Vom Trinken und vom Sterben

Trotzig wischte Psyche sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie ging zum Fenster, öffnete es weit und blickte dem Morgenlicht entgegen, das die Welt hinter den Bergen erhellte. Frische Luft strich angenehm kühlend über ihre erhitzten Wangen.
Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan und sich ihrer Verzweiflung hingegeben. Doch im Licht der aufgehenden Sonne formten ihre Gedanken neue Figuren:
„Vielleicht“, dachte Psyche, „ist der Tod gar kein Ende. Vielleicht ist der Tod nur ein Übergang in ein anderes Leben. Ein besseres Leben.“
Psyche atmete tief ein. Der Burghof begann langsam zu erwachen. Gänse schnatterten, einzelne Stimmen wurden laut.
„In diesem Leben“, überlegte Psyche, „habe ich mich nie zu Hause gefühlt. Für meine Eltern bin ich eine Last. Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.“
Dienerinnen betraten den Raum. Psyche nickte ihnen zu und ließ sich ankleiden.
Als Psyche den Thronsaal betrat, hörte sie wie die Eltern ihr „Verschwinden“ besprachen. Ein wenig von der Wut, die sie in der letzten Nacht so intensiv gespürt hatte, keimte in ihr auf.
„Ich bin noch nicht einmal tot, da überlegt ihr schon, was ihr dem Volk erzählen wollt?“
Zornig blickte sie ihre Eltern an.
Der König und die Königin saßen an der Tafel im Thronsaal und hielten sich an den Händen. Ihre Augen waren rotgeweint, die Gesichter aschfahl.
„Verstehe doch, Kind, wir dürfen dem Volk nichts von diesem Unglück sagen. Wir müssen an das Königreich denken. Wir müssen ihnen sagen, dass du bei einer entfernten Verwandten lebst.“
Psyche betrachtete ihre Eltern, wie sie dasaßen, verzweifelt und verängstigt.
„Für die, die bleiben“, dachte Psyche, „scheint es schwerer zu sein als für die, die gehen.“
Und ihre Wut zerfiel zu Staub.
„Ihr lebt“, sagte Psyche. „Und ihr müsst weiterleben. So sagt also über mein Verschwinden, was euch richtig scheint. Doch versprecht mir, irgendwann, wenn es möglich ist, dann kommt und holt meine Überreste. Beerdigt mich an einem schönen Ort, vielleicht im Garten, nahe der Grotte. Das würde ich mir wünschen.“
Und als ihre Eltern daraufhin in Tränen ausbrachen, fügte Psyche noch hinzu:
„Vielleicht stimmt es, was die Priester sagen. Und wir sehen uns wieder in den elysischen Gefilden der Unterwelt.“

„Un´sie issauch sssöööön“, lallte Amor und machte ein paar Saltos in der Luft. „Ich habne FFFFrau für dichefunden, Onkelchen!“
Pluto blickte Amor kopfschüttelnd hinterher, der wie eine verrückt gewordene Nymphe durch die Eingangshalle der Unterwelt purzelte.
„Ich glaube, du hast ein wenig über den Durst getrunken.“
„Nain, Nain!“, rief Amor, „Neinneinnein! Nie!“
Mit einer grazilen Drehung landete er direkt vor Plutos Füßen. „Hier, guck!“
Er zog einen Pfeil aus seinem Köcher und hielt ihn Pluto direkt vor sein strudelndes Gesicht.
„Guckstu! Echtes Gold. Konisch geformt. So spitz wie eine … Sssspitze! Bessstarbeit!“
Amor schwankte ein wenig und deutete auf die Pfeilspitze. Als Pluto sich hinabbeugte, flatterte er aufgeschreckt zurück:
„Niiich anfassen! Niiich anfassen. Iss gefährlich! Isss mein Bester!“
„Du meintest doch, ich solle ihn mir angucken“, sagte Pluto und nahm Amor vorsichtig den Pfeil aus der Hand. Er betrachtete das perfekte Ende und wog ihn in seiner Hand.
„Und sie ist auch wirklich schön?“, fragte Pluto.
„Klaro“, erwiderte Amor. „Die Leudde sagen, fast so sssschön wie meine Ma. … Oh, meine Mama!“
Amors Augen füllten sich mit Tränen, er schluchzte und schniefte.
„Deine Mutter wird sich schon wieder beruhigen“, sagte Pluto mit einem Seitenblick zu Amor.
„Das ist, ist es ja!“, rief Amor. „So ruhuig war sie noch nihie!“
„Dann wird sie sich halt wieder über dich aufregen, irgendwann.“
„Meinst du?“
Amor schnäuzte sich die Nase.
„Es ist deine Mutter“, sagte Pluto und Amor schien es, als würden seine Gesichtsstrudel einmal im Kreis rollen. „Also: Ja. Und was diese Psyche anbelangt … Ansehen können wir sie uns ja mal.“
„Oh ssssuper!“, rief Amor und schnellte in die Höhe. „Dann wird bald alles wieder gut!“ Er sich den Kopf an der Decke der Eingangshalle und plumpste hinab.
„Autsch!“
Sterne tobten vor Amors Augen. Pluto seufzte und hob den kleinen Gott vom Boden auf.
„Wir nehmen meine Wolke.“

Psyche hatte sich noch auf der Burg von ihrer Mutter und ihren Schwestern verabschieden müssen. Sie waren dort geblieben, um den Anschein zu wahren.
So ritt Psyche nun auf einem Pferd neben ihrem Vater, gehüllt in ein schlichtes Gewand, das Gesicht von einem Fell verdeckt, der wie ein Bart aussah. Auch der König war gekleidet wie ein einfacher Mann, damit niemand Verdacht schöpfte.
Sie verließen die Burg durch einen Nebeneingang, vermieden die Stadt und gelangten schließlich auf den Pfad, der sich langsam den Berg hinaufschlängelte. Bald waren sie umgeben von dichtem Wald, in dem es angenehm kühl war. Zikaden zirpten und ab und an huschte der Wind durch die Wipfel der Pinien.
Der Weg wurde immer steiler und die Pferde hatten Mühe, die Hufen auf den Boden zu setzen.
Psyche glitt von ihrem Pferd.
„Ihr solltet die Tiere schonen“, sagte sie und hoffte, dass ihr Vater die Andeutung verstehen würde.
„Dann werde ich dich zu Fuß begleiteten“, entgegnete der König und stieg ebenfalls ab.
„Es ist mein Schicksal, nicht das Eure“, sagte Psyche. „Der Wald lichtet sich. Der Gipfel ist nicht mehr weit. Ihr müsst umkehren.“
Der König schüttelte den Kopf.
„Vater, du weißt, was das Orakel gesagt hat. Lass mich gehen, jetzt, allein!“
„Ich kann das nicht zulassen, mein Kind“, sagte der König.
„Es ist beschlossen“, sagte Psyche. „Von Mächten die über Euch stehen.“
Der König wirkte um Jahre gealtert.
„Ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich tu. Dass ich dich, meine jüngste Tochter, einem Untier opfere …“
„Deine hässlichste Tochter“, sagte Psyche und lächelte traurig. „Ich bin froh, dass ich es bin. Nicht Gorda, nicht Tessa, nicht Mutter oder Ihr. Ich bin diejenige, die man am wenigsten vermissen wird.“
„Psyche!“
Verzweiflung lag im Blick der Königs.
„Ihr wisst es“, sagte Psyche ruhig. „Ihr wisst, dass ich Recht habe. Und nun nehmt Euer Pferd und geht.“
„Nein“, stammelte der König.
„Also werde ich gehen. Und Ihr werdet mir nicht folgen. Lebt wohl.“
Psyche stapfte entschlossen durch die Reihen der Pinien den Berg hinauf. Der Weg war steil, gab ihr keinen Raum nachzudenken. Dornen rissen an ihrem Gewand, der Boden war weich, gab nach, dann wieder trat sie auf harten Fels. Psyche nutzte ihre Hände, hielt sich an Zweigen fest, zog sich empor, Stück für Stück.
Kurz bevor sie den Waldrand erreicht hatte, hielt sie inne und blickte zurück.
Ihr Vater war nicht mehr zu sehen.
Psyche biss die Zähne zusammen und begann den letzten Teil des Aufstiegs auf den kahlen Gipfel. Keuchend und stöhnend kroch sie empor, der Wind heulte, und irgendwo darin vernahm sie eine Stimme, eine schräge, wilde Melodie, die folgende Worte tönte:

„Welch reizend Ding ist nicht die Liebe?
Mit diesem anmutsvollen Triebe,
Sind Jahre wie ein Augenblick,
Wie eine Sommernacht verschwunden,
und ewig wünscht man sich die Stunden,
Der ersten Zärtlichkeit zurück
Wer sich in Amors Netz verlieret,
Wen je ein schönes Aug gerühret,
Singt täglich voll von seinem Glühüüüüück!“

„Kannst du bitte damit aufhören?“, bat Pluto ungeduldig.
„Klaro!“, Amor hickste. „Oder auch nich … WELCH REIZEND DING IST NICHT DIE LIEB…“
„Ruhe jetzt!“, rief Pluto.
„Thalia“, plapperte Amor und nahm noch einen Schluck Wein. „Hat ssie mir früher immer vorgesungen. Meint, das wird mal geschrieben über mich. Keine Ahnung. Die isssso klug, fast wie Diana … was die allet weeeeß …“
„Soso“, murmelte Pluto. „Weißt du mittlerweile etwas über Pyramus und Thisbe?“
„Nö“, sagte Amor und hickste erneut. „Sollte ich?“
„Mich würde ja schon interessieren, wohin sie verschwunden sind“, sagte Pluto grimmig.
„Mir egal“, sagte Amor. „Iss mir egal …“
Auf einmal war es ganz still.
„Amor?“, fragte Pluto und drehte sich um.
Der Liebesgott lag auf der Seite und schnaufte selig.
„Nicht schlafen!“, rief Pluto. „Wir sind gleich da.“

Kalt peitschte der Wind. Psyche war froh um ihren künstlichen Bart, der ihr Gesicht gut schützte. Sie knetete die gefrorenen Hände, hockte in einer Felsspalte und lauschte.
Liebe, Sommernacht … sie war wohl nicht mehr ganz bei Trost. Was waren das für Worte? Sie musste sich verhört haben.
Ängstlich blickte sie um sich. Ihre Furcht wurde mit jedem Augenblick größer.
Als sich vor ihr eine riesige, pechschwarze Wolke erhob, brach die Angst sich Bahn.
Psyche schrie und der Wind raubte ihr die Stimme von den Lippen.

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