Vom Jagen und vom Baden

„Und was ist das für eine Strategie, mit der man Frauen erobern kann?“, fragte Amor.
„Kommt ganz drauf an“, sagte Apollo und ließ die Peitsche knallen. „Fangen wir mit den ganz allgemeinen, fast immer nützliche Mechanismen an, um eine Frau für sich zu gewinnen. Also“, Apollo räusperte sich. „Frauen mögen die drei „Ms“: Muskeln, Mut und Männlichkeit.“
„Oh.“
„Die Optik ist natürlich wichtig. Ein verwegener Dreitagebart zum Beispiel ist beliebt. So wie bei mir.“
Apollo rieb sich das Kinn, das verursachte ein leises Knistern.
Auch Amor befühlte sein Gesicht. Doch kein Flaum von Haar wuchs dort. Einzig auf seinem kleinen Bäuchlein sprossen ein paar Härchen. Ob das reichte?
„Und wenn man dann noch selbstbewusst ist und ein wenig in die Trickkiste greift, hat man schon gewonnen.“ Apollo grinste verschmitzt. „Für Thalia habe ich mir zum Beispiel Erde ins Gesicht geschmiert und ihr eine gewaltige Story mit Schatten und Licht und ganz viel Kampf aufgetischt.“
„Und du warst der Held der Geschichte?“, fragte Amor.
„Klaro, wer denn sonst?“, gab Apollo schmunzelnd zurück. „Ich hab sie rumgekriegt.“ Apollo spannte seinen Bizeps an und gab ihm einem Schmatzer. „Ich sage nur, ein Schuss, ein Treffer!“
Amor blickte Apollo verständnislos an. „Was meinst du damit?“
Apollo lachte. „Ach, das wirst du irgendwann schon verstehen.“
„Äh.“ Amor wurde rot und spürte ein seltsames Gefühl. Zu gerne hätte er mehr gewusst. Doch etwas machte ihm zu schaffen: „Wenn aber dieser jemand einer wäre, der keinen Dreitagebart, Muskeln und sonstige Qualitäten hat, was soll er deiner Meinung nach tun?“
„Tja“, überlegte Apollo und musterte Amor kritisch. „In meinen jungen Jahren bin ich so vorgegangen wie bei der Jagd. Köder auslegen, anschleichen, erlegen.“
„Echt?“
„Ist etwas primitiv, aber funktioniert.“
„Meinst du das wirklich ernst?“
„Hand drauf und Ehrenwort.“
„Das ist einfacher als gedacht …“
Amor war zufrieden. Er beschloss, es mit dieser Strategie zu probieren, denn mit dem Jagen kannte er sich gut aus. Er war sogar ein besserer Jäger als Apollo, zumindest, was das Bogenschießen anbelangte.
„Sag mal, Amor“, unterbrach Apollo seine Gedanken, „hat `dieser jemand` überhaupt schon mal ein Mädchen geküsst?“
„Bisher noch nicht“, gab Amor kleinlaut zu.

Obwohl Psyche sich mit Händen und Füßen wehrte und so kräftig strampelte, dass beinahe auch ihr Unterkleid zerriss, wurde sie von den unsichtbaren Lüften fortgetragen.
Der Hustenanfall war vorbei, doch was sie jetzt sah, nahm ihr die Luft vor Empörung.
Ein schwebender Eimer entleerte dampfendes Wasser in eine große Wanne.
„Ich kann doch jetzt nicht baden! Seid ihr Geister von allen guten Geistern verlassen?“, rief Psyche aufgebracht.
Die Winde reagierten nicht auf ihren Protest. Ganz im Gegenteil. Von irgendwo schwappte eine dicke Flüssigkeit in die Wanne, die bewirkte, dass das Wasser sich auf einmal in blubbernde Bläschen verwandelte, die schaumig glitzerten und knisternd platzten.
Psyche wurde das Unterkleid über den Kopf gezogen und ihr Körper landete vorsichtig in der Wanne. Dort begannen unsichtbare Hände, ihren Rücken zu schrubben, die Haare zu waschen und die Füße zu säubern.
Psyche war ganz benommen von der plötzlichen Wärme des Wassers, außerdem kämpfte sie gegen eine starke Übelkeit.
„Euch hat wohl noch keiner erklärt“, keuchte sie, „dass man nach einem so üppigen Mahl nicht baden sollte?“
Von feinen Laken wurde sie abgetrocknet, mit duftendem Öl eingerieben und dann in ein zartes Gewand gehüllt, das mehr offenbarte als es verdeckte.
„So kann ich unmöglich rumlaufen!“, empörte sich Psyche. „Eine Kuh sähe besser darin aus! Und zu kalt ist es außerdem.“
Flink schnappte sich Psyche eines der trockenen Leinentücher und wickelte sich darin ein. Die unsichtbaren Lüfte machten einen hilflosen Versuch, ihr das Laken wieder wegzunehmen.
„Nichts da, Finger weg!“, rief Psyche.
Die Winde gaben auf und schoben sie hinaus aus dem Bad, über den Korridor mit den goldenen und silbernen Wänden, dessen Fußboden aus unzähligen Edelsteinen bestand.
Noch immer versetzte Psyche der Anblick in Staunen. Vor allem, da gerade die letzten Strahlen der Sonne die Steine in allen möglichen und unmöglichen Farben funkeln ließen.
Eine Tür öffnete sich und die Lüfte leiteten Psyche sanft in den Raum.
Neugierig sah Psyche sich um.
Das Zimmer sah aus als wäre es für eine Traumprinzessin gemacht, denn die meisten Dinge, die Psyche darin vorfand, kamen ihr unwirklich vor.
In der Mitte stand ein riesengroßes Bett, in dem gut und gerne fünf ausgewachsene Personen hätten schlafen können. Das Bett war anders, als Psyche es kannte.  Die Decke war ganz dick. Es sah fast aus, als ob jemand darunter liegen würde!
Psyche schlug mit ausgestreckter Hand auf das Bett. Ihr Handabdruck hinterließ eine kleine Kuhle. Die Decke war weich und allem Anschein nach ausgestopft. Daheim in der Burg hatte sie auf einer gewebten Matte geruht und sich mit einem dünnen Laken bedeckt.
Neben dem Bett gab es ein kleines Schränkchen, das war schneeweiß. Auf ihm stand ein Ding aus einem durchsichtigen Material, in dem sich Wasser befand und Blumen steckten. Psyche betrachtete das Gefäß ungläubig. Wieso drang das Wasser nicht nach außen? Vorsichtig klopfte sie an das Material. Es war so hart wie der Ton, in dem auf der heimischen Burg Wasser aufbewahrt wurde.
„Hatschi!“
Tränen traten Psyche in die Augen. Diese verdammten Blumen!
„Hallo?“, rief sie. „Hallo? Könnte jemand bitte diese Blumen entfernen?“
Kein Lüftchen regte sich. Die Winde hatten sich scheinbar zurückgezogen. Und es wurde von Augenblick zu Augenblick dunkler.
„Wenn ich hier schlafen soll, wovon ich ausgehe, dann können diese Dinger unmöglich hierbleiben“, sagte Psyche und lauschte. Keine Reaktion. Beherzt griff sie nach der Vase und hielt sie soweit es ging von sich entfernt, um sie aus dem Raum zu bringen. Mittlerweile war es so finster, dass sie kaum noch etwas erkennen konnte.
„Gibt es hier keine Fackeln?“, murmelte Psyche zweifelnd. Irritiert sah sie sich nach der Tür um. Sie war nirgends zu erkennen.
„Oh nein! Hatschi! Wie soll ich denn jetzt schlafen?“
In diesem Moment verschwand der letzte Sonnenstrahl und Finsternis umgab die Prinzessin. Da hörte sie auf einmal ein leiseses Trippeln, das sich schleunig näherte …

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19 Gedanken zu “Vom Jagen und vom Baden

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