Märchen vom Auszug aller Ausländer

Eine sehr tiefsinnige und nachdenklich machende Geschichte, die ebenfalls ein wenig tragikkomischen Humor aufzuweisen hat. Sehr fein, bitte mehr davon!

musik und zeug

Mit dieser sowohl zum Schmunzeln als auch zum Nachdenken anregenden Geschichte wünschen wir allen ein frohes Weihnachtsfest.

Es war einmal etwa drei Tage vor Weihnachten, spät abends. Über den Marktplatz der kleinen Stadt kamen ein paar Männer gezogen. Sie blieben an der Kirche stehen und sprühten auf die Mauer „Ausländer raus!“ und „Deutschland den Deutschen“. Steine flogen in das Fenster des türkischen Ladens gegenüber der Kirche. Dann zog die Horde ab. Gespenstische Ruhe. Die Gardinen an den Bürgerhäusern waren schnell wieder zugefallen. Niemand hatte etwas gesehen. „Los, kommt, es reicht, wir gehen.“ „Wo denkst du hin! Was sollen wir denn da unten im Süden?“ „…da unten? Das ist immerhin unsere Heimat. Hier wird es immer schlimmer. Wir tun einfach das, was an der Wand geschrieben steht: ‚Ausländer raus!‘“ Tatsächlich, mitten in der Nacht kam Bewegung in die kleine Stadt. Die Türen der Geschäfte sprangen auf: Zuerst kamen die Kakaopäckchen heraus…

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Meine blaue Zelle

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Ich lebe in einem blauen Gefängnis. In einem Zimmer, fünf Quadratmeter klein. Ich sehe Vorhänge, dahinter ein Fenster. Ich habe es nicht geöffnet, seit ich hier einzog. Nie habe ich nach draußen gesehen – und ich werde es nicht tun. Denn ich habe Angst. Ich habe Angst, dass das, was ich draußen sehen könnte, so schön ist, dass es mein Dasein auf den blauen Metern herabwürdigt. Oder, was ich genauso fürchte, es könnte hässlich sein.

Wenn ich nicht gucke, kann ich Hoffnung haben. Diese Tatsache lebe ich.
Meiner Zelle gegenüber liegt eine andere Zelle. Nach dem Flur, der uns trennt, direkt hinter dem Gitter, wohnt Herr Videns.
Seine Zelle sieht genauso aus wie meine. Ein tiefes Blau, in dem eine Glühbirne von der Decke baumelt. Er besitzt Pritsche, Stuhl und Tischchen, in der hinteren Ecke eine Toilette und Waschbecken. Dieselben grauen Gardinen, dahinter dasselbe geschlossene Fenster.

Ich kenne Herr Videns, seitdem ich hier wohne. Er lebte schon vor mir hier. Einst schenkte er mir Zettel und Stift, damit ich festhalten kann, was ich jetzt schreibe.
„Guten Morgen“, wünscht Herr Videns eines Morgens.
„Ist das ein guter Morgen?“, murmle ich.

„Gewiss“, sagt er. „Heute werde ich den Vorhang öffnen. Ich habe es satt, ja, ich habe es satt.“
„Sie haben es satt?“, frage ich und mein Interesse erwacht. Ich erhebe mich von der Pritsche, auf der ich Nacht um Nacht ruhe. Ich sehe Herrn Videns, angekleidet und frisiert. Er blickt froh.
„Ständig dieses Einerlei. Meine blaue Zelle, Ihre blaue Zelle, Sie in Ihrer Zelle. Es ist Zeit.“
„Überlegen Sie gut!“, rufe ich. „Sie könnten die Hoffnung verlieren!“ Mein Herz klopft, meine Hände zittern. Oft haben wir uns über die Vorhänge unterhalten und waren derselben Meinung. Sie zu lüften würde in jedem Fall Enttäuschung nach sich ziehen. Selbst, wenn dort etwas sein sollte, das erfreut, – es wäre unerreichbar und damit schmerzvoll anzusehen.
Herr Videns schreitet entschlossen zur Tat.
Eine Welle aus Neugier überwältigt meinen Protest. „Seien Sie vorsichtig …“, wispere ich und beobachte mit grauenvollem Behagen, wie Herr Videns den Vorhang anhebt. Seitlich lugt er hindurch. Licht fällt auf sein faltiges Gesicht. Er flüstert, runzelte die Stirn, reibt sich die Augen.
Vor Spannung halte ich den Atem an. Und ein Gedanke durchzieht meinen Geist: Wie alt mag er sein, frage ich mich. Sein Haar, das ich grau in Erinnerung hatte, leuchtet weiß, als der Vorhang fällt.

„Was haben Sie gesehen?“, keuche ich.
Herr Videns dreht sich zu mir. Seine Augen funkeln.
„Och, ich fand nichts Besonderes …“, sagt er, setzt sich auf den Stuhl und faltet die Hände.
„Sie sehen … zufrieden aus!“, protestiere ich.
„Das war nichts“, wehrt Herr Videns ab, doch sein Lächeln straft ihn einer Lüge.
„Erzählen Sie!“
„Wollen Sie nicht gucken?“
„Aus Ihrem Fenster? Das geht nicht!“
„Nein“, sagt er und winkt ab. „Aus Ihrem Fenster.“
„Niemals!“, rufe ich entrüstet.
„Machen Sie es, trauen Sie sich. Es ist leicht.“
„Herr Videns“, ich stehe auf und laufe unruhig hin und her. „Herr Videns. Sie kennen meinen Standpunkt. Ich kann und ich werde nicht gucken. Unmöglich, dass es mir ergeht wie Ihnen. Es sei denn, ich schaue aus Ihrem Fenster!“
„Sie selbst haben eines.“
„Wir haben dieses Thema besprochen. Ich könnte es nicht ertragen. Akzeptieren Sie das.“
Herr Videns seufzt.
„Sagen Sie mir, was Sie gesehen haben!“
„Gut“, sagt er. „Ich will Ihnen etwas von Ihrer Angst nehmen. Die Befürchtung, dass das Bild zu schön oder zu hässlich ist, können wir verwerfen. Alles, was ich vorfand, sehe ich, wenn ich Sie betrachte. Eine hübsche Dame in einer dunkelblauen Zelle, mit exakt einer Pritsche, Stuhl und Tisch. Und ein Fenster.“

Ich setze mich, überwältigt von seinen Worten. Ich versuche meine Gedanken zu ordnen. Wenn dies zuträfe, dann wäre es tatsächlich nicht so schlimm, wie befürchtet – oder gar zu schön. Oder wäre es schlimm? Wenn alles so ist, wie das, was wir ohnehin schon kennen?
„Das gibt es doch nicht! Also fürchteten wir umsonst, falls dort, hinter dem Vorhang, alles ist wie hier!“
Doch da ist etwas, das nicht so sein kann, wie unsere Zellen. Es nagt in mir, also rufe ich:
„Erzählen Sie von der Frau!“

„Die Frau?“, fragt Herr Videns, „Ach, die ist nicht besonders …“

„Dann sagen Sie mir, was sie Ihnen gesagt hat! Sie haben doch geflüstert!“

Herr Videns räuspert sich und streicht sein Kinn.
„Nun, sie sagte mir, dass sie gerne aus ihrem Fenster sieht.“
„Sie tut es?“, frage ich. Ob Herr Videns mich zum Narren halten will? „Was kann sie sehen? Eine Frau in einer Zelle?“
Herr Videns fährt fort mit ruhiger Stimme, sitzend auf dem Stuhl, die Hände gefaltet, manchmal spreizt er einen Finger ab.
„Das will sie mir erzählen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich das wissen will.“
„Sie müssen sie fragen“, sage ich. Vielleicht, um mich zu vergewissern, dass Herr Videns die Wahrheit sagt, vielleicht, weil meine Neugier brennt.
„Sehen und hören Sie selbst!“, sagte Herr Videns.
„Nein!“
Ich drehe ihm den Rücken zu und verschränke die Arme.
„Gut“, sagt Herr Videns. „Ich weiß, was Sie zu tun imstande sind. Ich möchte keinen Streit mit Ihnen. Ich werde die Frau fragen.“
Erleichtert drehe ich mich zurück und lächle. Herr Videns steht auf und geht ans Fenster.

Gatter quietschen, der Korridor hallt von Schritten, schwere Stiefel, die in unsere Richtung laufen.
Haferbrei im ungünstigsten Moment.
Eigentlich mag ich den Haferbrei. Drei Mal am Tag zur selben Zeit, dieselbe hellbraune Suppe, mit derselben gleichförmigen Temperatur. Ich fühle mich geborgen, wenn ich den Löffel in den Mund schiebe und den Brei dort langsam zergehen lasse. Es gibt nur eine Sache, die meine Zunge mehr reizen würde, aber die bekommen wir hier nur selten: Orangen.
Der Wärter schiebt das Tablett unter Herrn Videns Gatter hindurch. Dann dreht er sich zu mir und sagt: „Lassen Sie es sich schmecken“, während er den Haferbrei hereinschiebt.
Ich betrachte den Haferbrei und warte ungeduldig darauf, dass die Schritte des Wärters nicht mehr zu hören sind. Gleicher Haferbrei auf demselben Tablett. Dasselbe Einerlei. Eine graue Soße mit fetten Klumpen. Öde und langweilig. Die Schritte verhallen.

„Jetzt machen Sie!“, zische ich zu Herrn Videns. „Fragen Sie die Frau!“
Herr Videns ist schon dabei, den Brei zu verspeisen. Er rückt seinen Stuhl ans Fenster und verschwindet samt Löffel und Schälchen unter der Gardine. Der Stoff verdeckt ihn, ich höre ihn schmatzen und kichern. Den Haferbrei rühre ich nicht an.

„Die Dame heißt Anima und sie erzählte mir Folgendes: Draußen vor ihrem Fenster ist eine Straße. Auf der anderen Straßenseite befindet sich eine Bank. Dort hat sie in der letzten Zeit einen Mann sitzen sehen.“
„Und?“, frage ich.
„Und seit ein paar Tagen spaziert dort eine junge Frau.“
„Weiter!“
„Anima meinte, dass die beiden sich Blicke zuwerfen.“
„Blicke?“
„Von Auge zu Auge. So wie wir.“
„Mehr nicht?“
„Mehr nicht.“
„Der Mann sollte sie ansprechen!“

„Die Frau könnte ebenfalls etwas wagen“, sagt Herr Videns.
„Ansonsten passiert nichts?“, hake ich nach.
„Nichts“, sagt Herr Videns. „Außer, dass Anima meinte, es sei ein schöner Tag.“
„Das ist gut, allerdings klingt es ausgesprochen langweilig“, sage ich. Um ehrlich zu sein, ich bin erstaunt, dass Frau Anima etwas anderes aus ihrem Fenster sehen kann. Gar diese interessanten Dinge, Liebe und Schönheit und so. Und ich frage mich, was hinter meinem Vorhang sein könnte. Ich erinnere mich, dass ich mich so oft dabei ertappt habe, dorthin zu blicken, zu träumen, mir vorzustellen, was dahinter liegt. Königreiche, dunkle Wälder, vielleicht ein Garten. Aber ich habe es bereits erklärt. Für mich besteht der Reiz darin, Hoffnung zu haben, nicht darin zu handeln. Eine Enttäuschung würde ich nicht verkraften. Sie würde meine Seele brechen. Ich weiß es.

„Ein schöner Tag“, beginnt Herr Videns und kommt unter dem Vorhang hervor. „Ein schöner Tag, das ist laut Anima ein Tag, an dem die Sonne scheint. Es ist allerdings nicht der Schein, sondern vielmehr das, was das Licht mit den Menschen macht. Anima sagt, dass sie anders über die Straße gehen. Viel beschwingter, als hätten sie weniger Angst.“
„Hm“, gebe ich von mir, hebe den Haferbrei vom Boden und setze mich auf meinen Stuhl. Ein Löffel folgt dem anderen. Erst jetzt spüre ich meinen Hunger.
„Anima hat mir noch etwas gesagt“, sagt Herr Videns leise.
„Was?“, frage ich, während der Haferbrei langsam in meinem Mund schmilzt und mich in ein Gefühl von Wärme hüllt.
„Dass es einen Weg nach draußen gibt.“
Ich verschlucke mich und huste.
„Ihre Anima ist gefährlich“, stelle ich fest und wische mir über den Mund.
„Hören Sie“, sagt Herr Videns. Er steht dicht an seinem Gitter. „Wir können dieses Gefängnis verlassen. Es stimmt, ich weiß es. Es gibt nur eine Sache, die Sie tun müssten, dann werden Sie sehen, dass …“
„Nein!“, kreische ich. „Denken Sie an die Orange. Lassen Sie mich in Ruhe!“
Ich drehe mich weg. Einst habe ich Stunden so gesessen und ihn keines Blickes gewürdigt. Er wollte mir eine Orange, die aus meiner Zelle versehentlich in die seine gerollt war, nicht zurückgeben. Nach drei Stunden kullerte das Obst zurück an meine Füße. Ich nahm es, pellte es, aß – und redete drei Tage kein Wort mit dem Alten.
Wir bekommen Orangen zu Weihnachten und an unserem Geburtstag. Sie leuchten schön in dem dunklen Blau der Zelle. Wie eine kleine Sonne. Und sie duften herrlich zitronig. Ich liebe sie. Ich würde sie niemals teilen.

Genüsslich schlecke ich mir den Brei von den Fingern. Der Plastikteller und das Tablett vom Abend werden gleich abgeholt. Ich schiebe sie unter dem Gatter durch. Herr Videns sieht mich so seltsam an. Er winkt. Ich putze meine Zähne. Ich habe seit Tagen kein Wort mit ihm gesprochen. Ich gedenke nicht, das zu ändern. Genug ist genug. Ich lege mich auf die Pritsche. Vor mir verschmilzt der Vorhang mit der Wand der Gefängniszelle.

Herr Videns hat mich verraten. Er hat das, was wir uns beide vorgenommen haben, nicht eingehalten. Je mehr Gekicher ich höre, je mehr Tage vergehen, desto mehr widert er mich an. Doch hat er Recht. Ich sollte aus dem Fenster sehen.
Herr Videns räuspert sich.
Ich reagiere nicht.
Er räuspert sich noch einmal.
Ich dreh mich auf die andere Seite und lege mit das Kissen aufs Ohr.
Das Licht geht aus und Herr Videns bekommt einen heftigen Anfall. Er hustet, er schnappt nach Luft, er röchelt. Das kann ich durchs Kissen hören.
Bei meiner Einweisung, die Jahre zurückliegt, erhielt ich ein paar Ratschläge, wie zu handeln sei. Sinnvoll wäre es, laut und deutlich um Hilfe zu rufen. Die Stimme würde über den Gang hallen und jemandes Aufmerksamkeit erregen.
Ich vergaß den roten Knopf zu erwähnen, der außerhalb der Zellen angebracht ist. Ich könnte aufstehen, meinen Arm ausstrecken, an der bröckligen Mauer entlang fühlen und den Schalter drücken.
Ich könnte Herrn Videns retten.
Ich habe eigene Pläne.
Es geht schnell.

Am Morgen entdecke ich seinen verrenkten Körper und die geschwollenen Adern. Ich rufe um Hilfe, damit kein Verdacht aufkommt. Männer kommen und transportieren Herrn Videns Überreste aus der Zelle. Sehnsüchtig blicke ich in den leeren Raum. Reinungskräfte kommen und putzen Tisch und Stuhl, Pritsche, Waschbecken und Toilette. Schrubber kratzen über den Boden. Dort könnte ich nun bestimmt mein Spiegelbild erkennen, zumindest ein verzerrtes Abbild. Spiegel gibt es hier nicht. Ich sah immer nur sein Gesicht.
Andere kommen, die mich fragen, ob ich etwas gesehen oder gehört hätte. Ich antworte, dass ich nichts sah, nichts hörte.
„Er war alt“, sagen die Leute, kritzeln auf ein Blatt, das ich unterzeichne. Sie gehen. Den ganzen Tag betrachte ich mein neues Zuhause.
Ich warte bereits am Gitter, als der Wärter kommt.
„Können sie mir helfen?“, frage ich zaghaft.
Er sieht mich an, leicht verdutzt.
„Wissen Sie, …“ Ich zeige mit dem Finger in die Zelle. Er sieht hinüber.
„Tragisch.“
Ich spiele mit dem obersten Knopf des Nachtgewands, um den Köder auszulegen. Sein Blick bleibt dort hängen. Ich seufze.
„Ich wünschte, ich könnte in seine Zelle ziehen. Um bei ihm zu sein, wissen Sie? Ich würde es nicht ertragen, jemand anderes darin zu sehen.“
Der Knopf ist offen. Die Falle schnappt zu.
„Ich kann“, sagt der Wärter und durchbohrt mich mit seinen Augen. Dann öffnet er mein Schloss.

Ich wagte nie zu träumen, dass Wünsche in Erfüllung gehen. Ich bin am Ziel meiner Reise. Ich habe den Gipfel betreten und werde bald die Aussicht genießen.
Ich bin in Herrn Videns Zelle. Ich habe alles geschafft, was ich wollte.
So lüfte ich, um den letzten Akt zu begehen, behutsam den Vorhang des Fensters. Dieselbe graue Gardine, die in meiner Zelle hängt, aber mit einem sicheren Ausgang. Meine Augen sind geschlossen, doch flüstere ich ihren Namen: „Anima.“
„Bist du da?“
Ich komm mir vor, wie ein Liebender am Fenster seiner Angebeteten. Mein Herz rast, meine Hände zittern, ich wage kaum zu atmen. Die Lider wollen sich nicht öffnen, erwartungsfrohe Freude hält sie geschlossen. Ich will bis zum letzten Moment davon kosten. Dieser Augenblick, bevor der Gipfel erreicht ist, diese zwei, drei Schritte. Es sind die schwersten von allen.
Drei.
Zwei.
Eins.
Auf.
Dort ist ein Raum. Ein Lagerraum. Ein zitroniger Geruch strömt mir entgegen. Ich sehe eine Farbe: Orange in kleinen Kügelchen.
„Anima!“, rufe ich wieder, obwohl sich das böse Gefühl in mir ausbreitet, dass dort nichts weiter sein wird, als Berge aus Orangen.
Sie duften dort,
sind zu weit fort,
fern, an einem anderen Ort.
Oh weh!
Und diese Erkenntnis zerstört mich, lässt mich zerfallen, als hätte es mich nie gegeben.

„Wie heißen Sie?“, fragt eine Dame aus der gegenüberliegenden Zelle.
Eine Zelle. Eine Dame. Ein Name. Alles sieht aus wie hier, nur spiegelverkehrt. Dunkelblau gestrichen, Pritsche, Toilette und Stuhl falsch herum.
Wer wohnt in dieser Zelle?
„Herr Videns.“
„Freut mich, Herr Videns“, sagt die Dame und lächelt. „Wir kennen uns kaum, ich habe dennoch eine Bitte. Ob ich Zettel und Stift von Ihnen leihen könnte?“
„Ich werde sie Ihnen schenken, auch wenn es das letzte wäre, was ich täte. Was wollen Sie schreiben?“, fragt Herr Videns.
„Eine Geschichte“, sage ich. „Ich will Ihnen nicht zu viel verraten. Ich habe meine Prinzipien. Den Anfang will ich Ihnen nennen.
Ich beginne:
„Ich lebe in einem blauen Gefängnis. In einem Zimmer, fünf Quadratmeter klein …“

Amors Abenteuer (3)

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Meine rosaweißen Flügelchen trugen mich zielsicher zurück zu Wolke. Eigentlich wäre jetzt Zeit gewesen für einen ausgiebigen Mittagsschlaf nach all der Anstrengung. Aber da gab es dieses Problem.

Ich befahl Wolke, einen der grünen Hügel in der Landschaft Apuliens anzufliegen, um in Ruhe nachzudenken. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten. Nichts kündete von dem drohenden Unheil, das darin bestand, keinerlei Wein und Kraut in dem Palast meiner Mutter mehr vorzufinden. Wenn es ganz schlecht lief, würde ich zum armen Schlucker werden, wie Apollo es so treffend beschrieben hatte. Dann wäre ich das Gespött aller Götter. Und meine arme Mutter noch dazu.
Es musste etwas geschehen.
Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich den letzten Pfeil abgeschossen hatte. Nach einer Weile kam ich zu dem Schluss, dass das tatsächlich schon ziemlich lange her war. Apollo hatte also Recht. Wie immer.
Seufzend beschloss ich daher, die Arbeit wieder aufzunehmen.
Ich musste ziemlich lange kramen, bis ich meinen Köcher in Wolke fand. Er war voller Pfeile. An einer ganz anderen Stelle in Wolke entdeckte ich meinen Bogen. Ich legte beides über meine Schultern, was ziemlich anstrengend war. Anscheinend hatte ich die Bewegung nicht mehr so häufig ausgeführt.
Dann zog ich einen Pfeil aus dem Köcher und betrachtete ihn. Ganz dunkel erinnerte ich mich: es gab da auch noch so eine Höhle …
Der Pfeil blitzte im Sonnenlicht. Es war einer von den Goldenen, die die Liebe verursachten. Ehrlich gesagt hatte ich mich nie intensiv mit den Dingern beschäftigt.
»Leidenschaft«, stand am Pfeilende eingraviert.
»Leidenschaft«, murmelte ich. »Was auch immer es damit auf sich hat.«
Für mich waren diese ganzen menschlichen Emotionen wie barbarische Dörfer. Liebe, Leidenschaft, Gefühlsduselei, Strohfeuer, Kussfreundschaft, ewige Liebe, große Liebe, erste Liebe, Affäre, … bei den Titanen, wie viele Begriffe gab es für die Liebe?
Die bleiernen Pfeile waren weitaus nützlicher als die goldenen, denn sie hielten einem lästige Lebewesen – zum Beispiel Insekten – vom Leib. »Ablehnung« und »Ignoanz«, ich verbesserte mich: »Ignoranz«, vertrieben sogar Schmeißfliegen. Die Arbeit konnten sie aber nicht vertreiben.
»Nee, ey!«, stöhnte ich und ließ mich rücklings auf Wolke fallen. »Ich hab sowas von kein Bock!«

Wolke ruckelte sachte hin und her. Ich verstand das als Einladung, ihr mein Herz auszuschütten.
»Die Menschen sind in Liebesdingen eine Katastrophe. Weißt du, ich habe mich viele Jahre abgemüht, es ist immer dasselbe: Er liebt mich nicht, sie liebt mich nicht, wieso liebt der mich, aber nicht der, wieso liebt die mich, aber nicht die? Warum liebt mich keiner? Wieso-weshalb-warum ist die Mondsichel krumm?«
Ich stellte mich aufrecht hin. Es tat gut, das alles mal rauszulassen.
»Es ist doch so: Menschen sind nicht geschaffen für die Liebe. Da kann ich noch so toll schießen. Ständig finden sie irgendwelche Möglichkeiten, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Und falls, ja ich sage »falls« – denn es passiert selten – sich mal zwei gefunden haben, die sich wirklich lieben … dann stirbt der eine und der andere direkt danach.«
Ich setzte mich wieder.
Szenen spielten sich vor meinem inneren Auge ab. Pyramus hieß der Typ, soweit ich mich erinnerte, und Tisbe hieß die Frau.
Die hatten sich wirklich gerne, durften aber nicht zusammen sein, weil ihre Familien verfeindet waren. Ich half ihnen, so gut ich konnte. Zwei meiner schönsten goldenen Pfeile habe ich hergegeben, um sie so richtig dolle ineinander verliebt zu machen.
Was passierte?
Sie schlichen nachts aus ihren Häusern, um sich zu treffen. Ich erwartete ein Happy End!
Aber ein Löwe, ein verlorener Schal und ein Missverständnis machte alles zunichte.
Schlussendlich:
Beide mausetot.
Damals begriff ich: Männer und Frauen passen nicht zusammen!
»Wofür also soll ich schuften, weswegen mich abmühen, Wolke? Kannst du es mir sagen?«
In diesem Moment machte Wolke einen Satz; ich stolperte und fiel hinab. Mein Sturz verursachte ein riesiges Loch im Erdboden und ich hatte mir eine Locke verbogen. Tapfer rappelte ich mich wieder auf.
»Was erlaubst du dir? Ich bin ein Gott!«
Ich wollte Wolke gehörig die Meinung sagen, als mein Blick auf den Eingang einer Höhle fiel, die ich … zugegebenermaßen … etwas verdrängt hatte.
Ich bedachte Wolke mit einem bösen Blick, – gewiss steckte sie dahinter, mich genau hier abzuwerfen – und betrat mit einem unguten Gefühl in der Magengegend die Höhle. Es war stockfinster und ich brauchte einige Augenblicke, um mich an die Dunkelheit zu gewöhnen.
Dann sah ich sie. Ich hätte es mir kaum schlimmer vorstellen können. Pfeile um Pfeile, die ganze Höhle vollgestopft damit.
Und ich erinnerte mich, dass ich sie, – wenn es auf Wolke zu voll wurde – einfach hier abgeladen hatte. Scheiße!
Diese Dinger mussten verschwinden! Wenn mir jemand auf die Schliche kommen würde, nicht auszudenken! Apollo hatte so verdammt Recht gehabt.
Die Erkenntnis durchzog meinen Geist schmerzhaft wie die Kopfschmerzen, die in diesem Moment wieder einsetzten. Mit zusammengekniffenen Augen und beiden Händen an den Schläfen, meinen Kopf haltend, musterte ich den Schaden.
Immerhin hatte ich die Pfeile halbwegs sortiert. Die mit rosa Schimmer für Mädchen und Frauen, rechter Teil der Höhle, die mit blauem Schimmer für Jungs und Männer – linker Teil.
Aber wie verdammt sollte ich all die Pfeile loswerden? Es würde mehrere Erdumläufe dauern. Eine Ewigkeit. Auf jeden Fall zu lange. Auch wäre, so schien mir, damit viel zu viel Arbeit verbunden.

Ich bestopfte Wolke mit den goldrosa Liebespfeilen. Alles dabei: Leidenschaft, Strohfeuer, ewige Liebe, heftige Affäre … und flog los. Die Dinger mussten weg, so schnell wie möglich.
Und irgendwo über dem Mittelmeer, über den ägäischen Inseln, darunter eine mit dem vielversprechenden Namen »Lesbos«, schmiss ich sie einfach runter.

Die blaugoldenen Pfeile flog ich zu einer Halbinsel mit fünf kleineren Halbinselchen daran. Die Menschen nannten es Griechenland.
Mit Sicherheit paßten Männer viel besser zu Männern und Frauen viel besser zu Frauen. Es konnte nur besser werden als die klassische Variante »Mann-Frau«.
Ein genialer Plan! Ich heiße Amor! Ich bin ein Gott!

Als ich zurück kam, lagen immer noch einzelne Pfeile in der Höhle. Die hatte ich wohl übersehen. Ich überlegte, ob ich sie liegen lassen konnte. Genug getan für heute.
Sicherheitshalber klaubte ich sie doch zusammen und verstreute sie über einsamen Bergwipfeln, wo es nichts anderes zu geben schien als Hirten und ihre Herden.
Dann flog ich zurück zur Wolke, um einen wohlverdienten Frühabendschlaf abzuhalten. Ich war zufrieden mit mir. Während ich einschlief, stellte ich mir vor, wie Krüge um Krüge in den Opferschrank meiner Mutter geliefert wurden.
Die Griechen tranken ausgezeichneten Wein.
Ich war mir sicher, dass alles gut werden würde.
Wer hätte gedacht, dass Arbeit so glücklich machen kann!

Anmerkung:

Dies ist der vorerst letzte Teil des „Entwurfes“ zu Amors Abenteuer. Ich plane aber, demnächst an dieser Stelle das Wagnis eines „Fortsetzungsromanes“ zu beginnen.

Dazu brauche ich Deine Hilfe!

Wenn Du bis hierher gelesen hast und vielleicht sogar Freude daran empfandest, wäre ich schon mal sehr glücklich. 😀 Besonders wichtig ist für mich allerdings ein kurzes Feedback, ein Kommentar, damit ich ggf. die „Richtung“ meines Buches noch etwas besser koordinieren kann.

Was hat Dir besonders gut gefallen?

Was hat Dir nicht so gut gefallen?

Was würdest Du gerne noch von Amor, Diana, Apollo, Venus, Mars, Jupiter … u.a. lesen?

Was sonst gibt es zu sagen?

Ich meine, klar, ich habe einen Plan, genauso wie unser Amor. 😉 — Aber mir ist es ganz wichtig, dass das, was ich schreibe, auch beim Leser ankommt. Dass es verständlich ist! Dass es Spaß macht, das zu lesen. Dass der Humor (hoffentlich) nicht zuuuu derb gewesen ist. Dafür ist jeder Kommentar hilfreich und wichtig!!!

Wer nicht hier drunter posten kann/mag, der ist natürlich herzlich eingeladen, mir eine private Nachricht zu schicken.

Runa.Phaino@gmail.com

Herzlichen DANK!!! ❤

Amors Abenteuer (2)

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Apollos Wagen funkelte und strahlte wie die Sonne selbst. Der Zephyr gab mir Antriebskraft. Unter mir zogen Wolken dahin, dazwischen konnte ich die Erde sehen: Flüsse, Berge, Städte. Das Meer mit winzigen weißen Punkten, Schaumkronen und Wellen.
Apollo schätzte es nicht, wenn ich ihn bei der Arbeit besuchte, aber dies war ein Notfall. Außerdem, fand ich, arbeitete er gar nicht, sondern jagte mit einer mordsmäßigen Geschwindigkeit durch den Äther. Cooler Job.

»Oh Shit!« Ich purzelte kopfüber auf die Rückbank, wobei eine meiner Federn brach.
»Ey, Alter!«, Apollo dreht sich zu mir um, »Was is`n los, Mann?«
»Ich dachte, ich komm mal vorbei …«
Apollo ließ die Peitsche knallen und die Pferde wieherten. Es waren vier riesige Tiere mit flammend hellen Mähnen, wilden Augen und gefährlich schlagenden Hufen.
»Krass schnell, was?«
»In der Tat«, bestätige ich, während ich versuche, meinen Kopf nach oben und meine Beine nach unten zu bekommen.
»Das is´n Phaeton, zehn Ellen lang. Üppiger Radstand, goldene Karosserie, kaum Schnörkel, dafür straffe Linien an den Seiten – das Teil hat Charakter. Zwei Pferdestärken mehr und heizt richtig rum!«
»Meinst du, ich kann vielleicht den alten Wagen haben?«, fragte ich, mittlerweile richtig positioniert. Es war zwar nicht mehr das neuste Modell, aber es war ein WAGEN, kein Westwind, keine Wolke und vor allem keine affigen Flügel mit weißen (und ein paar hellrosa) Federn, die aufgeregt flatterten, wenn ich flog.
»Klaro, wenn deine Alte das erlaubt …« Apollo lachte. »Was willste? Ich muss arbeiten, weißte doch.«
»Jaja«, sagte ich und schüttelte kurz den Kopf, was Apollo nicht sehen konnte. Arbeiten, von wegen.
»Ich habe eine Frage. Und du bist der schlauste aller Götter, also …«
Apollo ließ die Peitsche knallen.
»Haste schon gemerkt, dass die Sonne jetzt weiter hinten hängt?«, fragte Apollo.
Ich drehte mich um.
»Stimmt, ist nicht mehr so heiß hier wie früher.«
Apollo nickt zufrieden.
»Und die Sitze sind aus Leder«, er machte eine bedeutungsvolle Pause, »vom kalydonischen Eber.«
Gerade hatte ich mir eine richtig gute Frage überlegt, aber seine Worte brachten mich aus dem Konzept.
»Aus Leder? Von einem Tier? Und deine Schwester?«
Apollos Zwillingsschwester Diana war, was Tiere anbelangte, ziemlich eigen. Zwar war sie eine Jägerin, aber gleichzeitig auch selbsterklärte: »IchbeschützealleTiererin«
»Das ist das Beste!«, feixte Apollo. »Die hat ihn auf dem Gewissen.«
»Echt jetzt?«
»Ja, irgend so ein König hat vergessen ihr Opfergaben darzubringen und dann hat sie den kalydonischen Eber auf ihn gehetzt. Der ist dabei leider umgekommen.«
»Und opfern die Leute ihr jetzt wieder?«
»Klaro.«
Den Gedanken, dass die Verbreitung von Angst und Schrecken eine Lösung für mein Opfergabenproblem sein könnte, verwarf ich sofort wieder. Dianas Methoden waren zu extrem.
»War Vollmond?«, fragte ich.
Apollo grinste. »Zu meinem Glück! Guck dir das Leder mal an, komplett weiß, wunderbar weich; ey, pass mit deinen Füßen auf!«

»Okay«, begann ich, »mal angenommen, deine Opfergaben würden schwinden, was würdest du tun?«
»Das passiert nich.«
»Ja, aber mal angenommen.«
»Nee, das passiert nich.«
Ich versuchte es noch einmal.
»Ja, aber mal angenommen!«
Apollo guckte mich skeptisch an. »Was´n los, Kleiner, gibt´s Probleme?«
»Nein«, antwortete ich, konnte aber nicht verhindern, dass meine Flügel aufgeregt zitterten.
»Du kriegst eh nix. Also isses … deine Ma?«
»Quatsch!«, rief ich. Jetzt zitterte mein ganzer Körper. Mist!
»Deine Ma. Wusste ich´s doch.«
Ich seufzte.
»Sag´s nicht weiter«, bat ich, enttäuscht, dass er mir so schnell auf die Schliche gekommen war. Aber ich konnte ihm vertrauen. Bestimmt. Er war schließlich mein bester Freund.
»Mann, voll peinlich, Alta, das sollte sich echt nicht rumsprechen«, sagte Apollo.
»Ja«, pflichtete ich ihm kleinlaut bei. »Ich versuche, der Sache auf den Grund zu gehen und dachte mir, du kannst mir helfen.«
Apollo rieb sich das Kinn.
»Woran könnte es liegen, dass die Göttin der Liebe keine Opfergaben mehr kriegt?«
Er guckte nach links und nach rechts, nach oben und nach unten. Das alles wirkte sehr theatralisch auf mich.
»Was meinst du?«, fragte ich.
Jetzt sah er mich direkt an mit seinen stechenden blauen Augen, während den Pferden der Schaum vom Maul flog.
»Wer is´n verantwortlich für die Liebe?«
»Na …«, ich dachte kurz nach, »Ich.«
»Und was machst du den ganzen Tach?«
»Äh …«
Ich hatte das untrügliche Gefühl, dass das jetzt sehr, sehr unangenehm werden würde.
»Nix!«, fuhr Apollo fort. »Du machst nix. Du pennst bis in die Puppen, du säufst wie ein Loch, du jammerst rum und vor allem: Du machst deine Arbeit nicht, seit – ich weiß gar nicht wie lange!«
»Aber …«, ich wollte das nicht auf mir sitzen lassen. DAS konnte unmöglich der Grund sein. »Aber wenn Du Deine Arbeit nicht machst …«
Apollos Blick verfinsterte sich.
»Äh, ich meine, wenn du sie nicht machen kannst, weil deine Schwester den Mond vor die Sonne schiebt, klar, du machst ja immer deine Arbeit und tut mir leid, ich wollte dich jetzt echt nicht kritisieren …«
»Das hoffe ich.«
»Okay«, fuhrt ich fort, »wenn irgendwas deiner Arbeit im Wege steht, dann opfern die Menschen doch wie verrückt!«
»Klaro«, entgegnete Apollo ungerührt. »Weil sie Angst haben. So eine Verdunkelung der Sonne ist eben schwer zu ertragen für die Menschen. Meine Schwester darf sich solche Späße auch nicht allzu oft erlauben.«
Ich pflichtete ihm bei. Diana hatte einen makabren Sinn für Humor.
»Ja, aber meine Schwester kriegt ´ne Menge Opfergaben«, fuhr Apollo fort. »Sie zieht ihr Grausamkeits-und-Ich-bin-doch-ganz-nett-Ding konsequent durch. Du aber solltest jetzt echt mal zusehen, den ganzen Mist der letzten Zeit wieder auf die Reihe zu kriegen. Ich hab´s dir von Anfang an gesagt.«
»Du hast nicht gesagt, dass es keine Opfergaben mehr geben würde!«, protestierte ich.
Apollo rollte mit den Augen. Er hielt die Hand in die Luft, streckte den Daumen aus, dann den Zeigefinger, dann den Mittelfinger.
»EINS, ZWEI, DREI!«, zählte er. »Oder anders gesagt: Lo-gik.«
»Konquesennzen?«, fragte ich bekümmert.
»Genau, Amor. Das sind Kon-se-quen-zen.«
»Scheiße«, seufzte ich.
Apollo drehte sich zu mir um kräuselte die Brauen.
»Jetzt schwirr ab und lass mich meine Arbeit machen.«
»Was soll ich denn jetzt tun?«
»Dir wird schon was einfallen.«
»Und wenn nicht?«
»Tja, dann … gibt´s halt keine Opfergaben mehr und du wirst ein armer Schlucker.«
»Apollo!« Langsam machte er mir wirklich Angst.
»Komm, Kleiner, das wirste doch selber hinkriegen.« Er gab mir einen Klaps auf die Schulter. Das untrügliche Zeichen, dass ich abflattern sollte. Es machte mich auch ein bisschen stolz, dass er glaubte, ich selbst würde eine Lösung finden.
»Na gut,« sagte ich, »Danke, du bist echt toll, Mann.«
»Na klaro«, entgegnete Apollo, »Ich bin Apollo.«
Ich war schon halb in der Luft, als Apollo mir hinterherrief: »Denk heute Abend an den Retsiner!«
Apollo hatte einen ausgezeichneten Geschmack. Der Retsiner war der beste Tropfen im Weinkeller meiner Mutter.

(…)

https://lehmofen.wordpress.com/2015/07/25/amors-abenteuer/

Amors Abenteuer (1)

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„Amor, mein Honigschätzchen, Amor!“

„Nur noch fünf Strahlen“, murmelte ich. Mein Kopf dröhnte. Die Scheißsonne kitzelte meine Nasenspitze. Apollon war also schon wieder auf seinem Wagen. Es war erstaunlich. Egal, wie viel wir den Abend vorher gesoffen hatten, egal, was wir geräuchert hatten, er zog die Sonne pünktlich übers Firmament. Er war ein Übergott. Und mein bester Freund.

„Amor, wo bist du?“, schallte ihre Stimme durch den Himmel.

Ich drehte mich auf die andere Seite und verbarg mein Gesicht in der Wolkenwatte. Dann spürte ich, dass Wolke sich langsam in Bewegung setzte.

„Wolke, bleib hier, bitte!“, stöhnte ich in die Watte und versuchte, sie festzuhalten. Das erwies sich als sinnlos, weil sie durch den Himmel flog und ich auf ihr lag.

Dunkele Erinnerungen traten in mein Bewusstsein. Weinkrüge über Weinkrüge, die Apollon und ich gestern leerten, diverse Kräuter, die wir in kleinen Tongefäßen räucherten. Auf meiner Wolke musste es aussehen wie auf einem Schlachtfeld.

Scheiße. Wenn Mutter das sah, wäre sie bestimmt nicht amüsiert.

Also aufstehen. Ich holte tief Luft. Aufstehen. Jetzt. Oh ihr Götter, das würde nicht einfach werden!

Irgendwie schaffte ich es, meinen Körper aufzurichten. Mein Kopf explodierte vor Schmerzen. Ich presste meine Hände auf die Schläfen. Der Wein, der Wein … lass ihn lieber sein … pochten die Gedanken.

»Amor, mein Liebling, komm zu deiner Mama!«

Unter Qualen klaubte ich Krüge, Kräuter und die Statuetten mit den üppigen Brüsten zusammen und schmiss sie aus vollen Händen runter gen Erde.

Keinen Sonnenstrahl zu früh, wie es schien, denn auch wenn Wolke normalerweise ein eher behäbiges Tempo flog, wenn meine Mutter nach ihr rief, war sie kaum zu bremsen.

„Mein kleiner Cupido!“

Venus lächelte verzückt und warf mir eine Kusshand zu. Sie stand am Rand ihrer rosafarbenen Wolke und blickte auf mich herab. Hinter ihr blitzte ein goldener Palast im Licht der aufgehenden Sonne. Zwischen meinen Kopfschmerzen nagte genauso schmerzhaft die Frage, warum ich eigentlich immer noch mit dieser kleinen, widerspenstigen Ausstattung einer Cumuluswolke versehen war, kaum größer als ein King-Size Bett.

„Guten Morgen, Ma“, sagte ich. „Du bist heute so wunder-, wunderschön, Ma.“

Immer weckte sie mich wegen irgend so einem langweiligen Schwachsinn, ob ihr das Gewand gut stände –Pastellrosa oder doch lieber Himmelblau?-, ob sie „die Schönste im Götterhimmel und auf Erden“ sei, und ob sie „die Allerschönste im Götterhimmel und auf Erden“ sei.

Venus warf sich in Pose und lächelte verzückt.

„Findest du? Das Kleid ist erst vor ein paar Stunden in meinen Detoto-vonalien erschienen!“

„Äh, was?“

„In meinen Detoto-votialien oder wie das heißt.“ Mutter klatschte in die Hände und drehte sich einmal im Kreis.

„Nenn es doch einfach: Opfergaben“, schlug ich vor.

„Wie findest du es?“

Apollon sollte mich später mit einem süffisanten Lächeln aufklären, dass es Devotionalien hieß. Apollon wusste alles.

Ma besaß unten auf der Erde – im- Gegensatz zu mir – jede Menge Tempel, Altäre, Priester und alles, was dazugehörte. Die Menschen opferten ihr beständig irgendwas, das in ihrem Opferschrank landete, ein großes, braunes Ungetüm aus Zedernholz, mit vielen magischen Zeichen.

Mir war ja am liebsten, wenn die Menschen Wein oder Kräuter opferten, weil ich davon am meisten profitierte. Davon kam jedoch weniger als ein Viertel nach oben. Die Priester waren ebenfalls keine Kostverächter. Besonders gierige Exemplare beschoss ich hin und wieder mit einem Liebespfeil, dann hatte deren Karriere im Tempel zumeist ein jähes Ende. An Kleider waren die meisten wie ich, nicht besonders interessiert.

„Jaja“, sagte ich. „Ganz fantastisch. Dieses Purpur. Grandios.“

„Das sind Korallensplitter“, tadelte Venus.

„Oh, wie konnte ich das übersehen? Natürlich, Korallensplitter. Entzückend! Hast Du es Pa und Vulcanus schon gezeigt?“

Natürlich interessierten Mars oder mein Stiefvater Vulcanus sich nicht im geringsten für Mas Outfit, aber ich wurde nicht müde, mehr Unterstützung einzufordern. Meine Mutter war unglaublich eitel und brauchte ständig Bestätigung. Wäre das nicht eigentlich die Aufgabe meiner Väter? Statt meine? Mich morgens früh aus dem wohlverdienten Schlaf zu wecken! Wegen sowas!

„Ach, Dein Vater“, Venus machte eine abfällige Handbewegung. „Der lebt doch nur für den Krieg. Und Vulkanos …“, Venus kicherte, wobei sie sich die Hand vor den Mund hielt.

„Allein die Vorstellung, dass Vulcanus irgendwas von Schönheit weiß …, ach, du verstehst es, mich aufzumuntern!“

„Aber Vulcanus kann echt tolle Karren bauen.“

Ich witterte die Chance, das Thema mal wieder auf meinen derzeit größten Wunsch zu lenken: Einen Wagen, so wie Apollon ihn fuhr. Dann wäre die Unterredung mit Ma wenigstens zu etwas nutze.

Venus hob tadelnd den Finger. „Fang ja nicht wieder mit diesem kindischen Wunsch an.“

»Aber Apollo hat auch einen.«

»Amor, Du kannst selber fliegen.«

»Aber, … ich könnte viel schneller fliegen, wenn …«

»Wenn du schneller fliegen willst, dann steht dir der Zephyr zur Seite.«

»Aber das ist nur ein blöder Wind! Ich will ne richtige Karre, so mit Gold und Felgen und so!«

Venus verdrehte die Augen. „Jetzt hör endlich auf mit diesem kindischen Wünschen!“

„Das ist nicht kindisch.“

„Doch. Das ist ein kindischer Wunsch, kleiner Cupido!“

Ich hasste es, wenn sie mich „Cupido“ nannte. Dieser verdammte Name. Ich weiß nicht, wie oft ich meiner Mutter in den letzten hundert Sonnenläufen gesagt habe, dass ich so nicht mehr genannt werden möchte. Ihre stete Antwort darauf war, dass ich ja immer noch und bis in alle Ewigkeit ihr kleiner Cupido sein würde und dass ich immer noch Babyspeck hätte, wobei sie mich meistens Waden oder Unterarm kniff. Sowas von peinlich.

„Ma …“

Ihre Miene verfinsterte sich und ich verschluckte den weiteren Protest. Meine Zeit würde kommen. Auf hundert Sonnenläufe mehr oder weniger kam es dabei nicht mehr an. Ich knipste also mein „Ich bin ein lieber Junge“-Lächeln an.

„Ich habe dich übrigens nicht rufen lassen, um mir Komplimente zu machen. Auch wenn ich das sehr schätze, Cupido.“

Es dauerte ein paar Sekunden, dann war mir klar, was sie wollte. Mutter sagte häufig nicht einfach, was sie dachte, sondern versuchte mich dazu zu bringen, ihre Gedanken zu lesen.

„Was ist los?“, fragte ich also. Eine Frage, die sich bisher sehr bewährt hatte.

Mit einem Satz sprang sie runter zu mir und kniff mir in die Waden.

„Aua! Lass das!“

„Cupido“, sagte sie, packte meine Schultern und versuchte unter ihren langen Wimpern einen ernsthaften Blick auszusenden.

„Cupido, es ist was Ernstes.“

Der Griff an meinen Schultern verstärkte sich.

„Guck mal, dieses Kleid, es ist wirklich schick. Aber …“ Sie blickte nach links und rechts, so als ob uns niemand hören dürfte.  „Es ist das erste seit ein paar Tagen! Die Menschen bringen mir keine Opfergaben mehr dar. Meine Altäre rauchen nicht mehr!“

„Vielleicht sind die Priester schuld?“

Vor meinem inneren Auge zeigte sich das Bild, das ich bei einer der letzten Visiten auf der Erde beobachten konnte. Einer der jungen Novizen trug tatsächlich die Kleider meiner Mutter! Ein pausbäckiger Junge in einem purpurnen Prinzessinnenkleid. Wie er dastand und posierte, hätte er meiner Mutter fast Konkurrenz machen können. Umgeben von Fackeln, mitten in der Nacht, ganz allein.

Hauptsache er ließ die Finger vom Wein.

„Das ist es ja …“, flüsterte Ma, „die meisten Priester sind verschwunden!“

Ich fühlte, dass mir flau im Magen wurde und das lag nicht an der Tatsache, dass ich gestern ordentlich gebechert hatte.

„Bist du dir sicher?“, fragte ich. „Du hast doch dieses hübsche Kleid …“

„Ja“, wisperte Mutter, „das erste seit Tagen.“

„Ich kümmere mich drum, Ma“, sagte ich. Natürlich hatte ich keinen blassen Schimmer, wo ich anfangen sollte, aber die Sache schien mir bedenkenswert.

„Woher soll ich denn jetzt schöne Kleider bekommen?“, jammerte Mutter.

„Ich kümmere mich …“, wiederholte ich. Dabei dachte ich an die Weinvorräte im Palast meiner Mutter, die sicherlich auch schon seit Tagen nicht mehr angefüllt worden waren.

Mutter hauchte einen Kuss auf meine Stirn.

„Danke, mein Kleiner. Aber pass bitte auf, dass sich das nicht rumspricht unter den Göttern. Wie stehen wir denn sonst da?“

Ich nickte ihr tapfer zu. Wäre doch gelacht, wenn ich das Problem nicht in den Griff kriegen würde. Immerhin kannte ich den schlausten aller Götter: Apollon. Er wusste bestimmt Rat, auch wenn das der Bitte meiner Mutter widersprach, niemandem etwas davon zu erzählen. Aber wozu sonst hat man Freunde? Ich musste nur geschickt genug vorgehen.

(…)

Feldherr der Blumen

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In seinen jungen Jahren, da gab Franz Befehle.
„Stillgestanden!“
„Rechts um!“
„Rührt euch!“
Und die grün gekleideten Zöglinge bogen ihre Beine und strafften ihre Schultern vor der malerischen Kulisse grauer Kasernen auf Waschbetonplatten, durch die sich ein paar Unkräuter ihren Weg gen Sonne bahnten.
Bis Pauls Panzer alles plattmachte. Paul, der Leutnant, der Franz schon so oft aus der Patsche geholfen hatte. Der selbst im sibirischen Winter seinen Mann stand und den Feind vernichtete.

Diese goldenen Zeiten standen Franz vor Augen, während er sich über die Beete beugte und das Saatgut in Löcher vom Kaliber einer Granatpistole steckte. Die Blumenzwiebeln schmiegten sich in seine Hand wie Munitionsgeschosse, bald würden sie platzen und in die Höhe schießen.
Zufrieden betrachtete er sein Werk. Die Anpflanzung war perfekt angelegt, abgesteckt und eingezäunt von Ecke zu Ecke mit Schnur. Alles würde wachsen in Reih und Glied.

Franz lehnte sich in den Gartenstuhl und wartete. Die Vögel um ihn herum zwitscherten und die Sonne wärmte stärker von Tag zu Tag. Bald folgte Bombenwetter und Franz blinzelte durch die halb geschlossenen Lider unter seinen buschigen Augenbrauen hindurch.
Er sah die ersten Keime, hellgrün und zart. Er zupfte an seinem Bart und sah, dass es … Doch halt, was war das!
Da spross einer der Triebe schneller als ein anderer. Da zog die Osterglocke pfeilschnell an dem Veilchen vorbei! Da erhob sich die Narzisse über den Krokus! Da überwand gar ein freches Vergissmeinnicht die Grenze!

Und Unordnung herrschte in der Ordnung.

So war es nicht gut und Franz erhob sich aus seinem Stuhl. Er stellte sich auf zur vollen Größe, Schulter zurück, Gewehr bei Fuß, – denn so hatte er es gelernt.
„Stillgestanden!“, brüllte er das Vergissmeinnicht an.
„Rechts um!“, erging der Befehl an die Osterglocke.
„Rückzug! Rüüückzug!“, versuchte Franz den Krokus vor der überlegenen Narzisse zu retten.

„Ich bin der Herr dieses Feldes!“, rief Franz. „Ihr müsst mir gehorchen!“

Und während er noch versuchte, diese Schlacht zu gewinnen, da erging ein Befehl von höherer Stelle.
„Herr Meyer, beruhigen Sie sich bitte. Folgen Sie mir auf die Krankenstation. Dort werden Sie dringend gebraucht.“
„Ich kann meine Kameraden nicht im Stich lassen.“
„Gewiss, Herr Meyer. Aber Leutnant Paul wird hier gleich alles plattmachen.“
Leutnant Paul, sibrischer Winter, der nie jemanden zurück ließ. Bis zu dem Tag, als er … Der aufkeimende Gedanke verlor sich in Franz. Da war ein Fräulein, das hübsch lächelte.
„Nun denn, jawohl, Frau Oberleutnant!“

Und Franz folgte der jungen Dame im Schwesterngewand bis auf die Krankenstation, wo gefallene Krokusse, Narzissen und Vergissmeinnicht in Wasserbetten tranken, sicher dem Tode geweiht und schön anzusehen, wie Franz fand, der an seinem Kaffee nippte und ein Stück Marmorkuchen gereicht bekam.

Der Falke des Königs

ferruginous-hawk-948753_1280Einst lebte ein Falke und er war das Lieblingstier des Königs. Er hatte ein prächtiges Gefieder, lange, scharfe Krallen und einen Schnabel, der sich mit einer feinen Spitze nach unten krümmte.
Wann immer der König zur Jagd ging, nahm er den Falken mit und der Falke erspähte die kleinen Waldbewohner, Mäuse, Hasen oder Vögel, fing sie und flog mit ihnen zum König zurück. Der König belohnte den Falken mit saftigen Fleischhappen.
Beide verband eine innige Freundschaft.

Eines Tages wurde der Falke von einem Adler angegriffen. Er verlor darüber die Orientierung, flog auf einen Ast und wartete darauf, dass seine Sinne zurückkehrten.
Da kam ein alter Mann des Weges, der sich über den Anblick des Vogels freute, ihn einfing und mit nach Hause nahm. Er setzte ihn auf den Boden, doch der Falke flatterte auf den Tisch und schließlich auf eine Stange, wo Zangen und allerlei Wirtschaftsgeräte des Alten hingen. Dort oben krallte er sich fest und fiepte.
Der alte Mann sah, dass es dem Tier nicht gut ging.
„Armes, schwaches Tier! Du hast ein dünnes Gefieder“, sprach der Alte. „Gefüttert hat man dich kaum, bist doch viel zu mager!“ Und er streute dem Falken mit vollen Händen Körner auf den Boden. Doch die wollte der Falke nicht fressen.
Da fielen dem Alten die scharfen Krallen auf. „Hat dir denn keiner die Krallen gestutzt!“

Und er nahm seine Zange und schnitt dem Falken die Krallen ab.

Der Falke fiepste und wehrte sich, da entdeckte der Alte seinen Schnabel.
„Ach, du lieber Gott“, sprach er. „Du hast ja einen ganz krummen Schnabel. So kannst du keine Körner picken und fett werden!“
Und er brach er ihm mit der Zange ein Stück des Schnabels ab.
„So“, sprach der Alte fröhlich „Nun kannst du Körner picken, wie es die anderen Hühner tun!“

Der König aber war voller Trauer über den Verlust seines Lieblingstieres. Überall im Land ließ er verkünden, dass derjenige, der seinen Falken zurückbrächte, eine große Belohnung erhalten würde.
Als der alte Mann den Markt besuchte, stand dort ein Bote des Königs, der mit lauten Worten das Gesuch des Königs vortrug.
Der Alte ging zu dem Boten und sprach: „Ich habe einen Vogel gefunden, in eben jenem Wald, von dem ihr sprecht. Ein jämmerlich verhungertes Tier, mit einem missgestalteten Schnabel und viel zu spitzen Krallen. Der König, erlaubt mir diese Worte und Gott möge ihm gnädig sein, hat seinen Vogel sehr vernachlässigt. Ich habe ihn zurechtgestutzt und aufgepäppelt.“
Der Bote sah ihn stirnrunzelnd an, ging der Sache nach und brachte den Falken zurück zum König.

Als er sein Lieblingstier so zugerichtet sah, schlug der König bestürzt die Hände zusammen.

Dem Alten aber ließ er eine Belohnung zukommen, denn er hatte ja im Guten gehandelt.
Für alle Zeiten aber ließ der König festschreiben:
„Ein Freund, der dein Wesen nicht zu schätzen weiß, ist ein Feind.“