Schuld und Sühne

„Psyche!“, „Psyche!“, hörte sie ihren Namen. War das Gorda, die da sprach?
Psyche schlug die Augen auf. Sie saß auf einem Stuhl an der Tafel im Thronsaal. Durch den Schleier sah sie Gorda über ein geöffnetes Fläschchen fächeln, aus dem ein herber Duft strömte. Langsam drehte Psyche den Kopf zur Seite.
Am anderen Ende des Tisches erkannte sie den König und die Königin. Tessa schenkte dem König gerade Wein ein und Psyches erster klarer Gedanke war, warum das nicht, wie üblich, eine Sklavin erledigte.
„Wo sind die Diener?“, murmelte Psyche verwirrt.
„Sie ist wach!“, rief Gorda.
Augenblicklich drehten der König und die Königin sich in Psyches Richtung.
„Psyche, kannst du mich hören?“, fragte der König über die Tafel hinweg.
Psyche nickte.
„Kannst du sprechen?“
„Ja“, hauchte Psyche.
Der König nahm einen kräftigen Schluck Wein. Er wischte sich die Tropfen vom Bart, faltete die Hände und blickte Psyche ernst an.
„Wir haben nicht viel Zeit. Ich muss mit dir reden. Mit euch allen muss ich reden. Die Diener dürfen rein gar nichts davon zu Ohren bekommen, deshalb habe ich sie weggeschickt.“
Er machte eine bedeutungsschwere Pause und fuhr dann fort:
„Eure Mutter hat mir berichtet von eurem Versuch, einen Ehemann für dich zu finden. Wenngleich ich die Entscheidung nicht gut heiße, so kann ich sie dennoch verstehen.“
Die Königin drückte die Hand ihres Mannes. „Es war nur zu Psyches Bestem. Zum Besten für uns alle. Und fast hätte es geklappt …“
Der König nickte seiner Gattin zu. „Unter den gegebenen Umständen ist es …“
Der König brach ab und räusperte sich. In seinem Blick lag etwas, das Psyche nur schwer zu deuten vermochte. Dunkle Schatten überzogen seine Augen.
„Oh Psyche, warum nur hast du den Prinzen verscheucht?“, fragte die Königin anklagend.
Psyche war froh um ihren Schleier, denn niemand konnte sehen, wie sie errötete. Die Erinnerung an das Geschehene war ihr schmerzhaft peinlich.
Stockend berichtete sie von ihrem Erlebnis mit Aktaion.
Die Königin wurde blass. Tessa und Gorda sahen sich entsetzt an. Nur der König zeigte unter seinem Bart so etwas wie ein Schmunzeln. „Du hast es ihm gezeigt, würde ich sagen.“
Psyche nickte, erleichtert und erstaunt darüber, dass ihr Vater so reagierte.
„Hätte ich das gewusst, oh ihr Götter, was habe ich nur getan?“, stammelte die Königin.
„Lasst gut sein“, sagte der König. „Wir alle machen Fehler.“
Die Königin blickte ihren Mann zweifelnd an. „Was ist bloß los mit Euch?“, fragte sie. „Ich habe die Ehre unserer Tochter aufs Spiel gesetzt und Ihr … verzeiht das einfach so?“
Das Weinglas knackste. So fest wurde es von den Fingern des Königs umschlossen.
„Ich hatte euch nicht über den Grund meiner Reise informiert. So wisst nun, dass auch ich über Psyches … Situation … besorgt war. Ich wollte in Erfahrung bringen, welche Ursache es hat, dass sie keinen Ehemann findet.“
„Wo wart Ihr?“, „Warum ist das so?“, „Habt Ihr etwas herausgefunden?“
Gorda, Tessa und die Königin bestürmten den König mit Fragen. Psyche hingegen hatte ein ganz seltsames Gefühl. Am liebsten wäre sie einfach verschwunden, doch wie angeklebt blieb sie auf ihrem Stuhl sitzen und krallte die Nägel in die Lehnen.
„Ich habe einen Ehemann für Psyche gefunden.“
Die Aussage des Königs ließ alle Fragen verstummen. Einen Moment lang herrschte Totenstille.
Dann begann die Königin mit zitternder Stimme: „Das ist ja gro… großartig!“
„Wer ist es?“, wollte Tessa wissen.
Doch der König hob abwehrend die Hand.
„Es ist kein Grund zur Freude. Dennoch hoffe ich, dass …“
Er brach wieder ab.
„Vater, wo wart Ihr?“, fragte Gorda langsam.
Der König senkte den Blick.
„Ich war beim Orakel in Milet. Es soll angeblich eines der Besten sein. Das Orakel vom Sonnengott Apollo. Dort habe ich geopfert, heilige Rituale vollzogen und wurde von den Priestern in den Raum geführt, wo ich meine Frage stellen konnte.“
Psyche lauschte den Worten ihres Vater, die so unwirklich klangen, dass sie kaum zu glauben waren. Ihr Vater hatte niemals viel auf Götter oder Orakel gegeben. Es musste schlimm um sie bestellte sein, wenn der König ihretwegen einen solchen Ort aufgesucht hatte.
„Das Orakel gab mit folgende Antwort”, sagte der König:
» Stelle die Maid auf des Berges ragenden Gipfel,
Düsteren Schmuck des Grabs gib ihr als bräutlich Gewand.
Nimmer erwarte, dir werde zum Eidam ein sterblich Gebor’ner:
Grausam ist er und wild, giftig, ein böser Gesell.
Hoch zu dem Aether schwebt er, das All sucht heim er mit Plagen,
Jegliches Wesen der Welt lähmt er mit Feuer und Schwert.
Jupiter selbst erzittert vor ihm, er schreckt die Dämonen,
Furchtbar steigt er ins Meer und in die höllische Nacht.«

Die Worte haben sich eingebrannt“, schloss der König. „Hier.“
Er tippte mit einem Finger an seine Stirn. „Und hier.“ Er fasste sich an die Brust. „Was war ich für ein Narr, die Götter um Hilfe zu bitten. Psyche, es tut mir so leid.“
„Was hat das alles zu bedeuten?“, rief die Königin aufgebracht. „Kein sterblicher `Eidam`?“
„Es bedeutet“, sagte Tessa leise, „dass Psyches Ehemann kein Mensch sein wird. Eidam ist ein altes Wort für Bräutigam.“
„Kein Mensch …“, wiederholte die Königin ungläubig. „Sondern ein schreckliches, böses Ungeheuer? Das darf nicht wahr sein!“
Gorda traten Tränen in die Augen. Eilig lief sie zu Psyche, umarmte ihre Schwester und schluchzte.
Psyche fühlte sich, als wäre die Welt um sie herum auf einmal von einer dichten Wolke vernebelt. „Wann…“, hörte sie sich selbst fragen.
„Schon morgen, mein Kind“, sprach der König mit Grabesstimme.
„Warum …“
„Weil es eine Strafe ist.“
Ein wisperndes „Wofür?“ verließ Psyches Lippen.
„Für unredliches Verhalten, dafür, dass du dich wie eine Göttin verhälst.“
„Wie bitte?“, fauchte Tessa. „Das stimmt nicht! Das ist ein Missverständnis! Psyche ist keine Göttin und sie verhält sich auch nicht so!“
Der König blickte zweifelnd in die Richtung seiner Gattin.
„Oh nein!“, rief die Königin. „Das kann nicht der Ernst dieses Orakels sein!“
„Ihr seht, wie ernst es ist.“
„Ihr seid uns wohl eine Erklärung schuldig!“ Tessa stemmte die Hände in die Hüften. „Was ist hier vorgefallen?“
Die Königin schüttelte energisch ihr Haupt. „Das kann nicht sein … nicht deswegen …“
„Doch“, sagte der König. „Ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl bei der Sache. Dieser Orakelspruch ist nun die Quittung.“
„Nun redet endlich!“, rief Tessa aufgebracht. Und auch Gorda trocknete ihre Tränen und warf einen fragenden Blick in die Richtung der Eltern.
„Wir haben …“, hob der König an. „Psyche hat, durch ihr … besonderes Äußeres … die Neugier des Volkes geweckt. Seit einiger Zeit stehen die Menschen tagein, tagaus vor der Burg und wollen sie sehen. Selbstverständlich kriegt sie keiner wirklich zu Gesicht, sie ist immer verschleiert. Und seit ein paar Wochen bringen die Menschen verschiedene Geschenke für Psyche mit.“
„Geschenke?“ Psyche war auf einmal wieder ganz bei sich. „Welche Geschenke?“
„Wir wollten dich nicht beunruhigen“, erklärte die Königin. „Wir haben dir nichts davon gesagt.“
„Was sind das für … Geschenke?“, wollte Tessa wissen.
„Nichts Besonderes …“, versuchte die Königin auszuweichen.
„Nun sagt schon, oder ich werde es euch aus der Nase ziehen!“
Der König schenkte sich Wein nach, trank einen Schluck und seufzte. „Was macht das schon … Was macht das schon in Anbetracht dieses Urteils. Erzählt es ihnen. Erzähle alles.“
Die Königin bedachte ihren Mann mit einem traurigen Blick.
„Getreide, Gold und Silber – sehr kleine Mengen wohlgemerkt, Wein, Gewürze, Kräuter, Fleisch …“
„Das sind Gaben für die Götter!“, keuchte Gorda entsetzt.
„Richtig“, sagte die Königin. „Genauso aber sind es Dinge, die wir gut brauchen können. Die Dürre hat uns eine sehr magere Ernte beschert. Es gibt so viele Menschen im Reich, die Hunger leiden.“
Tränen rannen der Königin übers Gesicht, als sie zu Ende gesprochen hatte.
Der König fasste sich an die Stirn. „Nie hätte ich gedacht, dass es so weit kommen würde. Es tut mir so leid.“
Psyche erhob sich und ihr war, als ob sich alles um sie herum zu drehen begann. Sie musste sich an der Stuhllehne festhalten. Ungekannte Wut durchflutete sie, stärker als die Angst, die sie noch vor ein paar Stunden verspürt hatte.
„Ihr habt mich benutzt!“, rief sie zornig. „Ihr, meine eigenen Eltern! Was bin ich für euch? Oh, ich kann es euch sagen: eine hässliche Witzfigur, die keinen Mann abkriegt, die man zur Schau stellen kann! Mit der man die Staatskasse aufpoliert!
Und jetzt tut es euch also leid. Hättet ihr nur einen Moment früher daran gedacht, wie frevelhaft euer Verhalten war! Jetzt ist es zu spät … Oh, lieber vermähle ich mich mit einem Ungeheuer, als weiter in eurer Gegenwart zu weilen! Lasst mich bloß in Ruhe!“
Auf dem Absatz machte Psyche kehrt und rannte in ihre Gemächer. Tausend Gedanken mischten sich in den rotglühenden Zorn, zu schnell flogen sie dahin, waren nicht greifbar. Psyche starrte in die Dunkelheit der Nacht, während ihr Herz raste. Tessa und Gorda schickte sie fauchend fort. Sie ignorierte die Mutter, die leise schluchzend an ihre Tür pochte. Irgendwann hörte sie die Schritte des Königs vor ihrem Gemach stoppen, doch der Vater wagte nicht zu klopfen.
Als die ersten Sonnenstrahlen das Zimmer erhellten, wurde Psyche von der Trauer über den Verlust ihres ungelebten, ungeliebten Lebens überwältigt.
Heute würde sie sterben.

 

 

 

 

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2 thoughts on “Schuld und Sühne

    1. Noch nicht. Das kommt immer ein wenig darauf an. Dass die schriftlichen Teile am Do veröffentlicht werden, kann ich so zu 99% garantieren. Die Hörfassung kommt auch, aber wann … wenn Du Glück hast, schon am Wochenende! 🙂 Liebe Grüße! Runa

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