Mondhirsche oder “Der Wettkampf (2)”

 

Amor hastete durch den waldigen Hain, den Bogen gespannt, mit den Augen die Gegend absuchend, ob sich irgendwo in der Dunkelheit das weiße Fell von Dianas Tieren zeigen würde.
Wenn er es schneller fand als Apollo, hätte er gewonnen. Doch bisher versteckten sich die Viecher ziemlich gut. Keines zu sehen, weit und breit. Nur dunkle Zweige, dichtes Moos und ab und zu ertönte das leise Geraschel der Wipfel oder das Knacken eines Zweiges.
Genauso wie Apollo besaß Diana einen Wagen, mit dem sie den Mond über den Himmel zog. Während Apollos Wagen vier gewaltige Rösser anführten, aus deren Nüstern Rauch flammte, bestand die Vorhut von Diana aus einer stattlichen Anzahl weißer Hirschkühe, die silberne Geweihe hatten.
Diana liebte diese Hirsche über alles, sie durften in ihren Wäldern grasen und sich frei vermehren.
Apollo hatte sich in den Kopf gesetzt, dass der Wettkampf darin bestand, eine davon zu erlegen.
„Die passen gar nicht mehr vor ihren Wagen, so viele sind es schon. Ich wette, sie merkt nicht mal, dass eine fehlt!“
Amor hatte es geschafft, Apollo davon zu überzeugen, dass ein winziges Stück vom silbernen Geweih ebenfalls den Sieger ermitteln würde.
So hatten sie sich also darauf geeinigt, den Hirschkühen lediglich eine Spitze vom Horn abzuschießen.
Schon jetzt war dieser Wettkampf heikel genug, fand Amor. Nicht auszudenken, was Diana mit ihnen anstellte, wenn sie herausfand, dass einem ihrer Lieblinge ein wenig Geweih fehlte.
Amor musste an Aktaion denken und biss sich auf die Lippen. Er wollte nicht nachgeben. Nicht heute. Möge die Mondgöttin niemals davon erfahren.
Zweige knackten unter seinen Füßen, die Luft roch würzig nach dem Harz der Bäume. Die Nacht war dicht und feucht. Hin und wieder zitterte ein Irrlicht über die moosigen Moore. Doch nirgendwo ein Geweih in Sicht.
Das Geraschel im Gebüsch ließ Amor ruckartig herumfahren. Was war das? Ein paar kleinere Waldbewohner. Unbedeutendes Getier.
Wo waren die Hirsche? Hatte Apollo bereits einen erspäht? Gar seinen Bogen angelegt?
Amor schüttelte die Gedanken ab. Er musste seine Energie darauf verwenden, einen davon zu finden. Und diese helle Ebene, die sich vor ihm im Wald auftat, schien ein idealer Futterort für die Mondhirsche zu sein.
In diesem Moment brach etwas durch das Unterholz. Geschwind richtete Amor seinen Bogen in die Richtung. Doch es war kein Hirsch. Es war ein … Gebüsch. Ein Gebüsch, das aus dem Gebüsch gekrochen kam.
Amor betrachtete den Blätterhaufen.
Der erhob sich, breitete Arme aus und eine Stimme sprach:
„Halte ein, junger Jäger! Du bist in einem heiligen Hain!“
Amor senkte seinen Pfeil. Der Busch hatte Hände, ein Gesicht und einen Mund, aus dem er sprach.
„Wie bitte?“, fragte Amor.
„Halte ein! Halte ein!“, rief das Gestrüpp noch einmal und drehte sich im Kreis. „Dies ist ein heiliger, heiliger Hain!“
„Schickt dich Diana oder was?“
„Ich bin Daphne, die Hüterin dieses Hains!“
„Hüterin des Hains … ?“
„Gewiss“, sagte Daphne und reckte das blättrige Kinn. „Ich beschütze die Tiere. Gib mir deinen Bogen, damit kein Tier durch ihn zu Schaden kommt!“
„Sorry, das geht nicht, Daphne, Hüterin des Hains.“
„Du musst.“
„Nein, sorry!“
„Gib den Bogen her oder ich muss andere Maßnahmen anwenden.“
Amor musterte sie skeptisch. Daphne gehörte möglicherweise zu Dianas militanter Bewegung von Nymphen, die ihr Leben dem Schutz der Flora und Fauna verschrieben hatte. Vielleicht aber war sie auch harmlos. Das wusste man bei diesen Nymphen nie so genau.
„Hör mal“, sagte er. „Ich muss einen Wettkampf gewinnen, dazu brauche ich den Bogen.“
„Du musst deinen Bogen abgeben. Und den Pfeil da, den du in der Hand hältst.“
„Also, wie gesagt, ich muss hier was gewinnen. Das ist echt wichtig. Aber ich werde den Tieren nichts tun, nur ein Stückchen Geweih abschießen, mehr nicht. Ich bin ein guter Bogenschütze, der Beste … ich muss jetzt echt weiter, sorry, Daphne.“
„Du gehst nirgendwo hin!“
„Doch.“
„Nein! Gib mir dein Geschoss!“
Amor beschloss, die Nymphe einfach zu ignorieren und drehte sich um. Fast schmerzhaft fiel ihm auf, dass er zwischen den Flügeln seinen Köcher trug. Seinen Köcher voller Pfeile, der jetzt direkt vor Daphnes Gesicht baumelte.
„Wie viele Tiere wirst du töten, Mörder!“, kreischte die Nymphe aufgebracht und riss an Amors Köcher.
„Ey, lass das!“, rief Amor. Doch Daphne hatte sich so in seinen Köcher gekrallt, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als ihn abzustreifen.
„Haha!“, rief die Nymphe triumphierend, „Jetzt kannst du niemanden mehr töten, mit all diesen vielen, bösen Pfeilen!“ Und geschwind wie der Wind floh sie mitsamt dem Köcher über den moosigen Waldboden der nahen Lichtung.
Amor sah ihr kopfschüttelnd hinterher. Immerhin ein Pfeil war ihm noch geblieben – und der Bogen. Während er noch überlegte, wieso die Nymphe so wahnsinnig schnell laufen konnte, bemerkte er aus dem Augenwinkel das leuchtende, silbrige Geweih eines Mondhirsches, der auf die Waldlichtung trat. Endlich! Amor atmete langsam aus und rührte sich nicht. Er spürte den Pfeil in seiner Hand. Ein bleiernes Ding, das die Liebe vertrieb. Sein letztes Exemplar. Noch zwei, drei Schritte und der Hirsch würde ein perfektes Ziel abgeben. Er legte an. Er durfte sich keinen Fehler erlauben.
Der Schuss war grandios. Der Pfeil surrte in einer konischen Linie Richtung Geweih, Amor konnte fast schon den Knorpel splittern hören, spürte die aufkeimende Lust des überwältigenden Erfolgs, wenn er Apollo den silbrigen Splitter des Geweihs präsentierte, er, Amor, der einzige, der Sieger, der beste Bogenschütze zwischen Erde und Himmel –
Da warf sich diese verdammte Nymphe zwischen den Pfeil und den Hirsch, und der Pfeil, wie es seine Art war, verschwand in Daphnes Brustkorb und vertrieb dort jedes Gefühl von Liebe. Die Nymphe taumelte und fiel der Länge nach auf den Boden.
„Ach du Scheiße!“, rief Amor panisch. Der Hirsch war fast außer Blickweite. Er jagte auf die Lichtung und schnappte nach seinem Köcher, legte nach und schoss dem Tier hinterher, das in diesem Moment von einem gleißenden Lichtstrahl getroffen wurde. Amors  Liebespfeil flog mitten durch die schnaubenden Feuerpferden, die der Sonnengott auf die Lichtung lenkte.
„SIEG!“, hörte Amor die Stimme hinter den Flammen brüllen. „Ich hab die Hirschkuh erlegt! Ich bin der Sieger, der beste Schütze, zwischen Himmel und Erde! Hast du es gesehen?“
„Äh“, stammelte Amor. „Apollo? Ich meine, äh, ich hätte ja auch fast das Geweih, wenn nicht … äh …“
„Komm her und huldige mir! Mein Pfeil trifft alles! Ich bin der größte Bogenschütze überhaupt!“ Die Pferde wieherten wie zur Bestätigung und schüttelten ihre feurigen Mähnen.
Amor linste rüber zu Daphne, die noch immer erstarrt am Boden lag. Auf Zehenspitzen tapste er um die Pferde herum zu Apollos Wagen. Vielleicht konnte er das Schlimmste ja noch verhindern. „Äh, Apollo, vielleicht solltest du besser verschwinden …“, hob Amor an.
„Guck dir dieses Prachtexemplar an!“, rief Apollo und zeigte auf die Hirschkuh. Sie lag tot am Boden.
„Musstest du sie unbedingt töten?“, fragte Amor und schluckte.
„Amor, werde erwachsen, werde endlich ein Mann!“, grollte Apollo. Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Du bist doch schon längst dabei, ein Mann zu werden, gib es zu! Ich meine, auch wenn du heute verloren hast, dein Pfeil wird seinen Weg schon finden! Hahaha!“
Amor neigte den Kopf. „Was?“
„Komm, du kannst es mir ruhig sagen, hast du schon oder noch nicht?“
„Wie bitte?“
Aus dem Augenwinkel nahm Amor wahr, dass Daphne langsam wieder zu Bewusstsein kam. Sie regte sich. Sie erhob sich.
Lachend fuhr Apollo fort: „Na, ich weiß ja nicht, was in dich gefahren ist, aber dieses potthässliche Ungeheuer, was du in diesem merkwürdigen Schloss gefangen hältst – jetzt guck nicht so, ich bin die Sonne, ich sehe alles– also ich kann zwar beim besten Willen nicht verstehen, was du an diesem Ungetüm attraktiv findest, aber …“
Amor schlug die Hände vors Gesicht, als Daphne in das Licht der brennenden Pferde trat. Er konnte nichts mehr tun. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Flüsternd sank Amor auf den Boden der Lichtung. „Mag dein Pfeil alles treffen, Apollo, meiner traf dich.“
Noch ganz benommen erkannte die Nymphe, was sie abgrundtief verachtete. Und der Sonnengott sah, was er immer vermisst hatte und immer vermissen würde, wenn er es nicht bekäme. Eine blättrige Nymphe, die in diesem Moment ihre Fersen im Gras drehte und rannte, während Apollo seine Pferde peitschte, als würde ein Leben davon abhängen.
Taumelnd kehrte Amor zurück zum Palast, zurück zu Psyche. In seinem Kopf herrschte ein stummes Rauschen, ihm fehlte jede Erklärung für das Geschehen.
Doch da war eine Hand, die sein Gesicht berührte. Da waren Arme, die ihn umfingen und die ihm Halt gaben. Da war ein Mund, der liebliche Worte murmelte, dicht an seinem Ohr, die von Vermissen und Gernhaben erzählten. Und da waren Lippen, ihre Lippen, die so perfekt zu seinen passte. Nichts gab es mehr als dunkle Weichheit, bis der Morgen graute und die Sonne aufging. Später als jemals zuvor.

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