Psyche und Pan (1)

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Psyche stolperte durch das Unterholz. Es war bitterkalt, die Äste verfingen sich in ihrem Gewandt, rissen daran, es war Psyche egal. Spitze Steine bohrten sich in ihre Ferse, Psyche spürte es kaum.  Dornen piksten in ihre Haut, Psyche schnaufte verächtlich und rannte einfach weiter.

Sie war so wütend, so unendlich wütend. Amor hatte sie einfach fallen gelassen, mitten in der Nacht in diesen gottverlassenen Wald.

„Ungeheuer!“, spuckte Psyche aus. „Du Ungeheuer!“

Hätte der Zephyr sie nicht aufgefangen, sie wäre auf dem Boden zerplatzt wie eine reife Pflaume. Und vielleicht wäre das am besten gewesen!

„Na na na …“, hörte sie da auf einmal eine tiefe, sonore Stimme. „Wer ist denn da so aufgebracht? Schon zu Beginn der Nacht?“

„Zu Beginn der Nacht“, echote es aus allen Ecken und Enden des Waldes. Verdutzt hielt Psyche inne und blickte sich um.

Kurze Zeit war es wieder still. Lediglich ein paar Vögel zwitscherten. Der Mond schien hell und Psyche spürte den nassen Tau an ihren Füßen, der sie angenehm kühlte. Und als sie schon dachte, sie hätte sich verhört, da schwebten aus den Tiefen des Waldes auf einmal kleine Wesen heran, die trugen Gewänder aus Spinnweben und leuchteten im Mondlicht. Es waren kleine Frauen mit Flügeln, gefolgt wurden sie von einer Schar kleiner Kerle, die hatten Ziegenfüße und winzige Hörner und einen spitzen Bart.

Sie strömten durch den Wald und zogen Psyche mit sich auf eine Lichtung, in deren Mitte ein großer Steinblock lag. Sie umringten Psyche und zupften neugierig an ihrem Gewand. „Was ist denn das für ein Ding?“, fragte eine der geflügelten Frauen keck. „Ist es ein Mensch?“

„Vielleicht ist es ein Zyklop“, bemerkte einer der kleinen, ziegenbockfüßigen Kerle.

Psyche war völlig verblüfft vom Geschehen, doch als sie hörte, dass sie mit einem Zyklopen verglichen wurde, schnaubte sie empört auf.

„Nein, sieh nur“, sagte die kleine Frauengestalt, „sie hat ja auch zwei Augen, das eine ist etwas unter dem Wulst da versteckt, aber ein Zyklop kann es nicht sein.“

„Na na na, Kinder Kinder!“, rief da die tiefe, sonore Stimme. Der Kreis aus den winzigen Gestalten lichtete sich an einer Stelle und hindurch schritt ein großer Mann. Ein Mann, der, Psyche erkannte es, als er näherkam, ebenfalls Ziegenfüße hatte und einen spitzen Bart. Aus seinen dichten Locken stachen zwei Hörner.

„Ihr solltet eine Dame nicht so schimpflich beleidigen!“, führte der Herr aus. „Wir haben hier eine … wahre Schönheit vor uns.“ Er kam näher und musterte Psyche. „Schönheit, die im Auge des Betrachters liegt,“ schloss er räuspernd. „Liebchen, sag uns, was verschlägt dich allein in diesen Wald?“

„Wer, wer seid ihr?“, stammelte Psyche.

Der Gehörnte machte eine tiefe Verbeugung. „Gestattet, Werteste, ich bin Pan, der Rächer der Gerächten, Herr und Meister von Nymphen und Satyrn und Faunen – und solchen, die es werden wollen. Wie ist euer Name, Holdeste?“

„Ich … Ich bin Psyche“, stammelte Psyche und drückte sich gegen den Felsen.

„Ihr mögt die Standhaftigkeit meines Throns, seine Festigkeit?“, fragte Pan. „Für gewöhnlich betrachte ich von dort das Treiben meiner Nymphenschar.“

„Oh, Entschuldigung …“, sagte Psyche und ließ den Felsen verwirrt los.

„Habt ihr geweint?“, fragte Pan. Er war jetzt so nahegekommen, dass Psyche seinen Atem auf ihrer Wange spürte. Er roch nach würzigem Waldluft.

Psyche schüttelte den Kopf.

„Doch, ihr habt geweint“, befand Pan. „Und für gewöhnlich weinen Mädchen alleine im Wald, wenn sie Kummer haben?“

Psyche schüttelte abermals den Kopf.

„Liebeskummer?“

Psyche blickte Pan in die Augen und fand darin so viel Verständnis, dass sie entkräftet nickte.

„Gut“, sagte Pan zufrieden. „So kommen wir der Sache näher.“

Er drehte sich zu den Nymphen und Faunen um, die bisher schweigend zugesehen hatten.

„Das Mädchen hat Liebeskummer!“

Ein trauriges Stöhnen und Klagen raunte durch die Menge.

„Aber! Aber!“, sagte Pan und schmunzelte. „Ich kann dir einen Tipp geben. Zufällig kenn ich da jemanden, etwas frech und tollpatschig, der könnte dir bestimmt helfen.“

Erstaunt blickte Psyche ihn an. „Wer sollte mir denn helfen können?“

„Na, Amor!“, rief Pan und klatschte lachend in die Hände. „Hast Du denn noch nie vom Gott der Liebe gehört?“

Psyche brach in heftiges Schluchzen aus.

„Es … es ist Amor!“

Das Grinsen verschwand aus Pans Gesicht und ein verblüfftes Staunen machte ihm Platz.

„Du weinst wegen Amor? Wegen diesem Dickerchen?“

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