Der Wettkampf (1) oder „Amor besiegt alles“

Heute ist Valentinstag –  da darf der kleine Liebesgott nicht fehlen! Ausnahmsweise gibt es schon heute  das nächste Kapitel vom Blogroman „Amors Abenteuer“. Viel Freude beim Lesen und bis Donnerstag!

Herzlichst

Runa Phaino

Amor Herz Valentinstag

Amor nippte gedankenverloren am Wein. Es war kein schlechter Tropfen, ein volles Bouquet, würzig, herb … eigentlich so, wie er ihn mochte. Trotzdem schmeckte er nicht. Was Psyche wohl gerade tat?

Der Sonnenuntergang war schon eine Weile her. Apollo ließ auf sich warten und Amor dachte die ganze Zeit an Psyche. Am liebsten wäre er zu ihr geflogen. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass er eine Frau dem Treffen mit seinem besten Kumpel vorziehen würde.

Doch so war es. Er war verliebt. Hals über Kopf und Fuß über Bein. Und wenn er ehrlich war, hatte er eigentlich überhaupt keine Lust auf einen Wettkampf.

Als Apollo den Wagen vor seine Wolke lenkte, musste Amor sich zusammen reißen.

„Warum hast du mich so lange warten lassen?“

Apollo grinste. „Ich musste die Sonne ins Bettchen bringen. Und dann gab es da noch die ein oder andere nette Dame. Wieso regst du dich auf? Hast du heute noch was vor?“

Amor errötete. „Äh, nee“, sagte er und räusperte sich: „Wir hatten nur gesagt: nach Sonnenuntergang. Jetzt ist es schon viel später …“

„Hast du Angst im Dunkeln?“

„Nee, Blödsinn.“

Apollo beäugte ihn neugierig. „Kann ich mir auch nicht vorstellen, oder?“

„Okay“, sagte Amor seufzend. „Dann lass uns loslegen. Möge der Bessere gewinnen.“

„Das bin natürlich ich“, sagte Apollo und fuhr sich durch die Haare. „Und du musst heute eine Niederlage in Kauf nehmen.“

Amor kniff die Lippen zusammen. Apollo konnte echt nervig sein, wenn es ums Gewinnen ging. Aber er würde schon sehen. Niemand konnte ihm etwas vormachen. Das Spiel mit Pfeil und Bogen beherrschte keiner besser als er. Amor stellte sich aufrecht hin und schüttelte seinen Köcher.

Apollo warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Jetzt guck nicht so, als hätte Jupiter dich mit einem Blitz getroffen.“

Schmunzelnd suchte er mit den Augen den Horizont ab, um ein geeignetes Ziel zu finden. „Siehst du den Tannenzapfen da oben im Wipfel, direkt hinter den drei Hügeln auf der siebten Erhebung, dritter Baum von Links?“, fragte er.

„Klar“, sagte Amor schulterzuckend. „Wenn es nur das ist,  hätten wir uns das Treffen sparen können.“

„Man, bist du schlecht drauf heute!“

„Bin ich gar nicht“, sagte Amor gequält und legte den Pfeil an.  Er brauchte nur den kleinen Finger, um die Sehne zu spannen. Ließ los. Der Pfeil schnurrte Richtung Hügel.

Apollo ließ die Peitsche knallen und stürzte dem Pfeil hinterher. Einen Augenblick später umrundete er die Tanne mit einer galanten Rechtskurve.

„Erster!“, brüllte Apollo.

„Nur weil du so einen schnellen Wagen hast“, rief Amor, der in einigem Abstand auf der Wolke folgte. „Aber hier geht es ums Bogenschießen. Und ich habe getroffen.“

Amor streckte seinen Arm in das Gehölz und pflückte den Zapfen von der Tanne. Der Pfeil steckte mitten in ihrem Herzen.

„Tja“, sagte Amor und schwang den Pfeil, an dessen Ende der Tannenzapfen wippte. „Ich sage ja, dass ich das kann. Und ich mache keine leeren Versprechungen. Du bist dran.“

Apollo lehnte sich zurück und zog die Brauen hoch. „Nicht schlecht, Kleiner, aber ich werde es dir schon zeigen.“

Amor zuckte mit den Schultern. „Na gut. Also. An der Stelle, die wir gerade verlassen haben, habe ich einen Pfeil in die Erde gesteckt. Triff sein Ende.“

„Nichts leichter als das!“, rief Apollo und ließ den Sonnenwagen steigen, um mit zusammengekniffenen Augen die Erde abzusuchen.

Amor machte es sich derweil auf seiner Wolke gemütlich und warf den Tannenzapfen hinter sich.  (Man sagt, dass sich dieser in eine Kastanie verliebte und so die Pinien entstanden seien).

„Hast du es endlich?“, fragte Amor. „Oder möchtest du erst die Sonne holen, damit du den Pfeil überhaupt finden kannst?“

„Fresse jetzt!“, sagte Apollo, erhob sich und legte seinen mit Schnitzereien verzierten, vergoldeten Bogen an. Die Pfeile schimmerten hell in der Dunkelheit und um sie herum staubte es wie Puder. Apollo schoss. Eine Linie aus glitzernden Punkten folgte dem Pfeil.

 

„Ich sagte: Das Ende.“

Amor präsentierte Apollo das Ergebnis des Schusses. Langsam begann dieser Wettkampf ihm richtig Spaß zu machen. Apollo sah so verdattert aus, als ob er vergessen hatte, eines Morgens die Sonne an seinem Wagen zu befestigen.

„Das ist nicht genau gezielt“, grinste Amor. „Womit dann wohl entschieden wäre, wer der bessere Bogenschütze ist.“

Ungläubig betrachtete Apollo das Fleckchen Erden, in dem die beiden Pfeile steckten.

„Ich habe sein Ende getroffen, wie du gesagt hast, Kleiner“, sagte Apollo dann und schlug Amor kräftig auf die Schulter.

Amor schüttelte den Kopf.

„Wenn ich sage: „Das Ende“, dann meine ich natürlich „Die Mitte“. Ich meine, dass der Pfeil mittig gespalten werden muss.“

„Ich habe das Ende getroffen“, wiederholte Apollo und kniff die Augen zusammen. „Das sieht man jawohl deutlich.“

Der Pfeil steckte in Amors Pfeil, hatte ihn sogar gespalten, aber nicht mittig, sondern am Rand.

Es war eine ziemliche Spitzfindigkeit. Doch als Amor zu Apollo sah, überkam ihn das Gefühl, dass Apollo nur nicht zugeben wollte, dass er verloren hatte!

Amor verschränkte die Arme und hob das Kinn. Er trat einen Schritt auf Apollo zu, blickte ihm fest in die Augen und sagte: „Der Pfeil ist nicht mittig gespalten. Gib schon zu, dass du verloren hast.“

Apollo drehte sich zu Amor. Er sah etwas ungläubig aus, dann lachte er. „Ich habe den Python besiegt, ein schreckliches Ungeheuer. Da lagst du noch in den Windeln!“

„Ich kann nichts dafür, dass ich erst dreihundert Jahre alt bin“, fauchte Amor. „Ich habe gewonnen. Und du solltest das jetzt akzeptieren.“

„Warum denn?“, fragte Apollo. „Der Abend hat doch gerade erst begonnen. Oder willst du unbedingt weiter Horden knutschender Menschen erschaffen? Geht dir dabei einer ab, oder was?“

Amor schüttelte sich. Was auch immer Apollo damit meinte, es war offensichtlich, dass er ihn provozieren wollte. Darauf würde er sich nicht einlassen.

„Okay“, seufzte Amor. „Wenn du es nicht einsehen willst: Dann spielen wir noch eine Runde. Die letzte.“

„Gut, Kleiner“, sagte Apollo gönnerhaft, „aber wir machen das jetzt wie richtige Männer. Nicht diese albernen Pfeilspielchen. Wir gehen in den Hain meiner Schwester und jagen dort.“

Amor erschauderte. Diana liebte ihre Tiere. Sie waren ihr heilig. Niemand durfte sie ohne die Erlaubnis der Göttin jagen. Wenn Amor daran dachte, wie es Aktaion ergangen war, wollte er sich lieber nicht mit Diana anlegen. Andererseits konnte er Apollo jetzt unmöglich nachgeben.

Noch diese eine Runde und dann würde hoffentlich geklärt sein, wer der Sieger war. Vielleicht, dachte Amor, hätte er Apollo auch einfach gewinnen lassen können, dann wäre er jetzt schon wieder bei Psyche. Von der Sache mit Dianas Hain mal ganz abgesehen.

Aber nein. Die Tage, in denen er klein und schwach war, waren vorbei. Er war der bessere Bogenschütze, definitiv. Und das musste Apollo heute einsehen.

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