Gefallen

Ein paar Vorbemerkungen, ausnahmsweise. 

Dies ist der vorerst letzte Teil vom Blogroman „Amors Abenteuer“. Ich hoffe, er wird euch gefallen. Habe lange daran herumgedoktort, fast jedes Wort zig Mal umgewälzt. Selbstverständlich bin ich nicht zufrieden, aber dank euch veröffentliche ich es trotzdem! 

Dieses „trotzdem“ zu tun ist es auch, was ich lernen durfte. Daneben die kontinuierliche Arbeit an einer längeren Geschichte. – Danke! 

Eine kleine Warnung: Ich habe euch da einen ziemlich üblen „Cliffhanger“ am Ende eingebaut und die Geschichte wird erstmal nicht fortgeführt! 😉 

Einen wunderschönen Sommer und alles Liebe! – Ganz viel Spaß beim Lesen! 

Eure

Runa Phaino

 

 

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Als Amor ins Schloss zurückkehrte, plagten ihn Gewissensbisse. Ob es richtig gewesen war, seine Mutter mit einem Sterblichen zu verbinden? Was würde Mars dazu sagen, wenn er davon hörte? Was Vulkanos?

Wie Tiere waren Venus und Adonis übereinander hergefallen. Wahrscheinlich lagen sie noch immer auf der Lichtung, derart ineinander verschlungen, dass man sie kaum auseinanderhalten konnte. Eine groteske Szenerie und so peinlich, dass es weh tat. Wie um alles in der Welt würde er diese Bilder wieder aus seinem Kopf bekommen?
„Scheiße!“, fluchte Amor und feuerte seinen Bogen in die Ecke des Flures. „Ist denn alles falsch, was ich mache?“ Er zog seinen Köcher von der Schulter und schmiss ihn hinter dem Bogen her.
Doch als er ins Schlafzimmer gelangte und seine Nase in Psyches Haar tauchte, da verflog seine schlechte Laune. Er erinnerte sich daran, wie sein Vater einst sagte, dass im Krieg alles erlaubt wäre. Und Venus flötete damals: „Genauso wie in der Liebe, ihr Schätzchen.“ Seine Mutter in einen Menschen zu verlieben, war die einzige Chance, um sie dazu zu bringen, Psyche als seine Frau zu akzeptieren.
„Hallo meine Schöne, wie war es mit deinen Schwestern?“, raunte er. „Hattet ihr einen angenehmen Tag?“
Psyche drehte sich weg. Verunsichert schlüpfte Amor unter die Decke. Er nahm an, dass sie sauer auf ihn war. Und er konnte sich schon denken, warum.
Seufzend begann er zu erklären: „Es ist nicht so leicht. Weißt du, meine Eltern wissen alles besser und sie sind vor allem total intolerant. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass wir dieses Versteckspiel ab sofort beenden könnten. Wirklich, Psyche, das musst du mir glauben. Ich dachte ja auch, dass meine Ma sich ein wenig geändert hätte. Hat sie aber nicht. Aber ich habe etwas gemacht, das …“ Amor hielt kurz inne. „Du würdest es, glaube ich, nicht verstehen. Ich bin ja selber nicht mal sicher, ob es richtig war. Vielleicht war es ein Fehler, aber weißt du, wenn du bei mir bist, dann fühlt es sich nicht falsch an. Es ist der einzige Weg …“
Amor lauschte in die Dunkelheit, doch Psyche antwortete nicht. Ihr gleichmäßiges Atmen war alles, was er von ihr hörte.
„Ich verspreche dir, nein, ich schwöre es. Ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist: Du musst nicht mehr lange warten. Bitte sei nicht böse.“
Gerne hätte er noch mehr gesagt, aber er spürte, dass er heute nichts mehr ausrichten konnte. „Wie war es denn mit deinen Schwestern?“
Amor rüttelte Psyche sanft an der Schulter.
„Hallo?“
Nichts. Nur Atem. Vielleicht träumte sie schon?
Amor beschloss, nicht weiter nachzufragen. Erst jetzt spürte er, wie erschöpft er war. Binnen kurzer Zeit schlief er ein.

Starr vor Angst hielt Psyche den Dolch an ihrer Brust gepresst. Sie wartete noch eine Weile. Dann schlug sie vorsichtig die Decke zurück und verließ das Schlafzimmer. In einer Kommode auf dem Flur hatte sie ein Lämpchen bereitgelegt. Ein kleines Gefäß gefüllt mit Öl, an dessen Rand ein Docht angebracht war.
Im Schloss gab es unzählige kleine und große Öllampen, ja sogar Kerzen und einen Kamin. Dort hatte sie auch Feuersteine gefunden und sich gewundert, warum sie nicht schon viel eher davon Gebrauch gemacht hatte.
Psyche trug das kleine Lämpchen vor das Eingangsportal des Schlosses. Draußen neben der Treppe hatte sie die Feuersteine unter einem Büschel trockenen Gras` verborgen. Der Nachthimmel zeigte keine Sterne, keinen Mond und Psyche hatte Mühe, das Gras zu finden.
„Was für ein unheimlicher, unwirklicher Ort das hier ist …“, wisperte sie, um sich selber Mut zu machen.
Sie entdeckte die Steine, schlug sie aneinander und entfachte eine kleine Flamme in der bitterschwarzen Nacht. Sie entzündete die Lampe am brennenden Gras und löschte das Feuer mit Schmutz und Staub.
Das, was sie tat, fühlte sich unwirklich an. „So weit hast du es also gebracht“, dachte Psyche. „Von der hässlichen Prinzessin zur Gefangenen im Traumschloss bis hin zur … zur … Monsterjägerin.“
Sie nahm die Lampe und schlich auf Zehenspitzen zurück ins Schloss. Den Dolch hielt sie fest umklammert. Im Flur wirkten die Edelsteine wie von einem grauen Schleier überzogen, doch aus einer Ecke glitzerte es golden. Erschüttert kniete Psyche daneben. „Es will mich töten“, schoss es ihr durch den Kopf. „Es will mich wirklich töten …“
Unzählige Pfeile lagen dort, einer schöner als der andere. Ein paar von ihnen schimmerten kaum, die hatten dumpfe, graue Enden. In der Mitte aber, zwischen den goldenen Spitzen, lag ein glänzendes Exemplar, dessen Anfang geformt war wie ein geschnörkeltes Herz. Psyche berührte ihn fasziniert. Ein Tropfen Blut quoll aus ihrem Finger. Erschrocken ließ sie los, erhob sich und öffnete die Tür zum Schlafzimmer. Ihr Herz drohte fast zu zerspringen, so schnell schlug es.
Kein haariges Monster, kein menschenfressendes Ungeheuer, kein grausames, heimtückisches Wesen. Dort lag ein wunderschöner Jüngling mit hellbraunem Haar und bronzefarbener Haut, makellos wie eine Statue.
„Das kann nicht wahr sein“, keuchte Psyche. Nichts war echt, nichts war wirklich, konnte es gar nicht sein, in keinem irdischen Sinn zumindest. Der kunstvoll verzierte Bogen, die Pfeile mit den bleiernen und goldenen Spitzen, all die Unwirklichkeit, die das Schloss umgab. Kein Sterblicher war es, der sie liebte, sondern Amor, die Liebe selbst.
Und als wäre es ebenfalls überrascht von dem Anblick, löste sich ein winziger Tropfen Öl aus der Lampe und fiel hinab auf die Schulter des Schlafenden. Erschrocken sprang Amor hoch. Er presste seine Hand auf die Schulter, in die sich der neugierige Tropfen bohrte. Er brauchte ein paar Augenblicke, um zu verstehen, was geschah. Er erkannte Psyche, die mit zitternden Händen ein Lämpchen hielt. Er sah das Licht. Schmerzhaft verzog er das Gesicht.
„Was … was tust du?“, keuchte Amor.
„Du … Du bist ein Gott?“, stammelte Psyche, nicht minder erschrocken.
Selbst die Zeit wirkte erstarrt.
Da begannen die Wände zu wanken und das Gebälk des Schlosses bebte. Amor schnappte sich einen Stuhl und zertrümmerte das Fenster. Er ergriff Psyche und schoss hinaus, während das Schloss mit einem Knall in sich zusammenbrach.
Atemlos lauschte Psyche dem Schlag der riesigen Flügel. Ein scharfer Wind streifte über ihre Wangen, wo ihr die Tränen hinabflossen. Eng presste sie sich an den geflügelten Geliebten. Sie spürte das Gefühl deutlich. Zwischen der Angst und all dem Schrecken fühlte sie ein warmes, sehnsüchtiges Pochen, das ihr Herz für immer mit diesem Gott verband.
Auf der Bergspitze, wo Amor sich einst in Psyche verliebte, setzte er sie ab. Der Zauber, der das Schloss umgab, war verschwunden. Die Nacht zeigte alle Lichter, den hellsten Mond und funkelnde Sterne. Amor war, als sähe er Psyche zum ersten Mal. Ihre Lippen, die er so oft geküsste hatte, waren trocken. Ihre Augen, diese glänzenden Perlen, schimmerten verzweifelt. Ihr liebreizendes Gesicht wirkte verzerrt von Trauer. „Ich liebe dich“, schluchzte sie. „Ich liebe dich!“
Er trat einen Schritt zurück.
„Meine Mutter hat mich vor euch gewarnt“, sagte er. „Ich habe es nicht glauben wollen. Aber jetzt …“
„Es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid. Ich … es tut mir leid. Lass mich dir erklären …“
„Es gibt nichts zu erklären. Was geschehen ist, ist geschehen. Ich muss dich jetzt verlassen.“
Amor schlug seine Flügel auf.
„Nein!“, kreischte Psyche, ergriff Amors Füße und hielt sich dort fest, während er sich gen Himmel emporschwang.
„Du darfst mich nicht verlassen!“, rief Psyche. „Ich liebe dich!“
„Du bist doch bloß ein Mensch“, keuchte Amor. „Und Menschen, das weiß ich jetzt, können nicht lieben.“
Er schwang sich noch höher und Psyche hatte Mühe, ihn festzuhalten. „Dann rette wenigstens unser Kind!“, rief Psyche verzweifelt. „Es kann doch nichts für meinen Fehler.“
„Auch das ist nur ein Mensch.“
Die Worte raubten Psyche jede Kraft. Sie konnte sich nicht länger festhalten, konnte Amor nicht länger greifen. Also ließ sie ihn los, ließ sich selbst los und fiel hinab, fiel hinab in die Tiefe.

 

 

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