Die Geister, die man rief …

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„Was kann denn gegen diesen Kummer helfen?“

„Nun“, sagte Pan und sah Psyche fest in die Augen. „Gegen alles ist ein Kraut gewachsen. Nur manch eines ist schwer zu finden. Doch heute ist dein Glückstag. Das, was du brauchst, ist eine neue Liebe.“

Pan setzte die Flöte ab und streichelte ihr mit den Fingerspitzen über den Rücken, federleicht. „Du könntest hierbleiben. Du wärest willkommen in unserem Kreis der Liebenden. Du würdest eine neue Liebe finden, gewiss. Vielleicht einen Satyr, vielleicht einen Stern, vielleicht jemanden wie mich …“

Hunderte Augenpaare sahen Psyche erwartungsvoll an. Sie spürte die Erleichterung, die im Vorschlag von Pan lag. Wie reizvoll es wäre, hier Zuhause zu sein und zu vergessen. Zu lachen, zu tanzen, zu feiern und zu trinken. Tagein tagaus und jede Nacht mit dieser lustigen Schar durch die Wälder zu ziehen.

„Ich suche schon seit einiger Zeit eine dauerhafte Gefährtin“, sagte Pan. „Eine einfache Frage, eine ehrliche Antwort: Willst du oder willst du nicht?“

Psyche wandte ihren Kopf zur Seite und hauchte:

„Nein. Es tut mir leid, ich kann nicht. Ich liebe ihn.“

Ein enttäuschtes Murmeln erklang von unten. Enttäuscht schürzte auch Pan die Lippen und zog seine Hand zurück.

„Nun, wenn du unbedingt leiden willst, dann willst du eben unbedingt leiden“, schloss Pan. Grinsend setzte er die Flöte wieder an. „Aber heute Nacht gehörst du zu uns.“

Und dann spielte er eine Melodie, die so fröhlich war, dass Psyche wie von selbst vom Stein in die wogende Masse der tanzenden Faune, Nymphen und Satyrn glitt.

 

 

„Amor! Wach auf!!!“ Das Zimmer zitterte, Pluto schlug so kräftig an die Tür, dass sie fast zu bersten drohte. „Wir haben eine Abmachung!“  Wieder wurde das Zimmer von berstenden Schlägen erschüttert.

„Liebesgott! Mach! Auf!“

Amor blinzelte verschlafen und richtete sich auf. In seiner Schulter pochten quälende Schmerzen. „Au“, wimmerte Amor und presste eine Hand auf den Verband.

„Tu nicht so wehleidig! Du entkommst mir nicht! Keiner entkommt mir!“

„Das ist gut“, keuchte Amor. „Ich bin bereit zu sterben …“

„Öffne die Tür!“

„Die Tür ist verschlossen, meine Ma hat den Schlüssel … “

Draußen herrschte einen Augenblick Stille. Dann beobachtete Amor, wie sich ein dunkler Nebel vom Türspalt her ausbreitete, feine Kreise zog und sich zu verwandeln begann. Und der Nebel wurde eine dunkle Gestalt mit einer Kapuze und einem strudelnden Gesicht.

„Hast du rausgekriegt, was mit Pyramus und Thisbe geschehen ist?“, blaffte Pluto.

„Wenn ich es dir sage, nimmst du mich dann trotzdem mit zu den Toten?“

„Auf jeden Fall“, entgegnete Pluto.

„Sie leben ewiglich in irgendwelchen Büchern, weil ihre Liebe ja soooo groß war.“ Amor rollte mit den Augen.

„Ein Liebespaar, hm?“ Hätte Pluto eine Stirn gehabt, er hätte sie sicherlich gerunzelt. Doch seine Stimme klang fröhlich.

„Na, dann lassen wir die beiden mal dort, wo sie sind. Denn die Liebe ist doch das schönste, was es gibt!“

Amor zog sich das Kissen über den Kopf. Das alles durfte nicht wahr sein!

„Was ist los mit dir?“, frage Pluto. „Bist du krank oder was?“

Amor linste unter dem Kissen hervor und deutete schwach auf seine Schulter. „Schwer verletzt.“

„Pah, das ist doch gar nichts!“

Pluto schnippte mit seinen Fingern und statt eines Strudels erschien auf einmal ein nahezu menschliches Gesicht unter der Kapuze.

„Wie findest du es?“, fragte Pluto. Seine Stimme strömte nun aus einem wirklichen Mund und sein Blick war viel leichter zu deuten. Neugierig sah er Amor an.

„Ähh …“ Amor war verblüfft über die plötzliche Verwandlung.

„Oder lieber so?“ Pluto schnippte noch einmal und sein Gesicht veränderte erneut die Form. Es war auf einmal bärtig mit dichten, buschigen Augenbrauen.

„Kantiger“, seufzte Amor.

„Kantiger?“, wiederholte Pluto und zwirbelte die Spitzen seiner Augenbrauen. „Das gefällt mir! Wie findest du mein Gewandt?“

Amor blickte Pluto skeptisch an. Warum verhielt er sich auf einmal wie Venus?

„Darf ich jetzt sterben?“, rief Amor verzweifelt.

Pluto schüttelte den Kopf.

„Sag mir erst, wie findest du es?“

Amor zog sich die Bettdecke bis zum Kinn und rollte mit den Augen.

„Sieht toll aus. Superschick. Ganz klasse.“

„Findest du? Meinst du das auch ernst? Sie ist nämlich wunderschön, musst du wissen“, fuhr Pluto fort, während er an seinem Kleidungsstück zupfte.

Plutos Gesicht verlor für kurze Zeit seine Form und Amor meinte, im Gewirbel unter der Kapuze einige Herzchen ausmachen zu können.

„Ich habe eine Frau gefunden. Die Frau, für die ich Blumen pflücken würde.“

„Ich will jetzt endlich sterben!“, japste Amor. Hatte sich denn alles gegen ihn verschworen?

 

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Schall und Rauch

***Dieses Kapitel ist ein Teil von meinem Projekt “Amors Abenteuer”, einer modernen Adaption des antiken Märchens “Amor und Psyche”, das ich aus Spaß an der Freude schreibe und nach einer Überarbeitung als eBook veröffentliche. Wer von Anfang an lesen möchte, ist herzlich eingeladen, bis ans untere Ende der Seite zu skrollen. Ich freue mich über jeden Kommentar. Donnerstags gibt es ein neues Kapitel und manchmal auch zwischendurch. Viel Vergnügen beim Lesen!***

Psyche zupfte zaghaft am Tuch, das den Spiegel verdeckte. Es war nur der Hauch einer Bewegung, doch das Tuch fiel. Schnell schloss Psyche die Augen.
Was würde sie zu sehen bekommen? Würde sie es überhaupt sehen wollen?
Sie erinnerte sich in diesem Moment an all die Situationen, in denen ihr bewusst wurde, wie hässlich sie war.
Die Gesichter der Bediensteten, die irgendwann so mitleidvoll aussahen, wenn sie Psyche begegneten. Die väterliche Anordnung, einen Schleier zu tragen. All die jungen Prinzen, die rücklings aus der Burg rannten, sobald sie die Prinzessin sahen.
Einmal, – und das war vielleicht die furchtbarste Erinnerung von allen – , hatte sie ihre Familie über sich sprechen hören.
Sie konnte nicht schlafen und war deswegen den langen Korridor in Richtung der königlichen Schlafgemächer getapst. Das Geräusch ihrer kleinen, platschenden Füße auf den polierten Sandsteinen klang noch in ihren Ohren. Einige waren noch warm von der Sonne. Die Wachen vor dem Gemach der Königin war eingenickt und Psyche schlüpfte unbemerkt durch die Tür.
„So kann es nicht weitergehen“, sagte die Königin in diesem Moment. „Sie ist so … schlecht gewachsen, die Diener reden schon über sie. Wenn sich das rumspricht.“
„Aber Mutter, was sollten wir tun?“, fragte Gorda.
„Nun, wir müssen Acht geben, dass sie niemand mehr zu Gesicht bekommt.“
„Ihr wollt sie einsperren?“
„Sie ist doch noch ein Kind, das könnt ihr nicht tun! Und sie mag den Garten so sehr!“, schaltete sich Tessas Stimme in das Gespräch ein.
„Es ist das Beste für uns alle und auch für Psyche“, sagte die Königin. „Wie mag es ihr gehen, wenn sie immer nur Ablehnung  erfährt?“
„Sie ist so lieb“, sagte Gorda kleinlaut. „Charakterlich ist sie nicht hässlich“, sagte Tessa. „Und ich möchte“, sagte die Königin, „dass das auch so bleibt.“ Psyche lauschte mit bebenden Lippen und aufgerissenen Augen, wie die Familie über ihr weiteres Schicksal verhandelte. Einsperren wollte man sie, wie einen Verbrecher! Dabei hatte sie niemals jemandem etwas getan. Und doch war sie schuld, trug sie eine Schuld, denn sie war eine Schande. Das hatte ihre Mutter gesagt, eine Schande für die Augen anderer.
In diesem Moment bewahrheitete sich für Psyche, was sie seit langem gefürchtet hatte.
Etwas an ihr ekelte die Menschen an.
Und sie konnte nichts dagegen tun.
Seit dieser Nacht hatte sie einen Schleier tragen müssen. Bis sie ihn vor etwa drei Tagen ablegte. Als sie das erste Mal das Schloss betrat. Alles hatte sich verändert. Sie war in einem Zauberschloss mit einem geheimnisvollen Fremden. Sie wurde geliebt. Psyche öffnete die Augen. Bestimmt hatte auch sie sich geändert.
Ein spitzer Schrei entwich ihrer Kehle, als sie das Monster sah. Ein wildes Ungetüm, in dessen weit aufgerissene, gelbe Augen sie starrte. Nur sein knallrotes Gewand ließ erahnen, wo der Kopf aufhörte und der Körper begann. Es wirkte grotesk. Am ehesten erinnerte es an eine Kröte.
Psyche brauchte einige Augenblicke, bis sie begriff, dass sie selbst es war. Voller Abscheu schlug sie gegen ihr Spiegelbild. Es zersprang in tausende, winzige Splitter und Psyche sank schluchzend zu Boden.
Die Winde umwirbelten sie, streiften tröstend über ihr Haar und ihren Rücken.
„Ich hatte gehofft, dass mich dieses Zauberschloss wenigstens etwas hübscher macht“, sagte Psyche schniefend. „Zeigt mir nie wieder einen Spiegel!“
Sie wischte sich die Tränen von den Wangen, schlüpfte aus dem roten Kleid, legte ihr altes Gewand wieder an und sah aus dem Fenster.
Es war noch viel zu hell.