Der Zorn der Göttin

 

„Wo bist du?“, rief Psyche. „Ungeheuer, wo bist du?“ Psyche bückte sich, um unter den großen Tisch zu sehen, der in der Mitte des Raumes stand. Sie schüttelte die Vorhänge, öffnete jede Schranktür und selbst die Schubladen.
Sie fand viele sonderbare Dinge, die sie noch nie gesehen hatte, aber vom Untier gab es keine Spur. Dabei war dieses Wesen ihr noch einige Erklärungen schuldig.
Schließlich ließ Psyche sich erschöpft auf einen Stuhl fallen.
Die Winde umschwirrten sie und vor Psyche auf dem Tisch erschienen wie von Zauberhand duftende Speisen, die köstlich aussahen.
Psyche zuckte mit den Schultern und begann zu essen.
„Das Untier ist nicht hier, oder?“, fragte sie zwischen zwei Bissen.
Die Winde ließen die Vorhänge rascheln, was Psyche als Kopfschütteln deutete.
„Na gut“, sagte Psyche, „es hat ja auch gesagt, dass ich es nicht sehen darf. Und momentan ist es taghell. Aber heute Abend kommt es wieder?“
Die Winde ließen das Geschirr ein wenig klappern.
„Ist das ein Ja?“, fragte Psyche und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Wisst ihr, das alles hier ist so seltsam. Aber ich könnte mich dran gewöhnen, glaube ich.“
Das Tischtuch wickelte sich selbst ein und verschwand. Psyche spürte, wie ein leichter Luftzug ihre Hand streifte.
„Soll ich mitkommen?“, fragte Psyche.
Der Luftzug strich erneut über ihre Hand.
„Ich deute das mal als ein Ja.“
Und sie stand auf und folgte dem Wirbel, der sich warm anfühlte wie ein lauer Frühlingswind.

Amor fand Diana in ihrem Waldhain. Die Göttin schlief auf einem Fleckchen Moos und schnarchte ein wenig. Amor ließ sich neben ihr nieder und seufzte. Sollte er Diana wecken? Es war gefährlich, sich ihr bei vollem Mond zu nähern. Wie oft hatte sie gesagt, dass dies ihre Zeit sei, in der sie ihre Ruhe haben wollte. Aber Amor musste mit Diana reden. Sie war die einzige, der er von gestern Nacht erzählen konnte. Und sie war eine Frau, was sie zu einer besseren Beraterin machte, als ihren Zwillingsbruder Apollo.
„Diana?“, flüsterte Amor.
Die Göttin wälzte sich auf die andere Seite.
„Diana …“, probierte es Amor noch ein wenig lauter.
Wind raschelte durch die Bäume des Waldes. Amor sah in die Baumwipfel und seufzte.
„Was willst du?“, fauchte die Göttin ihn plötzlich an.
„Ich … äh. Es tut mir leid. Aber es ist wichtig. Bist du wach?“
Diana reckte und streckte sich.
„Jetzt schon.“
„Hm. Okay, also gut. Diana … ich will ehrlich sein. Ich weiß ja, dass du ein Geheimnis für dich behalten kannst. Also, um es kurz zu machen, vorgestern, da habe ich …“
Amor erzählte Diana alles. Die Augen der Göttin wurden schmal und kritisch, dann wieder groß und staunend. Als Amor geendet hatte, herrschte eine Zeitlang Stille. Nur das Rauschen der Blätter war zu hören.
„Du hast dich also verliebt“, schloss Diana.
„Und wie!“, seufzte Amor.
„Und was erwartest du von mir?“
„Hilfe.“
Diana verzog das Gesicht. Verwundert beobachtete Amor das Spiel ihrer Mimik. Fast schien es, als würde sie eine Maske tragen, ein verzerrtes Abbild ihres eigentlich schönen Gesichts. Dann erkannte Amor, dass die Göttin grinste. Sie brach in tosendes Gelächter aus. Oder war es ein Kreischen?
Amor hielt sich die Ohren zu.
„Alles … alles in Ordnung?“
„Du hast Nerven!“, rief Diana. „Hier her zu kommen und mich nach der Liebe zu fragen. Du bist doch der Experte in diesen Dingen … oder solltest es zumindest sein. Dass ich nicht lache!“
Amor verschränkte die Arme und ärgerte sich. Er hätte Diana wirklich nicht bei Vollmond besuchen sollen. Sie war dann so anders, so unberechenbar.
„Ich bin kein Experte“, verteidigte er sich. „Aber du bist eine Expertin für Frauen. Ich will doch nur wissen, was ich falsch gemacht habe!“
Dianas Augen blitzen böse. „Du willst wissen, was du falsch gemacht hast? Du solltest froh sein, dass Psyche dir nicht den Schädel eingeschlagen hat. Sich einfach so nachts anzuschleichen, sie mit einem Ring zu ködern … hat dir das mein Bruder geraten?“
„Das mit dem Ring war meine Idee!“, rief Amor. Er konnte sich nicht erklären, was Diana so in Rage versetzte. „Was soll falsch daran sein?“
„Alles daran ist falsch! So funktioniert das nicht! Ihr Männer seid doch alle gleich, immer nur das Eine im Sinn!“
Diana schüttelte den Kopf.
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst!“
„Aktaion von Theben, sagt dir das noch was?“
„Äh … dieser Typ, den du gut findest?“
„Den ich gut fand. Ich habe mich so getäuscht. Das mit der Liebe, Amor, vergiss es einfach. Wir Götter sind nicht dafür geschaffen. Mein Bruder macht das ganz richtig mit seinen offenen Beziehungen … “
Amor begriff die Welt nicht mehr. Gerade noch hatte Diana ihn angebrüllt, jetzt auf einmal sprach sie leise und, wenn er es richtig erkannte, rollte sogar eine kleine Träne über ihre Wange.
„Was ist denn los?“, fragte er bekümmert.
„Ach, ihr Männer!“, schniefte Diana. „Aktaion von Theben, er hat mich gestern beim Baden überrascht. Hat sich einfach so angeschlichen, so wie du.“
„Aber Psyche war schon fertig gebadet.“
Diana rollte mit den Augen. „Es war dunkel, sie hatte bestimmt Angst, genauso, wie ich.“
„Du hattest Angst?“
„Ja.“
„Aber du magst ihn doch, oder nicht?“
„Nein. Nicht, nicht so. Männer sollten freundlich sein, aufmerksam, liebevoll. Er stand einfach nur da und hat mich angeglotzt, dieser Spanner!“
Da war so viel Wut in Dianas Stimme, dass Amor erschauderte.
„Aber ich will dir was sagen“, sagte Diana herrisch. „Ich weiß mich zu wehren. Und das habe ich getan.“
Amor verspürte den Impuls, sich erneut die Ohren zuzuhalten. Wenn Diana sich wehrte, ging das meistens nicht ohne Todesopfer vonstatten.
„Was, was hast du denn getan?“, stammelte Amor.
„Ich habe ihn in einen Hirsch verwandelt.“
Amor war verblüfft. Doch keine Bluttat? „Das ist ja … also … ach so, kein Grund zur Sorge. Verwandle ihn doch einfach zurück, er hat bestimmt gemerkt, dass sein Verhalten nicht so toll war.“
„Zu spät.“ Diana griff ins Moos und rupfte es aus. „Wie es das Schicksal so wollte, haben ihn seine Jagdkumpanen kurze Zeit später erlegt.“
„Bitte was?“
„Aktaion war auf der Jagd. Hatte ich das nicht erwähnt? Warum sonst sollte er sich in meinem Wald aufhalten?“
„Ach so, ja klar.“
Vor Amors innerem Auge poppte das Bild eines Hirsches auf, der von Hunden gejagt wurde. Jagdhunde hatten unterschiedliche Talente, das wusste Amor, denn er interessierte sich sehr dafür. Da gab es die, die gut Fährten lesen konnten und jene, die sogar Wildschweine verletzten. Ein Hirsch hatte keine Chance gegen eine Meute. Und es waren Hunde, deren Namen und Fähigkeiten Aktaion kannte …
Amor schüttelte die Gedanken fort.
„Das war … extrem“, schloss er.
„Mag sein“, sagte Diana und legte sich zurück auf ihren Schlafplatz. „Aber jetzt weißt du, warum ich bestimmt keine gute Beraterin in Liebesdingen bin. Wir Götter sollten uns davon fernhalten. Das endet nur in einer Katastrophe.“
„Aber …“
„Nun hast du meinen Rat. Lass mich schlafen!“
Als Amor sich erhob, fühlte er sich, als hätte er seine Wolke durch einen Sturm lenken müssen. Dass Liebe so gefährlich sein konnte, hatte er nicht bedacht.

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11 thoughts on “Der Zorn der Göttin

    1. Danke! Ich hoffe nur, das war nicht zu brutal, es entspricht nahezu 1:1 der römischen Stilvorlage bei Ovid. 😉 … also nicht, dass jemand denkt, ich wagte mich jetzt ans Schreiben von Splatter und Horror … *hihi*

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