Kybele

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Heute geht es um Kybele, bzw. Rhea, bzw. Magna Mater … und wer weiß, wie sie noch genannt wurde.

Ihre Entstehung geht weit zurück in die mythische Geschichte und es wurden schon allerlei Versuche unternommen, die Göttin und den Kult um sie zu klären, da vieles, wie so oft, nicht mehr verstanden werden kann.

Recht sicher scheint zu sein, dass Kybele eine Art manifestierte Weiblichkeit darstellt, da in ihrem mythischen Kontext fast immer ein (definitiv) männlicher Gegenpart auftaucht. Die Geschichte handelt von besagter Kybele und ihrem Gegenpart, einem jungen Mann namens Attis, doch zuvor seien noch ein paar andere Mann-Frau Mythen genannt, die historisch weiter(?) zurückreichen und einige Parallelen zum Mythos Kybele-Attis aufweisen.

Inanna und Dumuzi

Gemeinfrei, Link

Isis und Osiris

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Venus und Adonis.

By after Guercino – Quelle: SLUB Dresden, Public Domain, Link

Jeder, der mag, kann sich die Details in den entsprechenden Wikipedia-Artikeln durchlesen. Ganz kurz zusammengefasst geht es in allen Mythen darum, dass die Männer Dumuzi, Osiris und Adonis sterben. Wie das geschieht ist ganz unterschiedlich, teilweise gibt es auch noch andere Varianten der Erzählung, aber was auch allen Geschichten gemeinsam ist: die Frauen erwecken ihre toten Männer wieder zum Leben.

Historisch betrachtet entwickelten sich dann aus diesen Mythen(?) sogenannte Mysterienkulte, geheime Gesellschaften also, die verschiedene religiöse Praktiken teilten.

So war es auch bei Kybele, deren Kult zeitlich parallel zu den Kulten aus den oben dargestellten Varianten liegt (Orpheus/Orphiker,  Mysterien von Eleusis, die samothrakischen Mysterien, der Dionysoskult, der Kult des Liber Pater in Rom und in Süditalien, der Mithraskult, der Isis- und Osiriskult.)

Einige dieser Mysterienkulte beziehen sich nicht auf die Variante „toter Mann“, sondern beinhalten, beispielsweise wie die Mysterien von Eleusis, die Erzählung von Pluto und Proserpina (in der der Gott des Todes eine lebendige Frau von der Erde raubt). Ich gehe davon aus, dass diese jüngeren Datums sind, da sich hier die Verhältnisses umgekehrt haben.

Pluto und Proserpina. By reganiOwn work, Public Domain, Link

Tempel/Altar der Kybele, ca. 7 Jh. v. Chr. Midasstadt/Türkei. By Zeynel CebeciOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Tempel/Altar der Kybele, ca. 7 Jh. v. Chr. Midasstadt/Türkei. Von MEH BergmannEigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, Link

Wir erinnern uns, dass Kybele/Rhea auch mit der Frau von Saturn gleichgesetzt wurde. So wundert es nicht, dass ihr Mythos und Kult recht blutig daherkommt und wieder einmal von Entmannungen die Rede sein wird.

Der Mythos (in Grundzügen)

Der Legende nach schlief Jupiter/Zeus einst auf dem Berg Agdos (Phrygien) ein und verlor während des Schlafs seinen Samen. Daraus entstand das abscheuliche Wesen Agdistis, eine Art Zwergenzwitterding, das die Götter so hässlich fanden, dass sie es kastrierten.
Aus dem abgetrennten Glied entstand der gutaussehende Attis, von dem schon oben die Rede war, und aus dem entmannten Körper wurde die Göttin Kybele. In manchen Varianten gibt es auch noch eine Zwischenerzählung, in der ein Mandelbaum eine Rolle spielt und in der Attis durch eine Nymphe ausgetragen wird.
Kybele und Attis waren aber in allen Varianten ursprünglich ein und dieselbe Person. Aus diesem Grund waren sie natürlich besonderes interessiert aneinander und daran, wieder zusammen zu kommen. Nachdem sie sich gefunden haben, sind sie auch eine Zeitlang ausgesprochen glücklich miteinander, doch dann möchte Attis mehr Selbstständigkeit und plant, eine andere Frau zu heiraten.
Kybele ist natürlich total von den Socken und schlägt sowohl Attis als auch die gesamte Hochzeitsgesellschaft mit Wahnsinn.

Attis – total crazy in the head – rennt in den Wald und kastriert sich unter einer Pinie, wo er dann elendig verblutet.

Kybele bereut ihre Tat daraufhin und dann gibt es verschiedene Varianten, wie die Geschichte endet.
Attis verwandelt sich in eine Pinie.
Kybele bestattet Attis, dessen Körper aufgrund der Hilfe von Zeus/Jupiter niemals verwesen wird, in einem Berg und lässt ihn von Priestern beweinen.
Kybele erweckt Attis von den Toten und beide werden als Götter verehrt

Es gibt, wie oben schon angedeutet, noch weitere Varianten des Mythos und es würde wahrscheinlicher einer Doktorarbeit (oder zumindest einer sehr ausführlichen Abschlussarbeit) bedürfen, um die verschiedenen Quellen und Inhalte miteinander zu vergleichen.
Deutlich wird auf jeden Fall selbst bei einer oberflächlichen Betrachtung, dass wesentliche Elemente (Liebespaar, Tod, Wiedererweckung) anderer vorantiker Mythen hier wieder auftauchen.

Kybele ist eine Göttin, für die es auch noch andere Ursprungsmythen gibt als den oben erwähnten.

„Kybele soll aus einem der Steine gewachsen sein, die Deukalion und Pyrrha nach der Sintflut geworfen hatten. Oder ihr Vater war Meon (bzw. Protogonus), König in Phrygien und Lydien, ihre Mutter Dindyma. Meon wollte keine Tochter und ließ das Mädchen nach seiner Geburt auf dem Berg Kybelus aussetzen. Dort wurde sie von wilden Tieren aufgezogen, Panther und andere Raubtiere gaben dem Kind ihre Milch, bis einige Hirtinnen die Kleine fanden und zu sich nahmen.
Kybele wuchs zu einer schönen Jungfer heran, hielt sich dabei sittsam und erfand lieber Pfeifen, Trommeln und Cymbeln, die später im Kult der Göttin bedeutsam wurden, außerdem befaßte sie sich mit Heilkunde, besonders zugunsten des Viehs und der Kinder, welche sie mit ihren Worten heilte. Wegen dieses besonderen Verhältnisses nannte man sie „gebirgische Mutter”. Ein enger Freund war Marsyas, ihre Liebe der schöne Attis.“ Quelle: http://www.imperiumromanum.net/wiki/index.php/Kybele

Hier ist auf jeden Fall bemerkenswert, dass ein typischer Erzählstrang, wie er sonst nur von männlichen Nachkommen (v.a. Romulus und Remus) bekannt ist, auf eine Frau angewendet wird.
Tatsächlich finden sich in der Geschichte auch andere Mythen, in denen eine Frau von Tieren genährt und dann von Hirten und/oder Weisen gefunden wird.
Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Königin Semiramis.

By Ernest Wallcousins (1883–1976) – From Myths of Babylonia and Assyria by D. MacKenzie (1915-now in the public domain).Originally uploaded to en.wikipedia; description page was here., Public Domain, Link

Woher stammt der Mythos?

Viele Elemente des Mythos sind aller Wahrscheinichkeit nach phrygischen Ursprungs, wie man auch an den zahlreichen Attis-Darstellung (Phrygische Kleidung und insbesondere: die Mütze!) gut sehen kann.

CC BY-SA 3.0, Link

Die Phryger waren ein Königreich, das sich im Gebiet der heutigen Türkei um das 8. Jahrhundert vor Christus befand. Ein paar Jahrhunderte zuvor wohnten dort noch die Hethiter – und dann gibt es eine Zeit um das Jahr 1000 v. Chr., wo man nicht genau weiß, was passierte.
Bei den Phrygern war die Göttin Kybele so eine Art Hauptgöttin. Nebst Midasstadt wurde sie auch in anderen Städten verehrt, so zum Beispiel in Pessinus, wo der Legende nach auch der Palast von König Midas gestanden haben soll.

König Midas war wahrscheinlich eine historische existente Person, ein (erster?) König der Phryger. Auch über ihn gibt es verschiedene Legenden. So soll er ein Sohn von Kybele und Gordios gewesen sein, auf den wiederum, der Legende nach, der gordische Knoten zurückzuführen ist, den dann Alexander der Große im 3. Jahrhundert vor Christus mit einem schnöden Schwertschlag „löste“.

Midas war auch derjenige, der angeblich den törichten Wunsch hatte, dass sich alles, was er berührte in Gold verwandelt.

By Walter Crane (1845-1915) – http://www.reusableart.com/d/2974-2/midas-01.jpgGallery page http://www.reusableart.com/v/mythology/greek/midas/midas-01.jpg.html, Public Domain, Link

Die Gabe erwies sich als äußerst unpraktisch, weil er auch das, was er essen und trinken wollte, in Gold verwandelte – und sogar seine eigene Tochter -, doch nach einem Bad im Fluss Paktolos war er zum Glück wieder davon befreit.

Midas soll auch beim musikalischen Wettstreit zwischen Apoll und Pan als Schiedsrichter aufgetreten sein. In manchen Versionen findet man ihn auch als Schiedsrichter beim Streit zwischen Apoll und Marsyas.
Zur Strafe für seine falsche Entscheidung (er entschied sich in allen Varianten nicht für den Gott Apoll, sondern befand, dass Marsyas der bessere Musiker sei) hexte ihm Apollo Eselsohren an, die Midas dann unter der possierlichen phrygischen Mütze verbarg.

By Michelangelo Cerquozzihttp://www.christies.com/lotfinder/paintings/michelangelo-cerquozzi-king-midas-5022114-details.aspx, Public Domain, Link

By Anonymoushttp://www.pizan.lib.ed.ac.uk/otea.html, Public Domain, Link

By Andrea Vaccaro – http://www.dorotheum.com, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16084069

Der römische Dichter Ovid (um das Jahr 0) schreibt dazu:

„Midas verhehlet es zwar und sucht zu verhüllen die Schläfen,
Denen der hässliche Schimpf anhaftet, in purpurner Mütze.
Aber ein Diener, gewohnt mit dem Stahl ihm zu kürzen das Haupthaar,
Hatt’ es gesehn. Weil der die gesehene Schmach zu verraten
Nicht sich getraut, wie gern er zu Tage sie hätte gefördert,

Aber zu schweigen vermag auch nicht, gräbt endlich den Boden
Heimlich er auf, und was er für Ohren erblickt an dem König,
Meldet er leis und flüstert es zu dem gegrabenen Erdloch.
Wieder verscharrt er mit Erde sodann das entdeckte Geheimnis,
Geht stillschweigend hinweg und verlässt die verschüttete Grube.

Dort wuchs bald ein Gebüsch, dicht stehend von schwankendem Rohre;
Das tat kund, sobald es gereift nach vollendetem Jahre,
Wer den Acker bestellt. Denn jene vergrabenen Worte
Raunt es, erregt vom Süd, und bezichtigt die Ohren des Herren.“
Quelle: http://www.gottwein.de/Lat/ov/met11de.php

Kurz zusammengefasst: Midas versteckt seine Eselsohren, aber sein Friseur bekommt sie zu sehen und kann das Geheimnis nicht für sich behalten. Anstatt es einfach weiterzuerzählen, gräbt er ein Loch in den Boden und flüstert es dort hinein.
An dieser Stelle wächst dann Schilfrohr bzw. Binsen, das/die das Geheimnis an die Bauern ausplauderten.
Mag sein, dass unser heutiges Wort „Binsenweisheit“ darauf zurück zu führen ist. 🙂

Alles in allem bleibt also festzuhalten, dass die Phryger und insbesondere der erste große Herrscher Midas im Laufe der Geschichte eine gewisse Verhonepipelung erfahren haben.
Es wird nicht zu weit gedacht sein, wenn man behauptet, dass dies auch den Kult um Kybele betreffen könnte. Die unterschiedlichen Varianten ihres Mythos und weitere Details, die unten genannt werde, lassen so etwas auf jede Fall vermuten.
Dass die historischen Verlierer der Geschichte verunglimpft werden, ist auch etwas, das man fast immer beobachten kann, denn die Geschichte wird ja bekanntermaßen von den Siegern geschrieben, die kein Interesse daran haben, die Besiegten – wie auch immer – zu erinnern.
Schon Livius wies darauf hin (Livius war ein römischer Historiker), als er den Gallierkönig Brennus sagen ließ: „Vae victis“, also „Ihr armen Besiegten“.
Auch beim Sieg Roms über Karthago (Aeneas und Dido) kann man solcherlei Verhalten mutmaßen, wobei Kybele bei diesem Sieg eine wichtige Rolle zukommt.

Doch zuvor seien noch kurz ein paar Worte über den Kult um Kybele verloren.

Die Korybanten. By Roscher, Wilhelm Heinrich, 1845-1923 – http://ia360615.us.archive.org/2/items/ausfhrlichesle0201rosc/ausfhrlichesle0201rosc.pdf, Public Domain, Link

Bei den Feierlichkeiten zu Ehren der Göttin Kybele tanzten sogenannte Korybanten. Zwar heißt es im Mythos, dass die Feste vor allem in Erinnerung an ihren verstorbenen Liebsten Attis abgehalten wurden, jedoch hat sich aus dieser Trauerfeier dann alsbald eine sehr orgiastische Feier entwickelt, die große Ähnlichkeiten zur Party-Time der Bacchantinnen aufweist, wovon noch die Rede sein wird.
Übrigens, den männlichen Priestern der Kybele wird nachgesagt, dass sie sich selbst kastriert haben sollen während solch orgiastischer Feiern. – Um mal wieder auf Kastration zu sprechen zu kommen.

Im römischen Reich wird Kybele vor allem nach der Schlacht bei Zama verehrt. Der Karthager Hannibal hatte Rom über Jahrzehnte in Angst und Schrecken versetzt, und Cornelius Scipio – wie es sich für einen guten Römer gehört – konsultierte gemeinsam mit dem Senat das Orakel in Delphi, bevor er in die Schlacht gegen Hannibal zog.
Dort wurde ihnen geweissagt, dass Rom Karthago zerstören könne, wenn sie die „Große Mutter“ (Magna Mater) aus Phrygien importierten.
Gesagt getan, Kybele wurde als Magna Mater identifiziert, nach Rom verschifft und der Rest ist Geschichte. Ich denke, dass darin auch die wahrscheinlichste Antwort liegt, sie dann (auch) mit der Titanin Rhea zu identifizieren.

By Globetrotter19Own work, CC BY-SA 3.0, Link

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6 replies to “Kybele

  1. Das in der Antike Hinterhältigkeit, Mord und Kinder zeugen an der Tagesordnung waren, von mir aus und die Sache mit den Eselsohren ist ja auch einigermaßen witzig, aber dauernd diese Kastrationen lassen mir ganz schummrig werden und ich bekomme da so ein Ziehen im Unterleib 😀 Sehr interessant geschrieben liebe Runa!

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    1. Also ich habe mir das nicht ausgedacht, ich reproduziere lediglich verlorenes Wissen. In der Tat wäre das aber mal eine Frage, der ich auf den Grund gehen könnte. Mich hat das auch schon verwirrt. Warum immer diese Kastrationen???

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      1. Stimmt. Genauso wie das kollektive Unbewusste. Mein Lieblingsdingens. 😀 Na, ich werde mal drüber nachdenken, dummerweise kann ich mich da leider nicht so richtig hineinversetzen, aber sei es drum. Übung macht den Meister. Hehe.

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