Gespräche unter Freunden

Für Amor verflogen die Wochen wie Stunden. Er hielt es kaum aus, den Tag ohne Psyche zu verbringen, schoss dafür aber in die Herzen der Menschen, was das Zeug hielt. Er hatte sich vorgenommen, besonders gut zu schießen und nur auf Pärchen zu zielen, die augenscheinlich perfekt zusammenpassten. Ab und zu traf er sich mit Apollo auf einer Klippe, unter der das Meer rauschte. Kalliope und Thalia waren meistens dabei.
„Du bist ein ziemlicher Workaholic geworden“, stellte Apollo eines Tages fest.
„Ja, ich muss mich halt irgendwie ablenken“, erklärte Amor. „Und außerdem, ich habe festgestellt, dass Liebe viel zu kostbar ist, um nur damit zu spielen.“
„Oh wie süß“, rief Thalia.
Kalliope blickte von ihrer Schriftrolle auf. „Du wirkst reifer“, sagte sie.
„Ja, die Liebe“, murmelte Apollo und blickte nachdenklich auf die Wellen.
„Denk nicht an sie“, sagte Thalia und legte ihre Hand auf seine Schulter. „Das mit Daphne ist vorbei.“
„Es wird nie vorbei sein“, antwortete Apollo und tippte an den Lorbeerkranz, den er auf seinen Locken trug. „Also: auf die Liebe!“, rief er und prostete Thalia zu.
„Und trotz meiner Bemühungen ist es schwierig! Ich ziele häufig daneben oder schlafe ein“, beklagte sich Amor. „Das ist gar nicht meine Absicht, aber es passiert einfach.“
„Wieso denn das?“, fragte Kalliope. „Habe ich etwas verpasst?“
„Also, ich äh…“ Amor lief knallrot an.
„Er schläft nachts nicht mehr“, feixte Apollo.
„So ist das also“, schloss Kalliope grinsend. „Ich hatte mich schon gewundert, warum du auf einmal so anders bist. Größer, muskulöser, weiser …Ich hätte es mir denken können.“
Amor konnte nicht verhindern, dass er lächelte.
„Wer ist es denn?“, wollte Thalia wissen.
„Seine Süße muss ein Geheimnis bleiben“, sagte Apollo verschmitzt.
„Ein Geheimnis“, wiederholte Amor und presste die Lippen aufeinander. „Es ist wegen meiner Ma. Sie darf das nicht wissen. Und daher sage ich es keinem, weil ehe man sich versieht …“
„Schon klar“, sagte Thalia und legte einen Finger an ihr Kinn. „Ist sie eine Waldnymphe?“
„Nein.“
„Ist sie eine Baumnymphe?“
„Nein.“
„Ist sie vielleicht eine Muse?“
„Nein. – Und jetzt hör auf. Ich werde nichts mehr dazu sagen.“
„Aber Amor!“, Thalia machte ein trauriges Gesicht. „Du kannst doch deine Freundin nicht einfach so verheimlichen. Nicht vor uns! Vielleicht können wir helfen!“
Amor schüttelte den Kopf. „Übrigens, der ist ganz neu.“
Er lenkte die Blicke auf seinen Bogen, kunstvoll geschnitzt und verziert mit Edelsteinen.
„Du versuchst doch nur, das Thema zu wechseln“, sagte Thalia empört, bewunderte dann aber den Bogen und seine kostbaren Ornamente. Auch Kalliope warf einen Blick darauf.
„Also, es ist so“, sagte Amor. „Der ist von meiner Ma. Und sie hat mich zum Essen eingeladen.“
„Sie hat dir also verziehen?“
„Ich denke, sie kriegt jetzt einfach nur wieder genug Opfergaben von unglücklich Verliebten. Außerdem hat sie wahrscheinlich Langeweile.“
„Ach was“, sagte Kalliope. „Sie hat dir bestimmt verziehen oder will es tun. Sie ist deine Mutter.“
„Meinst du, Venus hat Jupiters Beschluss verkraftet, dass jeder jeden lieben darf?“, fragte Thalia skeptisch.
„Vielleicht ist Venus auf dem Weg, diese neue Art der Liebe zu akzeptieren. Der Bogen für Amor ist doch schon mal ein Anfang“, sagte Kalliope.
„Also ich bin auf jeden Fall froh, dass Jupiter es erlaubt hat“, sagte Amor. Und in diesem Moment fragte er sich, ob Jupiter es vielleicht auch erlauben würde, dass er mit einer Sterblichen zusammenlebte. Nicht mehr lange, überlegte Amor, dann würde er Psyche seiner Mutter vorstellen. Vielleicht sogar schon bei seinem nächsten Besuch. Obwohl, er sollte erst einmal abchecken, inwiefern sie die Sache mit der gleichgeschlechtlichen Liebe verdaut hatte.
„Jetzt weiß ich es!“, riss ihn Thalia aus seinen Überlegungen. „Du liebst einen Mann!“
Amor verdrehte die Augen. „Nein.“
Apollo hingegen gluckste. „Man könnte es fast meinen …“
„Was willst du damit sagen?“, fuhr Amor ihn an.
„Nichts nichts“, sagte Apollo und hob beschwichtigend die Hände.
„Wie dem auch sei“, sagte Amor. „Ich habe auf jeden Fall einen Plan. Wenn alles klappt, dann kann ich meiner Ma bald davon erzählen. Und dann werdet auch ihr wissen, wer meine Liebste ist.“

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