Explosion

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Die Winde trugen Psyche hinaus aus dem Schloss, über die Wiese bis zur Bergspitze, direkt zu ihren Schwestern Gorda und Tessa.
Die beiden blickten so erschrocken, als wäre ihnen eine Göttin erschienen.
„Ich bin es“, sagte Psyche. Sie musste lachen und gleichzeitig fielen Tränen auf ihr Kleid. „Ich bin es, ich bin es wirklich!“
Gorda war die erste, die sich aus ihrer Erstarrung befreite. Vorsichtig ging sie auf Psyche zu, umrundete sie ohne den Blick von ihr zu lösen. „Wir sind hierhergekommen, um deinen Leichnam zu suchen. Du … das ist nicht wahr“, murmelte Gorda, noch völlig benommen.
„Doch“, sagte Psyche und nickte kräftig. „Ich bin es, eure hässliche Psyche.“
Und im nächsten Moment fielen sich die Schwestern in die Arme, juchzten und schluchzten.
„Aber wie kann das sein?“, stammelte Gorda. „Wir dachten, du seist tot!“
„Es ist alles ganz anders …“, sagte Psyche. „Ganz anders … ihr könnt euch nicht vorstellen, was mir passiert ist …“
„Das glaube ich auch“, sagte Tessa. „Woher kommst du so plötzlich?“
„Das ist … das ist … schwer zu erklären …“
„Was ist mit deinem Haar geschehen? Es sieht so … so unglaublich kostbar aus.“
„So viele Edelsteine habe ich noch nie an einem Kleid gesehen!“, staunte Gorda.
„Ist euch sonst noch was an mir aufgefallen?“, fragte Psyche und drehte sich einmal im Kreis. Schon länger hatte sie in keinen Spiegel mehr gesehen, und in Anbetracht der Geschichten, die sie gelesen hatte, hoffte sie immer noch auf ein Wunder, was ihr Aussehen anbelangte.
„Du siehst ordentlicher aus“, sagte Gorda.
„Bin ich nicht auch hübscher?“, fragte Psyche hoffnungsvoll.
Tessa kniff die Augen zusammen. „Deine Haut ist besser geworden, finde ich.“
Psyche beschloss, nicht weiter nachzufragen. Sie hatte sich scheinbar in keine Schönheit verwandelt. Erstaunt stellte Psyche fest, dass es sie gar nicht mehr bekümmerte.
„Jetzt erzähle uns, was dir geschehen ist!“
„Also es ist so … “, kicherte Psyche. Voller Freude erzählte sie ihren Schwestern alles, was ihr in den letzten Wochen widerfahren war. Sie konnte ihre Zunge kaum zügeln.
„Dieses Ungeheuer ist also ein Mann?“, staunte Tessa.
„Ja“, sagte Psyche und in diesem Moment fühlte sie sich so wohl, dass laut rief: „Ich habe einen Mann, der mich liebt! Mein größter Wunsch hat sich erfüllt! Ist das nicht wunderbar? Tessa, Gorda, ist das nicht wunderbar?“
Tessa und Gorda wechselten einen kurzen Seitenblick.
„Und er hat ein Schloss?“, fragte Gorda.
„Ja, ein Schloss, ganz anders als die Burg auf der wir aufgewachsen sind. Prächtiger, größer … der Boden ist aus Juwelen, …“ Bis ins Detail beschrieb Psyche das wundersame Schloss. Wie gut es tat,ihre Erlebnisse endlich einmal teilen zu können. „Ist das nicht großartig? Ihr müsst unbedingt Mutter und Vater davon erzählen! Sie sollen sich keine Sorgen mehr machen! Sie sollen sich freuen! Endlich habe ich einen Mann! Und was für einen!“
„Gewiss …“, murmelte Tessa und runzelte die Stirn.
„Was ist denn los mit euch?“, fragte Psyche. „Freut ihr euch denn gar nicht?“
„Es tut mir leid, Psyche“, seufzte Tessa.. „Aber ich glaube, du bist verrückt geworden.“
„Das habe ich auch zu Anfang gedacht!“, rief Psyche. „Ach, wie konnte ich das vergessen. Es ist alles so unglaublich, oder? Aber es ist wahr. Es ist wirklich wahr. Wie sonst sollte ich zu so einem Kleid kommen?“
„Es stimmt, das ist wirklich außergewöhnlich“, sagte Tessa. Schweigend befühlte sie den Stoff. Und dann fügte sie hinzu: „Wenn es so ist, wie du sagst, dann zeige uns doch diesen wunderbaren Ort.“  Gorda, die die ganze Zeit staunend neben Tessa gestanden hatte, nickte heftig.
Erstaunt blickte Psyche ihre Schwestern an. Damit hatte sie nicht gerechnet, auch hatte sie das Untier nicht danach gefragt, aber sie konnte keinen Grund finden, der gegen einen Besuch sprach.
„Warum eigentlich nicht?“, sagte sie also und klatschte in die Hände. Sogleich wurden die Schwestern von den Winden umhüllt und landeten auf der Wiese vor dem Schloss.

 

***
Venus stand mit verbundenen Augen auf der Waldlichtung, wo Adonis zu jagen pflegte, wenn sich die Sonne senkte. Amor hockte im Gebüsch und wartete. Seine Mutter ergab ein perfektes Ziel. Jetzt musste nur noch Adonis pünktlich sein.
„Kann ich die Augenbinde abnehmen, Cupido, Schätzchen?“
„Noch einen Moment, Ma!“
Amor und atmete tief durch. Wollte er das wirklich tun? Das mit Apollo war ein Versehen gewesen, aber jetzt handelte er bewusst. Einen solchen Streich hatte er Venus noch nie gespielt. Was würde sein Vater dazu sagen? Oder sein Stiefvater Vulkanos? Amor dachte an Psyche und daran, dass Venus sie niemals als Schwiegertochter akzeptieren würde, weil sie ein Mensch war. Es war an der Zeit, dass Venus die Menschen besser kennenlernte.
„Was willst du mir denn zeigen?“, fragte Venus neugierig.
„Hat was mit Myrrha zu tun …“, antwortete Amor und hob den Bogen an.
Adonis, der Sohn von Myrrha und ihrer unglücklichen Liebschaft, stapfte durch das Unterholz auf die Lichtung zu. Amor entdeckte ihn, sah muskulöse Beine, schmale Hüften. Sah die weichen Locken, die Adonis ins Gesicht fielen und sein elegantes Kinn umspielten. Über diesem Kinn sah Amor einen Mund, einen wohlgeformten, schönen Mund …
Irritiert riss Amor den Blick von Adonis. Dieser Kerl war wirklich das attraktivste, männliche Exemplar, das er je gesehen hatte.
„Wer ist Myrrha?“, rief Venus. „Ich kenne niemanden mit diesem Namen!“
„Das war das Mädchen, das du in seinen Vater verliebt gemacht hast. Ich war ziemlich sauer auf dich. Ich fand das grausam von dir …”
„Du warst sauer auf mich? Cupido, was geht hier vor?“
In diesem Moment betrat Adonis die Waldlichtung. Er hielt inne, als wäre er auf der Stelle angewurzelt. Da stand diese wunderschöne, überirdische Erscheinung in der Mitte der Lichtung. Ihr Augen waren mit einem Tuch verbunden.
Amor zog einen Pfeil aus dem Köcher und legte an. Er überprüfte die Richtung von Pfeilspitze und Venus Körpermitte.
„Ma, du kannst die Augen jetzt öffnen!“
„Das wird auch Zeit, Cupido, Schätzchen …“
Surrend flog der Pfeil davon. Venus erblickte Adonis und ihr Herz explodierte.

 

 


Wer von Anfang an lesen will, muss einfach hier nach ganz unten scrollen. 😉

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