren ja schon bei Männern und Frauen nicht richtig.“
Doch dann fiel es Amor auf einmal ein. Die ganze Zeit über kannte er die Lösung seines Problems. Er hatte sie nur nicht gesehen. Alles war einfacher als gedacht! Es war ein genialer Einfall! Er hatte die Idee!
„Danke!“, rief er enthusiastisch und flog blitzschnell davon.
Jetzt wusste er, was er mit den unzähligen Pfeilen machen würde.
Diana und Apollo sahen ihm verblüfft nach.
Selten hatte Amor so angestrengt gearbeitet. Noch nie war ihm das Bogenschießen so leicht von der Hand gegangen. Jeden Platz flog er mit seiner Wolke an, auf dem sich verfeindete Lager gegenüber standen. Durch die Zelte schnurrten die Pfeile auf die schlafenden Leiber der stählernen Krieger: Athener, Spartaner, Thebaner. Sie wälzten sich auf die Seite, schnauften und schnarchten.
Als Amor den letzten Pfeil in einen dicken Hauptmann geschossen hatte, sank er erschöpft zurück in seine Wolke und schlief siegessicher ein.

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