Die Hoffnung stirbt zuletzt

An diesem Morgen verließ Amor Psyche kurz vor Sonnenaufgang, indem er sie küsste. „Ich werde heute mit meiner Mutter sprechen. Bald werden wir zusammen sein. Bis dahin lasse dich von deinen Schwestern trösten.“
„Geh nicht“, flüsterte Psyche, denn auf einmal war ihr ganz traurig zumute. Eine Träne stahl sich ihre Wange hinab und floss beinahe bis zu Amors Lippen. Doch die verschwanden, Flügel über Bein, und Amor schwang sich auf seine Wolke.
Venus bewohnte eine riesige, rosafarbenen Wolke, auf der ein gewaltiger, gold glitzernder Palast stand mit vielen kleinen Türmchen und Zinnen. Auf der höchsten von ihnen ließ Amor die Wolke landen.
„Ma!“, rief er und rannte so schnell er konnte die Wendeltreppe hinab, direkt vor Venus Schlafgemach. „Ma!“
„Amor?“, gab Venus verschlafen von sich.
„Ja, Ma, ich bin es!“, rief Amor. „Ich wünsche dir einen wunderschönen guten Morgen! Darf ich reinkommen?“
Er flitzte in den Raum, zog die Vorhänge zurück und schüttelte Venus Bett auf.
„Hast Du gut geschlafen, Ma? Lust zu frühstücken? Schau nur, was für ein herrlicher Tag das wird!“
Venus setzte sich im Bett auf und gähnte. Eine Haarsträhne umspielte ihr Gesicht.
„Du siehst toll aus, Ma!“, sagte Amor.
Venus sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an. „Ich bin noch gar nicht zurechtgemacht!“
„Doch, ehrlich, Ma. Ich finde, ohne diese ganzen Cremes und Öle … bist du richtig hübsch.“
Venus runzelte die Stirn, lächelte dann aber. „Das soll wohl ein Kompliment sein?“
„Na klar!“
„Gut, ich bitte dich trotzdem, noch etwas zu warten. Ich möchte mich erst einmal frisch machen. Bist du so gut, Cupido, und nimmst im Speiseraum Platz?“
„Aber sicher doch! Dein Cupido macht alles, was du von ihm verlangst!“, rief Amor.
„Und Danke für diesen geilen Bogen! Du bist die beste Mutter überhaupt!“
„Und du machst derzeit gute Arbeit“, entgegnete Venus kopfschüttelnd. „Was ist nur in dich gefahren?“
„Natürlich, Ma, ich verschwinde schon!“
Venus schloss die Tür zu ihrem Gemach und Amor flog ins Speisezimmer. Er fühlte sich großartig. Die Voraussetzungen für ein Gespräch waren einfach perfekt. Allerdings würde er nicht sofort mit der Sprache rausrücken. Man konnte nie wissen.
Im Speisesaal standen verschiedene Sitzmöbel und Tische. Amor ließ sich in einen der pinken Sessel sinken. Ein Satyr brachte ihm einen Krug mit Nektar und eine Schale mit Ambrosia. Amor nahm ein paar große Schlucke und merkte im selben Moment, dass ihm die Götterspeisen immer noch nicht schmeckte. Er spuckte alles in seine hohle Hand und legte es zurück in die Schale.
Und während er noch darüber sinnierte, wie sich zerkaute und unzerkaute Ambrosia voneinander unterschied, wurden die Schatten des Mobiliars allmählich länger und länger. Irgendwann trommelte Amor ungeduldig auf die Tischplatte. Er blickte nach links und nach rechts, lauschte, aber es war nichts zu hören. Wo blieb seine Mutter? Wieso ließ sie ihn so lange warten?
Endlich erschien Venus, aufgeputzt und in einem pinkten Rüschenkleid.
„Cupido!“, rief sie und breitete die Arme aus. „Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen!“
„Zuletzt vor fünf Stunden“, murmelte Amor leise. Er hätte es sich denken können, ihre Schönheit war Venus eben wichtiger als alles andere. Wichtiger als ihr eigener Sohn. Am liebsten hätte er auf den Tisch gehauen und seinen Ärger freigelassen, aber eine Stimme in seinem Herzen erinnerte ihn daran, dass es um mehr ging.
„Komm her und lass dich drücken, mein Schatz!“
Eine Wolke aus Parfum drang in seine Lungen.
„Du siehst anders aus“, stellte Venus fest und sah Amor ins Gesicht. „Bist du gewachsen?“
Amor nickte hustend.
„Und so muskulös. Anscheinen kommst du doch nach deinem Vater Mars. Das wurde auch mal Zeit.“
„Kannst du mich bitte loslassen?“
„Ach, jetzt lass dich noch einmal richtig drücken.“
„Ma, ich kriege keine Luft …“
„Jetzt hab dich nicht so!“
Aus purer Verzweiflung spannte Amor seine Arme an und versuchte sich zu befreien.
„Huch!“, rief Venus und ließ Amor augenblicklich los. „Du bist ja fast so stark wie dein Vater!“
„Also äh, Ma, eigentlich bin ich ja gekommen und mit dir über unseren Streit zu reden.“
„Ach ja?“, fragte Venus, setzte eine leidvolle Miene auf und nahm auf einem der Sessel Platz. „Worum ging es da noch mal? Ich hatte es schon total vergessen ….“
„Es ging um die Liebe“, sagte Amor.
„Ach ja?“, sagte Venus und legte ihr Kleid in Falten. „Das ist doch gar nicht so wichtig …“
„Wie findest Du Jupiters Erlaubnis, dass Götter und Menschen gleichgeschlechtliche Beziehungen eingehen dürfen?“
„Ach, jetzt lass doch dieses alte, langweilige Thema …“
„Mir ist es aber wichtig! Was denkst du darüber? Sprich!“
Amor betrachtete die Gesichtszüge seiner Mutter genau. Er brauchte eine klare und endgültige Antwort, etwas, worauf er bauen konnte. Nur dann – und nur dann – wollte er den Schritt weitergehen und ihr von Psyche erzählen.
„Nun, es ist die Entscheidung meines Vaters. Daher akzeptiere ich sie.“
„Du akzeptierst es also?“, hakte Amor nach.
„Ja“, sagte Venus und lächelte. „Und jetzt will ich über etwas Anderes sprechen.“
„Also findest du sie gut?”, fragte Amor.
„Ich stelle Jupiters Entscheidung nicht infrage.“
„Ehrlich? Also das hätte ich ja nicht gedacht. Ich dachte, du findest das vielleicht … seltsam“, führte Amor weiter aus. „Aber ich sehe, dass du jetzt damit einverstanden bist, was ich gut finde, denn ich will ich dich eigentlich was ganz anderes fra…“
Venus schnitt ihm das Wort ab und stampfte wütend mit dem Fuß auf.
„Selbstverständlich bin ich nicht damit einverstanden!“, rief sie empört. „Ich möchte nicht, dass wir deswegen streiten, aber lass mich offen sprechen: Ich finde Jupiters Entscheidung unterirdisch. Zu Pluto würde sie vielleicht passen. Aber zu unserem höchsten Gott? Dass ich nicht lache!“
„Ach so?“, fragte Amor verdattert.
„Ja, vor allem, weil wir uns jetzt alle daran halten sollen. Frechheit! Ich war von Anfang an dagegen. Männer und Männer. All diese Unwägbarkeiten! Ich darf gar nicht daran denken wohin das führt! Und damit hört es ja nicht auf! Du weißt es bestimmt selber …“
„Was denn?“ Amor schob sich in seinen Sessel zurück. Wie hatte er nur einen Moment hoffen können, dass seine Mutter die Dinge mittlerweile anderes sah?
„Na, das mit Apollo! Wahrscheinlich hat er dir gar nichts davon erzählt, weil er sich so sehr schämt. Eine Nymphe. Das ist wirklich unterstes Niveau. Man munkelt ja, dass du deine Finger da im Spiel hättest, aber das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Apollo ist dein bester Freund und du würdest ihm niemals so etwas antun.“
„Nein nein, ich war das nicht“, log Amor und drückte sich noch tiefer in den Sessel. Wie um alles in der Welt hatte sie davon erfahren?
„Eine Nymphe. Unterirdisch!“
„Nymphen leben aber gar nicht in der Unterwelt“, wagte Amor einzuwenden.
„Nein!“, rief Venus. „Sie leben auf der Erde. Genauso, wie diese Menschen. Na, es hätte Apollo noch schlechter treffen können: angenommen, er hätte sich in einen Menschen verliebt. Das wäre wirklich widerlich! Nein, ekelhaft! Wieso nicht gleich alles erlauben? Menschen und Tiere zum Beispiel, da kämen sicherlich interessante Mischwesen bei rum, eine wahre Bereicherung für die Flora und Fauna und nicht zuletzt für uns Götter!“
„Ja, widerlich …“, wiederholte Amor und fühlte sich, als hätte ihn ein Pferd getreten. „Tut mir leid, Ma“, flüsterte er.
„Ach, das muss dir doch nicht leid tun“, sagte Venus. Sie stand mittlerweile direkt vor ihm. „Das ist doch nicht deine Schuld. Dinge passieren und wie du siehst: schlimmer geht immer!“ Sie lachte spitz und wuschelte Amor durchs Haar.
„Es tut mir leid“, wiederholte Amor noch einmal und schluckte schwer. Dann streckte er sich und schenkte Venus sein strahlenstes “Ich-bin-ein-guter-Junge”-Lächeln. „Ma, würdest du bitte mit mir kommen? Ich muss dir unbedingt etwas zeigen!“

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7 thoughts on “Die Hoffnung stirbt zuletzt

  1. Au weia, da bekommt der Bub aber noch mächtig Ärger und verflixt, als du das erste mal Ma geschrieben hast verwandelte sich Amor in John Boy Walton. Bis zum nächsten Leseabschnitt muss DER auch wieder aus meinem Kopf raus 😉

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