Blinde Passagiere

Für Psyche dauerten die Stunden so lange wie Wochen. Ungeduldig ersehnte sie die Dunkelheit und das süße Gefühl, sich mit dem fremden Vertrauten zu verlieren, um sich gegenseitig zwischen den Laken zu entdecken. Das Schloss allein bei Tageslicht war kaum auszuhalten. Das einzige, was Psyche in dieser Zeit etwas Ablenkung verschaffte, waren die seltsamen Vierecke, deren Inneres sich zu Geschichten formte.
Das Untier nannte die eckigen Exemplare Bücher und hatte ihr erklärt, dass sie genauso verzaubert waren, wie das gesamte Schloss. Verwundert stellte Psyche eines Tages fest, dass sie eine Geschichte las, in der ein Mädchen, Bella genannt, in ein verwunschenes Schloss zu einem Ungeheuer gelangte. Dieses Buch las Psyche in einem Zug. Zu deutlich waren die Parallelen zwischen ihren Erlebnissen und der Geschichte von Bella. Nur eines stimmte nicht. Bella war ein wunderschönes Mädchen und keine hässliche Kröte wie sie, Psyche. Dagegen war das Ungeheuer furchtbar aussehend mit Klauen und einem Löwenkopf. Bella aber hatte sich in das Ungeheuer verliebt trotz seiner Hässlichkeit. Vielleicht, überlegte Psyche, wollte diese verzauberte Geschichte ihr also mittteilen, dass selbst die hässlichsten Wesen geliebt werden konnten. Anderseits aber verwandelte sich das Ungeheuer direkt nach Bellas Kuss in einen schönen Prinzen. Das war also kein wirklicher Beweis.
Bella hatte wirklich Glück, fand Psyche. Für ihren Kuss wurde sie mit einem schönen Prinzen belohnt. Doch am meisten beneidete Psyche das Ungeheuer. Denn sie selbst hatte sich trotz einer Unzahl an Küssen überall auf ihrem Körper nicht verändert. Kein Stück.
Psyche stand also den Geschichten eher skeptisch gegenüber. In manchen Büchern nämlich las sie auch von Zwergen, Feen und Elfen, Wesen, die sich Psyche kaum vorzustellen vermochte.
Und wieder andere Erzählungen berichteten von „Autos“, „Hochhäusern“ und „Versicherungsvertretern“. Für Psyche ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Bücher legte sie sofort zurück ins Regal, denn nicht einmal ansatzweise formten sich die Beschreibungen in ihrem Kopf zu einem Gedankenbild.
Eines Abends erzählte sie dem Ungeheuer von ihren Beobachtungen.
„Es ist so“, sagte Amor, „dass die Bücher in dieser Bibliothek größtenteils noch nicht geschrieben wurden. Sie werden es einmal sein, in ferner Zukunft.“
„Du bist so klug. Woher weißt du all diese Dinge?“, fragte Psyche.
„Ich weiß es einfach. Ich bin der Herr dieses Schlosses.“
Amor fühlte sich prächtig, dass er Psyche die Welt erklären konnte. Wie gut, dass er neulich Kalliope und Thalia über die Vorkommnisse befragt hatte. Die Musen der Schreibkunst hatten ihn zwar entsetzt angeguckt und gemeint, er hätte da ein Luftschloss erschaffen, ein Traumgebilde, das irgendwann platzen würde, aber das kümmerte Amor wenig. Psyche liebte Bücher, Psyche bewunderte ihn. Das war die Hauptsache.
„Glaubst du denn, dass die Geschichten wahr sind? Dass es irgendwann einmal „Versicherungsvertreter“ und „Feen“ auf der Erde geben wird?“, fragte Psyche.
„Auf jeden Fall“, sagte Amor.
„Und was ist mit den Liebesgeschichten?“, fragte Psyche.
„Die stimmen selbstverständlich auch alle“, sagte Amor stolz.
„Die meisten von ihnen gehen aber schlecht aus.“
„Auf keinen Fall!“ Entrüstet richtete Amor sich auf. „Niemand ist stärker als die Liebe, nicht einmal der Tod!“
„Aber die Geschichten gehen schlecht aus“, beharrte Psyche.
„Wie das?“
„Na ja, bei Romeo und Julia zum Beispiel …“ – Psyche erzählte ihm die Geschichte der beiden Liebenden, die aus verfeindeten Familien stammten. „Und dann gab es da noch Tristan und Isolde und … Pyramus und Thisbe …“
„Was hast du gesagt?“, entsetzt richtete sich Amor auf.
„Na, diese ganzen Liebespaare, die nicht zusammen kommen … Romeo und Julia, Tristan und Isolde …“
„Und?“
„Pyramus und Thisbe.“
„Woher kennst du sie?“
„Habe ich doch gerade gesagt, ich habe ihre Geschichte gelesen. Was ist denn bloß los mit dir?“
„Das hört sich an, wie mein Liebespaar“, murmelte Amor gedankenverloren. Vor sein inneres Auge traten die Bilder der sich erdolchenden Thisbe, neben ihr der blutüberströmte Pyramus.
Psyche horchte auf. „Dein Liebespaar? Was meinst du damit?“
„Äh“, sagte Amor und zog sich die Decke bis zum Kinn. Er hätte sich ohrfeigen können. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so unvorsichtig verhalten. Oder vielleicht auch doch, aber noch nie war es so heikel gewesen. Psyche durfte nicht erfahren, wer er war. Nicht einmal den Hauch einer Ahnung sollte sie haben. Also stammelte er: „Ich … ich, ach ehrlich gesagt, ich habe die Geschichte geschrieben!“
„Du?“, fragte Psyche.
„Ja, die Geschichte von Pyramus und Tisbe. Deswegen war ich so verblüfft. Hat sie dir gefallen?“
Einen Moment lang war nur Psyches Atem zu hören, so still war es.
Dann rief sie: „Oh Ungeheuer! Jetzt macht das alles Sinn, all die Bücher, wie du sie nennst, und dieses Schloss!“
Erleichtert atmete Amor aus. Das war die richtige Notlüge im richtigen Moment gewesen.
„Na klar macht das Sinn.“
„Du musst der größte Geschichtenerzähler der Welt sein! Und der berühmteste. Kein Wunder, dass ich dich nicht sehen darf!“
„Äh … ja.“
Amor schluckte. Hauptsache, Psyche folgte der falschen Fährte. Er würde das später irgendwann richtigstellen, nach dem Gespräch mit seiner Mutter. Und was seine beiden Liebenden anbelangte … er musste nachforschen, immerhin war er Pluto noch eine Erklärung schuldig.
„Untier“, flüsterte Psyche und schmiegte sich an ihn. „Hast du denn auch Liebesgeschichten geschrieben, die gut ausgehen?“
„Klar“, sagte Amor und biss sich auf die Lippe. „Gerade bin ich an einer dran.“
„Das ist gut“, seufzte Psyche. „Ich glaube nämlich, dass ich schwanger bin.“

 

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