Schall und Rauch

***Dieses Kapitel ist ein Teil von meinem Projekt “Amors Abenteuer”, einer modernen Adaption des antiken Märchens “Amor und Psyche”, das ich aus Spaß an der Freude schreibe und nach einer Überarbeitung als eBook veröffentliche. Wer von Anfang an lesen möchte, ist herzlich eingeladen, bis ans untere Ende der Seite zu skrollen. Ich freue mich über jeden Kommentar. Donnerstags gibt es ein neues Kapitel und manchmal auch zwischendurch. Viel Vergnügen beim Lesen!***

Psyche zupfte zaghaft am Tuch, das den Spiegel verdeckte. Es war nur der Hauch einer Bewegung, doch das Tuch fiel. Schnell schloss Psyche die Augen.
Was würde sie zu sehen bekommen? Würde sie es überhaupt sehen wollen?
Sie erinnerte sich in diesem Moment an all die Situationen, in denen ihr bewusst wurde, wie hässlich sie war.
Die Gesichter der Bediensteten, die irgendwann so mitleidvoll aussahen, wenn sie Psyche begegneten. Die väterliche Anordnung, einen Schleier zu tragen. All die jungen Prinzen, die rücklings aus der Burg rannten, sobald sie die Prinzessin sahen.
Einmal, – und das war vielleicht die furchtbarste Erinnerung von allen – , hatte sie ihre Familie über sich sprechen hören.
Sie konnte nicht schlafen und war deswegen den langen Korridor in Richtung der königlichen Schlafgemächer getapst. Das Geräusch ihrer kleinen, platschenden Füße auf den polierten Sandsteinen klang noch in ihren Ohren. Einige waren noch warm von der Sonne. Die Wachen vor dem Gemach der Königin war eingenickt und Psyche schlüpfte unbemerkt durch die Tür.
„So kann es nicht weitergehen“, sagte die Königin in diesem Moment. „Sie ist so … schlecht gewachsen, die Diener reden schon über sie. Wenn sich das rumspricht.“
„Aber Mutter, was sollten wir tun?“, fragte Gorda.
„Nun, wir müssen Acht geben, dass sie niemand mehr zu Gesicht bekommt.“
„Ihr wollt sie einsperren?“
„Sie ist doch noch ein Kind, das könnt ihr nicht tun! Und sie mag den Garten so sehr!“, schaltete sich Tessas Stimme in das Gespräch ein.
„Es ist das Beste für uns alle und auch für Psyche“, sagte die Königin. „Wie mag es ihr gehen, wenn sie immer nur Ablehnung  erfährt?“
„Sie ist so lieb“, sagte Gorda kleinlaut. „Charakterlich ist sie nicht hässlich“, sagte Tessa. „Und ich möchte“, sagte die Königin, „dass das auch so bleibt.“ Psyche lauschte mit bebenden Lippen und aufgerissenen Augen, wie die Familie über ihr weiteres Schicksal verhandelte. Einsperren wollte man sie, wie einen Verbrecher! Dabei hatte sie niemals jemandem etwas getan. Und doch war sie schuld, trug sie eine Schuld, denn sie war eine Schande. Das hatte ihre Mutter gesagt, eine Schande für die Augen anderer.
In diesem Moment bewahrheitete sich für Psyche, was sie seit langem gefürchtet hatte.
Etwas an ihr ekelte die Menschen an.
Und sie konnte nichts dagegen tun.
Seit dieser Nacht hatte sie einen Schleier tragen müssen. Bis sie ihn vor etwa drei Tagen ablegte. Als sie das erste Mal das Schloss betrat. Alles hatte sich verändert. Sie war in einem Zauberschloss mit einem geheimnisvollen Fremden. Sie wurde geliebt. Psyche öffnete die Augen. Bestimmt hatte auch sie sich geändert.
Ein spitzer Schrei entwich ihrer Kehle, als sie das Monster sah. Ein wildes Ungetüm, in dessen weit aufgerissene, gelbe Augen sie starrte. Nur sein knallrotes Gewand ließ erahnen, wo der Kopf aufhörte und der Körper begann. Es wirkte grotesk. Am ehesten erinnerte es an eine Kröte.
Psyche brauchte einige Augenblicke, bis sie begriff, dass sie selbst es war. Voller Abscheu schlug sie gegen ihr Spiegelbild. Es zersprang in tausende, winzige Splitter und Psyche sank schluchzend zu Boden.
Die Winde umwirbelten sie, streiften tröstend über ihr Haar und ihren Rücken.
„Ich hatte gehofft, dass mich dieses Zauberschloss wenigstens etwas hübscher macht“, sagte Psyche schniefend. „Zeigt mir nie wieder einen Spiegel!“
Sie wischte sich die Tränen von den Wangen, schlüpfte aus dem roten Kleid, legte ihr altes Gewand wieder an und sah aus dem Fenster.
Es war noch viel zu hell.

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