Hilfe zur Selbsthilfe

„Diana! Du musst mir helfen!“

Wie von Sinnen hämmerte Amor gegen das Tor von Dianas Baumpalast. Er hatte die Nacht kein Auge zugetan, denn etwas in seiner Brust schlug Purzelbäume und machte ihn ganz wahnsinnig. Sobald er Psyche schlafend wähnte, raste Amor auf seiner Wolke zur Waldlichtung von Diana.
„Hör auf so einen Lärm zu machen!“, hörte Amor Dianas Stimme aus dem Palast. „Ich will dich hier nicht sehen!“
„Bitte!“, rief Amor und schlug noch kräftiger gegen die Tür, „Bitte! Ich brauche Deinen Rat! Ich höre nicht auf, bis du mich reinlässt!“
Als Amor hörte, dass sich das Tor öffnete, atmete er erleichtert aus. Diana blickte ihn zornig an. „Ich hoffe, du hast wirklich einen guten Grund. Und glaube ja nicht, dass ich dir schon verziehen hätte. Das mit meinem Bruder …“
„Psyche ist schwanger!“, platzte es aus Amor heraus.
Überrascht sah Diana ihn an. Noch bevor die Göttin etwas sagen konnte fuhr Amor fort: „Du kennst dich doch aus mit Geburten und so. Vielleicht kannst du ihr einen Trank brauen oder …“
Unverständnis blitzte in Dianas blassblauen Augen auf. „Psyche ist schwanger, sie ist nicht krank. Es sei denn, du willst, dass ich ihr etwas mixe, damit sie das Kind verliert.“
„Bist du wahnsinnig? Das kommt überhaupt nicht in Frage!“ Vor lauter Schreck wich Amor ein paar Schritte zurück.
„Na dann … herzlichen Glückwunsch. Du wirst Vater, Amor“, sagte Diana und lehnte sich in den Türrahmen. „Was aber habe ich damit zu tun?“
„Ja, du … aber …“, aufgeregt schnappte Amor nach Luft. „Das ist so … so … “
„Ja?“, Diana gähnte in ihre hohle Hand. „Lass mich raten: Du freust dich total, aber du hast auch gewaltige Angst.“
„Ich? Angst? Niemals!“ Amor reckte seine Brust und spannte seinen Oberarm an. „Wovor sollte ich Angst haben? Ich bin ziemlich stark geworden.“
„Das ist albern“, sagte Diana. „Aber, es geht den meisten Männern so.“
„Ja?“ Amor sank wieder in sich zusammen. „Bist du dir sicher?“
Diana nickte. „Ja. Das, was dir – oder besser euch – gerade passiert, ist etwas ganz Besonderes. Alles wird sich ändern. Zeit, Verantwortung zu übernehmen.“
„Ja, du hast Recht!“, rief Amor. „Es ist etwas ganz Besonderes. Alles wird sich ändern! Das ist es!“ Am liebsten hätte er Diana umarmet, nur ihr skeptischer Blick hielt ihn davon ab.
„Gut“, sagte Diana, „Was gedenkst du nun zu tun?“
„Ich habe einen Plan“, sagte Amor und reckte sein Kinn.
„Na, da bin ich aber gespannt.“
Unruhig knetete Amor seine Hände, die immer noch schmerzten. So heftig hatte er gegen das Tor von Dianas Baumpalast gepocht.
„Ich werde meine Mutter besuchen.“
„Aha. Und weiter?
„Ich werde ihr sagen, dass ich Psyche liebe.“
„Und du meinst, Venus erlaubt das? Alles wird gut?“
„Ich hoffe es“, sagte Amor und begann hin und her zu laufen. „Es gibt doch schon gute Anzeichen. Sie hat mir einen Bogen geschenkt. Ich glaube, sie regt sich nicht mehr sooo sehr darüber auf, dass Männer Männer und Frauen Frauen lieben.“
„Du glaubst das“, sagte Diana. „Aber du weißt es nicht. Und ganz davon abgesehen geht es hier um die Liebe zwischen Göttern und Menschen.“
„Ja“, sagte Amor. „Na und? Ich werde Vater.“
Diana lachte hell auf. „Und Venus wird Oma. Das wird sie bestimmt freuen, wo sie sich ja gar keine Gedanken um Jugend und Schönheit macht.“
Missmutig kickte Amor einen Stein von sich. „Sollte sie zumindest. Er wird doch ihr Enkel!“
Diana zog die Brauen hoch. „Wieso denn ein „er“?“
„Weiß nicht, ist auch nicht so wichtig“, wiegelte Amor ab.
„Doch, das ist wichtig“, stichelte Diana. „Selbst du denkst in Schubladen, Amor. Selbst du hast bestimmte Vorstellungen davon, wie die Dinge sein sollen. Du bist deiner Mutter gar nicht so unähnlich. Du willst, dass dein Kind ein Sohn ist. Und ein Gott. Habe ich Recht oder ist es die Wahrheit?“
„Ein Halbgott wird es jawohl werden“, schnaufte Amor und verschränkte seine Arme. Diese ganze Fragerunde hatte ihn wütend gemacht. „Als ob du keine Fehler machen würdest. Ich sage nur Aktaion. Du hast ihn einfach so zerfetzt!“
„Zerfetzen lassen, wenn ich bitten darf!“ Dianas Blick wurde eiskalt. „Selbstverständlich mache ich „Fehler“, wenn du das so nennen willst. Ich erfülle meine Aufgaben, wandelbar wie der Mond und genauso wankelmütig. Wie ist es mit dir? Willst du wieder Pfeile auf meinen Bruder schießen?“
„Ich mache meine Arbeit gut“, rief Amor und stampfte mit dem Fuß auf. „Es ist mit sehr ernst damit geworden, seitdem ich Psyche kenne. Und außerdem … ich habe mich schon tausend Mal wegen Apollo entschuldigt!“
„Das macht es nicht wieder gut. Ich glaube, du solltest jetzt gehen. Ich habe zu tun.“
„Genau das werde ich tun“, rief Amor ihr hinterher. „Und glaube nicht, dass ich dich jemals wieder um Rat frage.“
„Gut“, sagte Diana und drehte sich mit blitzenden Augen nach Amor um, „denn es wird Zeit, dass du dir die Ratschläge selbst gibst.“
Mit wallender Wut kehrte Amor auf seine Wolke zurück. Er entdeckte eine alte Weinamphore, langte danach und leerte sie in einem Zug. Ihm war die ganze Angelegenheit unglaublich peinlich. Er verfluchte sich dafür, dass er jammernd und klagend an Dianas Tür geklopft hatte. Warum nur hatte er sie aufgesucht? Was bildete die sich ein, über seine Arbeit zu urteilen? Diana war ein Scheusal!
In einem Punkt aber gab er Diana wiederwillig Recht. Seine Mutter war sicherlich nicht leicht davon zu überzeugen, bald eine menschliche Schwiegertochter zu haben. Aber es gab einen Weg, wie er Venus von seiner Liebe zu einer Sterblichen überzeugen konnte. Seine Mutter musste sich in einen Sterblichen verlieben!

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