Die Bacchanalien

Bevor es ans Schreiben bzw. Lesen geht, erst einmal ein paar Bilder zur Einstimmung.

Selfhtml

By Pierre MignardCoyau, 25 March 2011, Public Domain, Link

Selfhtml

By Frederick William Macmonnies – Brooklyn Museum, No restrictions, Link

SelfhtmlBy JamesMacMillanOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Selfhtml

By Annibale CarracciWeb Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link

Selfhtml

By François Boucher (1703–1770)http://www.sothebys.com/en/auctions/ecatalogue/2013/old-master-paintings-n08952/lot.91.html, Public Domain, Link

Selfhtml

By Roland zhOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Selfhtml

By Roland zhOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Wie man gut erkennen kann, waren die Baccanalien ein rauschendes Fest, das im antiken Rom im März gefeiert wurde, wahrscheinlich auch in Zusammenhang mit verschiedenen anderen Festen, die den Beginn des Frühlings zelebrierten.
Die Bacchanalien haben ihren Namen vom römischen Weingott Bacchus und ein griechisches Pendant, nämlich die Dionysien, vom griechischen Weingott Dionysus.

Während des Festes gab es in Athen einen großen, von verschiedenen Musikern begleiteten, Umzug, bei dem ein riesiger Phallus (repräsentativ für Dionysus) durch die Stadt getragen wurde. An den darauffolgenden zwei Tagen wurden zunächst Tragödien und dann Komödien im Dionysus-Theater aufgeführt. Dabei wurden auch Sieger ermittelt, je nachdem, auf welchen Autoren die Gunst der ausgelosten Richter fiel.

Selfhtml Das Dionysustheater. Von From the German 1891 encyclopedia Joseph Kürschner (editor): “Pierers Konversationslexikon”. Pierers Konversationslexikon. Siebente Auflage. Mit Universal-Sprachen-Lexikon nach Prof. Joseph Kürschners System. Union. (published by) Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart, 1891. herausgegeben von (edited by) Joseph Kürschner. – Wikified and scanned by —Immanuel Giel 12:02, 20 May 2005 (UTC), Gemeinfrei, Link

Unter den Siegern waren so bekannte Autoren wie Sophokles und Aischylos oder Aristophanes. Einige der Stücke findet man in sehr ähnlicher oder abgewandelter Form auch in der modernen Literatur wieder. So hat Beispielsweise Goethe ein Stück namens „Iphigenie auf Tauris“ geschrieben, das auf den griechischen Autor Euripides zurückgeht.

SelfhtmlBy Bertholet Flemallehttp://www.culture.gouv.fr/public/mistral/joconde_fr?ACTION=RETROUVER_TITLE&FIELD_5=REPR&VALUE_5=DIANE&GRP=1&SPEC=5&SYN=1&IMLY=&MAX1=1&MAX2=1&MAX3=100&REQ=%28%28DIANE%29%20%3aREPR%20%29&DOM=All&USRNAME=nobody&USRPWD=4%24%2534P, 2012-07-17, Public Domain, Link

In dieser Erzählung geht es um die Opferung von Iphigenie, die – um den trojanischen Krieg zu gewinnen – für ihr Vaterland (Griechenland) geopfert werden soll, und zwar der Göttin Diana.
Es fällt auf, dass es solche Opfer-Geschichten auch in der Bibel (Altes Testament) gibt, wenngleich in einer anderen Beziehungskonstellation (Vater-Sohn) und aus einem anderen Grund (Vertrauen).

Selfhtml

By workshop of RembrandtMrArifnajafov (Privatarchiv Foto von MrArifnajafov fotografiert), Public Domain, Link

Zum Glück retten in beiden Varianten die Götter die potentiellen Opfer!

Auch psychologische Erkrankungen werden in den griechischen Tragödien, die damals bei den Dionysien aufgeführt wurden, schon benannt, z.B. der Oedipus-Komplex im Stück „König Oedipus“ von Sophokles.

Selfhtml

By Bénigne Gagneraux – Nationalmuseum, Stockholm, Public Domain, Link

Oedipus ist jemand, der nichtsahnend seine Mutter heiratet und seinen Vater tötet und sich darüber dann aus Verzweiflung die Augen aussticht. Den Kindern, die er mit seiner Mutter gezeugt hat, ergeht es auch sehr tragisch (z.B. Antigone).
Bachhofen, ein Gelehrter aus dem 19. Jahrhundert, wollte insbesondere in der Geschichte der Antigone die mythische Verarbeitung der gesellschaftlichen Veränderung vom Matriarchat zum Patriarchat sehen. Die Geschichte in Kurzform: Antigone hat Probleme mit ihrem Onkel Kreon, der ihr nicht gestatte will, ihren Bruder zu bestatten, der im Krieg (gegen seinen Bruder) umgekommen war.
Bachhofen schreibt nun davon, dass diese „kriegerischen“ und „staatlichen“ Elemente (Krieg, König, Verbot der Beerdigung) etwas „Neues“ und „Partriarchales“ seien, da es in einer Gesellschaft, in der die Frauen frei entscheiden, von wem sie wann Kinder bekommen, eigentlich nur Geschwister gebe.
Na, ich finde es auf jeden Fall ganz erstaunlich, dass solche Aussagen von einem Gelehrten des 19. Jahrhundert stammen, wo doch tendenziell eher der Tenor von Weibern und Peitschen schwang. 😉
https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96dipus#Aufnahme_des_Mythos_in_Psychoanalyse_und_Philosophie

Es gab darüber hinaus auch Stücke, die – das wird jetzt ein bisschen Mise en abyme hier- 😉 bei den Dionysien aufgeführt wurden und das Thema des heutigen Beitrags behandeln, so zum Beispiel „Die Bakchen“ von Euripides.

Selfhtml So sah er vermutlich aus, der gute Euripides. By Marie-Lan Nguyen (2006), Public Domain, Link

„Die Bakchen“ ist eine Tragödie und darin geht es eher drastisch zur Sache.

Die Geschichte:
Dionysus, der Gott des Weines und der Freude, kehrt in seine Heimatstadt Theben zurück, doch der dort ansässige König Pentheus will ihn nicht empfangen und verehren, sondern ganz im Gegenteil, er will Krieg gegen ihn führen.
Frauen begleiten und feiern mit Dionysus auf einem Berg in der Nähe der Stadt, Pentheus wird neugierig und schleicht sich (auf Rat von Dionysus) als Frau verkleidet auf die Party.
Dummerweise kriegen die Frauen aber mit, dass sich ein Mann unter ihnen befindet und dummerweise finden die das – in ihrer göttlichen und berauschten Stimmung – gar nicht gut und zerreißen ihn.
Besonders makaber ist, dass sich unter den feiernden Frauen sogar die Mutter von Pentheus, Agaue, befindet, die ihren Sohn aber nicht erkennt und ihm daher auch nicht hilft.

Selfhtml

By UnknownJastrow (2007), Public Domain, Link

In den „Bakchen“ findet man, – einer modernen Interpretation zufolge – ebenfalls die Auseinandersetzung mit dem „wilden, unstaatlichen Leben“. Quelle: Louise Bruit Zaidman / Pauline Schmitt Pantel: Die Religion der Griechen. Kult und Mythos. Beck Verlag, München 1994. S. 178.

Ein ganz ähnliches Todesschicksal wie Pentheus erleidet übrigens Orpheus, der als bester Musiker der Antike galt und um den sich verschiedene Erzählungen ranken. Angeblich hat er so gut gespielt, dass sogar die wilden Tiere kamen, um seiner Musik zuzuhören.

Selfhtml By Jacob HoefnageltgFGkixo83eXkQ at Google Cultural Institute, zoom level maximum, Public Domain, Link

Bekannt ist die Geschichte von Orpheus und Eurydike, in der der Sänger seine verstorbene Liebste aus der Unterwelt geleiten darf, weil er den Gott des Todes mit seinem Gesang so sehr berührt, dass der sich ausnahmsweise mal entschließt, von seinem Credo “Niemand kommt hier wieder raus” abzuweichen. Die einzige Bedingung, die Orpheus einhalten muss ist, dass er der Liebsten voranschreitet und sich nicht umdrehen darf. Leider tut er es kurz vor Ende des Aufstiegs dann doch und sie verschwindet zurück in Staub und Schatten.

Selfhtml

By Urheber: Erich SchicklingNutzungsrechtinhaberin: Erich-Schickling-Stiftung – Erich Schickling, CC BY-SA 4.0, Link

Es gibt eine interessante historische Verbindung zwischen Orpheus und Dionysus. Orpheus war der Sohn von der Muse Kalliope und einem Flussgott (oder Apollo). Historisch betrachtet gab es in der Antike tatsächlich einen „echten“ Kult um ihn, einen sogenannten Mysterienkult, genauso wie es auch für die Götter Bacchus/Dionysus zutraf, – von ihrem Fest ist hier die Rede. Die Orphiker, wie die Anhänger von Orpheus hießen, waren wahrscheinlich jüngeren Datums und haben sich möglicherweise als eine Art Gegenbewegung zum Bacchus-Kult gegründet.

Bei ihnen ging es um die Unsterblichkeit der Seele und in erhaltenen “orphischen Schriften”  ist oft von der Entstehung der Erde die Rede.
In der Spätantike (nach der Entstehung des Christentums), gibt es dann auch die theologische Verbindung von Orpheus und Jesus. Orpheus wird durch seinen Gang in die Unterwelt als so eine Art „Vor“Jesus angesehen. Man kennt diesen Erzählstrang aber auch schon aus den ganz alten Mythen, z.B.  Inanna und Dumuzi.

In den orphischen Schriften kann man dann auch (noch mal) etwas über die antike Vorstellung der Weltentstehung lesen, inklusive „orphischem Ei“ und Dionysus. Ich zitiere:

„In [einem] Überlieferungszweig erscheint die Zeit (Chronos) als das Prinzip, das den Ursprung von allem bildet. Chronos bringt zunächst zwei Prinzipien hervor, Aither und Chaos. Die zweite Phase der kosmischen Geschichte beginnt mit der Entstehung des silbrig glänzenden Welteis, das Chronos im Aither erschafft. Aus dem Weltei wird der geflügelte Lichtgott Phanesgeboren. Phanes ist eine Hauptgottheit der Orphiker, außerhalb orphischer Kreise scheint er nicht verehrt worden zu sein. Er wird in der spätantiken, vielleicht auch schon in der frühen Orphik mit Eros gleichgesetzt. Seine Gefährtin ist Nyx, die Nacht; ihr vertraut er sein Szepter an. Nyx gebiert den Gott Uranos, der als nächster die Welt regiert. Dies ist die dritte Phase. Uranos wird von seinem Sohn Kronos gestürzt; dieser Machtwechsel leitet die vierte Phase ein. Auf Kronos folgt Zeus, dessen Regierung die fünfte Phase bildet. Zeus verschlingt Phanes, womit er sich dessen gesamte Kraft und Macht aneignet. Mit seiner Mutter zeugt er die Tochter Persephone, mit Persephone den Sohn Dionysos. Später überlässt Zeus die Herrschaft dem noch kindlichen Dionysos, womit die sechste Phase beginnt. Gegen Dionysos stachelt Hera, die eifersüchtige Gattin des Zeus, die Titanen auf. Die Titanen locken Dionysos in eine Falle, töten und zerstückeln ihn. Dann kochen sie seinen Leichnam und beginnen ihn zu verzehren, wodurch sie etwas von seinem Wesen in sich aufnehmen. Zeus überrascht die Mörder jedoch und verbrennt sie mit seinem Blitz zu Asche. Aus der Asche, in der Titanisches mit Dionysischem gemischt ist, steigt Rauch auf und es bildet sich Ruß; daraus erschafft Zeus das Menschengeschlecht. Damit erklärt eine Variante des Mythos die Ambivalenz der menschlichen Natur, die zwei gegensätzliche Tendenzen aufweist: einerseits einen zerstörerischen, titanischen Zug, der zur Rebellion gegen die göttliche Ordnung anstachelt, andererseits aber auch ein dionysisches Element, das zum Göttlichen hinführt. Apollon sammelt die Stücke von Dionysos’ Leichnam ein, Athene bringt sein intaktes Herz zu Zeus, der nunmehr den Ermordeten zu neuem Leben erweckt.“ Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Orphiker#cite_ref-15

In dieser Erklärung zur Weltentstehung sind viele Elemente der bekannten Autoren Hesiod, Homer u.a. enthalten, aber Damaskios, auf den der Text zurückgeht, hat sich im 5. Jahrhundert nach Christus, als er den Text schrieb, auch ein paar Dinge dazu gedacht und damit eine eigene Deutung geschaffen: Weltentstehung auf Grundlage des dionysischen und titanischen Prinzips, womit sich wieder so ein schöner Dualismus findet, auf den ich bei meinen ersten Beiträgen im August schon einmal hingewiesen hatte.

In einer anderen der orphischen Schrift heißt es laut Damaskios: „[Anfangs gab es] zwei Prinzipien, das Wasser als Prinzip der Zerstreuung und die Erde als Prinzip der Zusammenfügung. Aus ihnen ist als drittes Prinzip ein Drache hervorgegangen, der zugleich den Namen des nicht alternden Chronos (Zeit) und des Herakles trägt. Dieses Wesen trägt Flügel auf den Schultern und ist dreiköpfig; neben einem Stier- und einem Löwenkopf hat es in der Mitte einen göttlichen. Seine Gefährtin ist Ananke, die weltumfassende Notwendigkeit. Chronos ist der Vater von Aither und Chaos. Später erzeugt Chronos aus Aither, Chaos und Erebos (der Finsternis) das Weltei.“ Quelle: ebd.

Selbstverständlich gibt es noch ein paar andere Varianten, wie die Welt entstanden sein soll – und das nur bei den Orphikern! Wer soll da denn noch wissen, was richtig ist? 🙂

Gerade mit Blick auf die erste Ausdeutung zur Weltentstehung wundert es mich übrigens, dass man an vielen Stellen lesen kann, Bacchus/Dionysus und Orpheus wären voneinander getrennte Kulte gewesen. Vielleicht hatten sie ja doch mehr gemeinsam, als bisher bekannt ist?
Den Orphikern wird auf jeden Fall abseits der Hymnen nachgesagt, dass sie streng vegetarisch lebten und selbst Eier (Kosmisches Ei) bei ihnen Tabu waren. Ein hoher Anteil Orphiker war weiblich. Alkohol war wohl zumindest in der Anfangszeit noch erlaubt. Der Kult existierte etwa vom 5. Jh. v. Chr. bis zum 5. Jh. n. Chr., aber auch in den Jahrhunderten danach ist immer mal wieder von Orpheus – und seiner Verbindung mit Jesus – die Rede.

Selfhtml Orpheus. By Gustave Surand – http://www.mutualart.com/Artist/Gustave-Surand/640C684E1ED61D52/AuctionResults, Public Domain, Link

Die Bacchanalien als Fest in Rom waren wie die Dionysien in Athen ebenfalls ein Frühlingsfest, die mit der Zeit aber eine Ausweitung erfuhren und zum Teil mehrere Nächte jeden Monat zelebriert wurden.
Der englischspachige Wikipedia-Artikel über die „Bacchanalia“ ist wirklich sehr gut und ausführlich. Unter Bezug auf Livius, einem römischen Historiker, kann man hier allerhand über die Bacchanalien erfahren. Beispielsweise sollen sie aus Griechenland stammen, zunächst ein eher moderates Fest gewesen sein, dem dann aber Wein hinzugefügt wurde. Meistens waren mehr Frauen anwesend als Männer und angeblich gab es keine Unterschiede, was die soziale Stellung der Mitglieder anbelangte. Die religiösen Praktiken dort waren wohl auch sexueller Natur, Livius schreibt auch von missbräuchlichen Geschehnissen.
Bacchus wurde bei diesen Feiern mit dem Liber Pater identifiziert, der einen Tempel auf dem Aventin besaß und als Gott für das einfache Volk galt (er teilte sich den Tempel u.a. mit Ceres).

Selfhtml

By Published by Guillaume Rouille (1518?-1589) – “Promptuarii Iconum Insigniorum”, Public Domain, Link

Im 2. Jahrhundert v. Chr. wurde dieser Kult dann stark eingeschränkt durch den „Senatus consultum de Bacchanalibus“, wahrscheinlich, weil die Feiern sich nach und nach ausweiteten und in ganz Rom verbreiteten und damit in Konkurrenz zur römischen Religion/Priesterschaft standen.
4000 Menschen wurden zum Tode verurteilt, darunter vor allem führende Priester und Priesterinnen des Kultes.
Man beachte, dass Livius lange nach diesem Verbot und den Ereignissen, nämlich erst im 1. Jh. v. Chr. schrieb. – Wer also weiß, was richtig ist.

Selfhtml Bacchus/Dionysus tröstet Ariadne. By Alessandro TurchiWeb Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link

Ihren Ursprung haben die römischen Bacchanalien wahrscheinlich in den Dionysischen Feiern, von denen oben weiter die Rede war.

Wer sich für die mythische Geschichte von Bacchus/Dionysus interessiert, dem sei an dieser Stelle die unten angehängte, sehr gute, gut gemachte und interessante Aufarbeitung von Arte empfohlen. Dionysus/Bacchus ist übrigens auch der Gott, der dafür sorgt, dass die verlassene Ariadne (Theseus, Minotauros, Labyrinth) nicht ganz alleine bleiben musste.

 

Advertisements

Mutunus Tutunus

Mutinus Caninus Der Pilz Mutinus Caninus. By Sanja565658Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Dieser Pilz verdankt seinen lateinischen Namen „Mutinus Caninus“ (dt. „Hundsrute“) einer römischen Gottheit: Mutunus Tutunus.

Mutunus Tutunus ist eine phallische Gottheit. Häufiger findet man auch den Namen „Priapus“, wobei es sich um zwei verschiedene Gottheiten handelte, deren Aufgaben sich aber überschnitten.

Im folgenden Beitrag werden Name und Herkunft des Gottes Mutunus Tutunus vorgestellt und Bezüge zu anderen Göttern – soweit möglich – angerissen.

Vorab: die Thematik phallischer Gottheiten ist sozusagen unerschöpflich! Daher erhebt dieser Blogpost auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. 🙂

Mutunus Tutunus Mutunus Tutunus, einzige (mögliche) Darstellung. By Unknown (coin) – [1], Gemeinfrei, Link

Der Name „Mutunus Tutunus“, oft auch als Mutinus Titinus wiedergegeben, leitet sich wahrscheinlich von den lateinischen Slang-Substantiven „muto“ (auch: mutto, später: mutonium) und „titus“ ab. Man findet die Worte beispielsweise in Klo-Graffiti aus Pompei.
Aber auch der altehrwürdige Satiriker und Dichter Horaz (1 Jh. v. Chr.) schreibt in seiner Satire 1.2. von „muttonis“. In der Satire geht es um Ehebruch und dessen Auswirkungen auf das gesellschaftliche Ansehen. So fragt der Verstand (animus) in einer sehr unangenehm ertappten Situation den mutto: „Was willst du denn noch alles von mir?“ Darauf antwortet der mutto bloß, dass die begehrte junge Dame doch immerhin die Tochter eines angesehenen Vaters sei und er somit zwei Fliegen mit einer Klappe schlüge.
In der Antike wurde dem männlichen Geschlechtsteil eine Art Eigenleben nachgesagt. [Btw: In Ägypten gab es diese Vorstellung auch für die Gebärmutter. So wurde Frauen mit Menstruationsbeschwerden geraten, sich über ein Räucherefäß mit Weihrauch zu stellen, um das „im Körper umherwandernde“ Organ wieder einzufangen.]

Augustinus Der Kirchenvater Augustinus. By Lua error in mw.wikibase.entity.lua at line 37: data.schemaVersion must be a number, got nil instead.Web Gallery of Art:   Image
Info about artwork, Public Domain, Link

Über Mutunus Tutunus als Gott ist leider nicht mehr sehr viel bekannt. Was man weiß, geht aus Beschreibungen hervor, die einige Jahrhunderte später verfasst wurden, in einer Zeit als vor allem christliche Intellektuelle schrieben. Wahrscheinlich spielte Mutunus Tutunus eine Rolle während römischer Hochzeitszeremonien, wohl um das Paar mit vielen Kindern zu segnen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auf jeden Fall die Ausdeutungen späterer Kirchenväter, wie z.B. Augustinus (4 Jh. n. Chr.), die bekanntermaßen zölibatär lebten. In seinem Buch „Über den Gottesstaat“ (De Civitate Dei) kann man seine Meinung und Vorstellung über die vermeintliche Hochzeitsnacht der Römer lesen. Der dort erwähnte Gott „Priapus“ entspricht weitgehend Mutunus Tutunus in seiner Funktion als „Hochzeitsgott“.

„Da stellt sich ein die Göttin Virginiensis und der Gott Vater Subigus und die Göttin Mutter Prema und die Göttin Pertunda, dazu Venus und Priapus. Was soll das sein? Wenn überhaupt der Mann bei diesem Werk eine Hilfe von Göttern brauchte, würde nicht irgend einer oder irgend eine genügen? Wäre hier Venus allein nicht ausreichend, die sogar davon ihren Namen haben soll, daß ohne Kraftanwendung ein Weib seine Jungfrauschaft nicht verliert? Wenn sich bei Menschen noch ein Rest von Schamhaftigkeit findet, die den Göttern abgeht, müssen sie nicht in ihrer Vereinigung bei dem Gedanken, daß soviele Götter beiderlei Geschlechtes zugegen sind und sich um das Werk zu schaffen machen, so von Scham ergriffen werden, daß der Mann weniger erregt wird und das Weib sich heftiger widersetzt? Und jedenfalls, wenn die Göttin Virginiensis da ist, um der Jungfrau den Gürtel zu lösen, wenn der Gott Subigus da ist, damit sie sich dem Manne hingebe, wenn die Göttin Prema da ist, damit sie sich, ohne sich zu rühren, umarmen lasse, was hat noch die Göttin Pertunda dabei zu leisten? Sie soll sich schämen und wegheben; etwas wird doch auch der Mann zustande bringen. Es wäre sehr unanständig, wenn das, wonach sie benannt ist, jemand anderer als er vollbrächte. Aber vielleicht duldet man sie deshalb, weil sie angeblich eine Göttin ist und nicht ein Gott. Denn würde man diese Gottheit für männlichen Geschlechtes halten und Pertundus nennen, so müßte sich der Gemahl wider ihn für die Keuschheit seiner Frau noch um eine kräftigere Hilfe umsehen als die Wöchnerin wider Silvanus. Aber wozu diese Bemerkung? Ist doch auch Priapus anwesend, der übermännliche, auf dessen ungeheuerliches und abscheuliches Glied sich die Neuvermählte setzen mußte, nach der höchst ehrbaren und frommen Sitte der Matronen.“
(De Civitate Dei 6,9 http://www.unifr.ch/bkv/kapitel1924-9.htm)

Augustus
Kaiser Augustus. By Unknown – Santo Attilio, Augusto, Milano 1902., Public Domain, Link

Auf der Velia, einem Hügel Roms, gab es einen Tempel für Mutunus Tutunus, der aber schon zu Kaiser Augustus Zeiten (um das Jahr 0) nicht mehr existierte. Der Gelehrte Festus (2. Jh. n. Chr.) erwähnt dies in seinem Wörterbuch und schreibt auch davon, dass der Tempel von Frauen, die in die toga praetexta gehüllt waren, besucht wurde.
Das Besondere daran: Die toga praetexta war eigentlich ein Kleidungsstück, das im alten Rom hochangesehenen und männlichen Menschen vorbehalten war. Was wohl diese Frauen dort gemacht haben? Augustinus (siehe oben) schreibt von einer „höchst ehrbaren und frommen Sitte der Matronen“.
(Btw: Kaiser August (um 0) und der Kirchenvater Augustinus (4 Jh. n. Chr.) sind trotz des ähnlichen Namens zwei ganz unterschiedliche Menschen gewesen. 😉 )

Forum Romanum
Das Forum Romanum auf dem römischen Hügel Palatin. CC BY-SA 3.0, Link

Caesar
Gaius Julius Caesar. By UnknownRoma Musei Vaticani (Museo Pio Clementino), Public Domain, Link

Möglicherweise gab es sogar einen Schrein auf dem Palatin für Mutunus Tutunus, an dem Caesar kurz vor seiner Ermordung opferte. Für Augustus (den Nachfolger Caesars) war dies Anlass, den ungeliebten, frivolen Gott aus dem kollektiven Gedächtnis zu bannen und seinen Tempel anders zu verwenden. Augustus war ohnehin ein Kaiser, der sehr viel veränderte im römischen Reich. Nicht zuletzt machte er den gesamten Senat um einen Kopf kürzer und so gelang ihm das, was Caesar nicht schaffte: eine Art Diktatur aufzubauen unter Wahrung der äußeren Form der Republik.

Silen
Silen. Eine Art Satyrvater. By SailkoOwn work, CC BY 3.0, Link

Satyrvorstellung nach der Renaissance Satyr-, bzw. Faunskulptur nach der Renaissance (15 Jh. n. Chr.) By Edmé Bouchardon (French, 1698–1762)Jastrow (2006), Public Domain, Link

Bacchanal Ein ebenfalls post-Renaissance entstandenes Gemälde eines bacchanalischen Festes. By Cornelis van HaarlemMuseum of Fine Arts, Budapest, Domini públic, Link

Priapus Darstellung des Gottes Priapus aus Pompei (1 Jh. v. Chr.) Von Wolfgang Rieger – John R. Clarke: Ars Erotica. Darmstadt: Primus 2009, Gemeinfrei, Link

Priapus Noch einmal Priapus, hier besser zu erkennen. By Золоторёв Павелсобственная работа, CC0, Ссылка

antiker Satyr Antiker Satyr. By xeronesFlickr, CC BY 2.0, Link

Bacchanalien Bacchanalien mit einem betrunkenen Dionysus (Mitte). By World ImagingEigen werk, CC BY-SA 3.0, Link

Wie schon oben erwähnt und durch die Bilder zum Teil auch ersichtlich: es gab die Gottheit Mutunus Tutunus nicht nur in einer, sondern in sehr verschiedenen Formen. Über die genauen Bezüge, Verbindungen und Parallelen würde es sich gewiss lohnen, eine Doktorarbeit zu schreiben. Hier sei nur ein paar Verweise genannt.
Der Gott Liber (pater liber), dem Caesar möglicherweise als Mutunus Tutunus opferte, war eine römische Gottheit für Wein, Fruchtbarkeit und Freiheit. Er steht in enger Verbindung mit dem bekannteren römischen Gott des Weines Bacchus oder griechisch: Dionysus.
Bacchus und Dionysus sind übrigens auch nicht „ein und derselbe“ Gott, sondern hatten einen unterschiedlichen Kult, der sich teils auch regional voneinander unterschied.
Die deutlichste Parallele zu den phallischen Gottheiten findet man in einem Fest, den sogenannten „Bacchanalien“. Da es dazu noch einen eigenen Artikel geben wird, sei hier nur exemplarisch der „Thyrsos-Stab“ herausgegriffen, der in Verbindung mit dem Gott und dem Fest stand.

Der Thyrsos besteht aus einem Stengel von einem Riesenfenchel. Er wurde mit Weinreben geschmückt und obendrauf steckte ein Pinienzapfen. Riesenfenchel wird ca. zwei Meter groß, den Stab kann man sich als eine Art „Wanderzepter“ vorstellen. Er diente den Bacchantinnen vermutlich als Stütze, so nannte man die Frauen, die sich zu Anlass der Bacchanalien in den Wäldern mit Wein betranken. Und es gibt andere Mythen, die sich darum ranken.
Von Bacchus/Dionysus ist es nicht mehr weit zum Hirtengott Pan, der mit Faunen, Satyrn und Nymphen in den Landschaften Arkadiens zu feiern pflegte. Seinem Völkchen wird, ähnlich den Bacchantinnen (auch: Mänaden) die Bacchus (Dionysus) begleiteten, eine große Fröhlichkeit, Leichtigkeit und Freizügigkeit nachgesagt.
Der Gott Pan ist ein Mischwesen aus einem Menschen (Oberkörper) und einem Ziegenbock (Unterkörper). Und in ihrer dunkelsten Stunde trifft Psyche auf genau diesen Gott und seine lustige Schar. Pan ist übrigens einer der wenigen Götter, die die gleiche römische und griechische Bezeichnung haben.

Priapus, so erzählt der römische Dichter Ovid (um das Jahr 0), war – wie so oft in der Antike – ursächlich dafür, dass Nymphen in Bäume verwandelt wurden. Als die Nymphe Lotis ihren Rausch ausschlief, wollte Priapus über sie herfallen, aber ein Esel des Silen (eine Art „Satyrvater“) weckte sie mit lautem „I-A“. Dann verwandelte sie sich sicherheitshalber in einen Lotus und Priapus konnte ihrer nicht mehr habhaft werden. Zur Strafe dafür prügelte Priapus den Esel mit seinem riesigen Penis zu Tode.

Lingam Lingam und Yoni in trauter Zweisamkeit.By எஸ். பி. கிருஷ்ணமூர்த்தி at Tamil Wikipedia – Transferred from ta.wikipedia to Commons., GFDL, Link

Auch im Hinduisms ist des öfteren von phallischen Gott-Attributen die Rede. So repräsentiert der Lingam beispielsweise die Macht des Gottes Shiva als Zerstörer und Erneuerer. Sein Gegenstück ist die Yoni, welche das Attribut der weiblichen Gottheit Shakti ist. Shakti steht für gewaltige, ewige Energie, die das Universum durchströmt.
Historisch intressant ist an dieser Stelle die wahrscheinliche Verbindung zwischen den antiken Welten Mittelmeerraum und Indien. Oft wird angenommen, die Menschen damals wussten nichts voneinander, doch allein die Existenz der Seidenstraße zeigt ein anderes Bild.
Wohlmöglich hatten bzw. haben all die Gottheiten einen gemeinsamen Ursprung.