Apollo

Heute geht es um den Sonnengott Apollo.

Erst einmal ein wenig warnende Werbung vorab: Apollo nimmt in meinem in 74 Tagen erscheinenden Buch „Amor und Psyche“ eine tragende Rolle ein. Er ist der beste Freund von Amor, aber natürlich viel cooler und auch fähiger als der kleine Liebesgott, der in meinem Buch zwar Protagonist, aber auch gerade erst mit seinem Aufgabenbereich betraut worden ist.
Erst heute habe ich eine spannende Szene überarbeitet, in der Apollo und Amor sich in einem Wettkampf messen. Mehr schreibe ich dazu aber nicht, denn ich will euch ja neugierig machen. 😉

Ist also heute ein etwas schwieriger Beitrag (Wie erklärt man etwas gut, das man eigentlich gar nicht soooo ausführlich erklären möchte?), aber trotzdem: es ist jetzt Zeit für Apollo!

Das kommt dem schon nahe, wie ich ihn mir vorstelle. By Jacob Matham (Holland, Haarlem, 1571-1631) – Image: http://collections.lacma.org/sites/default/files/remote_images/piction/ma-31877059-O3.jpgGallery: http://collections.lacma.org/node/170982, Public Domain, Link

By Stanisław Wyspiańskihttp://www.pinakoteka.zascianek.pl/Wyspianski/Wysp_Iliada.htm, Public Domain, Link

Das ist doch Amor neben ihm! By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/91/26/4827208a9f6c82795ee9cff825b3.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0035796.html, CC BY 4.0, Link

Auf dem letzten Bild ist Apollo mit einem Drachenwesen (und Amor) zu sehen. Wer mehr darüber wissen will, muss sich noch ein wenig gedulden, denn diese Geschichte wurde auf den ersten 30 Seiten von Amor und Psyche „eingewebt“. Sie ist auch der Grund, warum Amor Apollo ganz großartig findet und selber mit dem Bogenschießen anfängt – oder zumindest damit, Pfeile zu schnitzen, denn sowohl Apollo als auch Amor waren begnadete und begeisterte Bogenschützen. – Und auch Diana, Apollos Zwillingsschwester übrigens.

Das „Quiz“ stammt nicht von mir, dennoch sei hier gefragt: was hat Apollo hier wohl angestellt? Stichwort „Marsyas“, bitte merken. 😉 By Melchior Meier (Swiss, active in Italy between 1572 and 1582) – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Melchior_Meier_-_Apolo,_Marsias,_Midas_e_Pan,_1581.jpg, Public Domain, Link

Die Geschichte hinter diesem Bild kann ich ruhig erzählen, obwohl es keine „ruhige“ Geschichte ist. In Punkto Grausamkeit steht Apollo seiner Zwillingsschwester Diana (ihres Zeichens eine Mondgöttin) nichts nach. Ihre Eskapaden werden übrigens – zumindest indirekt – in Amor und Psyche benannt, denn Diana ist in meiner Variante eine, sagen wir mal, etwas kühlere Dame, die zu gewissen Mondphasen auch ganz schön brachial sein kann, bei ihrem Bruder Apollo habe ich mich da aber etwas zurückgehalten, denn ich wollte ja keinen Horrorroman schreiben. Aber, bevor die Geschichte vom Bild gelöst wird, mal eine mythische Begebenheit, in der Apollo und Diana gemeinsam wüten, hier oben rechts im Bild.

Die ihnen zugewandte Frau im schwarzen Kleid: Niobe. By Jan Boeckhorsthttp://www.kmska.be/nl/collectie/catalogus/, Public Domain, Link

Apollo und Diana sind die Kinder von Leto/Latona und Zeus. Zum Geburtsvorgang will ich auch nicht so viel sagen, da mein Buch … WERBUNG WERBUNG WERBUNG 😉
Auf jeden Fall hatte Leto/Latona nur diese zwei Kinder und keine weiteren. Das war für die Antike schon ungewöhnlich und so kam es, dass sich irgendwann eine Königin damit brüstete, mehr Kinder zu haben als Leto/Latona.
Königin Niobe hatte nämlich 7 Söhne und 7 Töchter.
Kaum hatten Apollo und Diana davon gehört, dass ihre Mutter sozusagen beleidigt worden war, flogen sie zur Erde und töteten die Söhne von Niobe. Aus unerfindlichen Gründen – vielleicht, weil sie so verzweifelt und wütend war? – goss Niobe Öl ins Feuer und sagte, dass sie ja immer noch mehr Kinder als Leto/Latona hätte (nämlich 7 statt 2) – und schwupps erlegten die Zwillingskinder sechs von Niobes Töchtern mit ihren Pfeilen.
Scheinbar realisierte Niobe dann, was gerade geschah und bat flehentlich, die beiden mögen ihr wenigstens die jüngste Tochter lassen.

Taten sie aber leider nicht. Von Ruchhöft-PlauEigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Marsyas. By Elihu VedderSothebys, New York, 11 April 2013, lot 63, Public Domain, Link

Auf Marsyas grausames Ende deutet das Quiz-Bild hin.
Marsyas erinnert schon optisch an diese hier, woraus möglicherweise ein paar Rückschlüsse gezogen werden könnten, wenn man sich mit der Entstehungsgeschichte von Sonnengöttern an sich auseinander setzt.
Marsyas war ein Satyr, ein halbgöttliches Wesen und wahrscheinlich auch der Begleiter von Kybele (über die es zu gegebener Zeit auch einen Blogartikel geben wird). Er liebte die Musik und insbesondere das Flötenspiel auf der Doppelflöte.
Der Legende nach soll die Doppelflöte von Athene/Minerva erfunden worden sein, die warf sie allerdings nach einiger Zeit weg, weil ihr langweilig geworden war. Marsyas fand sie und begann zu spielen.
Irgendwann war er selbst so begeistert von seinem Spiel, dass er Apollo zum Wettkampf aufforderte. Die Musen, welche eigens als Schiedsrichterinnen herbei bestellt worden waren (und eigentlich sehr parteiisch hätten sein müssen, denn Apollo hatte Liebesbeziehungen zu fast jeder Muse!), fanden tatsächlich zunächst, dass Marsyas besser spielen könne. Daraufhin legte sich Apollo natürlich richtig ins Zeug und überzeugte mit der Kithara (einer Art Harfengitarre) und Gesang.

Der Wettbewerb. By Cornelius van PoelenburghJens Mohr –  LSH 86741 (hm_dig4505_3713), Public Domain, Link

Marsyas hatte also verloren und, als hätten sie damals nix bessere zu tun gehabt, wurde er daraufhin an einer Fichte aufgehängt (der heilige Baum der Kybele) und von Apollo … gehäutet.
Wie gesagt, ich bin wirklich gespannt, wie und ob man diesen Vorfall mythologisch in der Entstehungsgeschichte von Sonnengöttern deuten könnte.

Häutungen, so ganz generell, geschehen ja auch beispielsweise Schlangen und denen passiert das ganz schmerzlos.

Es gibt in der Wikipedia verschiedene Deutungen darüber, warum Marsyas so ein grausames Schicksal wiederfährt. Die Haupterklärung ist die Bestrafung seiner „Hybris“, also seiner – jetzt mal sehr platt übersetzt- „Selbstüberschätzung“. (Hybris war übrigens auch eine Nymphe, aber ich schweife ab.)
Hybris kommt nämlich vom Verb ὑβρίζειν (hybrízein), das so viel bedeutet wie ein sich haltloses Ausufern (z.B. bei Pflanzen oder überschwellende Flüsse), dem auch eine gewisse Gewalttätigkeit innewohnt.
Dieses Phänomen kommt in vielen antiken Erzählungen vor, z.B. auch in der oben erwähnten Geschichte von Niobe. Auf die Hybris folgt Nemesis, eine göttliche Bestrafung.
Dennoch ist es fraglich, wieso Marsyas gerade für so eine simple Sache wie das Flötenspiel bestraft wurde. Möglicherweise liegt die Antwort nahe, dass es sich beim Musizieren mit der Flöte um ein allegorisches Mittel handelt, dass „die Flöte“ also repräsentativ für den Schaffensbereich des Gottes steht (z.B. die Musik generell), ggf. aber noch mehr, worauf die anwesenden Musen hindeuten, die ja noch andere kulturell-schaffende Bereiche vertreten als nur den Musischen.

Die Flöte ist auf jeden Fall ein sehr altes Musikinstrument, vielleicht sogar das älteste überhaupt. Das folgende Exemplar ist 40.000 Jahre alt und besteht aus Gänsegeierknochen. Von MuseopediaEigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, Link

Mozart hat einer „Flöte“ sogar eine gesamte Oper gewidmet, deren Interpretation (von Erich Neumann )viele mythische Bezüge aufweist.

Er schreibt u.a.:„[I]n den Worten der Liebenden: «Wir wandeln durch der Töne Macht froh durch des Todes düstre Nacht», wird die Musik der Zauberflöte zur höchsten Offenbarung der Vereinigung des Männlichen mit dem Weiblichen im Zeichen einer Weisheit des Herzens, die das Mysterium von Isis und Osiris andeutet.”

Kein Wunder also, dass Apollo not amused war, als Marsyas sich dieser Fähigkeiten rühmte.

By Texas A&M University-Commerce Marketing Communications Photography15031-Magic Flute Production-0465, CC BY 2.0, Link

Auf diesem Foto sieht man eine Neuaufführung der Zauberflöte, genauer gesagt eine Szene mit Sarastro, der in dem Stück ebenfalls eine Art „Sonnengott“ bzw. besser einen guten „Sonnenkönig“ repräsentiert. Ihm entgegen steht die „Königin der Nacht“, die sich ganz wunderbar aufregen kann.

Wenn man sich mit der Entstehung von Sonnengöttern beschäftigt, fällt zunächst auf, dass es sie  in Hülle und Fülle gibt.
Ich werde hier nur auf die älteste Variante eingehen.

Der älteste bekannte Sonnengott war der sumerische Gott Utu. Er stand für die Sonne und für Gerechtigkeit.

Hier mal in einer etwas jüngeren Variante als „Shamash“. By PriorymanOwn work, GFDL, Link

Utu hatte eine Zwillingsschwester wie Apollo, aber auch noch weitere Geschwister.
Inanna, seine Zwillingsschwester, war zuständig für Liebe, Sex und Krieg.
Ereshkigal, seine ältere Schwester, war sozusagen eine Göttin der Unterwelt.
Iskur, sein Bruder, war eine Art Wettergott, auch bekannt unter dem Namen Hadad/Adad

Seine Eltern waren die Mondgötter Nanna und Ningal, die vor allem von Kuhhirten verehrt wurden.

Wie ich ja schon häufig erwähnt habe, gibt es unter den vielen antiken Göttern (Antike = fast 2000 Jahre später als die Sumerer und die gerade genannten Götter) einige Überschneidungen und Gemeinsamkeiten (auch zu anderen Göttern auf der (damaligen) Welt). Gerade fällt mir auf, dass sich die Genealogie (also die Familiengeschichte) der Götter in den zweitausend Jahren bis zur Antike einmal komplett gedreht zu haben scheint. Kinder werden zu Eltern und umgekehrt.

Gut zu sehen ist das an Nanna und Ningal (Mondgötter), deren Eigenschaften in der Antike von Diana vertreten werden. Diana ist zu diesem antiken Zeitpunkt aber das Kind von Jupiter, einer Art Wettergott, der in der sumerischen Variante noch das Kind (Iskur), der Mondgottheiten ist.

… Irgendwann werden sie eben mal groß, die Kleinen. 😉

By Bundesarchiv, Bild 183-1984-0807-017 / Grubitzsch (geb. Raphael), Waltraud / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

Möglicherweise hat dieser Wechsel aber auch etwas mit der Änderung der Zeitrechnung weg vom Mond- hin zum Sonnenkalender zu tun oder vielleicht bedingte dieser Wechsel sogar den „neuen“ Sonnenkalender?

Über Utu (bzw. Shamash) gibt es eine mythische Erzählung, die im Original so aussieht:

By Timo RollerOwn work, CC BY 3.0, Link

Es ist der sogenannte „Gilgamesch-Epos“, eine der ältesten Erzählungen der Menschheit, eine Heldenreise, die wiederum bekannteren Versionen wie die Odyssee, Illias, Aeneis u.a. beeinflusst haben wird. Die Grobstruktur der Heldenreise lässt sich noch heute in vielen modernen Romanen finden.

Worum geht es in dem Mythos?

Datiert auf das 3. Jahrtausend v. Chr. handelt diese Geschichte von einem möglichen König (oder einer literarisch erfundenen Figur namens Gilgamesch), seinem Freund Enkidu, der im Verlauf der Geschichte stirbt, und der Suche Gilgameschs nach der Unsterblichkeit, die er aber nicht findet.

Utu/Schamasch tritt an einigen entscheidenden Stellen in Erscheinung. Er scheint eine Art Protegé für Gilgamesch zu sein, der sich im Laufe der Geschichte mit Inanna anlegt. Nachdem Enkidu und Gilgamesch den Himmelsstier erlegt haben (den Inanna gerne haben wollte), nehmen sie sein Herz heraus „und legten es vor Schamasch hin.“
Enkidu wird dann krank und stirbt, Gilgamesch legte daraufhin Schamasch verschiedene Gegenstände vor, die an die Götter der Unterwelt weitergeleitet werden sollen. Unter anderem einen Flakon aus Lapislazuli (für Ereschkigal), eine Flöte aus Karneol (Für Dumuzi), einen Thron und ein Szepter aus Lapislazuli (für Namtar), usw. [vgl. Maul, Stefan, Das Gilgamesch-Epos, Beck 2012, ibs. S. 140f.]

By Veldkamp, Gabriele and Maurer, Markus – Veldkamp, Gabriele. Zukunftsorientierte Gestaltung informationstechnologischer Netzwerke im Hinblick auf die Handlungsfähigkeit des Menschen. Aachener Reihe Mensch und Technik, Band 15, Verlag der Augustinus Buchhandlung, Aachen 1996, Germany, CC BY-SA 3.0, Link

Noch ein abschließender Bezug zu einer philosophischen Beschäftigung mit dem Thema „Sonne“.

Das obige Bild stellt einen Ausschnitt aus Platos Höhlengleichnis dar. Wir sehen die Sonne ganz oben im Bild und die Menschen, die gefesselt an die Wand vor sich starren und die Schatten der Dinge, die hinter ihnen über die Mauer laufen, als „Realität“ wahrnehmen.
Das Gleichnis kann ganz verschieden gedeutet werden, Platon nennt allerdings die Sonne als einzig „wahren und guten“ Erkenntnispunkt.
Also: wenn jemand von den Gefangenen raus käme und die Welt – und insbesondere die Sonne erkennen würde, dann hätte er „die Wahrheit“ gefunden.

So verwundert es nicht, dass Apollo – neben seiner Funktion als „Lichtbringer“ auch der Gott der Erkenntnis war.

By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/98/f5/ccc98899824d086d41fd05084969.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/L0002748.html, CC BY 4.0, Link

2 replies to “Apollo

  1. Zwischen den einzelnen Gottheiten und vorreligiösen Themen gibt es so viele Parallelen, dass man glatt glauben möchte, da hätte einer beim anderen abgekupfert. Schließlich gab es ja noch kein Copyright und kaum jemand reiste zu Forschungszweken in fremde Länder. Da hatten die wenigen der Reisenden die freie Auswahl an Geschichtsbildung.

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