Das verzauberte Schloss

Kurz bevor Psyche das Gebäude betrat, hielt sie inne. Vielleicht war das eine Falle. Vielleicht würde sich, kurz nachdem sie eingetreten war, die Tür hinter ihr schließen und sich nie wieder öffnen. Vielleicht war das, was im Innern des Gebäudes war, genauso grauenhaft und schrecklich, wie es von außen schön erschien.
In diesem Moment schwang die große Flügeltür auf und bot Psyche den Blick in einen hohen, lichtdurchfluteten Eingangsbereich, der mit glänzenden Edelsteinen geschmückt war. Vögel schwirrten umher, zwitscherten und badeten vergnügt in der Fontäne eines Brunnens, der in der Mitte der Vorhalle stand.
Psyche war so gefangen von dem Anblick, dass sie ohne Nachzudenken eintrat. Staunend betrachtete sie die Wände, die in Gold und Silber glitzerten. Der Fußboden bestand aus abertausenden, winzigen Steinen, die bizarre Muster formten, Linien und Schlangen, Quadrate und Kreise.
Ein köstlicher Geruch erfüllte Psyches Nase. Es roch warm und süß und so intensiv, dass Psyche das Bild des Mahls direkt vor Augen stand: ein leckerer Kuchen, bestreut mit erlesenen Gewürzen und einem winzigen Blatt Minze, das den Geschmack der Speise krönte.
Von links und rechts fuhr ein Rascheln durch den Raum, das ließ die Edelsteine für einen Moment erklingen, umhüllte Psyche und führte sie durch das verzauberte Schloss, vorbei an Räumen voll seltsamer Kostbarkeiten, hin zu einer Tafel, die über und über bedeckt war mit Essen, auf einen Thron, wo sich Psyche wiederfand. Inmitten der Speisen duftete der Kuchen auf einem erhöhten Tablett.
Als Psyche das überreiche Menü erblickte, gab es für sie nur eine plausible Erklärung.
„Das Ungeheuer will mich mästen, um mich dann erst zu fressen!“
Unterdessen füllte sich ein Teller wie von selbst mit den Köstlichkeiten und stellte sich schwebend vor Psyche ab. Die Prinzessin betrachtete ihn ungläubig. Dann zuckte sie mit den Schultern, nahm einen Löffel und begann zu essen. Sie schlang alles hinunter, Bissen für Bissen, bis sie das Gefühl hatte, fast zu platzen. Es schmeckte köstlich.

Amor unterdrückte den Impuls, zur Wolke zu fliegen, auf der er das verzauberte Schloss für seine geliebte Prinzessin errichtet hatte. Sie durfte ihn auf keinen Fall sehen, auch wenn es ihm fast das Herz brach, dass er nicht bei ihr sein konnte. In seiner Vergangenheit hatte er so oft unbedacht gehandelt, jetzt musste er vernünftig werden. Auf keinen Fall durfte er Psyche in Gefahr bringen. Und die Gefahr, in die er sie bringen würde, wenn sie wüsste, wer er wirklich war, ließ ihn beinahe verrückt werden.
Außerdem musste er in Erfahrungen bringen, wie Apollo all die Frauen für sich gewinnen konnte, so ganz ohne Liebespfeile.
Deshalb hatte Amor beschlossen, zu Apollo zu fliegen, um von ihm ein paar Tipps über die Liebe einzuholen.
Schon von Fern blinkte Amor der Sonnenwagen Apollos entgegen.
„Hat er schon wieder eine neue Karre?“, dachte Amor neidisch. Sein Stiefvater Vulkanus schien in letzter Zeit nichts anderes mehr zu tun, als Wagen für Apollo zu bauen. Größer, schneller, breiter. „Kein Wunder“, dachte Amor missmutig, „wenn man einen Vater wie Jupiter hat, der all das bezahlen kann.“
Dann konzentrierte er sich darauf, Apollos Wagen anzusteuern und den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um drauf zu landen.
„Oh Shit!“
Amor purzelte kopfüber auf die Rückbank, wobei er ein paar seiner Federn lassen musste.
„Hallo Amor!“ Apollo dreht sich zu ihm um grinste. „Noch eine weitere Optimierung in punkto Pferdestärke und du kannst hier nicht mehr einfach so einfallen.“
Apollo ließ die Peitsche knallen und die Pferde wieherten. Vier riesige Tiere mit flammend hellen Mähnen und wilden Augen schlugen ihre Hufen.
„Ziemlich schnell, was?“
„In der Tat“, bestätige Amor, während er versuchte, seinen Kopf nach oben und seine Beine nach unten zu bekommen.
„Das is´n Phaeton, zehn Ellen lang. Üppiger Radstand, goldene Karosserie, kaum Schnörkel, dafür straffe Linien an den Seiten – das Teil hat Charakter. Die Sonne hängt auch etwas weiter hinten, ist nicht mehr so heiß hier. Zwei Pferdestärken mehr und er wäre perfekt!“
„Äh … ja“, sagte Amor. „Meinst du, ich kann vielleicht den alten Wagen haben?“ Mittlerweile hatte Amor sich aufgerappelt.. Der alte Wagen war zwar nicht mehr das neuste Modell, aber es war ein Wagen, kein Westwind, keine Wolke und vor allem keine niedlichen Flügel mit weißen (und ein paar hellrosa) Federn, die aufgeregt flatterten, wenn er flog.
Vielleicht war das Apollos Geheimnis in Bezug auf die Frauen, überlegte Amor. Sein schicker Wagen.
Apollo lachte. „Wieso willst du denn auf einmal einen Wagen?“
Amor druckste ein wenig herum.
„Also, ich habe eine Frage. Und du müsstest da eigentlich Bescheid wissen …“
„Na, dann raus damit!“
„So ein Wagen, die Mädchen, also, äh. Finden die das gut?“
Apollo drehte sich zu Amor um und musterte ihn skeptisch. „Was ist denn in dich gefahren?“
„Nichts. Ich dachte nur …“ Amor konnte nicht verhindern, dass eine verräterische Röte sein Gesicht überzog.
„Bist du …“, Apollo sah ihn kritisch an. „Du bist es. Du bist verliebt!“
„Äh. Nein!“, wehrte Amor ab und schüttelte kräftig mit dem Kopf. „Nein, nein, ich doch nicht, niemals. Aber ich dachte so, für den Fall eines Falles und mal angenommen es wäre so, dann … wie kriegt man ein Mädel rum?“
Apollo lachte. „Tja“, sagte er. „Also im Falle eines Falles und angenommen es wäre so, dann …“
Amor beugte sich noch ein Stückchen weiter vor.
„ … dann …“
Gespannt spitzte Amor die Ohren.
„ … dann …“
„Was dann?“, rief Amor ungeduldig.
„Dann würde ich an deiner Stelle einfach einen Liebespfeil auf sie schießen!“
Amor ließ sich wieder auf die Rückbank fallen.
„Haha. So weit wäre ich auch schon, im Falle eines Falles“, murmelte er enttäuscht.
Er lauschte einen Moment, ob Apollo nicht doch noch etwas zu sagen hätte. Doch der Sonnengott schwieg und Amor konnte selbst von hinten erkennen, dass er über beide Ohren grinste. Amor gab sich geschlagen.
„Also gut“, sagte er. „Angenommen, der Liebespfeil kann nicht richtig wirken … oder besser gesagt, ich hätte nie einen abgeschossen … Für dich habe ich auch noch nie einen abgeschossen. Wie stellst du das an?“
„Wieso sollte der Liebespfeil nicht wirken?“, fragte Apollo.
„Tut er einfach nicht!“
„Wer ist die Schöne?“
„Es gibt keine“, raunzte Amor.
„Aha.“
Amor ärgerte sich. Apollo glaubte ihm kein Wort. So ein Mist aber auch! Trotzdem. Er hatte den Rat bitter nötig. Also schluckte er seinen Ärger hinunter und versuchte es noch einmal.
„Wir sind doch Freunde. Ich brauche deinen Rat … Was ist dein Geheimnis? Ist es dein Wagen?“
Apollo drehte sich zu Amor um und musterte ihn neugierig. „Dir ist es ja verdammt ernst“, stellte er fest.
Amor blickte zur Seite und tat so, als hätte er Apollo nicht gehört.
„Also“, sagte Apollo und ließ die Peitsche knallen. „Bei mir bist du natürlich goldrichtig. Es gibt unzählige Möglichkeiten, eine Dame zu erobern. Ein Wagen ist hilfreich. Aber vor allem braucht man eine Strategie.“

Psyche konnte sich kaum noch bewegen, so vollgefressen war sie. Ihr Kleid spannte eng um den Bauch. Sie seufzte, als ihr ein weiterer köstlich gefüllter Teller entgegenschwebte und hob abwehrende den kleinen Finger.
„Ich danke euch, aber ich kann nicht mehr.“
Der Teller wirkte enttäuscht und verpuffte mit einem trockenen Knall. Genauso erging es den anderen Speisen, sie lösten sich nacheinander mit einem empörten „Popp“ in Luft auf.
„Hey, nicht so schnell!“ Psyche deutete schwach auf den leckeren Kuchen in der Mitte des Tisches. „Davon nehme ich doch noch ein Stück. Ein kleines …“
Sogleich befüllte ein Teller sich selbst und servierte Psyche fröhlich schwebend drei dicke Kuchenstücke.
Psyche nahm einen Löffel und verdrehte vor Entzückung die Augen.
„Oh ihr Götter“, keuchte sie. „Ist das gut!“
Während Psyche die Bissen in sich hineinstopfte, überlegte sie, ob sie sich nicht doch in den elysischen Feldern der Unterwelt befand. Dort sollte es angeblich an nichts mangeln. Eigentlich aber waren diese Bereiche für Krieger und Helden vorgesehen. Sie selbst hatte, soweit ihr bewusst war, in ihrem Leben keine Heldentaten vollbracht. Allerdings war es gewiss eine Leistung, all diese Leckereien zu verdrücken. Psyche schmunzelte. Wenn ihre Mutter sie sehen könnte!
Die hatte immer gesagt: „Kind, du musst auf deine Figur achten.“
Jetzt aber würde ihr gefüllter Körper möglicherweise als Leckerbissen für ein Ungeheuer dienen. Psyche verschluckte sich vor Schreck. Wie hatte sie vergessen können, dass dieses Schloss eine Falle war! Oh, ihr Götter, es war eine Falle und sie war hineingetappt, wie die Maus, die vom Käse angelockt wurde! Hustend und keuchend röchelte Psyche um Luft. Unsichtbare Hände schlugen ihr auf den Rücken und als das nichts half, rissen sie Psyche das Kleid vom Leib.

Advertisements

2 thoughts on “Das verzauberte Schloss

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s