Liebe und Pfeile

Psyche hörte, wie das Untier krachend und polternd aus dem Schloss stürmte. So schnell war es geflohen, dass sie gar nicht reagieren konnte. Entgeistert tastete sie nach der Bettkannte und setzte sich.
Warum war das Ungeheuer davon gelaufen, gerade in dem Moment, als sie von „Freundschaft“ sprachen? Hatte sie etwas falsch gemacht?
Psyche grübelte noch eine Weile, dann überkam sie ein tiefer Schlaf. Doch als sie am Morgen aufwachte, vertrieben selbst die hellen und schönen Sonnenstrahlen nicht die grauen Gedanken.
Die Prinzessin ließ sich ankleiden und beobachtete, wie sich aus dem Nichts ein duftendes Frühstück auf einem kleinen Tischchen an ihrem Bett bereitete. Die Speisen sahen köstlich aus, doch als Psyche sie probierte, schmeckten sie ihr nicht. Ungeduldig stand sie wieder auf, ging zum Fenster und öffnete es. Die Sonne schien warm und Psyche sog die Luft in sich ein.
„Untier!“, rief sie in den Garten hinein. „Untier?“
Es antwortete nicht. Es war nicht da. Dieses seltsame Wesen war tagsüber nicht da, denn sie sollte es nicht sehen. Warum eigentlich? Es hatte davon gesprochen, dass es gefährlich sei. Gefährlich aber erschien es Psyche ganz und gar nicht. Eher etwas unbeholfen und tapsig. Auch wenn es sie gestern gerettet hatte. Alleine hätte sie den Weg aus der Bibliothek nicht zurückgefunden.
Psyche schloss das Fenster. Vielleicht, überlegte sie, war das Untier ebenfalls hässlich und versteckte sich aus diesem Grund vor ihr.
Bestimmt war es hässlich, denn wie sonst könnte es sie lieben?
Das hatte es nämlich gesagt.
„Ich liebe dich.“
Psyche seufzte. Sie konnte es nicht glauben, so wie sie all das nicht glauben konnte, was ihr wiederfuhr.
Doch die Speisen sättigten, die Wärme der Sonne fühlte sich natürlich an und als Psyche sich in den Arm kniff, tat es weh.
Was also, wenn dies alles gar kein Traum war?
Was, wenn es echt war?
Was, wenn das Ungeheuer sie wirklich liebte?
Und sie, Dummerchen, hatte gestern nur davon gesprochen, dass das alles nur ein Traum wäre. Sie hatte das Ungeheuer – oder was auch immer es war – überhaupt nicht ernst genommen. Kein Wunder also, dass es einfach so verschwunden war. Im Prinzip war sein Verschwinden sogar ein Beweis für die … Wirklichkeit.
Psyche fühlte sich völlig erschlagen von der Erkenntnis und setzte sich zurück auf das Bett.
Da gab es jemanden, der sie liebte. Und sie war ein Dummkopf! Bestürzung machte sich in Psyche breit.
Sie legte hin und nutzte die Decke, um ihre aufsteigenden Tränen aufzufangen. Oh, wie sehr sie jetzt wünschte, dass dieser kleine Kerl zurückkam!

Die Pfeile flogen aus Amors Händen. Ablenkung war laut Apollo das beste Mittel, um sich von trübsinnigen Gedanken zu befreien. Verschwitzt strich sich Amor die Locken aus der Stirn, griff in seinen Köcher und zielte erneut. Er fühlte sich so angespannt wie der Bogen, den er hielt.
Die Arbeit besserte seine Laune kein Stück, im Gegenteil, seine Wut wuchs und wuchs mit jedem Pfeil, den er schoss.
Er traf die Menschen. Mitten in ihre Herzen. Genauso, wie er Psyche getroffen hatte. Und die Menschen, was taten sie? Sie fielen sich in die Arme und küssten unaufhörlich, stundenlang, Ewigkeiten!
So wie Psyche ihn geküsst hatte, doch dann …
Amor spuckte zu Boden auf eines der küssenden Paare unter seiner Wolke.
Die beiden blickten nach oben, als hätte sie ein Regentropfen erwischt. Sie lachten und verschwanden unter dem Umhang des Mannes, wahrscheinlich knutschten sie dort weiter.
Amor schnaufte verächtlich und herrschte die Wolke an, zur nächsten Stadt zu fliegen.
„Hey, du trainierst ja wie besessen!“, rief eine Stimme aus dem Äther. „Hast wohl Angst vor unserem Wettkampf!“
„Apollo“, knurrte Amor und blinzelte in die Sonne. „Heute Nacht mach ich dich platt!“
„Hoho!“, rief der Sonnengott von seinem Wagen, „Was sind das denn für Töne? Und was sind das für neue Muckis, mein Dickerchen?“
„Warte nur ab!“, rief Amor und hob drohend die Hand in den Himmel.
Der Sonnengott lachte, ließ einen Sonnenstrahl in Amors Oberarm zwacken und vollzog eine scharfe Rechtskurve gen Westen.
„Auf in den Untergang!“, rief er fröhlich. „Und bis gleich!“
„Ja ja, bis dann“, murrte Amor und blickte hinab in die Stadt. Auch hier: Nur Geknutsche. Überall! Es war kaum auszuhalten!
Kurz überlegte Amor, einige seiner bleiernen Pfeile auf die Menschen abzufeuern. Pfeile, die die Liebe vertrieben anstatt sie zu wecken. Ein bisschen Liebesleid würde vielleicht dafür sorgen, dass er sich selbst nicht mehr so alleine fühlte.
Doch als Amor den bleiernen Pfeil anlegte, und umherblickte, auf wen er ihn schießen sollte, konnte er sich nicht entscheiden. Auf wen sollte er schießen? Auf den blassen Jüngling? Auf das zarte Mägdelein? Wenn er es täte, würden sie niemals zueinander finden. Wären für immer getrennt. Würden niemals erfahren, wie bittersüß die Liebe sein konnte. Sie würden sich nie verlieben …
Amor seufzte und schüttelte den Kopf. Was nur war in ihn gefahren? Psyche war so lieblich und so süß! Nur das, was sie sagte, wollte so gar nicht zu ihr passen. Wahrscheinlich, überlegte Amor, hatte er etwas falsch verstanden. Bestimmt war es so, denn anders konnte es nicht sein. Psyche musste ihn lieben,  – denn es bestand kein Zweifel daran, dass seine Pfeile funktionierten.
Beruhigt ließ Amor seinen Bogen sinken und legte den bleiernen Pfeil zurück in den Köcher. Er beschloss, sich wegen all der Aufregung ein paar Schlucke aus der Amphore seines Lieblingsweines zu gönnen, bevor er mit Apollo in den Wettstreit trat.

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