Cardea

By Adelino Manuel Pinhe…, CC BY-SA 3.0, Link

Bitte eintreten! 🙂

Heute geht um die römische Göttin Cardea, die für die Tür und alles, was damit zu tun hatte (Schwelle, Klinke, Scharniere, Griffe) zuständig war.
Ihr männliches Pendant hieß Forculus und wenn man von Türgottheiten schreibt, darf natürlich auch der Doppelgesichtige Janus nicht fehlen, der von allen der bekannteste sein dürfte.
Vielleicht öffnet dieser Beitrag ja auch eine Tür für den ein oder anderen Leser, der mit Mythologie bisher noch so gar nichts am Hut hatte. Das würde mich freuen! 🙂

By Ultima Thule, 1927 – Ultima Thule, 1927, Public Domain, Link
Der doppelköpfige Janus.

Janus hatte einen Tempel auf dem Forum Romanum, der angeblich schon in die Zeit des zweiten legendären römischen Königs Numa Pompilius zurückgeht. Dieser König war der Nachfolger von Romulus und mit einer Sabinerin verheiratet. Er führte neben Janus noch einen anderen wichtigen Kult (wahrscheinlich sabinischen Ursprungs) ein, nämlich den der Vesta.

Ein kurzer Rückblick in die römische Geschichte:
Romulus und Remus, die Söhne des Kriegsgottes Mars und der Vestalin Rhea Silvia, wurden nach dem Tod der Mutter (sie durfte als Vestalin keine Kinder bekommen) von einer Wölfin gefunden und gesäugt.

By Peter Paul Rubens[1], Gemeinfrei, Link
Mars und Rhea Silvia.

By Heinrich Aldegrever – Private collection, Public Domain, Link

Der Legende nach sollte Rhea Silvia im Tiber ertränkt werden, ein Diener sollte die Kinder ebenfalls in den Tiber werfen. Es gibt unterschiedliche Varianten darüber, was dann mit Rhea Silvia geschah. Entweder stirbt sie, oder aber der Flussgott Tiberius erbarmt sich ihrer – wie es Romulus und Remus geschah.

By Maître aux incriptions blanches, XV siècle – British Library: http://www.bl.uk/catalogues/illuminatedmanuscripts/results.asp, CC0, Link
Auf diesem Bild sieht man sehr schön, wie die Zwillinge von Faustulus gefunden und zu Acca gebracht werden. Faustulus, ein Hirte, und Acca, werden zu den Zieheltern von Romulus und Remus.

Romulus tötet seinen Zwillingsbruder Remus und wird er der erste König von Rom. Interessant ist hier die Parallele zum biblischen Brudermord von Kain und Abel.

By AnonymousHampel Auctions, Public Domain, Link

Als König von Rom hatte Romulus zunächst noch ein großes Problem: zwar gibt es eine Menge Männer in Rom, aber keine Frauen. Also beschließt Romulus, den Römern Frauen zu beschaffen und lockt seine Nachbarn in eine Falle: die Sabiner und insbesondere ihre Töchter, die Sabinerinnen.

By Christoph Fesel (1737–1805) Dorotheum, Public Domain, Link
Der Raub der Sabinerinnen.

Was zunächst als klassischer Frauenraub daher kommt, wirkt vielleicht etwas weniger drastisch, wenn man bedenkt, dass Romulus zunächst die Väter der Sabinerinnen um die Hand ihrer Töchter bat. Möglicherweise hatte sich die ein oder andere ja sogar in einen der stattlichen Römer verguckt?
Das ist natürlich sehr spekulativ, fest steht allerdings (mythologisch „fest“, wohlgemerkt), dass die Sabinerinnen dann als Mütter von römisch-sabinischen Kindern dafür sorgten, dass sich ihre Männer und Väter nicht weiter bekriegten.

By UnknownWeb Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link Gemälde von Jaques Louis David, gemalt 10 Jahre nach der französischen Revolution.

König Numa Pompilius, der Nachfolger von Romulus, lebte der Sage nach eine Zeitlang bei den Sabinern und brachte den sabinischen Vesta-Kult nach Rom.

By sv:Constantin Hölscher (1861–1921)http://www.villa-grisebach.de/, Public Domain, Link Im Tempel der Vesta.

Über die historische (soweit man das überhaupt historisch zurückverfolgen kann) Entstehung von Janus gibt es unterschiedliche Ansätze. Mythologisch wird sein Kult ja ebenfalls dem zweiten König Roms zugeschrieben.
Manche Religionswissenschaftler gehen davon aus, dass es sich bei ihm um eine Gottheit von „Anfang“ und „Ende“ handelt, eine Art „Hauptgottheit“, von der im Prinzip alles andere abhängt. Frei nach Hermann Hesse: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und jedem Ende ein neuer Anfang.“

Vesta wäre dann die „dritte Seite der Medaillie“, eine Göttin des Feuers (des ewigen Feuers). Den Anfangs-Endgott Janus und Vesta findet man auch in anderen Kulturen wieder, insbesondere in Indien als Vaju und Saraswati.

By Suraj BelbaseOwn work, CC BY-SA 4.0, Link Vayu, eine Art „Windgott“, der auch mit dem Atem (Prana) in Verbindung steht.

By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/c2/62/726e0a0ed16128a5cc5dd714bd36.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0045121.html, CC BY 4.0, Link Saraswati mit Pfau (übrigens auch ein Symboltier der Juno/Hera).

Relativ kompliziert und auch schon etwas älter, nichtsdestotrotz lohnenswert sind dazu die Gedanken von den Religionswissenschaftlern Eliade, Schmitz und Dumézil, die freundlicherweise im englischsprachigen Wikipedia-Artikel über Janus aufgenommen wurden.

Bemerkenswert ist an dieser Stelle auch der im Artikel genannte Bezug von Janus zu einer Sonnengottheit, die wiederum in Verbindung mit den zwei Sonnenwenden im Jahr steht und schon den Sumerern bekannt waren. Isidor von Sevilla schreibt von „zwei Himmelstüren“ (ianuae coeli), aus denen die Sonne herauskommt und wieder hineingeht (Etymologiae 13.1.7). Ianua (lat. Tür) und Ianus/Janus stehen etymologisch in enger Verbindung.
Aus der Kenntnis über die Sonnenwenden sollen mythologisch die „göttlichen Zwillinge“ entstanden sein, die in vielen Kulturen auftauchen und meiner Meinung nach auch einen Wiederhall im Doppelgesichtigen Janus finden. Oder in der Geschichte von Romulus und Remus. Vielleicht sogar in der Geschichte von Kain und Abel?
Denn einer der Brüder ist sterblich und einer ist unsterblich.
Auch hier kann man sich umfassend dazu informieren, wobei der Bezug zur australischen Mythologie in beiden Teilen (noch) fehlt.

E. Smart kommt diesbezüglich allerdings zu einem Schluss, den ich jetzt auch formuliert hätte. 😉

Der Tempel von Janus hatte im alten Rom über Jahrhunderte eine besondere Funktion.

By Peter Paul Rubenshttp://www.abcgallery.com/R/rubens/rubens126.html, Gemeinfrei, Link Janustempel von Rubens.

Wann immer sich Rom im Krieg befand, blieben seine Türen geöffnet. In Friedenszeiten wurden die Türen wieder geschlossen. Möglicherweise ist diese Handhabung aber auch eine Erfindung von Kaiser Augustus, der sich zu seiner Herrschaftszeit damit rühmte, den Janustempel drei Mal geschlossen zu haben.

Wenn man sich die mythologischen Erzählungen um den Gott Janus ansieht, dann findet man auch eine Verbindung zur Göttin Cardea, die vom römischen Dichter Ovid überliefert wird.

By No machine-readable author provided. Auréola assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., Public Domain, Link Ovid in Microsoft Paint.

Ovid war ein Dichter – oder besser gesagt ein Schriftsteller, der in Versmaßen schrieb, wie es damals üblich war -, der zur Zeit von Kaiser Augustus lebte. Viele seiner Geschichten finden sich noch heute in abgewandelter Form in der modernen Literatur. Er machte es sich damals zur Aufgabe, über die Liebe und die Kunst zu Lieben zu schreiben (Amores , Ars Amatoria – wen erinnert das nicht an z.B. Erich Fromm ? – , sammelte aber auch verschiedene mythische Geschichten (Metamorphosen , Fasti) und wurde schlussendlich aus mehr oder weniger unbekannten Gründen aus seiner Lieblingsstadt Rom bis ans damalige Ende der Welt verbannt.
Die Geschichte von Janus und Cardea entstammt dem Teil seines Werkes, das sich mit mythischen Geschichten beschäftigt, den Fasti.

Public Domain, Link Ovid und seine Liebste Corinna.

Ovid war, das könnte man aus seinen Texten deuten oder oben ganz augenscheinlich betrachten, ein sehr leidenschaftlicher Mensch, wobei natürlich immer die Frage bleibt, ob er sich wirklich selbst beschrieb oder ein fiktives, lyrisches Ich erzählen ließ. So soll auch seine Verbannung möglicherweise niemals stattgefunden haben, sondern lediglich eine Erfindung von ihm gewesen sein.

By Evelyn De Morgan – artrenewal.com, Public Domain, Link Medea.

Diese „literarische Fiktion“ wird insbesondere dadurch interessant, dass die Stadt Tomis (Tomoi) der Sage nach der Bestattungsort von Absyrtos war, dem Bruder der Medea. Über Medea und ihre mythischen Bezüge würde sich auch ein eigener Blogartikel lohnen, auf jeden Fall wird auch hier ein Bruder ermordet, allerdings durch die Hand seiner Schwester.

Ovid nun also schrieb in den Fasti folgende Geschichte über Janus und Cardea:
Zunächst stellt er fest, dass der erste Tag des Monats der Göttin Carna geweiht ist, wobei er davon ausgeht, dass es sich um die Göttin Cardea handelt. Wahrscheinlich, weil dem 1. des Monats auch eine „Schwellen-Funktion“ zukommt.
Er nennt sie dann „Cranaë“ und erzählt die Geschichte dieser Nymphe, die fröhlich in den Wäldern Arkadiens jagte und hin und wieder mit der Mondgöttin Diana verwechselt wurde. Wann immer sich ihr ein Mann näherte, tat sie so, als ob sie mit ihm gehen wollte. „Such Du nur eine versteckte Höhle, ich komme gleich nach.“
So entledigte sich Cranaë all der lästigen Verehrer, denn natürlich versteckt sie sich dann schnell im Dickicht.
Nur mit einem will das nicht so recht gelingen, nämlich mit dem Doppelköpfigen Gott Janus, der sehen kann, was hinter seinem Rücken geschieht. Er überwältigt Cranae im Dickicht, was Ovid sehr deutlich beschreibt: „Du kannst nichts tun“, „Tu nichts“, lässt er Janus zwei Mal wiederholen.
Nach der Tat erklärt Janus sie dann zur Göttin über die Türschwellen.

Die Geschichte von „überfallsartiger Tat und anschließender Vergottung“ taucht in den Mythen häufiger auf. So zum Beispiel bei Bona Dea oder auch bei Priapus.

In der Göttin Cardea sind wahrscheinlich verschiedene Gottheiten verschmolzen. So findet sich bei dieser Göttin, wenn man den ovidischen Bezug von ihr als „Carna“ berücksichtigt, auch ein Bezug zu den Heilsgottheiten,
Carna war nämlich eine Göttin für das Herz und die menschliche Lebenskraft, die außerdem die Fähigkeit hatte, sogenannte Strigen abzuhalten, eigenartige Vampirvogelewesen, denen nachgesagt wird, dass sie kleine Kinder klauen. Ein Vorwurf, der auch Lilith galt.

By cjuneauLa Strige, CC BY 2.0, Link

Cardea konnte in ihrer Funktion als Türgottheit solche Strigen ebenfalls abhalten. Man braucht dafür nur ein wenig Weißdorn an die Tür hängen.

By FreddyKrueger 10:43, 13. Mai 2008 (CEST) – FreddyKrueger 10:43, 13. Mai 2008 (CEST), Attribution, Link

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4 thoughts on “Cardea

    1. Gerne. 🙂 Ich finde es selber sehr spannend, welche Vernetzungen mythischer Geschichten durch Wikipedia & Co, sowie natürlich auch ein wenig eigenes Hintergrundwissen, entstehen. Ich weiß zwar noch nicht, was dabei rumkommt, aber es ist auf jeden Fall auf spezielle Art entertaining. 😉

      Liked by 1 person

  1. Keine Frage, zu alten Zeiten ging es sehr deftig zu und Mord gehörte wohl zum Geschäft. Die Zusammenhänge kannte ich so noch nicht, aber ich vermute mal, dass die römischen Vestalinnen ihren Ursprung aus dieser Geschichte heraus hatten. Du kannst mich gerne korregieren, falls ich daneben liege. Wenn ich so die ganzen Bilder betrachte, fällt mir immer auf, wie haarlos die ganzen Mäner sind. Ist das nun so, weil es einfacher in Szene zu setzen war oder pflegten die antiken Generationen einen enthaarten Körperkult? Vielen Dank für den Einblick in die Mythologie, liebe Runa 🙂

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  2. Lieber Arno, spannende Frage. Die Bilder des Beitrags sind ja aus ganz unterschiedlichen Epochen (teils Mittelalter, frühe Neuzeit, Klassizismus … ) und klar haben die Künstler dann immer ihre eigenen zeitlichen Schönheitsideale eingebaut. Gut zu sehen bei den für unsere heutigen Augen “fetten” Körpern bei Rubens. Das war damals so pi mal dauemen 18. Jahrhundert halt totschick.
    In der Antike selbst galt Haarlosigkeit (wie heute) als Schönheitsideal. Im alten Ägypten war man ständig und überall (auch am Kopf, selbst die Frauen) enthaart und trug Perücke.
    Alles aber natürlich immer nur bezogen auf die Oberschicht, die halt Zeit und Sklaven für sowas hatten. Zusammengesammelt hat das ganz entzückend die Bloggerkollegin von Retrochicks: http://www.retrochicks.de/haare-weg-die-geschichte-der-haarentfernung/ 😉

    Liked by 1 person

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