Die Versammlung der Götter

Als Amor erwachte, spürte er starke Schmerzen in seinem rechten Ellenbogen. Ein furchtbarer Muskelkater zog sich von dort tief in seinen Rücken. Er reckte und streckte sich und erblickte den Stapel Pfeile, der schon sichtbar geschrumpft war. Ein wohliges Gefühl von Zufriedenheit erfüllte ihn.
Heute würde er damit fortfahren, die noch übrigen kämpfenden Truppen seines Vaters miteinander zu versöhnen. Amor schmunzelte.
Da erblickte er die rosafarbene Wolke seiner Mutter Venus.
„Was will die denn hier?“, grummelte Amor. Der Tag hatte so aussichtsreich begonnen. Warum musste seine Mutter ihm jetzt einen Besuch abstatten?
Venus winkte ihm schon von weitem zu. Kaum hatte ihre Wolke gestoppt, klappten sich Wattestufen aus und Venus eilte hinab. Sie umarmte ihren Sohn und drückte ihm einen dicken Kuss auf den Kopf.
„Ma“, murmelte Amor, sein Gesicht gepresst in den roten Stoff von Venus Gewand, „lass mich los!“
Venus ließ Amor frei. Er fuhr sich durch die Haare und sah seine Mutter ungläubig an. Venus seufzte und schickte sich an, ihren Sohn erneut zu umarmen.
Amor wich ein paar Schritte zurück.
„Äh, stopp mal: Was ist los?“
„Ach.“ Venus hielt theatralisch eine Hand an ihre Stirn. „Ach, mein kleiner Cupido! Ich habe dich so grausam und so falsch behandelt. Es tut mir unendlich leid. Ich weiß jetzt, dass das alles nicht deine Schuld war …“
Amor spitzte die Ohren. Das waren ja ganz neue Töne!
„Wie kommst du darauf?“
„Die Opfergaben“, sagte Venus. Sie stand auf und griff nach Amors Hand. „Du trägst keine Schuld daran. Es gibt auf der Erde eine Prinzessin, die sich für mich ausgegeben hat. Sie ist ein ganz fieses, hinterhältiges Ding.“
Amor riss erstaunt die Augen auf.
„Ein Mensch hat deine Opfergaben erhalten? Wie ist das möglich?“
„Ich weiß es nicht“, murmelte Venus verdrossen. „Aber ich weiß, was zu tun ist. Ich will, dass du dieses Ding findest und es mit dem schrecklichsten Ungeheuer verbindest, was sich auf der Erde findet. Bestrafe sie! Bestrafe sie so, dass niemand mehr auf die Idee kommt, meinen Platz einnehmen zu wollen! Tust du das, mein Schätzchen?“
Amor grinste. „Klar, kein Problem, Ma.“ Er wusste genau, in wen sich die Prinzessin verlieben würde. Was für ein genialer Tag! All seine Probleme schienen sich in Luft aufzulösen, – ganz nebenbei hatte er die perfekte Braut für Pluto gefunden!
„Danke“, sagte Venus und strich ihm lächelnd über die Wange. „Wie habe ich nur je an dir zweifeln können? Du bist so ein Guter!“
Amor strahlte über das ganze Gesicht. Es kam so selten vor, dass seine Mutter ihn lobte. Und noch seltener war er selbst stolz auf sich. Aber jetzt hatte er, fand er, allen Grund dazu.
„So und jetzt müssen wir zum Olymp“, fuhr Venus fort. „Mars ist außer sich. Jupiter hat alle Götter einberufen. Gestern Nacht haben sich merkwürdige Dinge ereignet.“
Schlagartig fiel Amors gute Laune in sich zusammen. „Was denn für Dinge?“, fragte er kleinlaut.
„Ich weiß es nicht, aber wir sollten uns beeilen.“

Um den Gipfel des Olymps drängten sich die Wolken der Götter. Fast jeder war der Einladung gefolgt. Die Versammlungen boten eine erheiternde Abwechslung zu den übrigen göttlichen Aufgaben. Vor allem, wenn es zu Streit kam. Und das war fast immer der Fall.
Die Plätze im großen, runden Saal Jupiters waren dicht besetzt. Ganz oben tobte die bunte Gefolgschaft des Hirtengottes Pan: Faune, Satyrn und ein paar Nymphen. Darunter saßen die neun Musen, unter ihnen entdeckte Amor Thalia und Kalliope. Es folgten fast alle wichtigen Götter des Pantheons. Ein aufgeregtes Plappern erfüllte die Luft.
Amor schob sich durch die Reihen, erwiderte Dianas Gruß und setzte sich zwischen Venus und Vulkanos, seinem Stiefvater. Vulkanos zog eine düstere Miene. Er schätzte es nicht, wenn seine Gattin Venus auf seinen Nebenbuhler Mars traf.
Aus der untersten Reihe löste sich die ehrwürdige Gestalt des alternden Göttervaters Jupiter. Er trat an die marmorne Säule in der Mitte des Halbkreises. Augenblicklich wurde es still im Saal. Jupiter begrüßte die Anwesenden und gebot Mars, sein Anliegen vorzutragen.
Das Gesicht des Kriegsgottes war verzerrt von Zorn, sein roter Umhang wehte, obwohl es windstill war. Seine Muskeln waren angespannt und drohten den eisernen Brustpanzer zu sprengen. Venus blickte verzückt auf das Geschehen und ignorierte Vulkanos eifersüchtigen Blick. Als Mars anhob zu sprechen, erfüllte seine gewaltige Stimme den gesamten Raum.
Amor sank ein wenig tiefer in seinen Platz.
„Unvorstellbare, unaussprechliche Dinge ereigneten sich in dieser Nacht. Ja, fast fehlen mir die Worte, die Geschehnisse zu beschreiben.“
Erregt fuhr Mars sich durch die Haare. Er hatte Schweißperlen auf der Stirn. Venus griff nach Amors Hand. „Dein armer Vater, so habe ich ihn noch nie gesehen!“
Das warnende Räuspern von Vulkanos entging zumindest Amor nicht.
„Ach, wird so schlimm schon nicht sein“, murmelte Amor beschwichtigend. Venus starrte wie hypnotisiert auf Mars. Sie leckte sich die Lippen und fasste sich keuchend an die Brust. Vulkanos Blick wurde immer finsterer.
Mars kämpfte um Worte. Schließlich spuckte er sie von sich, als wären es gefährliche Geschosse.
„Die Krieger, viele … fast alle … sie kämpfen nicht mehr. Im Gegenteil. Sie … lieben sich!“
Einen Moment lang sagte niemand ein Wort. Die Götter schüttelten verwundert die Köpfe. Hier und da zeigte sich ein Schmunzeln. Aus den oberen Reihen erklang leises Gelächter.
Venus hingegen hielt es nicht mehr auf ihrem Platz. Entrüstet rief sie: „Da gibt es nichts zu lachen! Das ist eine ernste Sache! Wahrscheinlich steckt etwas ganz Übles dahinter!“
„Ihr sagt es!“, rief Mars und warf ihr eine Kusshand zu. „Das Verhalten der Männer ist ungehörig, unschicklich, unsittlich! Wahrscheinlich droht ein Weltuntergang!“
„Es ist ein Geschehen wider der Natur!“, rief Venus errötend. „Nur Männer und Frauen sollten zusammen sein!“
„Ganz richtig!“, rief Mars. „ Frauen und Männer gehören zusammen! So ist es immer schon gewesen!“
Beide klatschten eifrig, bis ihnen auffiel, dass kaum jemand in den Applaus mit einstimmte.
In diesem Moment erhob sich Vulkanos, im Gesicht ganz schwarz vor Zorn.
„Ich wusste immer schon, dass du eine Memme bist!“, rief er in Richtung Mars.
Es folgten verschiedene Beleidigungen zwischen Vulkanos und Mars, während Venus versuchte zu beschwichtigen.
Aus den obersten Reihen juchzte es vergnüglich. Es waren die Satyrn, Faune und Nymphen, die sichtlich Spaß am Geschehen hatten. Als Vulkanos Mars mit eine Stück Kohle bewarf, gab es auch unter den Göttern kein Halten mehr.
Amor war das unendlich unangenehm. Seine Eltern machten sich zum Gespött dieser Versammlung. Und er trug die Schuld daran.
Jupiters weißes Haupt und ein kräftiger Donnerschlag sorgte dafür, dass der Streit ein abruptes Ende fand. Er trat an das Pult und gebot den Göttern zu schweigen.
„Kehren wir zurück zu deinem eigentlichen Anliegen, Mars“, sagte er, „Soweit ich mich entsinne, gibt es hier nur einen unter uns, der das Verhalten deiner Krieger erklären könnte, sofern es sich dabei wirklich um Liebe handelt.“
Amor hätte sich am liebsten unter dem roten Kleid seiner Mutter versteckt.
„Amor“, sagte Jupiter. „Würdest du deine Eltern bitte aufklären?“
Venus wurde schlagartig kalkweiß, selbst ihren Lippen entwich jegliche Farbe. Ihr Gesicht ähnelte dem einer Marmorstatue. „Amor?“, hauchte sie ungläubig.
Mars starrte seinen Sohn mit offenem Mund an. Die gesamte Spannung wich mit einem Mal aus seinem Körper und er sackte ein paar Zentimeter in sich zusammen.
Amor erhob sich zitternd. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Alle Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Jupiter nickte ihm ermutigend zu.
„Also, äh, ja. Ich hab das gemacht. Ich fand das nett. Liebe statt Krieg. Dachte, das ist gut. Tut mir leid, Pa, sorry, Ma!“
Stockend erklärte Amor, wie er darauf gekommen war, seine vielen Pfeile unter die Krieger zu bringen.
Die Faune, Satyrn und Nymphen stießen sich gegenseitig in die Seiten und kicherten vergnügt. Einige Götter klatschten Beifall.
Jupiter ließ ein Schmunzeln erkennen. Doch Amor plagten furchtbare Gewissensbisse. Er ballte seine Fäuste und schämte sich. Es war ihm unerträglich, dass seine Eltern so vorgeführt wurden.
„Das war bestimmt falsch! Bestraft mich!“, rief Amor. „Bitte!“
„Ich werde ein Urteil fällen“, sprach Jupiter und dachte kurz nach. „Du, Amor, sollst niemals wieder deine Pfeile in solchen Mengen unter die Truppen deines Vaters mischen. Es gibt ein unausgesprochenes Gebot, das besagt, die Arbeit eines anderen Gottes nicht zu stören.“
Jupiter fuhr grinsend fort: „Aber was die Liebe zwischen Männern generell anbelangt …Warum sollten die Menschen nicht in denselben Genuss kommen, wie euer aller Göttervater?“
Ein Raunen ging durch die Halle.
Jupiter nickte zufrieden.
„Ja, ihr habt richtig gehört. Es war zu einer Zeit, als die meisten von euch kaum ins Sein gerufen waren, da gab es einen jungen Mann namens Ganymed, der mir sehr zugetan war und ich ihm …“
„Genug davon“, fiel Juno ihrem Mann ins Wort. „Niemand hier will etwas von deinen Eskapaden hören!“
„Doch wir!“, riefen die Satyrn aufgeregt. „Ich auch!“, ließ der ein oder andere Gott seine Stimme verlauten.
„Unverschämtheit!“, kreischte Juno, „Raus! Alle miteinander!“
Jupiters Frau tobte. Das Gebäude begann zu wackeln.
„Ma, komm, es ist Zeit zu gehen.“ Amor zupfte Venus an ihrem Gewand. Seine Mutter wirkte wie versteinert, ließ sich aber aus dem Saal führen. Amor geleitete sie schuldbewusst zu ihrer Wolke. Er musste irgendetwas sagen.
„Ma, das ist doch … Liebe! Ich … Du kriegst bestimmt viele Opfergaben  … Ich habe mir nichts dabei gedacht … Ma, bitte verzeih mir! Es tut mir so leid! Ich werde dich nie wieder enttäuschen. Ich verspreche es. Ich habe einen Plan … Ich … “
Doch Venus schien ihren Sohn nicht zu hören. Sie stieg auf ihre Wolke und flog davon. Amor blickte ihr verzweifelt hinterher, während Junos zornige Stimme den gesamten Olymp erbeben ließ.

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4 thoughts on “Die Versammlung der Götter

  1. macht Spaß zu lesen, wie du die Versammlung der Götter beschreibst, passt auch gut zur Geschichte von Amor und Psyche – da ist Venus ja die inkarniert bösartige Schwiegermutter.

    Was ich grad noch nicht peile oder überlesen habe, ist wie ich mir nun Amor vorstellen sollte. Bei Apuleius ist er ein bildschöner Jüngling, bei den Griechen entweder ein kleines Kind oder eine Urkraft. So wie du ihn jetzt beschreibst, fühlt er sich nach hm würd mal sagen 10 – bis 12- jährigem an?

    Passt das so oder wie alt stellst du dir den Amor, der sich hier in dem Kapitel von seiner Mutter gängeln lässt, vor?

    Lieben Gruß
    Angel

    Liked by 2 people

    1. Genau so! 🙂 Er ist ja ein Gott und schon “300 Jahre” alt. Aber gerade am Übergang zwischen Kind und Jugendlichem- und spätestens, wenn er auf Psyche trifft (nächstes Kapitel *wink*) wird er sich ziemlich schnell weiterentwickeln. 😉 Danke für Deinen Kommentar! Ich freu mich! LG Runa

      Liked by 1 person

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