Wenn zwei sich streiten …

Als Amor das Schloss betrat, hatte sich etwas verändert. Er schlich die Gänge entlang. Seine Schritte hallten laut durch die Dunkelheit. Lauter als sonst. Etwas fehlte. Das Heraneilen von Psyches Füßen. Besorgt lief er zur Schlafkammer, lauschte an der Tür und hörte ihren Atem ruhig und gleichmäßig, so als ob sie schlief. Eine tiefe Erleichterung durchströmte ihn, hatte er doch kurze Zeit befürchtet, Psyche sei nicht mehr im Schloss. Er schüttelte den Kopf und grinste über beide Ohren. Sie war einfach nur müde, – und das kleine Wesen in ihr wohl auch. Vorsichtig und bemüht, kein Geräusch zu machen, trat er ein und schlug er die Decke zurück. Als er sich neben Psyche legen wollte, rückte sie auf einmal auf.
„Warum bist du heute Morgen so früh aufgebrochen?“
Amor zuckte zusammen. „Ich dachte, du hast es nicht bemerkt“, murmelte er.
„Habe ich aber. Also sage mir, warum du einfach abgehauen bist!“
„Ich …“ Amor stammelte verlegen. „Ich weiß auch nicht. Diese Sache mit dem Baby, ich meine, ich freue mich, Psyche, ich freue mich wirklich, aber … ich war bei … ich musste das erstmal verstehen.“
„Was gibt es denn da zu verstehen?“
„Na ja, also, um ehrlich zu sein: ich glaube, ich hatte einfach ein wenig Angst.“
„Und was meinst du, wie es mir geht?“, fragte Psyche. „Ich habe auch Angst! Vor allem, wenn du mich alleine lässt.“
„Tut mir leid“, sagte Amor. „Kannst du mir noch mal verzeihen?“
Psyche schwieg.
Amor fügte schnell hinzu: „Ich stelle dich auch bald meinen Eltern vor. Also meiner Mutter.“
„Das wird auch langsam mal Zeit, finde ich.“
„Finde ich auch. Du hast Recht.“
„Schwöre es.“
„Ich schwöre es beim Leben unseres Kindes!“
„Wann wird es so weit sein?“
„Das … das kann ich dir noch nicht genau sagen.“
„Ha!“ Psyches Stimme klang seltsam schrill. „Ich muss warten, was auch sonst.“
Statt einer Antwort zog Amor Psyche zu sich heran und drückte sie fest an sich. „Psyche, ich liebe dich. Aber, es ist nun mal so, wie es ist. Ich kann dich meiner Mutter nicht einfach so vorstellen. Aber ich werde dir jeden Wunsch erfüllen, alles, was du willst …“
„Es ist, weil ich hässlich bin …“
„Nun fang doch nicht schon wieder damit an. Es ist etwas Anderes … Du bist wunderschön.“
Die Nähe zum Untier ließ Psyches Ärger davonfliegen und ihre Ängste lösten sich auf. Nur ein kleiner Teil ihres Selbst sträubte sich noch, ein trotziger Rest von Stolz.
„Es wird wirklich Zeit, dass du meine Mutter kennenlernst“, sagte Amor. „Immerhin haben wir den besten Grund überhaupt!“
„Meinst du das Baby?“
„Ja“, sagte Amor und versuchte, Psyche zu küssen. „Das sind doch die Momente, wo eine Familie zusammenhalten muss …“
Psyche wandte das Gesicht ab. „Warte. Ich war heute auf der Wiese vor dem Schloss. Und dort über dem See habe ich meine Schwestern gesehen. Wie kann das sein?“
„Ich … ich weiß nicht! Das war bestimmt nur eine Reflexion“, sagte Amor.
„Meinst du, es ist möglich, dass ich sie sprechen kann? Ich meine, es wäre ja nur ein einziges Mal. Sie denken, dass ich tot bin … und dabei geht es mir gut … “
„Nein“, sagte Amor.
„Nein?“, wiederholte Psyche. „Es sind meine Schwestern! Du stellst mich deiner Familie nicht vor, und lässt zu, dass sich meine die Augen nach mir ausweint?!“
„Du wirst sie bald sehen können …:“, versuchte es Amor. „Bald lernst du meine Mutter kennen und danach ….“
„Was danach passiert interessiert mich nicht! Bald ist nicht früh genug! Jeden Tag, an dem sie denken, dass ich tot bin, ist ein Tag zu viel. Ich muss sie sehen, am besten schon morgen. Du hast gesagt, du würdest mir jeden Wunsch erfüllen. Ich habe nur einen einzigen: Ich will meine Schwestern sehen!“
„Das ist nicht gut. Ich kenne die Menschen. Sie würden das alles hier nicht verstehen. Ich glaube einfach nicht, dass das gut geht. Bitte, Psyche, vertraue mir …“
„Untier, wenn du mich liebst, dann lass es zu! Ich vertraue dir! Vertraue du mir! Bring sie hierher, wenn es in deiner Macht steht. Bitte!“
„Psyche, zwinge mit nicht dazu.“
„Ist es denn so unverständlich, dass ich meine Familie sehen möchte? Ich lebe, Untier, und ich bin schwanger. Das sollen sie wissen. Mehr nicht.“
„In Ordnung also“, presste Amor zwischen seinen Zähnen hervor. „Ihr werdet euch morgen sehen können.“
Psyche atmete erleichtert aus. Alles, was sie fühlte, war wunderschön und frei. So musste es sich anfühlen, wenn man jemanden liebte.
„Untier, ich danke dir. Und ich liebe dich“, sagte sie also und legte sich zurück ins Bett.
„Das hast du noch nie gesagt“, murmelte Amor.
Eine Zeitlang lagen sie einfach nur da, Hand in Hand, und lauschten dem Herzschlag des anderen. Dann sagte Amor schließlich: „Ich bin froh, dass du morgen deine Schwestern triffst. Grüße sie von mir, unbekannterweise. Ich vertraue dir nämlich , Psyche, hörst du?“
„Ich vertraue dir auch, Untier“, flüsterte Psyche schläfrig.
Und dann schliefen sie ein, Arm in Arm.

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14 Gedanken zu “Wenn zwei sich streiten …

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