Der Tod und die Liebe (2)

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Die Frau kauerte in der Ecke der Kammer. Ihr Haar war verfilzt, die Haut fleckig, das Gewandt zerrissen. Als Pluto die Tür zum Verließ öffnete, zuckte sie leicht. Sie war so schmutzig, dass sie kaum mehr als Mensch zu erkennen war. Und es roch … unangenehm.

„Oh ihr Götter!“, keuchte Amor. „Was ist das?“

„Ist sie nicht wunderschön?“, fragte Pluto strahlend.

„Ist das deine Liebste?“, stammelte Amor. „Wie lange ist sie schon so?“ Je näher er kam, desto genauer konnte er den Zustand der Frau erkennen. Die Haare klebten an ihrem Nacken und kleine Insekten krabbelten über ihren Körper. Die Lippen waren aufgesprungen und überall an ihren Beinen und Armen waren kleine, rote Stiche.

„Ach, wen kümmert die Zeit, wenn man verliebt ist! – Liebling!“, rief Pluto und beugte sich hinab zu der Frau. „Ich bin zurück!“

Die Frau drehte den Kopf von Pluto weg. Er gab ihr einen Kuss auf die verschwitzte Stirn.

„Ich glaube“, sagte Pluto und wandte sich zu Amor, „sie mag mich nicht.“

„Du kannst sie doch nicht einfach einsperren!“

„Wieso denn“, fragte Pluto. „Du hast es doch genauso gemacht.“

„Wie bitte?“, entrüstet verschränkte Amor die Arme. „Ich habe Psyche ein Schloss gebaut, ich habe sie nicht in ein Verließ gesperrt!“

Pluto reckte sein menschliches Kinn. „Aber sie wollte weglaufen. Du wolltest weglaufen. Nicht wahr, mein kleiner Schatz? Das war nicht nett von dir. Außerdem darfst du mich nie mehr verlassen, denn du hast von dem Granatapfel gegessen.“

„Ja, aber …“ Amors Stimme überschlug sich vor Empörung. „Guck sie dir doch an. Kein Wunder, dass sie dich nicht mag. So funktioniert das nicht. Einfach einsperren … was hast du dir bloß dabei gedacht?“

Pluto blickte von der Frau zu Amor und wieder zurück. Er legte seine menschlichen Finger ans Kinn und dachte nach. „Du meinst, ich habe etwas falsch gemacht?“

Die Frau in der Ecke regte sich. Sie öffnete ihre Augen und hustete leise. Dann murmelte sie deutlich: „Du hast alles falsch gemacht, alles, aber auch alles.”

„Mein Schatz!“, rief Pluto und augenblicklich strotzte seine Mimik vor Entzücken. „Du sprichst wieder! Sage mir, was du verlangst, ich werde dir die Welt zu Füßen legen und dir jeden Wunsch erfüllen und …“

„Ist das der, um den ich gebeten hatte?“, unterbrach ihn ihre dünne Stimme.

„Das ist Amor“, sagte Pluto. „Ich habe ihn hergeholt, ganz wie du es verlangt hast. Es war gar nicht so einfach, weißt du, denn seine Mutter hält ihn gefangen, aber für dich würde ich alles tun …“

Die Augen der Frau richteten sich auf Amor. Sie blinzelte ihn an. „Setze meinem Leiden ein Ende. Ich halte das hier keinen Augenblick länger aus.“

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