Ungeheure Schmerzen

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Die Schmerzen in Amors Schulter waren unerträglich. Sein neuer Bogen war im Schloss zerplatzt. Es war alles ruiniert, zerstört, vernichtet. Wegen ihr. Diesem misstrauischen Menschlein!

Er war ein solcher Idiot. Selbst seine Mutter hatte er verraten. Was hatte er nicht alles getan! Und sie, sie war nicht imstande, nur ein einziges Versprechen zu halten. Ein einziges!

Den alten Bogen bewahrte in seiner Wolke auf. Genauso, wie die Pfeile. Wütend wie er war, machte er sich daran sie alle abzuschießen. Nicht die goldenen. Nur die bleiernen.

Das Geräusch brechender Herzen erklang wie Musik in Amors Ohren.

Er hätte sie alle abgeschossen. Alle bleiernen Pfeile. Aber die Schmerzen in seiner Schulter waren gewaltig.

Mit letzter Kraft schleppte sich Amor auf die Stufen von Venus Wolkenpalast, dort blieb er erschöpft liegen. Und als die Sonne unterging und es eigentlich Zeit gewesen wäre, für ihn zu Psyche zurückzukehren, da weinte er vor Schmerz und vor Wut.

„Mein Schätzchen, das war aber ein schöner Ausflug heute!“

„Stern meiner Augen, Schönste der Schönen, es war mir eine Ehre, euch zu begleiten!“

Schnell wischte sich Amor die Tränen aus dem Gesicht. Endlich, da war seine Mutter. Doch sie war nicht alleine. Jemand begleitete sie, – es war nicht Mars, irgendjemand anderes, kleineres, sterbliches …

Amor schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Er war so ein Dummkopf! Natürlich war Adonis bei Venus. Sein genialer Plan hatte sich erfüllt.

„Oh du Held meiner schlaflosen Nächte, möchtest du vielleicht noch mit hochkommen? Auf einen Tee, vielleicht etwas Nektar und Ambrosia?“

„Nichts könnte besser schmecken als deine Lippen, meine Holde!“, sagte Adonis und küsste Venus wild. Die ließ sich von ihm an die Brüstung der Treppe drücken und begann, ihr Kleid hochzuschieben.

Das ging zu weit.

„Ma!“, rief Amor. „Hallo! Ich bin … da … “

Sowohl Venus als auch Adonis hielten in ihrer Bewegung inne. Langsam drehten sie ihre Köpfe empor und Venus entfuhr ein spitzer Schrei als sie ihren Sohn erkannte.

„Es ist nicht das, wonach es aussieht …“, stammelte Venus errötend.

„Ist das dein eifersüchtiger Ehemann?“, fuhr Adonis aufbrausend hoch. „Ich habe keine Angst vor ihm!“

„Das ist mein … Sohn“, sagte Venus und sah betreten zur Seite.

„Sponta-anbesuch“, stotterte Amor. Dann brach er in Tränen aus.

Im nächsten Moment fand er sich wieder in der parfümierten Wolke seiner Mutter. Sie drückte ihn an ihren Busen und streichelte ihm über das Haar. Diesmal beruhigte es Amor zutiefst, ihren Duft zu riechen. Er schlang seine Arme um ihren Hals und weinte hemmungslos.

„Was ist denn los, mein kleiner Schatz?“, fragte Venus. Nebenbei hob sie einen Arm und warf Adonis einige Kusshände zu.

„Ist er endlich weg?“, fragte Amor zwischen seinen Schluchzern.

„Ja, mein Schatz“, sagte Venus und wandte ihren Blick zurück zu Amor. „Was hast du denn?“

„Ich bin ver- verletzt!“, schniefte Amor und zeigte Venus seine Schulter.

„Oh ihr Götter!“, keuchte Venus entsetzt. „Das muss sofort behandelt werden!“

Sie klatschte in die Hände und wies eine ganze Heerschar Nymphen und Satyrn an, Amor zu verpflegen. Ein Verband wurde angelegt, ein Kräutersud gekocht, Amor wurde in sein Kinderzimmer getragen und in sein Bett gelegt. Venus setzte sich neben ihn.

„Besser?“, fragte sie.

„Etwas“, seufzte Amor und drehte sein Gesicht ins Kissen. Unaufhörlich rannen ihm die Tränen die Wange hinab. Unvorstellbar, dass überhaupt so viel Flüssigkeit in ihm war.

„Nun, wenn du mich fragst“, sagte Venus, „sieht es so aus, als ob du Kummer hast. Tieferen Schmerz, als ihn diese Wunde zufügen könnte. Schmerz in deinem Herzen.“

„Woher weißt du das?“, fragte Amor entgeistert.

„Cupido, ich bin die Göttin der Liebe und deine Mutter. Ich hatte da schon länger einen Verdacht, aber jetzt ist es offensichtlich.“

„Wieso?“, schniefte Amor.

„Weil du leidest. Deine Schulter sieht schlimm aus, viel schlimmer aber ist dein gebrochenes Herz. Ich kann es fühlen.“

„Echt?“, fragte Amor.

„Ja“, sagte Venus. „Und ich möchte wissen, wer dir das angetan hat!“

Amor schauderte. Zorn lag in Venus Stimme.

„Niemand“, sagte er daher.

„Das ist nicht wahr. Nimm sie nicht in Schutz. Oder ihn? Oh ihr Götter, hast du deswegen die Männer von Mars …“

„Nein Ma“, sagte Amor schniefend. „Es ist ein Mädchen, … ach … aber was willst du denn machen?“

„Ich will es wissen, Cupido!“

„Es war … Psyche“, sagte Amor leise.

„Was? Diese Prinzessin? Die sich einst für mich ausgab und alle meine Opfergaben gestohlen hat? Die hat meinen Sohn verführt? Wie hat sie es angestellt? Ich dachte, sie ist längst mit einem Ungeheuer vermählt und tot!“

Als Amor „Ungeheuer“ hörte, musste er laut schluchzen. „Ma, versteh doch, ich war das Ungeheuer.“

 

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4 Gedanken zu “Ungeheure Schmerzen

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