Zerrissen

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Stolz wie eine Königin schritt Psyche ihren Schwestern voran. Das Schloss von außen verblüffte, doch als Tessa und Gorda den Innenraum betraten, entfuhr beiden ein spitzer Schrei.
„Sind das Edelsteine?“, keuchte Gorda.
Psyche nickte. Der Fußboden glitzerte und funkelte im Sonnenlicht und selbst sie war erstaunt über das Blitzen und Blinken.
„Habe ich euch zu viel versprochen?“, fragte Psyche.
Tessa tippte Gorda ans Kinn, die daraufhin ihren Mund schloss.
„Und es gibt noch mehr zu sehen!“, rief Psyche und zog ihre Schwestern durch die Räume. „Hier ist der Speiseraum! Hier das Bad! Hier ist mein Zimmer … und hier … das ist mein Lieblingsraum!“
Psyche schritt die Treppe zur Bibliothek hinab und bemühte sich zu erklären, was genau es mit den „Büchern“ auf sich hatte.
Tessa und Gorda sahen sie mit großen Augen an.
„Seht doch“, sagte Psyche und hielt ihnen ein Buch entgegen. „Da stehen Geschichten drin!“
Gorda und Tessa steckten ihre Nase zwischen die Buchseiten, aber schüttelten den Kopf.
„Was soll das sein?“
„Das ist meine Lieblingsgeschichte, sie handelt von einem Mädchen, das in ein verwunschenes Schloss kommt. Fast so wie hier.“ Psyche schmunzelte. „Ich muss unbedingt meinen Mann fragen, warum ihr das nicht lesen könnt.“
„Wie ist er eigentlich so, dein Mann?“, fragte Tessa.
Psyche klappte das Buch zu und stellte es zurück ins Regal. „Was wollt ihr denn wissen?“
„Na, wie er aussieht zum Beispiel. Wie alt er ist. Was er so macht. Er muss ja steinreich sein, wenn er sich das hier alles leisten kann.“
Psyche zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“
„Was weißt du nicht?“, fragte Gorda.
„Also“, sagte Psyche, „ich weiß eigentlich nichts über ihn.“
„Du weißt nichts über ihn?“, staunte Tessa.
„Na ja“, beschwichtigte Psyche. „Ich weiß, dass er hier wohnt, dass er nett ist, dass er zärtlich ist … dass er … dass er mich liebt.“
„Wo ist er denn beispielsweise jetzt?“, fragte Tessa.
„Das weiß ich nicht.“
„Wie kann das sein?“, fragte Tessa. „Stört dich das gar nicht?“
„Doch …“, sagte Psyche. „Aber ich vertraue ihm.“
„Er hat bestimmt etwas vor dir zu verbergen.“ Gordas Blick verfinsterte sich. „Als ich eine Zeitlang nicht wusste, wo sich mein Mann aufhielt, da habe ich eines Tages nach ihm gesucht und ihn in der Speisekammer gefunden. Mit der Sklavin.“
„Ich weiß nicht …“ Psyche griff an das Geländer der Treppe. Ihre Schwestern weckten mit den Fragen Gedanken, die am Grunde ihres Bewusstseins schlummerten. „Also er hat keine andere, das ist es nicht. Ich glaube, er spricht gerade mit seinen Eltern, weil …“
Psyche brach ab und biss sich auf die Lippe.
„Weil?“, hakte Tessa nach.
Seufzend sagte Psyche. „Weil sie noch nichts von mir wissen.“
„Seine Eltern wissen nichts von Dir?!“ Tessa fasste sich an die Brust. „Das heißt, ihr seid hier, zusammen … ohne … oh ihr Götter!“
„Na ja“, Psyche krallte ihre Finger in das Holz. „Vielleicht … ich glaube, er will mich vielleicht einfach nicht herzeigen.“
Psyche wandte das Gesicht ab, doch ihre Schwestern kannten sie gut.
„Nicht weinen, Psyche“, sagte Gorda und nahm Psyche in den Arm. „Nicht weinen.“
„Doch!“, schniefte Psyche. „Doch. Ihr habt ja Recht. Ich bin mir einfach nicht sicher. Er sagt zwar, dass er mich liebt. Er tut alles für mich. Aber er hat mich noch nicht einmal seinen Eltern vorgestellt. Dabei bin ich … ich bin …“
Psyche legte eine Hand auf ihren Bauch.
„Du bist schwanger?!“, keuchte Tessa entsetzt. Auch Gorda schüttelte ungläubig mit dem Kopf. „Oh Psyche! Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder weinen soll! Psyche … das ist … das ist gegen den Willen der Götter …“
„Ja“, schniefte Psyche. „Ich weiß! Und er ist einfach abgehauen, hat mich alleine gelassen. Ich weiß es doch auch nicht … ich meine jetzt, danach, er hat mir erlaubt, euch zu besuchen. Er war sehr nett.“
Gorda und Tessa blickten sich an. „Psyche, du bist eine Prinzessin. Du solltest dich nicht so behandeln lassen. Es gibt Rituale, die vollzogen werden müssen, bevor Mann und Frau … zusammen sein sollten.“
Psyche und wischte die Tränen von den Wangen. „Ihr habt ja Recht. Ich bin so unsicher. Ich weiß gar nicht mehr, was ich von all dem halten soll. Es ist wie ein Traum, aber ich habe Angst.“
„Also wenn du mich fragst“, sagte Gorda und streichelte Psyche eine Haarsträhne hinter die Ohren. „Die hätte ich an deiner Stelle auch.“
Und Tessa nickte bestätigend. „Irgendetwas ist hier faul. Gewaltig faul.“
„Aber warum sagte ihr denn sowas?“, fragte Psyche leise.
„Na, guck dich doch mal um!“, sagte Tessa. „All das hier … es ist viel zu pompös, zu gewaltig … es ist zu gut, um wahr zu sein.“
„Meint ihr … es ist zu gut für … für mich?“ Psyche ließ den Kopf hängen und blickte zu Boden.
„Nein … nein“, sagte Gorda sanft.
Tessa widersprach. „Du musst zugeben, dass es seltsam ist. Niemand wollte Psyche haben und jetzt …“
Psyche hob ihr Gesicht. Sie blickte ihren Schwestern in die Augen und nickte langsam. „Ist schon gut“, sagte sie. „Ich weiß.“
Irgendwie erleichterte es sie, dass ihre Schwestern die Dinge genauso sahen wie sie selbst. Sie hatte dem Untier gerne glauben wollen, doch jetzt, bei Tageslicht, durch die Augen ihrer Schwestern, begriff sie endlich das Ausmaß der Unwirklichkeit.
„Ich weiß ja nicht einmal, wie er aussieht“, platzte es aus ihr heraus. „Er kommt nur her, wenn es dunkel ist. Stockfinster.“
Tessa schluckte schwer und trat neben sie. „Du weißt nicht einmal, wie er aussieht?“
Psyche schüttelte den Kopf. Die Nähe ihrer Schwestern beruhigte sie. Sie spürte Gordas Hand, die ihr tröstend den Rücken streichelte, während Tessa ihren Arm sanft drückte.
„Und diesem Mann vertraust du? Einem, dessen Gesicht du nicht kennst? Der nicht einmal die wichtigsten Rituale vollzieht, bevor er dich zu seiner Frau macht? Psyche, bist du wahnsinnig geworden? Haben dir die Diamanten neben deinem Stolz sogar deinen Verstand geraubt?“
„Ich …“, Psyche brach ab. Vor Scham konnte sie kaum noch atmen.
„Bedenke, dass das Orakel von einem Ungeheuer sprach“, sagte Gorda. „Vielleicht ist das die Erklärung für all das hier.“
„Ich hatte es schon vermutete, als ich hineingekommen bin. Dieses Schloss ist eine Falle!“, wisperte Tessa.
Psyche zuckte erschrocken zusammen. „Aber das kann nicht sein!“ Ihre Stimme zitterte. „Wenn ihr ihn kennenlernen würdet, ihr würdet verstehen …“
„Psyche, sei nicht so naiv“, unterbrach sie Tessa. „Was, wenn dieses Wesen dich dazu auserkoren hat, ihm ein Kind zu gebären, damit er es fressen kann? Es gibt so viel schlechtes auf der Welt, man kann gar nicht vorsichtig genug sein!“
Psyche suchte nach einer Verteidigung, einem Argument, dass sie den Tatsachen entgegenstellen konnte. Sie fand nichts. Das einzige, was sie spürte, war bodenlose Angst.
„Mir ist unheimlich zumute“, flüsterte Gorda und nahm Psyches Hand. „Ich möchte zurück! Komm mit!“
Psyche geleitete die Schwestern zum Tor. Der Flur mit den Edelsteinen glänzte noch immer, aber zum ersten Mal sah Psyche die scharfen Kanten und Spitzen. Das dunkle Rot der Rubine, das im Licht der Dämmerung aussah wie Blut.
„Ich kann das einfach nicht glauben …“, sagte Psyche endlich. Eine kühle Brise Abendluft wehte durch das Tor. „Ich bleibe hier.“
Tessa streichelte Psyche über die Wange. „Vergewissere dich.“
„Wie soll ich mich vergewissern?“, fragte Psyche und lehnte sich an den Rahmen des Tores.
„Es wird doch in deinem Schloss irgendwo ein Lämpchen geben, ein Zunderholz … Sieh ihn dir an. Vergewissere dich.“
Und dann verschwanden die Schwestern über die Wiese, so schnell, wie sie gekommen waren. Psyche blickte ihnen lange hinterher.

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7 thoughts on “Zerrissen

  1. Oh backe … ja das passt sehr gut. Jetzt sieht Psyche ihre Welt mit Amor durch die Augen ihrer Schwestern und naja … das was man so kennt ist es ja nicht, was Amor seiner Psyche zu bieten hat. Gut gemacht jedenfalls 😉

    Liked by 2 people

    • Thanks a lot! Tibi gratias ago. 🙂 Und danke auch an Apuleius an dieser Stelle, der ja für das Original verantwortlich ist. – Wobei da der pure Neid zum Tragen kommt. Das habe ich ein wenig verändert.

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  2. ja klar schon Apuleius – ich mag dieses ich glaub erste Märchen was es so gibt, ja auch total gern. Was ich speziell meinte war deine Bemerkung …

    Irgendwie erleichterte es sie, dass ihre Schwestern die Dinge genauso sahen wie sie selbst. Sie hatte dem Untier gerne glauben wollen, doch jetzt, bei Tageslicht, durch die Augen ihrer Schwestern, begriff sie endlich das Ausmaß der Unwirklichkeit.

    das schien mir sehr plausibel und hab ich von Apuleius nicht so in Erinnerung. Hab jetzt nicht nachgelesen …

    Lieben Gruß jedenfalls
    und einen schönen Sommer
    AngelMythos

    Liked by 1 person

    • Ja genau! Ich finde Apuleius an dieser Stelle zu “märchenhaft”, d.h. zu gut-böse mäßig. (Er unterstellt den Schwestern puren Neid, später kommen sie sogar deswegen zu Tode. Na ja …) Empfand Deinen Kommentar daher als Kompliment, weil mir das bescheinigt, dass meine Adaption nicht ganz so Schwarzweiß daherkommt. So war das auch beabsichtigt. Danke und viele liebe Grüße!

      Liked by 1 person

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