Psyche und Pan (2)

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Psyche sah Pan verdutzt an. „Wieso Dickerchen?“

„Natürlich“, Pans Lippen verzogen sich wieder zu seinem grinsenden Ausdruck. „Liebe macht bekanntlich blind.“

„Er ist ein Gott!“, hielt Psyche dagegen. „Er ist nicht dick!“

„Gott, Mensch, Faun, Satyr, Nymphe, dick, dünn … was macht das schon?“, winkte Pan ab. „Wo die Liebe hinfällt, wächst kein Gras.“

Psyche schniefte und eine Träne rollte über ihre Wangen.

„Oh, armes Liebchen“, sagte Pan. „Weine ruhig, lass alles raus. Und währenddessen werden wir gemeinsam das Schauspiel genießen!“

Er kletterte geschickt auf den Felsen und zog Psyche zu sich nach oben. Für kurze Zeit wurde Psyche an seinen Oberkörper gedrückt. Ein würziger, moschusartiger Duft strömte in ihre Nase. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und rückte eine Armeslänge fort von Pan. Der machte er sich auf dem Felsen bequem und legte sich auf die Seite. Er nestelte eine Flöte aus seinem Umhang, zwinkerte Psyche zu und begann, eine fröhliche Melodie anzustimmen.

Es war ganz unglaublich, was mit den Nymphen, Faunen und Satyrn geschah. Aus der ungeordneten Menge wurde eine bewegte Form, sie verwandelte sich in einen Kreis, einen Stern, eine Spirale.

„Von hier oben sieht es am schönsten aus“, murmelte Pan zwischen zwei Tönen.

Die Melodie der Flöte überwarf sich und wurde aufgenommen von den Bäumen des Waldes. Das Rauschen der Blätter mischte sich mit den klingenden Noten.

„Singen die Bäume?“, fragte Psyche verwundert.

„Oh ja“, sagte Pan. „Ist es nicht wunderschön?“

Psyche nickte fasziniert.

„Das sind die Stimmen der Baumnymphen“, erklärte Pan. Während er sprach, spielte er gleichzeitig auf seiner Flöte.

„Warum tanzen sie nicht hier?“, fragte Psyche.

„Sie verließen uns einst, weil sie sich in einen Stern verliebten. Sie nahmen die Form von Bäumen an, um dem Himmel so nah wie möglich zu sein.“

Während Pan diese Worte sprach, veränderte sich die Musik. Die Bewegungen der Tanzenden wurden langsamer.

„Wir vermissen sie“, fügte Pan erklärend hinzu. „Wir tanzen für die Liebe. Wir lieben. Alles.“

Und in diesem Moment konnte Psyche einen winzigen Funken ihrer Liebe spüren. Darüber aber lag tiefer, schwarzer Kummer. Ihr taten die Nymphen in den Bäumen leid, genauso wie die Menge der tanzenden Satyrn und Pan an ihrer Spitze, die um die verlorenen Nymphen trauerten.

Die Melodie wurde immer eindringlicher und Psyche hatte das Gefühl, dass sie dem Kummer einen Weg nach draußen ebnete und die Liebe freilegte, freimachte von Kummer, bis allein die Liebe blieb.

„Ruhig“, sagte Pan. „Wir haben die ganze Nacht Zeit.“

Er legte seine Fingerspitzen auf ihren Rücken. Das beruhigte Psyche genauso, wie es sie irritierte.

„Amor ist … er hat mich fallen gelassen.“

„Tja, er ist auch gerade erst der Muttermilch entwöhnt“, murmelte Pan. „Was haltet ihr von Amor?“, rief er in die tanzenden Nymphenschar.

„Lausebub!“, „Frechdachs!“, „Ein lustiger Kerl!“, kam es von unten. „Wer ist das?“, „Kennt ihr den?“, „Doch, das ist doch er, der die Krieger verliebt gemacht hat!“ Und alle verfielen in ein aufgeregtes Geplapper, das sich mit der Musik mischte.

Obwohl sie traurig war, musste Psyche grinsen. Es war drollig, wie die kleinen Kerlchen ihren Liebsten wahrnahmen.

„Also“, sagte Pan. „Vergiss diesen Bengel einfach.“

„Ihn vergessen? Das könnte ich nie!“

„Und warum nicht?“, fragte Pan.

„Weil … ich weiß nicht. Ich bin schwanger. Ich … Er hat mich so … er macht mich verrückt!“

„Du liebst ihn“, schloss Pan.

„Ja.“

„Dann gibt es nur eine Sache, die dir helfen wird“, sagte Pan.

 

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