Apuleius von Madaura

Und so, mein lieber Glaukon, ist denn dieser Mythos erhalten worden und ist nicht untergegangen, und er wird vielleicht auch unsere Seelen retten, wenn wir ihm nämlich folgen. (Platon, Politeia 621c)

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Lucius verwandelt sich vom Esel zurück zum Menschen. By Bartolomeo di Bartoli for Bruzio Visconti – 2D copy of a scan of an medieval manuscript, Public Domain, Link

Warum ein Eingangszitat von Platon für einen Beitrag über Apuleius von Madaura?

Nun, der Autor vom Goldenen Esel, um den es letzte Woche ging, war ein bekennender Mittelplatoniker, möglicherweise Neupythagoreer, lebte im Umfeld von verschiedenen christlichen Schulen und kannte sicherlich auch die Stoa. – Und man sagt ja, dass alle Philosophie irgendwie von Platon ausging. 😉

Es würde zu weit führen, die verschiedenen platonischen Gedankenschulen, die sich im Laufe der Zeit entwickelten, genaustens darzustellen, aber um sich dem Menschen Apuleius zu nähern, sind ein paar Hintergründe hilfreich. Nicht zuletzt ist der Platonismus nur eine der verschiedenen Gedankenrichtungen, die “Lucius” Apuleius beeinflussten oder mit denen er im Laufe seiner zahlreichen Reisen in Berührung kam, denn das zweite Jahrhundert nach Christus erscheint rückblickend wie eine Art “Einmachglas” mit unterschiedlichsten Leckereien gefüllt, die Welt – und das Leben – zu verstehen.

Und mittendrin schwimmt der berühmte Autor des Goldenen Esels: Apuleius.

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Apuleius auf einem Cover von 1902. Zu sehen ist rechts der „goldene“ Esel, links Pamphile, eine der Hexen ganz zu Beginn des Buches, die sich in eine Eule verwandelt. By Unknownhttp://www.jnanam.net/golden-ass/goldass/apu01.jpg, Public Domain, Link

Apuleius (ca. 123-170) lebte in Madauros/Madaura im Nordosten des heutigen Algeriens. Apuleius ist nicht der Vorname, sondern ein Familienname. Möglicherweise hieß Apuleius mit Vornamen „Lucius“ – und hätte damit denselben Namen wie die Hauptfigur des Goldenen Esels – doch das ist Spekulation und nicht gesichert.

Man kann noch heute ein paar antike Überreste von Madaura finden.

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Madaura befand sich damals im Königreich der Numider, war aber eine römische Provinz. Apuleius bezeichnete sich einst als “halber Numider”. Die römischen Kaiser, unter denen Apuleius lebte, waren Hadrian (117-138), Antonius Pius (138-161) und Marc Aurel (161-180). Gerade letzterem wird eine intensive philosophische Beschäftigung nachgesagt, sein Buch „Selbstbetrachtungen“ gehört noch heute zum Kanon der Weltliteratur und hat auf Amazon fast durchweg mehr als vier Sterne. 😉  Ich spreche hiermit eine klare Leseempfehlung aus! (Meine Oma hat es auch gelesen und für gut befunden, übrigens.)

https://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&url=search-alias%3Ddigital-text&field-keywords=marc+aurel

Das Buch von Marc Aurel basiert auf stoischer Philosophie, die – grob gesagt – versucht, dem einzelnen Menschen einen Platz (Sinn) im Leben (Kosmos) zuzuweisen, wohingegen das Ziel des Lebens im platonischen Sinne darin bestand, ganz abseits vom Leben irgendwie herauszubekommen, was denn eigentlich nun das „Wahre“ und „Gute“ wirklich ist. – Also eher so Gedankenspekulationen.
Platon – über den mal geschrieben wurde, dass sämtliche philosophischen Gedanken der Moderne eigentlich nur „Fußnoten“ (also kleinere Erklärungen) zu seinen antiken Schriften seien – ging davon aus, dass die Welt nicht so ist, wie sie ist, sondern dass es irgendwo von jedem Ding, das wir sehen (oder auch nicht sehen) ein Idealbild gibt. Also das perfekte Abbild – oder vielleicht besser „Urbild“ – von dem sich alle anderen Gegenstände (oder Gedanken) ableiten. Das nannte er dann: „Idee“.
Die „Idee“ des Guten ist also „besser“ (da originaler) als „das Gute“, oder was auch immer der Mensch vornehmlich darunter versteht.
Man kann vielleicht sagen: Platon war ein lebensfernerer Perfektionist, wohingegen die Stoa (Gründer: Zenon von Kition) sich eher damit beschäftigte, inwiefern das, was die Philosophie so herausfand und beforschte, für das Leben des Einzelnen wirklich nutzbar gemacht werden konnte.
Allerdings würde Platon – ganz perfektionistisch – dem natürlich widersprechen und mittels verschiedener Fragen zeigen, dass nur die „Idee“ des Nützlichen wirklich Nutzen bringen kann.

Um die Gedanken der beiden Schulen etwas „greifbarer“ zu machen, stelle ich im Folgenden mal ein paar Zitate gegenüber.

Platon  428/427 v. Chr. in Athenoder Aigina; † 348/347 v. Chr. in Athen

SelfhtmlBy SilanionUser:Bibi Saint-Pol, own work, 2007-02-08, Public Domain, Link

Zenon 333/332 v. Chr. in Kition; gestorben 262/261 v. Chr.

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Von Paolo MontiVerfügbar in der digitalen Bibliothek BEIC und hochgeladen in Partnerschaft.Dieses Bild stammt aus der Stiftung Paolo Monti, die im Besitz von BEIC ist und and im Städtischen Fotoarchiv von Mailand angesiedelt ist., CC-BY-SA 4.0, Link

Freundschaft
Wo aber keine Gemeinschaft ist, da kann auch keine Freundschaft sein.

Ein Freund: meine anderes Ich.

Gott
Als nun aber der Vater, welcher das All erzeugt hatte, es ansah, wie es bewegt und belebt und ein Bild der ewigen Götter geworden war, da empfand er Wohlgefallen daran, und in dieser seiner Freude beschloß er denn, es noch mehr seinem Urbilde ähnlich zu machen.

Gott ist der Ursprung von allem, er ist der reinste Körper und seine Vorsehung durchdringt alles.

Das Gute
Das Gute schafft die Ordnung, das Schöne ist sie.

Nicht in dem Großen liegt das Gute, sondern in dem Guten liegt das Große.

Der Mensch
Als Naturwesen bleibt der Mensch an den Körper gebunden, als Geisteswesen aber hat er Flügel.

Der Charakter ist die Quelle des Lebens, aus der die einzelnen Handlungen fließen.

Das Leben
Das Leben ist eine kurze Verbannung.

Das Ziel des Lebens ist ein Leben im Einklang mit der Natur.

Das jeweils erste Zitat unter dem Thema gehört zu Platon, das zweite stammt von Zenon. Ich finde, man erkennt daran ganz gut, dass die Stoa insgesamt etwas „lebenspraktischer“ unterwegs war. Zenon würde wahrscheinlich mit Erich Kästner übereinstimmen: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ und Platon würde Kästner lange befragen, um dieses „Gute“ zu definieren – und wahrscheinlich würde er auch versuchen das „Tun“ irgendwie einzugrenzen, bevor es denn überhaupt zum “guten Tun” kommt.

Es gibt eine dritte „geistige“ Strömung, der Apuleius ausgesetzt war: Das Christentum.
Die Christen waren damals noch ziemlich neu und erstmal auch nicht besonders beliebt. Während es im 1. Jahrhundert zu kleineren Christenverfolgungen kam, konnte sich das Christentum im 2. Jahrhundert (also zur Lebenszeit Apuleius) relativ ungehindert entfalten. Allerdings gab es damals noch nicht „die Kirche“, sondern verschiedene Bereiche, wo über theologische Fragen (was ist Gott, wie soll man sich verhalten, wie ist die Kirche organisiert, was soll eigentlich gelehrt werden und so weiter …) gesprochen wurde. Für den Raum Afrika ist dabei vor allem die sogenannte Gnosis interessant, die dort durch einen Mann namens Marcion eine recht große Verbreitung fand.

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By Unknown(Life time: 1100?) – Original publication: Manuscript, Italy, 11th centuryImmediate source: http://corsair.themorgan.org/cgi-bin/Pwebrecon.cgi?BBID=338126, Public Domain, Link

Marcion war ein christlicher Kaufmann, der ein beträchtliches Vermögen an die damals entstehenden Kirche in Rom spendete, der mit „seinen Leuten“ aber immer wieder aneinander geriet und daher irgendwann frustiert eine eigene Kirche gründete.
Marcion lehrte (vielleicht beeinflusst von Platon?), die Idee eines „Gottes der Liebe“, der den Menschen bis dato gänzlich unbekannt gewesen, was bedeutet, bis Jesus auf die Erde kam und Marcion seine Jesus-Kirche gründete. Marcion mochte Jesus voll gerne, fand das Alte Testament aber ziemlich doof, weil es seiner Meinung nach von einem strafenden, bösen „Demiurgen“ (einem Schöpfergott) handle, den die Menschen nicht brauchten. Die gängige Lehrmeinung damals war aber, dass das Alte Testament und das Neue Testament (was damals so langsam entstand) zusammen gehörten. Durch Jesus, so Marcion, habe sich Gott aber in seiner wahren (idealen? Platon lässt grüßen) Natur der „Liebe“ gezeigt – und dies sei der einzige Gott, den man anbeten sollte, also weg mit dem ollen Alten Testament.
Marcions Lehren haben sich in der christlichen Kirche in den folgenden Jahrhunderten übrigens nicht durchgesetzt, ganz im Gegenteil, die Anhänger dieser Vorstellung wurden bald von den „offiziellen Christen“ (Rom, Byzanz) verfolgt.
Erst mit Adolf von Harnack (+ 1930) ist Marcion wieder ins christliche Blickfeld geraten und wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts von vielen Theologen für seine Ansichten geschätzt.

Selfhtml Apuleius rät zum Gebrauch von Dämonen als Mediatoren zwischen Menschen und Göttern – ein zentraler Aspekt seiner philosophischen Lehre. By Maître FrançoisApuleius advises the use of demons as mediators between mankind and the gods – Maïtre François CC0 View item at Koninklijke Bibliotheek , Public Domain, Link

Irgendwo zwischen all diesen Gedanken und Ideen, die damals kreuchten und fleuchten  (man bedenke noch die verschiedenen Mysterienkulte), schreibt Apuleius dann sein Buch „Der Goldene Esel“. Es gibt auch noch eine weitere geistige Strömungen, die Apuleius Denken möglicherweise beeinflusst haben, doch dazu unten mehr.

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By ApuleiusAvailable in the BEIC digital library and uploaded in partnership with BEIC Foundation., Public Domain, Link

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By Matteo Maria Boiardohttp://www.metmuseum.org/art/collection/search/345033This file was donated to Wikimedia Commons by as part of a project by the Metropolitan Museum of Art. See the Image and Data Resources Open Access Policy বাংলা | Deutsch | English | Esperanto | português | +/−, CC0, Link

Apuleius war der Sohn eines Bürgermeisters und stammte aus einer wohlhabenden Familie. Er studierte in Kathargo und später auch in Athen. Er bereiste verschiedene Städte im Mittelmeerraum (Athen, Samos, Phrygien, Rom) und arbeitete als Rechtsanwalt.

Zusätzlich zu den bisher benannten Ideenlehren, kam Apuleius bei seinen Reisen auch mit ziemlicher Sicherheit mit den Vorstellungen der Neupythagoreer in Berührung, die damals in Athen eine Art Renaissance erfuhren. Wikipedia informiert über die Pythaoreer folgendermaßen:

„Für die Pythagoreer charakteristisch ist die Überzeugung, dass der Kosmos eine nach bestimmten Zahlenverhältnissen aufgebaute harmonische Einheit bildet, deren einzelne Bestandteile ebenfalls harmonisch strukturiert sind oder, soweit es sich um menschliche Lebensverhältnisse handelt, harmonisch gestaltet werden sollten. Sie nahmen an, dass in allen Bereichen – in der Natur, im Staat, in der Familie und im einzelnen Menschen – dieselben zahlenmäßig ausdrückbaren Gesetzmäßigkeiten gelten, dass überall Ausgewogenheit und harmonischer Einklang anzustreben sind und dass die Kenntnis der maßgeblichen Zahlenverhältnisse eine weise, naturgemäße Lebensführung ermöglicht. Das Streben nach Eintracht beschränkten sie nicht auf die menschliche Gesellschaft, sondern dehnten es auf die Gesamtheit der Lebewesen aus, was sich in der Forderung nach Rücksichtnahme auf die Tierwelt zeigte. (…) Ausgangspunkt der konkreten Zahlenspekulation war der Gegensatz von geraden und ungeraden Zahlen, wobei die ungeraden als begrenzt (und damit höherrangig) und – wie im chinesischen Yin und Yang – als männlich bezeichnet wurden und die geraden als unbegrenzt und weiblich. Die als Prinzip der Einheit aufgefasste Eins galt als der Ursprung, aus dem alle Zahlen hervorgehen (und infolgedessen die ganze Natur); so gesehen war sie selbst eigentlich keine Zahl, sondern stand jenseits der Zahlenwelt, obwohl sie rechnerisch als Zahl wie alle anderen erscheint.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Pythagoreer#Mathematik_und_Zahlensymbolik

Für die Neupythagoreer war also „Harmonie“ das oberste Prinzip. Die (Neu)Pythagoreer waren Vegetarier, lebten bescheiden, halfen einander in Notlagen, waren ein wenig „kommunistisch“ drauf (wobei diese Bezeichnung nicht 100% passt), glaubten an die ewige Wiederkehr der „Seele“ und an Vernunft. Mit Gott oder Göttern hatten sie es nicht so, bzw. nahmen an, dass Götter gar nicht existieren (oder existieren, aber für das Leben der Menschen keine Bedeutung haben).
Die Neupythagoreer namen Bezug auf Philosophen vor ihnen wie z.B. Pythagoras, Solon, Anthisthenes und … Platon (oder zumindest ein Teil seiner Ansichten). Diese “alten Philosophen” lebten schon ein paar Jahrhunderte zuvor und wurden als „Sophisten“ bezeichnet. „Sophist“ bedeutete ursprünglich nur „weiser Mann“, im Laufe der Zeit (und auch durch die Verfolgung der Sophisten, Sokrates ist ein berühmtes Beispiel, ihm wird „Abesie“ vorgeworfen, also „Gotteslästerung“ und deswegen muss er den Schierlingsbecher trinken) … im Laufe der Zeit wird daraus ein Schimpfwort und es heißt wohl sowas wie „Rumschwafler“ oder „Laberkopp“ und wurde bzw. wird für Menschen gebraucht, die einfach nicht auf den Punkt kommen oder total waghalsige Behauptungen aufstellen.

SelfhtmlDer Tod des Sokrates`. By José Maria de Medeiros[1], Public Domain, Link

Von Apuleius philosophischen Texten sind nur wenige erhalten geblieben, bei vielen wird über die Echtheit spekuliert. Erhalten geblieben und wahrscheinlich “echt” (also von Apuleius) sind: „Über den Gott des Sokrates“ (De deo Socratis), „Über Platon und seine Lehre“ (De Platone et eius dogmate), „Über die Welt“ (De mundo) und Peri hermēneías (De interpretatione, „Über die Aussage“ oder „Über das Urteil“).
Außerdem verfasste er ein Buch „Über die Magie“ (De magica), das auf einem Prozess basiert, in dem er angeklagt worden war, seine Frau Pudentilla durch Magie zur Heirat gezwungen zu haben.

Nach seinen Reisen heiratete Apuleius nämlich eine reiche Witwe namens Pudentilla. Einer ihrer Söhne fand das nicht gut und begann einen Prozess gegen Apueius, in dem er ihm vorwarf, die Mutter durch magische Handlungen zur Heirat verführt zu haben. Allem Anschein nach wurde Apuleius aber freigesprochen. Bis zu seinem Tod blieb er dann in seiner Heimat Nordafrika, zunächst in einem Ort namens Oea, dem heutigen Tripolis, und später in Karthago, wo er als Priester arbeitete. Wann genau er gestorben ist, weiß man heute nicht mehr genau.

Eindrucksvoll ist in jedem Fall, wie Apuleius Schaffen nach seinem Tod weiterlebte. Im Folgenden gebe ich dazu einen kleinen Einblick, wer mag, kann sich gerne den passenden Wikipedia-Artikel mit all seinen Unterverlinkungen dazu durchlesen, – sehr lohnenswert und von Wikipedia selbst als “lesenswert” deklariert.

 

Apuleius Nachleben und Wirkung

Bereits kurz nach seinem Tod wurden Apuleius einige Statuen errichtet. Im 4. Jahrhundert gab es dann sogenannte „Kontorniaten“ mit seinem Abbild drauf. Die Verwendung dieser Kontroniaten ist umstritten, vielleicht waren es Spielplaketten, vielleicht kleine Abzeichen, um den heidnischen Glauben (gegen die Christen) zu verteidigen.

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By Johann Jacob Bernoulli – Johann Jacob Bernoulli, Römische Ikonographie, Bd. 1: Die Bildnisse berühmter Römer mit Ausschluss der Kaiser und ihrer Angehörigen. Stuttgart u.a. 1882, Münztaf. 5,117., Public Domain, Link

Die frühen christlichen Kirchväter kannten Apuleius größtenteils und lobten in für sein Werk, kritisierten ihn teilweise aber auch als zu „belletristisch“ und deuteten seine Erzählungen in radikal christlichem Sinn. Im Mittelalter gab es Gelehrte, die auf die Schriften von Apuleius Bezug nahmen (Isidor von Sevilla, Fulgentius, Bernardus Silvestris, Johannes von Salisbury, Albert der Große). Die frühen Humanisten kannten Apuleius (Petrarca, Boccaccio, da Strada, …).
Mit der Verbreitung des Buchdrucks und dem Aufkommen von populärer Literatur, griffen einige Autoren auch auf die Erzählmotive von Apuleius` zurück.
Niccolo Machiavelli beispielsweise schrieb nicht nur etwas über Staatsphilosophie, sondern auch eine (unvollendete) Geschichte über einen verwandelten Esel. Apuleius Metamorphosen galten sogar als Vorbild für eine gesamte Literaturgattung: den sogenannten „Schelmenroman“ (bestes Beispiel: Don Quijote).

Besondere Beachtung fand allerdings die Erzählung von Amor und Psyche. Zahlreiche Humanisten und spätere Autoren haben die Geschichte ausgedeutet oder neu geschrieben, darunter Boccaccio, Niccolò da Correggio, Galeotto del Carretto, Juan de Mal Lara, Ercole Udine, Edmund Spenser (The Faerie Queene), William Browne (Britannia’s Pastorals), Shackerley Marmion (The Legend of Cupid and Psyche), Thomas Heywood (Loves Maistresse or The Queens Masque), Calderón (Ni Amor se libra de amor), Johann Ludwig Prasch (Psyche Cretica), Jean de La Fontaine (Les amours de Psyché et de Cupidon), Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Herder, Mary Thighe, …
Einige sehr bekannte Werke, wie das oben schon erwähnte „Don Quijote“ oder Shakespeares Mittsommernachtstraum enthalten einzelne Elemente oder Episoden aus Apuleius „Amor und Psyche“.

Und auch ganz aktuelle Werke heute noch bekannter Autoren thematisieren Apuleius Schreiben aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. So unter anderem
Elizabeth Barrett Browning  und C.S. Lewis, der nicht nur die „Chroniken von Narnia“ schrieb, sondern die Geschichte aus der Sicht von Psyches älterer Schwester darstellt.

Daneben gab und gibt es auch musikalische Versionen:

Auch in der Psychologie (eine Disziplin, die im 20 Jahrhundert größere Verbreitung fand) spielte die Erzählung von „Amor und Psyche“ eine Rolle. Das ist nicht allzu verwunderlich, bezeichnet der Name der Menschenfrau, in die Amor sich verliebt, ja auch tatsächlich DIE „Psyche“, – also im Sinne von „Seele, Verstand, Gedanken“ – dasselbe Wort wie in Psychologie.

Über all dem gibt es auch eine große Anzahl an Bildern, die es ohne Amor und Psyche nicht gäbe.  Anbei ein paar Beispiele (in chronologische Reihenfolge). – Und damit verabschiede ich mich dann auch erst einmal ganz schlicht und leise. Ich wünsche euch das Allerbeste, mir hat´s sehr viel Spaß gemacht diese Reihe zu schreiben! Bis ganz bald!

Eure Runa Phaino

Selfhtml ca. 70 n. Chr. (Kann das sein? Vielleicht aufgrund einer vorhergehenden Erzählung???)By Stefano BologniniOwn work, Attribution, Link

Selfhtml Wahrscheinlich 3. Jahrhundert n. Chr. By FravekatorOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Selfhtml 1345. By Bartolomeo di Bartoli for Bruzio Visconti – 2D copy of a scan of an medieval manuscript, Public Domain, Link

Selfhtml ca. 1600. By Bartholomeus Spranger – found online [2]Upload: James Steakley, Public Domain, Link

Selfhtml 1605.

By Joseph Heintz the Elder – (Original text: Stadt Augsburg: http://www2.augsburg.de/uploads/pics/F_1548_01.jpg), 11. August 2007(11 August 2007 (original upload date)). Original uploader was Brezelsuppe at de.wikipedia, Public Domain, Link

Selfhtml 1817. By Jacques-Louis David – Author, Public Domain, Link

Selfhtml ca. 1850. By Reinhold Begas (1831-1911) – Alte Nationalgalerie, CC0, Link

Selfhtml Psyche öffnet die Tür zu Amors Garten. Waterhouse 1903. By John William Waterhousejwwaterhouse.com, Public Domain, Link

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Der goldene Esel

Der „Goldene Esel“ oder „Metamorphosen“, ist ein Roman von Apuleius aus Madaura, der als gemeinhin „ältester Roman“ überhaupt gilt und zur Weltliteratur zählt. Die Geschichte, die ich demnächst zu veröffentlichen gedenke – Amor und Psyche -, ist ein Teil dieses Romans.

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By Byzantinischer Mosaizist des 5. Jahrhunderts – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, Link

Das Mosaik hier steht vielleicht sogar in Zusammenhang mit dem Roman von Apuleius, denn es stammt aus dem 5. Jh. n. Chr. Die Geschichte selbst ist knapp 300 Jahre älter, sie wurde Mitte des zweiten Jahrhunderts geschrieben.

Worum geht es?

Kurz gesagt handelt die Geschichte von einem Mann, der aus Versehen in einen Esel verwandelt wird und als Esel allerlei Abenteuer erlebt.

Ob sich Apuleius dabei an König Midas orientiert hat?

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By Michelangelo Cerquozzihttp://www.christies.com/lotfinder/paintings/michelangelo-cerquozzi-king-midas-5022114-details.aspx, Public Domain, Link

Das Motiv Mann-Esel ist auf jeden Fall auch in anderen Werken zu finden, z.B. bei Shakespeare´s Komödie „Ein Mittsommernachtstraum“, in der der Elfenkönig Oberon die Elfenkönigin Titania damit ärgert, sich in einen (verwandelten) Eselsmann zu verlieben.

SelfhtmlBy Various – Scan from the original work, Public Domain, Link

Vielleicht kann man in dieser historischen Wiederholung der Geschichte eine Art kollektiven Zwang erkennen. Beruhen vielleicht all dieses Erzählungen auf dem unverarbeiteten Trauma der Geschichte von der Frau von König Minos (Achtung, nicht Midas!), die sich damals in einen Stier verliebte und so weiter und so fort …?

Na, wahrscheinlich ahnt ihr es schon. Auch im „Goldenen Esel“ geht es mitunter ganz schön schlüpfrig zur Sache.

Dadurch, dass der Roman auch als Apuleius „Metamorphosen“ bezeichnet wird, stellt sich der Autor in die Tradition von Ovid und anderen Autoren vor ihm, denn Geschichten, in denen sich gegen Ende der Protagonist (oder andere Figuren) in etwas Neues verwandeln, gab es in der Antike zuhauf.

Apuleius hat sich das alles also nicht selbst ausgedacht, sondern von anderen Autoren abgeschöpft. Geschieht ihm also nur Recht, dass ich mir einen Teil seines Werkes  als Roman genehmigte. 😉 Wahrscheinlich hatte Apuleius sogar eine sehr konkrete, griechische Romanvorlage, – einen Text von Lucius von Patrei.

Doch nun zur Geschichte selbst.

Inhaltlich geht es um einen Ich-Erzähler (Lucius), der sich total für Zauberei interessiert und nach Tessalien reist, weil er gehört hat, dass dort die mächtigsten Hexen leben.

SelfhtmlBy John DownmanGalerie Bassenge, Public Domain, Link

Tatsächlich macht er dort Bekanntschaft mit Hexen, die sich aber vor allem über ihn lustig machen. Durch ein Missgeschick verwandelt sich Lucius dann in einen Esel, wird von Räubern gefangen genommen und in eine Räuberhöhle gebracht.

SelfhtmlBy Maxfield ParrishAli-Baba.jpg, Public Domain, Link

In der Räuberhöhle trifft er auf die traurige Charite, eine junge Frau, die die Räuber von ihrer Hochzeit kidnappten.

SelfhtmlBy Rotary Photographic Series (198A) in the United Kingdom. [1]. – Transferred from en.wikipedia to Commons by FSII using CommonsHelper.http://robstevensblog.blogspot.com/2009/06/maude-fealy-romeo-julia-18981903.html, Public Domain, Link

Um Charite zu trösten, erzählt die Köchin der Räuber ihr das Märchen von „Amor und Psyche“.
„Amor und Psyche“ stellen also eine Art minikleinen -Exkurs dar, eine „Erzählung in der Erzählung“.

SelfhtmlBy Paul-Jacques-Aimé Baudry – [1], Public Domain, https://commons. wikimedia.org/w/index.php?curid=3216955

Nachdem Charite (und Lucius) die Geschichte gehört haben, freunden sie sich an und wollen fliehen. Sie schaffen es aber nicht und der Esel Lucius soll aufrund des Fluchtversuches getötet werden. Der Anführer der Räuber, entpuppt sich dann aber praktischerweise als Charites Bräutigam und alles ist gut.

Selfhtml By Louis Rhead – Rhead, Louis. “Bold Robin Hood and His Outlaw Band: Their Famous Exploits in Sherwood Forest”. New York: Blue Ribbon Books, 1912., Public Domain, Link

Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Lucius-Esel soll es eigentlich wohl ergehen, aber ein eifersüchtiger Mann tötet Charites Bräutigam, sie bringt den Mörder ihres Mannes um und danach sich selbst. Tragische Liebesgeschichte! – Auch schon so alt wie die Menschheit selbst. 😉

Selfhtml By Arĝenta NeĝoOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Esel Lucius ist nun gezwungen, mit heuchlerischen Wahrsagern umher zu ziehen, später gerät er an einen Müller, Gärtner, Legionär, … und an eine Frau, die sich in ihn verliebt und es auch schafft, eine körperliche Verbindung mit ihm einzugehen. (Womit wir  schon wieder bei Minos Gattin wären …)

Apuleius schreibt dazu:
„Unterdessen verdoppelte die Dame ihre Liebkosungen, herzte, küßte mich und girrte und verdrehte im Taumel stechender Begierden die Augen. Zuletzt rief sie: »Ha, nun hab ich Dich! hab ich Dich, mein Täubchen! mein Vögelchen!« Und mit den Worten zeigte sie, daß alle meine Besorgnis und Furcht töricht und überflüssig war; denn sie umschlang mich und nahm mich ganz, ganz sage ich, auf!
So oft ich, ihrer schonend, mein Hinterteil zurückzog, so oft flog sie elastisch in jähem Schwunge mir nach, und, je fester und fester mit ihren Armen mein Rückgrat umfassend, schloß, drückte, preßte, schmiegte sie sich brünstiger an mich, so daß ich, beim Herkules! gar glaubte, es mangle mir noch etwas zur Befriedigung ihrer Üppigkeit, und im Ernst auf den Argwohn geriet: die Mutter des Minotaurs müsse sich wohl nicht ohne Grund lieber einen brüllenden Liebhaber zur Kurzweil erkoren haben.“ Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-goldene-esel-5948/12
Nun ja … doch damit nicht genug!

Später soll Lucius das da oben Beschriebene an einer zum Tode Verurteilten in aller Öffentlichkeit wiederholen, allerdings flieht er, bevor es dazu kommt.

Selfhtml By Benutzer:BrunswykOwn work (Original text: Benutzer:Brunswyk), CC BY-SA 3.0 de, Link

Völlig traumatisiert wendet sich Lucius schließlich an die Muttergöttin, die ihm in der Gestalt der Isis erscheint und ihn endlich von seiner Odyssee im falschen Körper befreit und der er im Anschluss für den Rest seines Lebens als Priester dient.

SelfhtmlBy Wael MostafaOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Es ist nicht ganz sicher, ob es die Mysterien von Isis und Osiris zur Zeit Apuleius´ wirklich gab. Wenn ja, werden sie wahrscheinlich Ähnlichkeit mit anderen Mysterienkulten/religionen der Antike gehabt haben. – Wer mag, kann unter den folgenden Links noch mal nachlesen, ich hatte die immer mal wieder erwähnt.

https://lehmofen.wordpress.com/2017/10/12/kybele/
https://lehmofen.wordpress.com/2017/10/19/die-bacchanalien/ (!)
https://lehmofen.wordpress.com/2017/09/28/apollo/

Bei all dem stellt sich natürlich die Frage, wieso Apuleius diese Geschichte geschrieben hat und/oder was er damit aussagen möchte.

Interessant ist, dass die oben erwähnten Mysterien von Isis und Osiris nur bei Apuleius Erwähnung finden. Er ist also der einzige antike Autor, der davon schreibt. Wobei das mit den Überlieferungen aus der Antike ja so eine Sache ist …

Vielleicht ist also gerade dieser Bezug ein Schlüssel für die Interpretation. Vielleicht aber auch nicht. Das weiß man nach all der Zeit natürlich nicht mehr so genau und man muss sich ja bei Literatur grundsätzlich fragen, wie „bewusst“ dem Autor eigentlich ist, was er da tut und was er aussagen will – oder ob „das alles“ nicht einfach nur eine tolle Geschichte ist, die der Unterhaltung dient.

In der Szene, als Esel-Lucius sich hilfesuchend an Isis wendet, betrachtet er zunächst den Mond. Dann fängt er an zu beten und zwar mit folgenden Worten:

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„Königin des Himmels! Du seist nun die allernährende Ceres (Demeter), des Getreides erste Erfinderin, welche, in der Freude ihres Herzens über die wiedergefundene Tochter, dem Menschen, der gleich den wilden Tieren mit Eicheln sich nährte, eine mildere Speise gegeben hat und die eleusinischen Gefilde bewohnt, oder du seiest die himmlische Venus (Aphrodite), welche im Urbeginne aller Dinge durch ihr allmächtiges Kind, den Amor, die verschiedensten Geschlechter gegattet und also das Menschengeschlecht fortgepflanzt hat, von dem sie zu Paphos in dem meerumflossenen Heiligtume verehrt wird, oder des Phöbus Schwester (Artemis/Diana), welche durch den hilfreichen Beistand, den sie den Gebärerinnen leistet, so große Völkerschaften erzogen hat und in dem herrlichen Tempel zu Ephesus angebetet wird. Oder du seiest endlich die dreigestaltige Proserpina, die nachts mit grausigem Geheul angerufen wird, den tobenden Gespenstern gebietet und unter der Erde sie einkerkert, während sie entlegenen Haine durchirrt, wo ein mannigfacher Dienst ihr geweiht ist: Göttin! die du mit jungfräulichem Scheine alle Regionen erleuchtest, mit deinem feuchten Strahle der fröhlichen Saat Nahrung und Gedeihen gibst und nach der Sonne Umlauf dein wechselndes Licht einteilst; unter welchem Namen, unter welchen Gebräuchen, unter welcher Gestalt dir die Anrufung immer am wohlgefälligsten sein mag! Hilf mir in meinem äußersten Elende! Stehe mir bei, daß ich nicht gänzlich zugrunde gehe; nach so vielen, so schwer überstandenen Trübsalen verleihe mir endlich einmal Ruhe und Frieden! Ich habe genug des Jammers, genug der Gefahren! Nimm von mir hinweg die schändliche Tiergestalt! Laß mich wieder werden, was ich war; laß mich Lucius werden und gib mich den Meinigen wieder! Oder habe ich ja irgendeine unversöhnliche Gottheit ohne mein Wissen beleidigt: Ach, so sei lieber mir erlaubt, zu sterben denn so zu leben, o Göttin!“ Quelle: http://www.symbolon.de/downtxt/esel.htm

Kurze Zeit darauf erscheint ihm die Göttin im Traum und zwar folgendermaßen:

„Reiche, ungezwungene Locken spielen sanft in angenehmer Verwirrung um den Nacken der Göttin; ihren hohen Scheitel schmückte ein vielförmiger Kranz mit mancherlei Blumen. Über der Mitte der Stirn glänzte mit blassem Scheine eine flache Rundung nach Art eines Spiegels oder vielmehr der Scheibe des Mondes, darumher auf beiden Seiten sich gewundene Schlangen gleich Furchen zogen, und darüber hin, wie bei der Ceres, Kornähren gelegt waren.
Ihr Kleid war feines Zeug, das bald weiß, bald gelb, bald rosenrot wechselte. Es umhüllte sie ein Mantel von blendender Schwärze, der unter dem rechten Arm hindurch über die linke Schulter geschlagen war. Der Zipfel wie ein Schild eines Kriegers über den Rücken zurückgeworfen, fiel in mannigfachen Falten hinab, und die Fransen des Saumes flatterten zierlich im Winde. Sowohl auf der Verbrämung als auf dem Mantel selbst flimmerten zerstreute Sterne in deren Mitte der Vollmond in seiner ganzen Pracht glänzte, und eine schwere Kette allerlei künstlich zusammengeordneter Blumen und Früchte irrte allenthalben verloren darüber hin.
In ihren Händen führte die Göttin weit voneinander verschiedene Dinge; denn in der Rechten hielt sie eine goldene Klapper, durch deren schmales Blech, das sich wie ein Gürtel zusammenbog, einige Stäbe gezogen waren, die beim dreimaligen Schütteln des Armes einen hellen Klang gaben. Von der Linken aber hin ihr ein goldenes Trinkgeschirr herab, über dessen Handhabe an der Seite, wo sie sichtbar war, eine Schlange sich emporreckte mit hocherhobenem Haupte und geschwollenem Nacken.“
ebd.

Die Göttin – die hier tatsächlich in der Gestalt aller antiken Göttinnen zusammen erscheint,- gewährt Lucius seinen Wunsch und empfielt ihm, auf der Feier, die ihr zu Ehren stattfindet, Rosen zu essen, damit er sich zurückverwandelt.

SelfhtmlBy HamachidoriOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Gesagt, getan.

Alle dort anwesenden Menschen (eine bunte Schaar) sind erstaunt über Lucius´ Rückverwandlung hin zum Menschen. – Im Prinzip ist das “Happy End” erreicht.

Doch die Geschichte geht noch ein wenig weiter, Lucius hat eine weitere Traumbegegnung mit der Göttin „Isis“ (in verschiedenen Variationen) und schließlich wird Lucius in die Mysterien von Osiris eingeweiht.
Parallel wird Lucius zu einem Rechtsanwalt und zu einem „Pastophoren“.

Die Pastophoren waren im alten Ägypten Priester, die Zugang zu den kultischen Gegenständen hatten. Der Begriff wird noch heute in der byzantinischen, christlichen Kirche für Priester verwendet.

Ein wenig erinnert der Begriff auch an „Pastor“ (lat. Hirte), der ja eine Menge christliche Bezüge aufweist. Pastophoren leiten sich allerdings ab vom altgriechischen  παστοφόριον(pastophorion), παστὸς(pastos) Kapelle mit Götterbild und φορὸς (phoros) tragend).
SelfhtmlBy René SteyerOwn work, CC BY-SA 3.0 at, Link

By Charlie1965nrw at the German language Wikipedia, CC BY-SA 3.0, Link

Wie auch schon beim Gemälde von Boticelli, über das ich im Beitrag von Flora und Chloris schrieb, überlasse ich die Interpretation des Ganzen euch.

Der offensichtliche(?) Bezug zur einem meiner älteren Beiträge ist auf jeden Fall erwähnenswert.

Es gibt darüber hinaus aber natürlich schon Interpretationen der Geschichte des Goldenen Eselchens. Weg mag, darf sich gerne einlesen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Apuleius#Metamorphosen [Abschnitt Deutung]

http://www.heinrich-tischner.de/50-ku/marchen/marchen/eselsrom.htm

http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/439/1/Moellendorf_Apuleius_Der_Goldene_Esel_2000.pdf

Ich werde die Erkenntnisse aus den Beiträgen der Reihe „komische Götter“ (vielleicht erinnert sich der ein oder andere, so hatte es vor ein paar Monaten begonnen) auf jeden Fall für mein nächstes Buch nutzen. 😉 Nächsten Donnerstag gibt es dann noch einen letzten Artikel über den werten Autoren des „Goldenen Esels“, bei dem ich so schändlich geklaut habe, um meinen Roman zu schreiben (oh, übrigens auch bei Ovids Metamorphosen, by the way.) Dessen Name in Zusammenhang mit der aktuellen Blogreihe übrigens schon über 50 Mal fiel. – Das muss Liebe sein. ❤

Und dann werde ich mich erstmal ein wenig zurückziehen, der Blog wird umziehen, alles wird anders werden, aber grämt euch nicht, denn:

Nichts ist beständiger als der Wandel.

Das sagte schon mein guter, alter Kumpel Heraklit. – Und er hat verdammt nochmal Recht.

Vom Trinken und vom Sterben

Trotzig wischte Psyche sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie ging zum Fenster, öffnete es weit und blickte dem Morgenlicht entgegen, das die Welt hinter den Bergen erhellte. Frische Luft strich angenehm kühlend über ihre erhitzten Wangen.
Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan und sich ihrer Verzweiflung hingegeben. Doch im Licht der aufgehenden Sonne formten ihre Gedanken neue Figuren:
„Vielleicht“, dachte Psyche, „ist der Tod gar kein Ende. Vielleicht ist der Tod nur ein Übergang in ein anderes Leben. Ein besseres Leben.“
Psyche atmete tief ein. Der Burghof begann langsam zu erwachen. Gänse schnatterten, einzelne Stimmen wurden laut.
„In diesem Leben“, überlegte Psyche, „habe ich mich nie zu Hause gefühlt. Für meine Eltern bin ich eine Last. Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.“
Dienerinnen betraten den Raum. Psyche nickte ihnen zu und ließ sich ankleiden.
Als Psyche den Thronsaal betrat, hörte sie wie die Eltern ihr „Verschwinden“ besprachen. Ein wenig von der Wut, die sie in der letzten Nacht so intensiv gespürt hatte, keimte in ihr auf.
„Ich bin noch nicht einmal tot, da überlegt ihr schon, was ihr dem Volk erzählen wollt?“
Zornig blickte sie ihre Eltern an.
Der König und die Königin saßen an der Tafel im Thronsaal und hielten sich an den Händen. Ihre Augen waren rotgeweint, die Gesichter aschfahl.
„Verstehe doch, Kind, wir dürfen dem Volk nichts von diesem Unglück sagen. Wir müssen an das Königreich denken. Wir müssen ihnen sagen, dass du bei einer entfernten Verwandten lebst.“
Psyche betrachtete ihre Eltern, wie sie dasaßen, verzweifelt und verängstigt.
„Für die, die bleiben“, dachte Psyche, „scheint es schwerer zu sein als für die, die gehen.“
Und ihre Wut zerfiel zu Staub.
„Ihr lebt“, sagte Psyche. „Und ihr müsst weiterleben. So sagt also über mein Verschwinden, was euch richtig scheint. Doch versprecht mir, irgendwann, wenn es möglich ist, dann kommt und holt meine Überreste. Beerdigt mich an einem schönen Ort, vielleicht im Garten, nahe der Grotte. Das würde ich mir wünschen.“
Und als ihre Eltern daraufhin in Tränen ausbrachen, fügte Psyche noch hinzu:
„Vielleicht stimmt es, was die Priester sagen. Und wir sehen uns wieder in den elysischen Gefilden der Unterwelt.“

„Un´sie issauch sssöööön“, lallte Amor und machte ein paar Saltos in der Luft. „Ich habne FFFFrau für dichefunden, Onkelchen!“
Pluto blickte Amor kopfschüttelnd hinterher, der wie eine verrückt gewordene Nymphe durch die Eingangshalle der Unterwelt purzelte.
„Ich glaube, du hast ein wenig über den Durst getrunken.“
„Nain, Nain!“, rief Amor, „Neinneinnein! Nie!“
Mit einer grazilen Drehung landete er direkt vor Plutos Füßen. „Hier, guck!“
Er zog einen Pfeil aus seinem Köcher und hielt ihn Pluto direkt vor sein strudelndes Gesicht.
„Guckstu! Echtes Gold. Konisch geformt. So spitz wie eine … Sssspitze! Bessstarbeit!“
Amor schwankte ein wenig und deutete auf die Pfeilspitze. Als Pluto sich hinabbeugte, flatterte er aufgeschreckt zurück:
„Niiich anfassen! Niiich anfassen. Iss gefährlich! Isss mein Bester!“
„Du meintest doch, ich solle ihn mir angucken“, sagte Pluto und nahm Amor vorsichtig den Pfeil aus der Hand. Er betrachtete das perfekte Ende und wog ihn in seiner Hand.
„Und sie ist auch wirklich schön?“, fragte Pluto.
„Klaro“, erwiderte Amor. „Die Leudde sagen, fast so sssschön wie meine Ma. … Oh, meine Mama!“
Amors Augen füllten sich mit Tränen, er schluchzte und schniefte.
„Deine Mutter wird sich schon wieder beruhigen“, sagte Pluto mit einem Seitenblick zu Amor.
„Das ist, ist es ja!“, rief Amor. „So ruhuig war sie noch nihie!“
„Dann wird sie sich halt wieder über dich aufregen, irgendwann.“
„Meinst du?“
Amor schnäuzte sich die Nase.
„Es ist deine Mutter“, sagte Pluto und Amor schien es, als würden seine Gesichtsstrudel einmal im Kreis rollen. „Also: Ja. Und was diese Psyche anbelangt … Ansehen können wir sie uns ja mal.“
„Oh ssssuper!“, rief Amor und schnellte in die Höhe. „Dann wird bald alles wieder gut!“ Er sich den Kopf an der Decke der Eingangshalle und plumpste hinab.
„Autsch!“
Sterne tobten vor Amors Augen. Pluto seufzte und hob den kleinen Gott vom Boden auf.
„Wir nehmen meine Wolke.“

Psyche hatte sich noch auf der Burg von ihrer Mutter und ihren Schwestern verabschieden müssen. Sie waren dort geblieben, um den Anschein zu wahren.
So ritt Psyche nun auf einem Pferd neben ihrem Vater, gehüllt in ein schlichtes Gewand, das Gesicht von einem Fell verdeckt, der wie ein Bart aussah. Auch der König war gekleidet wie ein einfacher Mann, damit niemand Verdacht schöpfte.
Sie verließen die Burg durch einen Nebeneingang, vermieden die Stadt und gelangten schließlich auf den Pfad, der sich langsam den Berg hinaufschlängelte. Bald waren sie umgeben von dichtem Wald, in dem es angenehm kühl war. Zikaden zirpten und ab und an huschte der Wind durch die Wipfel der Pinien.
Der Weg wurde immer steiler und die Pferde hatten Mühe, die Hufen auf den Boden zu setzen.
Psyche glitt von ihrem Pferd.
„Ihr solltet die Tiere schonen“, sagte sie und hoffte, dass ihr Vater die Andeutung verstehen würde.
„Dann werde ich dich zu Fuß begleiteten“, entgegnete der König und stieg ebenfalls ab.
„Es ist mein Schicksal, nicht das Eure“, sagte Psyche. „Der Wald lichtet sich. Der Gipfel ist nicht mehr weit. Ihr müsst umkehren.“
Der König schüttelte den Kopf.
„Vater, du weißt, was das Orakel gesagt hat. Lass mich gehen, jetzt, allein!“
„Ich kann das nicht zulassen, mein Kind“, sagte der König.
„Es ist beschlossen“, sagte Psyche. „Von Mächten die über Euch stehen.“
Der König wirkte um Jahre gealtert.
„Ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich tu. Dass ich dich, meine jüngste Tochter, einem Untier opfere …“
„Deine hässlichste Tochter“, sagte Psyche und lächelte traurig. „Ich bin froh, dass ich es bin. Nicht Gorda, nicht Tessa, nicht Mutter oder Ihr. Ich bin diejenige, die man am wenigsten vermissen wird.“
„Psyche!“
Verzweiflung lag im Blick der Königs.
„Ihr wisst es“, sagte Psyche ruhig. „Ihr wisst, dass ich Recht habe. Und nun nehmt Euer Pferd und geht.“
„Nein“, stammelte der König.
„Also werde ich gehen. Und Ihr werdet mir nicht folgen. Lebt wohl.“
Psyche stapfte entschlossen durch die Reihen der Pinien den Berg hinauf. Der Weg war steil, gab ihr keinen Raum nachzudenken. Dornen rissen an ihrem Gewand, der Boden war weich, gab nach, dann wieder trat sie auf harten Fels. Psyche nutzte ihre Hände, hielt sich an Zweigen fest, zog sich empor, Stück für Stück.
Kurz bevor sie den Waldrand erreicht hatte, hielt sie inne und blickte zurück.
Ihr Vater war nicht mehr zu sehen.
Psyche biss die Zähne zusammen und begann den letzten Teil des Aufstiegs auf den kahlen Gipfel. Keuchend und stöhnend kroch sie empor, der Wind heulte, und irgendwo darin vernahm sie eine Stimme, eine schräge, wilde Melodie, die folgende Worte tönte:

„Welch reizend Ding ist nicht die Liebe?
Mit diesem anmutsvollen Triebe,
Sind Jahre wie ein Augenblick,
Wie eine Sommernacht verschwunden,
und ewig wünscht man sich die Stunden,
Der ersten Zärtlichkeit zurück
Wer sich in Amors Netz verlieret,
Wen je ein schönes Aug gerühret,
Singt täglich voll von seinem Glühüüüüück!“

„Kannst du bitte damit aufhören?“, bat Pluto ungeduldig.
„Klaro!“, Amor hickste. „Oder auch nich … WELCH REIZEND DING IST NICHT DIE LIEB…“
„Ruhe jetzt!“, rief Pluto.
„Thalia“, plapperte Amor und nahm noch einen Schluck Wein. „Hat ssie mir früher immer vorgesungen. Meint, das wird mal geschrieben über mich. Keine Ahnung. Die isssso klug, fast wie Diana … was die allet weeeeß …“
„Soso“, murmelte Pluto. „Weißt du mittlerweile etwas über Pyramus und Thisbe?“
„Nö“, sagte Amor und hickste erneut. „Sollte ich?“
„Mich würde ja schon interessieren, wohin sie verschwunden sind“, sagte Pluto grimmig.
„Mir egal“, sagte Amor. „Iss mir egal …“
Auf einmal war es ganz still.
„Amor?“, fragte Pluto und drehte sich um.
Der Liebesgott lag auf der Seite und schnaufte selig.
„Nicht schlafen!“, rief Pluto. „Wir sind gleich da.“

Kalt peitschte der Wind. Psyche war froh um ihren künstlichen Bart, der ihr Gesicht gut schützte. Sie knetete die gefrorenen Hände, hockte in einer Felsspalte und lauschte.
Liebe, Sommernacht … sie war wohl nicht mehr ganz bei Trost. Was waren das für Worte? Sie musste sich verhört haben.
Ängstlich blickte sie um sich. Ihre Furcht wurde mit jedem Augenblick größer.
Als sich vor ihr eine riesige, pechschwarze Wolke erhob, brach die Angst sich Bahn.
Psyche schrie und der Wind raubte ihr die Stimme von den Lippen.