Ceres

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Pluto verschränkte die Arme und blickte zufrieden drein.
„Ich will sie oder keine.“
„Pah“, sagte Amor und rollte sich auf die Seite, um den verliebten Pluto nicht länger ansehen zu müssen. „Das dachte ich auch mal. Aber Liebe gibt es nicht. Egal wie stark die Gefühle zu Anfang sein mögen. Zum Schluss wirst du nur verraten …“
„Blödsinn“, entgegnete Pluto. „Du kommst jetzt mit mir in die Unterwelt.“
„Oh ja“, sagte Amor und streckte Pluto seine Hände entgegen. „Endlich! Töte mich!“
Kopfschüttelnd zog Pluto Amor aus dem Bett. „Nicht um zu sterben. Meine Liebste ist dort. Die Schönste und Bezaubernste von allen, mein Herzelchen, mein Augenstern!“

Die Erkenntnis erhellte Psyches Herz, genauso wie die Sonne, die gerade ihre Strahlen über die Lichtung schickte.
„Es ist wahr“, sagte Psyche. „Ich liebe ihn. Ich muss ihn sehen. Es kann nicht einfach so vorbei sein!
Ich habe einen Fehler gemacht. Ich war unvorsichtig, unbedacht. Das alles ist wahr. Aber ich liebe ihn. Und das ist das einzige, was zählt. Ich werde ihn finden, und wenn es das letzte ist, was ich tu.“
So stand Psyche an diesem Morgen auf. Tief und fest hatte sie geschlafen, bedeckt von dichten Spinnenweben auf einem kleinen Hügel aus Moos.
„Dank euch ihr Nymphen und Faune, Dank auch dir, Pan“, flüsterte Psyche und wischte sich mit dem morgendlichen Tau den Schlaf aus den Augen. Und dann schritt sie über die Wiese, die im Sonnenlicht glitzernder funkelte als ein Kristallpalast.
Es gab nur einen Weg, wie sie Amor wiederfinden konnte. Sie musste die Götter selbst aufsuchen. Der Gedanke daran ließ sie erschaudern. Aber blieb ihr eine andere Wahl? Sie wollte, wenn es nötig war, bis ans Ende der Welt gehen, um Amor noch einmal zu sehen.
Psyche entdeckte einen schmalen Weg, dem sie folgte, bis sie in eine kleine Siedlung gelangte. Sehnsüchtig betrachtete sie die Eingänge zu den Tavernen, roch gebratenes Fleisch und hörte, wie Wein aus Schläuchen in Krüge gluckste. Während Psyche noch darüber nachdachte, wie sie es anstellen wollte, an etwas Essbares zu gelangen, stolperte sie auf einmal über einen Krug, der umgefallen war und aus dem sich eine Menge Korn ergoss. Nicht weit davon entfernt, zwischen zwei kleinen Häusern, hockte eine vermummte Gestalt, die bitterlich weinte.
Niemand der Menschen aus der Siedlung schien von ihr Notiz zu nehmen. Alle gingen vorbei. Psyche aber schaufelte das Korn, das aus dem Krug hinausgeflossen war, mit beiden Händen zurück und stellte ihn neben die Frau.
„Sehr her, Mütterchen“, sagte sie. „Es ist doch alles wieder gut.“
Die Alte aber antwortete nicht, sondern schluchzte.
Da setzte sich Psyche eben sie, eben wie es Pan bei ihr getan hatte, legte ihr eine Hand auf den Rücken und fragte:
„Was ist es denn, das euch so sehr auf dem Herzen liegt?“
Die Alte beruhigte sich etwas, schien erst jetzt wahrzunehmen, dass Psyche da war und ergriff ihre Hände.
„Ich danke dir, mein Kind“, sagte sie. „Du musst ein gutes Herz haben, dass du mir hilfst. Dass du dich um die Gabe kümmerst, die hier achtlos auf dem Weg lag. Ich danke dir.“
Psyche zuckte mit den Schultern. „Das ist doch selbstverständlich.“
„Es ist nicht selbstverständlich, dass man mich sieht“, widersprach die Alte und blickte Psyche an. Ihr Gesicht wirkte unerwartet jung, ihr Haar hatte die Farbe von goldenem Korn, in ihren Augen meinte Psyche für einen kurzen Moment den Himmel zu sehen, so wie er aussah kurz vor Einbruch der Dunkelheit.
Dese Frau wirkte nicht wie ein schwaches Mütterlein.
„Wer bist du?“, fragte Psyche.
„Du scheinst einen feinen Sinn für das Luminose zu haben. Nur wenige können uns Götter sehen. Ich bin Ceres.“
Psyche schluckte. Ceres war die Göttin der Fruchbarkeit, des Ackerbaus und der Ehe. Seltsam, dass sie ihr begegnete. Das konnte kein Zufall sein.
„Ich … ich kannte Amor“, sagte Psyche erklärend. „Ich suche ihn!“
„Amor?“, fragte Ceres verblüfft und verengte dann die Augen. „Bist du die, für die ich dich halte? Bist du Psyche?“
Psyche nickte hoffnungsvoll.
Doch Ceres Blick verdunkelte sich.
„Ich kann dir nicht helfen. Es tut mir leid. Venus ist meine Freundin und sie ist so zornig auf dich. So zornig, wie sie es auf keinen Menschen war.“
„Aber warum?“
„Sie duldete es nicht, dass ihr Sohn eine Sterbliche liebt.“
„Er liebt mich?“
„Er ist krank vor Kummer“, antwortete Ceres. „So wie es eben ist, wenn man jemanden verliert, den man liebt …“ Und wieder begannen die Tränen von Ceres Wangen zu rinnen. „Ich weiß, wie das ist, denn ich suche meine Tochter.“

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