Ceres

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Pluto verschränkte die Arme und blickte zufrieden drein.
„Ich will sie oder keine.“
„Pah“, sagte Amor und rollte sich auf die Seite, um den verliebten Pluto nicht länger ansehen zu müssen. „Das dachte ich auch mal. Aber Liebe gibt es nicht. Egal wie stark die Gefühle zu Anfang sein mögen. Zum Schluss wirst du nur verraten …“
„Blödsinn“, entgegnete Pluto. „Du kommst jetzt mit mir in die Unterwelt.“
„Oh ja“, sagte Amor und streckte Pluto seine Hände entgegen. „Endlich! Töte mich!“
Kopfschüttelnd zog Pluto Amor aus dem Bett. „Nicht um zu sterben. Meine Liebste ist dort. Die Schönste und Bezaubernste von allen, mein Herzelchen, mein Augenstern!“

Die Erkenntnis erhellte Psyches Herz, genauso wie die Sonne, die gerade ihre Strahlen über die Lichtung schickte.
„Es ist wahr“, sagte Psyche. „Ich liebe ihn. Ich muss ihn sehen. Es kann nicht einfach so vorbei sein!
Ich habe einen Fehler gemacht. Ich war unvorsichtig, unbedacht. Das alles ist wahr. Aber ich liebe ihn. Und das ist das einzige, was zählt. Ich werde ihn finden, und wenn es das letzte ist, was ich tu.“
So stand Psyche an diesem Morgen auf. Tief und fest hatte sie geschlafen, bedeckt von dichten Spinnenweben auf einem kleinen Hügel aus Moos.
„Dank euch ihr Nymphen und Faune, Dank auch dir, Pan“, flüsterte Psyche und wischte sich mit dem morgendlichen Tau den Schlaf aus den Augen. Und dann schritt sie über die Wiese, die im Sonnenlicht glitzernder funkelte als ein Kristallpalast.
Es gab nur einen Weg, wie sie Amor wiederfinden konnte. Sie musste die Götter selbst aufsuchen. Der Gedanke daran ließ sie erschaudern. Aber blieb ihr eine andere Wahl? Sie wollte, wenn es nötig war, bis ans Ende der Welt gehen, um Amor noch einmal zu sehen.
Psyche entdeckte einen schmalen Weg, dem sie folgte, bis sie in eine kleine Siedlung gelangte. Sehnsüchtig betrachtete sie die Eingänge zu den Tavernen, roch gebratenes Fleisch und hörte, wie Wein aus Schläuchen in Krüge gluckste. Während Psyche noch darüber nachdachte, wie sie es anstellen wollte, an etwas Essbares zu gelangen, stolperte sie auf einmal über einen Krug, der umgefallen war und aus dem sich eine Menge Korn ergoss. Nicht weit davon entfernt, zwischen zwei kleinen Häusern, hockte eine vermummte Gestalt, die bitterlich weinte.
Niemand der Menschen aus der Siedlung schien von ihr Notiz zu nehmen. Alle gingen vorbei. Psyche aber schaufelte das Korn, das aus dem Krug hinausgeflossen war, mit beiden Händen zurück und stellte ihn neben die Frau.
„Sehr her, Mütterchen“, sagte sie. „Es ist doch alles wieder gut.“
Die Alte aber antwortete nicht, sondern schluchzte.
Da setzte sich Psyche eben sie, eben wie es Pan bei ihr getan hatte, legte ihr eine Hand auf den Rücken und fragte:
„Was ist es denn, das euch so sehr auf dem Herzen liegt?“
Die Alte beruhigte sich etwas, schien erst jetzt wahrzunehmen, dass Psyche da war und ergriff ihre Hände.
„Ich danke dir, mein Kind“, sagte sie. „Du musst ein gutes Herz haben, dass du mir hilfst. Dass du dich um die Gabe kümmerst, die hier achtlos auf dem Weg lag. Ich danke dir.“
Psyche zuckte mit den Schultern. „Das ist doch selbstverständlich.“
„Es ist nicht selbstverständlich, dass man mich sieht“, widersprach die Alte und blickte Psyche an. Ihr Gesicht wirkte unerwartet jung, ihr Haar hatte die Farbe von goldenem Korn, in ihren Augen meinte Psyche für einen kurzen Moment den Himmel zu sehen, so wie er aussah kurz vor Einbruch der Dunkelheit.
Dese Frau wirkte nicht wie ein schwaches Mütterlein.
„Wer bist du?“, fragte Psyche.
„Du scheinst einen feinen Sinn für das Luminose zu haben. Nur wenige können uns Götter sehen. Ich bin Ceres.“
Psyche schluckte. Ceres war die Göttin der Fruchbarkeit, des Ackerbaus und der Ehe. Seltsam, dass sie ihr begegnete. Das konnte kein Zufall sein.
„Ich … ich kannte Amor“, sagte Psyche erklärend. „Ich suche ihn!“
„Amor?“, fragte Ceres verblüfft und verengte dann die Augen. „Bist du die, für die ich dich halte? Bist du Psyche?“
Psyche nickte hoffnungsvoll.
Doch Ceres Blick verdunkelte sich.
„Ich kann dir nicht helfen. Es tut mir leid. Venus ist meine Freundin und sie ist so zornig auf dich. So zornig, wie sie es auf keinen Menschen war.“
„Aber warum?“
„Sie duldete es nicht, dass ihr Sohn eine Sterbliche liebt.“
„Er liebt mich?“
„Er ist krank vor Kummer“, antwortete Ceres. „So wie es eben ist, wenn man jemanden verliert, den man liebt …“ Und wieder begannen die Tränen von Ceres Wangen zu rinnen. „Ich weiß, wie das ist, denn ich suche meine Tochter.“

Blinde Passagiere

Für Psyche dauerten die Stunden so lange wie Wochen. Ungeduldig ersehnte sie die Dunkelheit und das süße Gefühl, sich mit dem fremden Vertrauten zu verlieren, um sich gegenseitig zwischen den Laken zu entdecken. Das Schloss allein bei Tageslicht war kaum auszuhalten. Das einzige, was Psyche in dieser Zeit etwas Ablenkung verschaffte, waren die seltsamen Vierecke, deren Inneres sich zu Geschichten formte.
Das Untier nannte die eckigen Exemplare Bücher und hatte ihr erklärt, dass sie genauso verzaubert waren, wie das gesamte Schloss. Verwundert stellte Psyche eines Tages fest, dass sie eine Geschichte las, in der ein Mädchen, Bella genannt, in ein verwunschenes Schloss zu einem Ungeheuer gelangte. Dieses Buch las Psyche in einem Zug. Zu deutlich waren die Parallelen zwischen ihren Erlebnissen und der Geschichte von Bella. Nur eines stimmte nicht. Bella war ein wunderschönes Mädchen und keine hässliche Kröte wie sie, Psyche. Dagegen war das Ungeheuer furchtbar aussehend mit Klauen und einem Löwenkopf. Bella aber hatte sich in das Ungeheuer verliebt trotz seiner Hässlichkeit. Vielleicht, überlegte Psyche, wollte diese verzauberte Geschichte ihr also mittteilen, dass selbst die hässlichsten Wesen geliebt werden konnten. Anderseits aber verwandelte sich das Ungeheuer direkt nach Bellas Kuss in einen schönen Prinzen. Das war also kein wirklicher Beweis.
Bella hatte wirklich Glück, fand Psyche. Für ihren Kuss wurde sie mit einem schönen Prinzen belohnt. Doch am meisten beneidete Psyche das Ungeheuer. Denn sie selbst hatte sich trotz einer Unzahl an Küssen überall auf ihrem Körper nicht verändert. Kein Stück.
Psyche stand also den Geschichten eher skeptisch gegenüber. In manchen Büchern nämlich las sie auch von Zwergen, Feen und Elfen, Wesen, die sich Psyche kaum vorzustellen vermochte.
Und wieder andere Erzählungen berichteten von „Autos“, „Hochhäusern“ und „Versicherungsvertretern“. Für Psyche ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Bücher legte sie sofort zurück ins Regal, denn nicht einmal ansatzweise formten sich die Beschreibungen in ihrem Kopf zu einem Gedankenbild.
Eines Abends erzählte sie dem Ungeheuer von ihren Beobachtungen.
„Es ist so“, sagte Amor, „dass die Bücher in dieser Bibliothek größtenteils noch nicht geschrieben wurden. Sie werden es einmal sein, in ferner Zukunft.“
„Du bist so klug. Woher weißt du all diese Dinge?“, fragte Psyche.
„Ich weiß es einfach. Ich bin der Herr dieses Schlosses.“
Amor fühlte sich prächtig, dass er Psyche die Welt erklären konnte. Wie gut, dass er neulich Kalliope und Thalia über die Vorkommnisse befragt hatte. Die Musen der Schreibkunst hatten ihn zwar entsetzt angeguckt und gemeint, er hätte da ein Luftschloss erschaffen, ein Traumgebilde, das irgendwann platzen würde, aber das kümmerte Amor wenig. Psyche liebte Bücher, Psyche bewunderte ihn. Das war die Hauptsache.
„Glaubst du denn, dass die Geschichten wahr sind? Dass es irgendwann einmal „Versicherungsvertreter“ und „Feen“ auf der Erde geben wird?“, fragte Psyche.
„Auf jeden Fall“, sagte Amor.
„Und was ist mit den Liebesgeschichten?“, fragte Psyche.
„Die stimmen selbstverständlich auch alle“, sagte Amor stolz.
„Die meisten von ihnen gehen aber schlecht aus.“
„Auf keinen Fall!“ Entrüstet richtete Amor sich auf. „Niemand ist stärker als die Liebe, nicht einmal der Tod!“
„Aber die Geschichten gehen schlecht aus“, beharrte Psyche.
„Wie das?“
„Na ja, bei Romeo und Julia zum Beispiel …“ – Psyche erzählte ihm die Geschichte der beiden Liebenden, die aus verfeindeten Familien stammten. „Und dann gab es da noch Tristan und Isolde und … Pyramus und Thisbe …“
„Was hast du gesagt?“, entsetzt richtete sich Amor auf.
„Na, diese ganzen Liebespaare, die nicht zusammen kommen … Romeo und Julia, Tristan und Isolde …“
„Und?“
„Pyramus und Thisbe.“
„Woher kennst du sie?“
„Habe ich doch gerade gesagt, ich habe ihre Geschichte gelesen. Was ist denn bloß los mit dir?“
„Das hört sich an, wie mein Liebespaar“, murmelte Amor gedankenverloren. Vor sein inneres Auge traten die Bilder der sich erdolchenden Thisbe, neben ihr der blutüberströmte Pyramus.
Psyche horchte auf. „Dein Liebespaar? Was meinst du damit?“
„Äh“, sagte Amor und zog sich die Decke bis zum Kinn. Er hätte sich ohrfeigen können. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so unvorsichtig verhalten. Oder vielleicht auch doch, aber noch nie war es so heikel gewesen. Psyche durfte nicht erfahren, wer er war. Nicht einmal den Hauch einer Ahnung sollte sie haben. Also stammelte er: „Ich … ich, ach ehrlich gesagt, ich habe die Geschichte geschrieben!“
„Du?“, fragte Psyche.
„Ja, die Geschichte von Pyramus und Tisbe. Deswegen war ich so verblüfft. Hat sie dir gefallen?“
Einen Moment lang war nur Psyches Atem zu hören, so still war es.
Dann rief sie: „Oh Ungeheuer! Jetzt macht das alles Sinn, all die Bücher, wie du sie nennst, und dieses Schloss!“
Erleichtert atmete Amor aus. Das war die richtige Notlüge im richtigen Moment gewesen.
„Na klar macht das Sinn.“
„Du musst der größte Geschichtenerzähler der Welt sein! Und der berühmteste. Kein Wunder, dass ich dich nicht sehen darf!“
„Äh … ja.“
Amor schluckte. Hauptsache, Psyche folgte der falschen Fährte. Er würde das später irgendwann richtigstellen, nach dem Gespräch mit seiner Mutter. Und was seine beiden Liebenden anbelangte … er musste nachforschen, immerhin war er Pluto noch eine Erklärung schuldig.
„Untier“, flüsterte Psyche und schmiegte sich an ihn. „Hast du denn auch Liebesgeschichten geschrieben, die gut ausgehen?“
„Klar“, sagte Amor und biss sich auf die Lippe. „Gerade bin ich an einer dran.“
„Das ist gut“, seufzte Psyche. „Ich glaube nämlich, dass ich schwanger bin.“

 

Nah an der Wahrheit

Nach einer unendlichen Weile teilten sich das eine Wesen, das sie geworden waren, wieder in zwei Hälften. Psyche fand sich selbst inmitten von Laken und Decken. „Wie sind wir ins Schlafzimmer gekommen?“
Amor kicherte und streifte Psyche mit seinem Flügel.
„Wir sind geflogen? Nun, genauso kam es mir zumindest vor.“ Psyche streckte genüsslich die Arme aus. „Dabei kenne ich nicht einmal deinen Namen!“
„Ich bin das Untier, dein Untier, um genau zu sein.“
„Ja, aber hast du keinen richtigen Namen? Wie nennen dich deine Eltern? Hast du Eltern?“
„Je weniger du über mich weißt, desto besser“, sagte Amor und legte seinen Arm um Psyche. „Und ich muss bald gehen, meine Liebste, sobald der erste Lichtfunke über den Horizont fliegt.“
„Wo … Wohin gehst du denn dann?“, fragte Psyche.
„Nun ….Ich geh arbeiten.“
„Du arbeitest? Wie kann das sein?“
„Jeder muss arbeiten.“
„Aber du hast doch diesen Palast, hier gibt es alles, was man braucht und ebenso viele Dinge, die man nicht braucht!“
Amor räkelte sich.
„Mag sein“, sagte er. „Aber: ich muss arbeiten. Leider. Meine Mutter will das so.“
„Du hast Eltern!“ Psyche triumphierte.
„Ja“, gab Amor zu.
„Wer sind sie, wie heißen sie?“
„Das bleibt mein Geheimnis. Aber seitdem ich dich kenne, macht mir mein Job sogar Spaß.“
„Ja?“
„Ja. Ich hätte nie gedacht, dass Liebe … alles so viel leichter macht. Das ganze Leben ist auf einmal so anders, so locker, so lustig, so … leicht.“
Psyche knuffte das Untier in die Seite. „Wenn alles so einfach ist, dann bleib doch hier.“
„Das geht nicht. Es wäre gefährlich.“
„Schade. Aber, – was genau arbeitest du denn?“
„Das ist schwer zu erklären, aber … Also. Äh. Ich jage.“
„Du bist ein Jäger?“
„Nicht so richtig, obwohl es dabei ums Bogenschießen geht.“
„Auf was zielst du?“
„Auf Lebewesen.“
„Auf Tiere?“
„Eher weniger.“
„Auf Menschen?!“
„Hm. Irgendwie schon.“
„Du tötest also Menschen?“
„Nein!“ Entsetzt richtete Amor sich auf.
Psyche blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich fasse zusammen: Du bist ein nicht so richtiger Jäger mit Eltern, über die ich nichts wissen darf, der in einem Palast wohnt, in dem merkwürdige Dinge passieren, der auf Menschen schießt …“
„Psyche, ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr. Ich weiß, das ist alles seltsam. Ich wünschte, ich könnte dir alles erklären. Aber ich kann dir nicht sagen, wer ich bin. Das geht nicht. Noch nicht. Vielleicht bald. Ich hoffe bald. Vertraust du mir?“
Amor bedeckte Psyches Hand mit Küssen.
Sie seufzte.
„Untier, ich will es glauben. Und ja, ich will dir auch vertrauen. Obwohl das, was gerade geschehen ist … Es war …“
„Ja?“, fragte Amor.
„Unglaublich“, sagte Psyche. Sie musste grinsen, aber Tränen füllten ihre Augen.
„Fand ich auch“, sagte Amor lachend. „Unglaublich gut. Wir sollten es öfter machen, um ganz fest daran glauben zu können.“
Psyche stimmte in sein Lachen ein, musste aber gleichzeitig Schluchzen.
„Was ist mit dir, meine Liebste?“, fragte Amor.
„Nichts“, sagte Psyche, doch ihre Tränen tropften auf die Bettdecke.
„Geht es dir nicht gut? Was kann ich tun?“, alarmiert sprang Amor auf.
„Untier“, sagte Psyche. „Es ist … nichts … nur diese Sache mit dem Glauben … Es ist, ich kann das irgendwie nicht glauben, mit uns, und ich habe Angst, dass du gehst, weil … weil …“
„Weil? Was ist los? Bitte sag es mir!“
„Ich … Ich bin … hässlich.“
„Du bist bitte: Was?“, fragte Amor.
„Ich bin hässlich!“, rief Psyche. „So hässlich, wie du es dir nur irgendwie vorstellen kannst. Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, da musste ich einen Schleier tragen, weil man meinen Anblick nicht ertrug!“
„Das kann doch nicht wahr sein!“
„Doch“, sagte Psyche, „es ist wahr.“
„Aber ich liebe dich! Ich tu es, wirklich und echt. Ich werde dich auch in tausend Jahren noch lieben!“
„Aber wie kann das sein?“, fragte Psyche. „Mich wollte keiner haben. Keiner!“
„Und doch habe ich mich in dich verliebt, auf den ersten Blick habe ich mich in dich verliebt und hier her gebracht. Du und hässlich? Ich glaube, sie haben dich verhüllt, weil du so schön bist, Psyche“, sagte Amor und streichelte Psyches Gesicht. „Wunderschön.“
Psyche schniefte leise. „Meinst du wirklich?“
„Ja. Ich schwöre es bei meinem Leben. Doch jetzt muss ich gehen, meine Liebste.“
„Geh nicht“, sagte Psyche leise und schmiegte ihre Wange in seine Hand.
„Ich muss. Es tut mir leid, aber es geht nicht anders. Du darfst mich nicht sehen. Es ist zu deinem Schutz.“
„Aber ich habe Angst.“
„Hier passiert dir nichts“, sagte Amor. „Ich liebe dich und ich werde dich beschützen. Du bist hier sicher. Ich werde wiederkommen, ich verspreche es …“
Psyche küsste Amors Hand.
„Nur für kurze Zeit“, sagte Amor und riss Psyche an sich. „Wenn du wüsstest, wie gerne ich noch bleiben würde …“
„Du musst gehen“, sagte Psyche mit gespielter Strenge. „Ich befehle es.“
„Oh, bitte schickt mich nicht fort!“, rief Amor übertrieben klagend und stieg aus dem Bett.
Psyche folgte ihm, immer noch seine Hand haltend. Es war geradezu unmöglich, diesem Wesen nicht zu vertrauen. Und doch wirkte es nicht real.
„Gewiss bist du kein Mensch…“, sagte sie. „Das wäre auch eine überzeugende Erklärung für all die Geschehnisse hier …“
Die Dunkelheit wurde eine winzige Schattierung heller, kaum wahrnehmbar für ein menschliches Auge.
Amor stürmte aus dem Schloss.

Der Sieger

***Heute etwas später als sonst am Abend, das neuste Kapitel von “Amors Abenteuern”. Rosa Schweino ist schuld. Viel Freude beim Lesen!***

„Was für ein Ritt, was für ein Tag!“, rief Jupiter, streckte seinen Arm in die Höhe und ließ Blitze zucken. „Ich fühle mich um tausend Jahr verjüngt! Deinen Job, mein lieber Sohn, möchte ich haben!“

Galant sprang er aus der Kutsche und übergab Apollo Peitsche und Zügel, küsste ihn links und rechts auf die Wange und klopfte ihm auf die Schulter. Dann wandte er sich zu Amor.

„Amor, sei gegrüßt!“

Jupiter schüttelte ihm die Hand. „Sohn meiner schönsten Tochter Venus! Welche Freude, dich hier zu sehen! Und Diana natürlich, meine Holde“, sagte Jupiter und verneigte sich leicht.

„Vater, du willst bestimmt wissen, warum du heute Morgen für Apollo einspringen musstest. Also: Amor hat einen Liebespfeil auf Apollo und das Gegenteil auf so eine Nymphe geschossen. Er hat dafür gesorgt, dass sich mein armer Bruder, dein Sohn, bis auf die Knochen blamiert hat!“

„Sie hieß Daphne“, sagte Apollo trocken.

„Es ist eine Freude euch alle hier zu sehen!“, rief Jupiter und drehte sich im Kreis. „Ja, ein gänzlich unverhofftes, aber freudvolles Treffen!“

„Aber Vater!“, rief Diana.

„Aber Diana!“, Jupiter klatschte in die Hände. „Keine Beschwerden, zumindest vorerst. Lasst uns diesen Abend mit Nektar, Ambrosia und Wein vollenden, denn so jung wie heute kommen wir nicht mehr zusammen!“

Verwundert schlurfte Amor hinter Vater und Sohn in den olympischen Palast. Apollo und Jupiter fachsimpelten über Lenktechniken und Feuerpferdpflege. Hinter sich hörte er Diana fluchen.

Der Palast bestand fast gänzlich aus weißem Marmor. Hier und da standen ein paar Stelen auf denen massige Fratzen thronten.

Amor musste an Psyche denken, die jetzt, nach Sonnenuntergang, mit seiner Rückkehr rechnete. Er seufzte sehnsüchtig.

„Das ist die Galerie unserer Ahnen“, sagte Jupiter und drehte sich nach ihm um. „Dieser alte Haudegen hier, mein Vater Saturn, hatte alle meine Geschwister verspeist.  Hätte meine Mutter mich damals nicht vor ihm versteckt und ihm statt meiner einen Stein zu fressen gegeben: wir alle würden nicht existieren.“

Die Statuen zogen an ihnen vorbei. Im nächsten Raum, riesengroß und strahlend weiß, fand sich in der Mitte eine gedeckte Tafel. Jupiter geleitete Amor, Diana und Apollo dorthin und befahl ihnen, sich zu setzen.

Auf einen Fingerzeig Jupiters füllten sich die Kelche mit einer roten Flüssigkeit.

„Dann lasst uns anstoßen“, sagte Jupiter. „Auf das Wohl meines Sohnes Apollo und seine erste große Liebe!“

„Vater, bitte, das ist doch kein Grund …“, sagte Apollo.

„Doch. Prost!“, unterbrach Jupiter und die Kelche stießen klangvoll zusammen. Amor nahm einen kräftigen Schluck.

„Wisst ihr“, sagte der Göttervater und richtete sich auf. „Bevor es Amor gab, fand die Liebe die Götter auf seltsamen Wegen, einen Weg aber fand sie immer. Ich fürchtete schon, in den heutigen Tagen sei sie für die Wolkenbewohner verloren. Also, freu dich einfach, dass du auch mal von ihr heimgesucht wurdest. Nebenbei gefragt: wie war es? Wild, leidenschaftlich, besessen?“

„So ungefähr“, sagte Apollo. Er schmunzelte verlegen.

„Aber die Angebetete hat dich nicht erhört?“

Apollo schüttelte den Kopf.

„Tja …“, Jupiter legte seine Stirn in Falten. „Dabei bist du ein Gott. Diese Frauen … unberechenbar.“

Diana verdrehte die Augen.

„Wie ich schon sagte, das war Amor. Es war sein Pfeil, ein falscher Pfeil! Es war nicht die Schuld einer Frau!“, rief Diana.

„Es lag am Pfeil?“, fragte Jupiter.

„Ja! Hörst du mir überhaupt zu? Und abgesehen davon, wollte sie … sie wollte das wirklich nicht, diese Nymphe, sie hat ihren Vater um Hilfe angefleht, wollte, dass er sie verwandelt,-  und Apollo hat einfach nicht aufgehört … es war schauderhaft!“

„Wie du sagtest, es lag am Pfeil“, schloss Jupiter. „Eigentlich wollte sie es auch.“

Apollo nickte.

„Das glaube ich nicht!“, rief Diana. „Das glaube ich einfach nicht.“ Die Wangen der Göttin leuchteten  Rot.

„Das ist einfach mal wieder so typisch … Männer!“

Sie nahm einen kräftigen Schluck, wischte sich mit dem Handgelenk über die Lippen und sagte mit fester Stimme: „Ich verstehe. Ihr seid einfach nicht mehr bei Trost. Da kann man nichts machen.“

Sie atmete tief ein und grollte dann, als wäre sie eine Donnergöttin: „Ich für meinen Teil wünsche, Vater, dass du diesem da“, – sie zeigte auf Amor – „für immer verbietest, Pfeile auf mich zu schießen. Denn ich, ich will mich niemals verlieben!“

Amor wäre am liebsten unter dem Tisch verschwunden, um sich vor den Blitzen aus Dianas Augen zu verstecken.

„Schwöre es!“, kreischte Diana.

„Also, äh, gut“, keuchte Amor. „Ich tu´s nicht, versprochen. Hätt ich eh nicht, ich meine …“

„Gut“, sagte Diana und faltete die Hände vor ihrem Gewand. „Vater, du hast seinen Schwur vernommen?“, fragte Diana.

„Gewisse, mein Kind“, sagte Jupiter und prostete ihr nickend zu.

“Dann werde ich jetzt gehen”, sagte sie. Sie ließ einen kurzen Pfiff ertönen und die Mondhirsche kamen mit der Kutsche durch den Lichtschacht des Speiseraumes getrappelt. Ohne ein weiteres Wort schwang sich die Göttin auf ihre Kutsche. Jupiter, Apollo und Amor blickten Diana schweigend hinterher.

„Vater, ich habe auch eine Bitte an dich“, sagte Apollo nach einer Weile. „Die Nymphe, die ich liebte, hat sich in einen Baum verwandelt. Einen Lorbeerbaum. Und ich möchte gerne, im Andenken an sie, dass dieser Baum geehrt wird. Es soll ein heiliger Baum sein, dem sich jeder nur mit Ehrfurcht nähert. Jeder soll wissen, dass dieser Baum einst Daphne war, meine erste große Liebe. – Hier.“

Apollo übergab Jupiter den grünen Zweig, den er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte.

„Ein wirklich schönes Exemplar“, sagte Jupiter. „Um welche Art von Baum handelt es sich?“

„Es ist ein Lorbeer“, antwortete Apollo.

„Hm“, sagte Jupiter und betrachtete den Zweig genau. Dann hauchte er ihn mit seinem Atem an. Aus dem Zweig sprossen weitere Blätter hervor, er bog sich und verwandelte sich in einen Kranz. Jupiter legte Apollo den Kranz auf den Kopf.

„Mag Liebe dich besiegt haben, so bist doch du der Sieger. Denn wer liebt, siegt immer. Verlierer sind die, die niemals lieben. So soll dieser Kranz das Zeichen eines Siegers sein und du sollst ihn tragen, bis in alle Ewigkeit.“

Kleider und Spiegel

***Dieses Kapitel ist ein Teil von meinem Projekt “Amors Abenteuer”, einer modernen Adaption des antiken Märchens “Amor und Psyche”, das ich aus Spaß an der Freude schreibe und nach einer Überarbeitung als eBook veröffentliche. Wer von Anfang an lesen möchte, ist herzlich eingeladen, bis ans untere Ende der Seite zu skrollen. Ich freue mich über jeden Kommentar. Donnerstags gibt es ein neues Kapitel und manchmal auch zwischendurch. Viel Vergnügen beim Lesen!***

 

Als Psyche erwachte war es hell und das Bett neben ihr war leer. Nur eine Vertiefung in der Decke verriet, dass sie die Nacht nicht alleine verbracht hatte. Lächelnd strich Psyche über die Mulde. Das Untier war eher zurückgekehrt als erwartet und es hatte ihr verziehen, wenn man das so sagen konnte. Gesprochen hatten sie nicht allzu viel. Zumindest nicht mit Worten.

Psyche erhob sich und klatschte in die Hände.
„Frühstück! Ich will Frühstück! Ich habe einen Mordshunger, ich könnte ein komplettes Tier verschlingen!“
Die Winde ließen nicht auf sich warten und Psyche fand augenblicklich ein ausgezeichnetes Mahl bereitet, das besser als alles schmeckte, was sie bisher gekostet hatte, ausgenommen der Küsse der letzten Nacht.
„Meint ihr, das Untier ist bald wieder hier?“, fragte Psyche kauend. „Und was mache ich, damit mir die Zeit nicht lang wird?“
Psyche blickte sich im Zimmer um.
„Oh, ich habe eine Idee!“, sagte sie und deutete auf den Kleiderschrank. „Vielleicht probiere ich es mal damit!“
Die Lüfte wirbelten aufgeregt um sie herum.
„Freut euch nicht zu früh, aber gucken will ich schon.“
Psyche spülte den letzten Bissen mit einem Schluck Tee hinunter und wischte sich die Finger an einer Serviette ab. Dann stand sie auf und ging zum Schrank. Binnen kurzer Zeit hatten die Lüfte das ganze Zimmer befüllt mit Kleidern:
Schwarze Kleider, blaue Kleider, grüne Kleider. Kleider mit Perlen mit Spitze mit Pailletten und Edelsteinen. Geraffte Kleider, geschnürte Kleider, glatte Kleider und solche mit Rüschen. In allen Regenbogenfarben glitzerten und funkelten die Stücke, kurz und lang, gemustert und einfarbig.
Dazu passend selbstverständlich Schuhe und Schmuck.
Psyche traute ihren Augen kaum.
„Das Ungeheuer hat wirklich Geschmack“, sagte sie anerkennend.
Noch immer konnte Psyche, wenn sie die Augen schloss, die Berührungen des Untiers auf ihrer Haut nachempfinden. Es verursachte ein Kribbeln in ihrem Bauch, zauberte ein Grinsen auf ihr Gesicht und ließ sie ganz zart werden.
„Vielleicht … vielleicht probiere ich das mal an“, sagte Psyche und deutete auf ein schlichtes Exemplar ganz in weiß.
Ehe sie sich versah, hatten die Lüfte ihr altes Kleid ausgezogen und Psyche in das weiße Kleid gehüllt. „Es passt sogar!“, stellte Psyche staunend fest. Was untertrieben war. Das Kleid saß, als wäre es nur für sie gemacht.
Seufzend ließ sich Psyche auf das Bett fallen. Sie sank in den Berg aus Kleidern und breitete die Arme aus. Nie hätte sie für möglich gehalten, dass ihr so ein hübsches Stück Stoff passen könnte. Das Ungeheuer musste vorzügliche Schneider beauftragt haben.
Eigentlich wusste sie gar nichts über den Herrn dieses Schlosses. Aber er hatte Geschmack. Und was konnte er gut küssen!
Psyche sprang auf und griff nach einem Kleid, das die Farbe einer dunklen Rose hatte. Am Dekollete prangte feine Spitze, abgesetzt durch schwarze Perlen. Die Lüfte halfen ihr aus dem weißen Kleid hinaus und streiften ihr das rote Kleid über.
Psyche drehte sich im Kreis.
„Und?“, fragte sie, „Wie sehe ich aus?“
Die Lüfte raschelten durch die Vorhänge und über die ausgebreiteten Kleider.
„Ich verstehe euch leider nicht“, sagte Psyche. „Aber ihr wirkt … aufgeregt. Sieht es gut aus? Kann ich dieses Kleid tragen?“
Wieder ließen die Winde die Stoffe rascheln.
„Ach“, sagte Psyche und schmunzelte, „Soll das ein “Ja” sein? Ich kann es kaum glauben. Allerdings … Vielleicht steht es mir ja wirklich. Vielleicht zaubert dieses verzauberte Kleid hier im Zauberschloss auch eine zauberhafte Schönheit aus mir?“
Die Winde drückten Psyche sanft auf einen Stuhl. Sie fuhren ihr durch die Haare, flochten sie und steckten sie hoch. Unsichtbare Finger bepinselten ihr Gesicht, schminkten ihre Augen, betupften ihre Lider.
„Ihr seid ja wie meine Schwestern. Ich würde mich zu gerne sehen“, murmelte Psyche.
Die Hände ließen von ihr ab und Psyche öffnete die Augen. Ihr Blick fiel auf einen großen, viereckigen Gegenstand, der mit einem Tuch überdeckt war.
„Ist das“, fragte Psyche, „euer Kupferspiegel? So riesig?“
Gorda und Tessa besaßen zwei Handspiegel aus polierten Kupferplatten. Diese Gegenstände waren selten und kostbar.
Sie stand auf und ging auf den Spiegel zu. Streckte die Hand aus, fühlte die kühle, glatte Fläche hinter dem Stoff.
„Ich hätte nie gedacht, dass es Spiegel in dieser Größe gibt“, sagte Psyche, „aber es wundert mich kaum, hier in diesem verwunschenen Schloss, wo sich die Wünsche so einfach erfüllen …“
Psyche zögerte.
Sollte sie oder sollte sie nicht?

Sie befürchtete, dass das Bild um einiges klarer und deutlicher war, als die verzerrte Reflexion in dem Handspiegel ihrer Schwestern.
Es war nur eine kleine Bewegung nötig, damit das Tuch vom Spiegel fiel. Psyche presste die Lippen zusammen und hob ihre Hand zum Tuch.

Was würde sie sehen?

Liebe und Pfeile

Psyche hörte, wie das Untier krachend und polternd aus dem Schloss stürmte. So schnell war es geflohen, dass sie gar nicht reagieren konnte. Entgeistert tastete sie nach der Bettkannte und setzte sich.
Warum war das Ungeheuer davon gelaufen, gerade in dem Moment, als sie von „Freundschaft“ sprachen? Hatte sie etwas falsch gemacht?
Psyche grübelte noch eine Weile, dann überkam sie ein tiefer Schlaf. Doch als sie am Morgen aufwachte, vertrieben selbst die hellen und schönen Sonnenstrahlen nicht die grauen Gedanken.
Die Prinzessin ließ sich ankleiden und beobachtete, wie sich aus dem Nichts ein duftendes Frühstück auf einem kleinen Tischchen an ihrem Bett bereitete. Die Speisen sahen köstlich aus, doch als Psyche sie probierte, schmeckten sie ihr nicht. Ungeduldig stand sie wieder auf, ging zum Fenster und öffnete es. Die Sonne schien warm und Psyche sog die Luft in sich ein.
„Untier!“, rief sie in den Garten hinein. „Untier?“
Es antwortete nicht. Es war nicht da. Dieses seltsame Wesen war tagsüber nicht da, denn sie sollte es nicht sehen. Warum eigentlich? Es hatte davon gesprochen, dass es gefährlich sei. Gefährlich aber erschien es Psyche ganz und gar nicht. Eher etwas unbeholfen und tapsig. Auch wenn es sie gestern gerettet hatte. Alleine hätte sie den Weg aus der Bibliothek nicht zurückgefunden.
Psyche schloss das Fenster. Vielleicht, überlegte sie, war das Untier ebenfalls hässlich und versteckte sich aus diesem Grund vor ihr.
Bestimmt war es hässlich, denn wie sonst könnte es sie lieben?
Das hatte es nämlich gesagt.
„Ich liebe dich.“
Psyche seufzte. Sie konnte es nicht glauben, so wie sie all das nicht glauben konnte, was ihr wiederfuhr.
Doch die Speisen sättigten, die Wärme der Sonne fühlte sich natürlich an und als Psyche sich in den Arm kniff, tat es weh.
Was also, wenn dies alles gar kein Traum war?
Was, wenn es echt war?
Was, wenn das Ungeheuer sie wirklich liebte?
Und sie, Dummerchen, hatte gestern nur davon gesprochen, dass das alles nur ein Traum wäre. Sie hatte das Ungeheuer – oder was auch immer es war – überhaupt nicht ernst genommen. Kein Wunder also, dass es einfach so verschwunden war. Im Prinzip war sein Verschwinden sogar ein Beweis für die … Wirklichkeit.
Psyche fühlte sich völlig erschlagen von der Erkenntnis und setzte sich zurück auf das Bett.
Da gab es jemanden, der sie liebte. Und sie war ein Dummkopf! Bestürzung machte sich in Psyche breit.
Sie legte hin und nutzte die Decke, um ihre aufsteigenden Tränen aufzufangen. Oh, wie sehr sie jetzt wünschte, dass dieser kleine Kerl zurückkam!

Die Pfeile flogen aus Amors Händen. Ablenkung war laut Apollo das beste Mittel, um sich von trübsinnigen Gedanken zu befreien. Verschwitzt strich sich Amor die Locken aus der Stirn, griff in seinen Köcher und zielte erneut. Er fühlte sich so angespannt wie der Bogen, den er hielt.
Die Arbeit besserte seine Laune kein Stück, im Gegenteil, seine Wut wuchs und wuchs mit jedem Pfeil, den er schoss.
Er traf die Menschen. Mitten in ihre Herzen. Genauso, wie er Psyche getroffen hatte. Und die Menschen, was taten sie? Sie fielen sich in die Arme und küssten unaufhörlich, stundenlang, Ewigkeiten!
So wie Psyche ihn geküsst hatte, doch dann …
Amor spuckte zu Boden auf eines der küssenden Paare unter seiner Wolke.
Die beiden blickten nach oben, als hätte sie ein Regentropfen erwischt. Sie lachten und verschwanden unter dem Umhang des Mannes, wahrscheinlich knutschten sie dort weiter.
Amor schnaufte verächtlich und herrschte die Wolke an, zur nächsten Stadt zu fliegen.
„Hey, du trainierst ja wie besessen!“, rief eine Stimme aus dem Äther. „Hast wohl Angst vor unserem Wettkampf!“
„Apollo“, knurrte Amor und blinzelte in die Sonne. „Heute Nacht mach ich dich platt!“
„Hoho!“, rief der Sonnengott von seinem Wagen, „Was sind das denn für Töne? Und was sind das für neue Muckis, mein Dickerchen?“
„Warte nur ab!“, rief Amor und hob drohend die Hand in den Himmel.
Der Sonnengott lachte, ließ einen Sonnenstrahl in Amors Oberarm zwacken und vollzog eine scharfe Rechtskurve gen Westen.
„Auf in den Untergang!“, rief er fröhlich. „Und bis gleich!“
„Ja ja, bis dann“, murrte Amor und blickte hinab in die Stadt. Auch hier: Nur Geknutsche. Überall! Es war kaum auszuhalten!
Kurz überlegte Amor, einige seiner bleiernen Pfeile auf die Menschen abzufeuern. Pfeile, die die Liebe vertrieben anstatt sie zu wecken. Ein bisschen Liebesleid würde vielleicht dafür sorgen, dass er sich selbst nicht mehr so alleine fühlte.
Doch als Amor den bleiernen Pfeil anlegte, und umherblickte, auf wen er ihn schießen sollte, konnte er sich nicht entscheiden. Auf wen sollte er schießen? Auf den blassen Jüngling? Auf das zarte Mägdelein? Wenn er es täte, würden sie niemals zueinander finden. Wären für immer getrennt. Würden niemals erfahren, wie bittersüß die Liebe sein konnte. Sie würden sich nie verlieben …
Amor seufzte und schüttelte den Kopf. Was nur war in ihn gefahren? Psyche war so lieblich und so süß! Nur das, was sie sagte, wollte so gar nicht zu ihr passen. Wahrscheinlich, überlegte Amor, hatte er etwas falsch verstanden. Bestimmt war es so, denn anders konnte es nicht sein. Psyche musste ihn lieben,  – denn es bestand kein Zweifel daran, dass seine Pfeile funktionierten.
Beruhigt ließ Amor seinen Bogen sinken und legte den bleiernen Pfeil zurück in den Köcher. Er beschloss, sich wegen all der Aufregung ein paar Schlucke aus der Amphore seines Lieblingsweines zu gönnen, bevor er mit Apollo in den Wettstreit trat.

Bücher und Freundschaft

 

Die laue Luft leitete Psyche durch die Gänge des Schlosses, bis sie schließlich an eine große Tür gelangte.
„Dort soll ich hinein?“, fragte Psyche.
Statt einer Antwort öffnete sich die Tür und der Wind flog hinein. Psyche strich ihr Haar zurück und betrat den Raum.
Er war riesig.
Sie stand auf einer Empore, von der eine Treppe hinabführte, deren Ende sich irgendwo in der Ferne verlor. Von der Treppe zweigten Wege ab, nach oben und nach unten und kreuz und quer durch das gewaltige Gewölbe. Durch große Fenster schien das Tageslicht und erleuchtete alles hell.
Die Wege wurden gesäumt von hohen Schränken, die keine Türen zu haben schienen. Darin waren unzählige, eckige Gegenstände aufbewahrt, die sich dicht aneinander schmiegten und die Schränke füllten.
Psyche schritt die Treppe hinab und blickte nach links und rechts. Die eckigen Dinger waren teils handlich, teils aber so dick und schwer, dass sie, vermutete Psyche, unmöglich gehalten werden konnten.
Etwa auf der Mitte der Treppe hielt Psyche an und zog ein Exemplar heraus.
Es war bei weitem nicht so fest, wie es von außen wirkte. Es öffnete sich und fiel flatternd zu Boden. Dort lag es und bewegte sich nicht.
Psyche war erschrocken zurück gesprungen. Nun äugte sie kritisch, bückte sich und hob es wieder auf. Das Ding offenbarte eine stattliche Anzahl viereckiger, dünner Tücher. Allerdings waren sie zu fest, um wirklich als Tücher durchzugehen.
Ein jedes davon aber war bemalt mit kleinen, sorgsam angefertigten Zeichen, die sich auf einmal zu verselbstständigen schienen, die … Psyche erschrak noch einmal … mit ihr sprachen! Die Zeichen formten sich zusammen und sprachen mit ihr! Und Folgendes sagten sie:
„Mr. und Mrs. Dursley, im Ligusterweg Nr. 4, waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein. Sehr stolz sogar. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie könnten sich in eine merkwürdige und geheimnisvolle Geschichte verstricken, denn mit solchem Unsinn wollten sie nichts zu tun haben.
Mr. Dursley war Direktor einer Firma namens Grunnings, die Bohrmaschinen herstellte …“
Kopfschüttelnd klappte Psyche das viereckige Ding zu und stellte es zurück in den Schrank. Was sollte das denn?
Dabei entdeckte sie, dass es auf seiner Rückseite eine kleine Gravur hatte, „Harry Potter“ stand darauf.
Seltsam, dachte Psyche. Auf jedem Ding gab es Zeichen, die sich in ihren Gedanken zu Worten formten.
„Grimms Märchen“
„Der Goldene Esel“
„Die Odyssee“
Die letzten Worte sagten ihr etwas. Es war der Titel einer Geschichte, die der Erzähler am Hofe ihres Vaters sehr oft erzählen musste. Psyche hatte sie geliebt.
Neugierig öffnete Psyche das viereckige Ding namens „Odyssee“. Zunächst erschienen die Zeichen ungeordnet, aber dann verschwammen sie und begannen, auf vertraute Weise von Odysseus und seinen Abenteuern zu erzählen.
Psyche stellte fest, dass die Geschichte in großen Teilen den Worten des Hoferzählers ähnelte. Hier und da wurde ein anderer Name genannt, hier und da fehlte etwas oder war hinzugekommen. Im Großen und Ganzen aber war es exakt die Geschichte, die der weißhaarige Mann am Hofe ihres Vaters so spannend zu berichten wusste.
Nach einer Weile taten Psyche die Beine weh. Sie blickte umher und fand ein kleines Sofa, das direkt am Fenster stand. Psyche setzte sich und nahm die Zeichen auf. Sie fühlte sich geborgen und wohl, fast so, als wäre sie wieder ein Kind und würde zu den Füßen ihrer älteren Schwestern spielend, den Worten des greisen Erzählers lauschen. Das war eine Zeit, in der sich Psyche noch nicht verschleiern musste, in der es keine Sorgen und Probleme gab, eine Zeit, die Psyche warm umhüllte, bis sich Dunkelheit über die Zeichen legte und Psyche erschrocken feststellte, dass sie den Weg zurück in ihr Zimmer unmöglich alleine finden würde.

Amor tastete sich vorsichtig durch die dunklen Gänge des Schlosses.
„Psyche?“, rief er. Und noch einmal „Psyche?“
„Hier bin ich“, hörte er Psyches Stimme aus einiger Ferne. Schritt für Schritt bewegte sich Amor in die Richtung, aus der die Worte ertönten. Er ärgerte sich über die Dunkelheit, wusste aber, dass dies die einzige Möglichkeit war, um überhaupt in Psyches Nähe zu sein.
Irgendetwas ging klirrend zu Bruch und Amor schnaufte verächtlich. Dann stieß er sich den Kopf an einer Tür.
„Au!“
„Hier!“, rief Psyche. Sie klang etwas verzweifelt, fand Amor.
Er erspürte die Klinke, drückte sie nach unten. Es musste die Bibliothek sein, wenn ihn seine Sinne nicht betrogen. Hier gab es viele Treppen, Sitzmöbel und andere Stolperfallen. Irgendwie schaffte er es, sich die Treppe hinunter zu tasten.
„Guten Abend, Psyche“, sagte Amor und setzte sich auf den nächstbesten Stuhl, der ihm in den Weg kam.
„Wie gut, dass du da bist“, sagte Psyche. „Ich habe hier völlig die Zeit vergessen und weiß gar nicht mehr, wie ich hier rauskomme!“
Amor grinste. „Klar, stets zu Diensten!“
Er konnte Psyches Atem hören. Es klang so lieblich, wenn sie die Luft bewegte. Er musste mit der Prinzessin reden, aber das hatte vielleicht noch ein bisschen Zeit.
„Hier, nehmt meine Hand“, sagte Amor, so galant er es vermochte.
Er fühlte, wie sich Psyches Finger in seine Handfläche legten. Täuschte er sich oder hatte sie den Ring angelegt?
„Und jetzt folgt mir!“
Mit stolzgeschwellter Brust führte Amor Psyche aus der Bibliothek. Wie durch ein Wunder fand er den Weg, ohne dass etwas zu Bruch ging.
„Danke!“, hauchte Psyche, als sie auf ihrem Bett Platz nahm.
Okay, dachte Amor. Jetzt muss ich es ihr sagen. Aber wie? Und was? Und, ach, Psyche …
„Was ist das überhaupt für ein wunderbarer Ort, an dem ich mich verloren habe?“, unterbrach Psyche seine Gedanken.
Amor setzte sich auf das Bett.
„Das ist eine Bibliothek.“
„Eine Bebilo… – was?“
„Bibliothek.“ Amor kratzte sich am Kopf. „Als ich das Schloss gemacht habe, da habe ich versucht, einen Ort zu erschaffen, der dir jeden Wunsch von den Augen abliest. Magst du Erzählungen?“
„Ja“, sagte Psyche verwundert. „Aber ich dachte, dass es dafür Erzähler braucht und nicht solche kleinen, viereckigen Dinger …“
„Viereckigen Dinger?“
„Ja“, sagte Psyche. „Mit Tüchern … oder sowas … da drin.“
„Oh“, sagte Amor. „Vielleicht Schriftrollen?“
„Nein“, sagte Psyche. „Aber es ähnelt dem schon sehr. Eine kompaktere Version einer Schriftrolle, könnte man sagen. Ich wusste nicht, dass es so viele gibt“, sagte Psyche erregt. „Aber … ich mag die Geschichten darin. Das heißt, wenn ich sie verstehe. Die Geschichten erzählten von “Fabriken“ und “Bohrmaschinen“. Ich kann mir nichts darunter vorstellen … du?“
„Nun“, begann Amor, „das weiß ich auch nicht. Vielleicht ist da etwas durcheinander geraten.“
Er biss sich auf die Lippe. Wahrscheinlich, vermutete er, hatte er es beim Bau des Schlosses etwas übertrieben. Möglicherweise waren verschiedene Zeiten durcheinander geraten. Das war überhaupt nicht gut!
Amor schüttelte den Gedanken ab.
„Also, äh, Psyche, hör mal, wir müssen reden …“
„Ja, unbedingt müssen wir reden!“, fiel Psyche ihm ins Wort. „Oh mein Gott, ich kann dir gar nicht sagen, wie … wie gut ich mich fühle! Ich glaube zwar immer noch, dass ich träume, aber, wenn ich ehrlich bin, ich habe mich noch nie so wohl gefühlt und ich würde diesen Traum gerne weiter träumen.“
„Psyche …“, versuchte es Amor.
„Nein, warte“, sagte Psyche. „Das alles ist so unglaublich, weißt du, so unglaublich, aber auch so gut! Ich freu mich so sehr, dass ich an einen solchen Ort gelangt bin. Gestern gab es leckeres Essen. Heute war ich in dieser, in dieser … Bibliothek. Ich wusste nicht mal, dass es einen solchen Ort gibt. Dort liegen so viele Geschichten. Viele von denen verstehe ich nicht, aber es ist, es ist einfach großartig! Und deswegen, liebes Untier, möchte ich Dir danken! Und wenn du mich heiraten willst, oder was auch immer, ich sage: Ja.“
Amor schluckte schwer.
„Zumal du ja eh nur ein Traumgespinst bist …“, fügte Psyche kichernd hinzu. Sie stand auf und hüpfte durch den dunklen Raum.
„Psyche, jetzt lass mich auch mal was sagen …“, bat Amor.
„Wieso, was gibt es da noch zu sagen?“, fragte Psyche und versuchte Amor, vom Bett zu ziehen. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie immer noch …, das habe ich heute gelesen. Tanz mit mir! So funktioniert das doch!“
„Psyche …“ Amors Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Es konnte nicht wahr sein. Die Worte, die er sich gestern noch so sehr gewünscht hatte, sprach sie heute aus. Doch er konnte nicht so einfach mit ihr tanzen.
„Psyche, warte. Das, was du tust, das, was wir tun … es ist gefährlich. Ich möchte dich nicht verletzten. Und das könnte geschehen.
„Wie soll das geschehen?“, fragte Psyche lachend. „Ich träume doch nur!“
„Nein, das tust du nicht“, sagte Amor, bezweifelte aber, dass Psyche ihm glaubte.
„Also keine Hochzeit?“, fragte Psyche.
„Ja“, sagte Amor und war froh, dass Psyche nicht sehen konnte, wie er errötete.
„Dann … Freunde?“, fragte Psyche.
„Na ja“, sagte Amor. „Freunde reden miteinander, helfen sich, machen so dies und das … manchmal ärgern sie sich auch … aber auf jeden Fall ist es nicht ganz so gefährlich, wie eine Beziehung.“
„Okay“, sagte Psyche. „Das ist wirklich der verrückteste Traum, den ich je hatte! Lass uns also Freunde sein.“
„Äh … okay!“, rief Amor, allerdings spürte er einen Stich der Enttäuschung, dass Psyche überhaupt keine Bedenken hatte, ihn nicht zu heiraten.
„Morgen Abend kann ich übrigens nicht kommen“, sagte Amor.
„Macht nichts“, sagte Psyche. „Ich versuche, mich dann morgen nicht zu verlaufen.“
„Gut“, sagte Amor trocken. „Dir macht es also gar nichts aus?“
„Nein“, sagte Psyche. „Warum sollte es?“
„Ach, ich dachte nur …“, sagte Amor. Die Enttäuschung stach tiefer.
„Ich bin im schönsten Schloss, mit den besten Geschichten, dem leckersten Essen … ich könnte Jahrzehnte hier verbringen, ganz alleine …“
„Dann hast du bestimmt nichts dagegen, wenn ich jetzt schon gehe“, fauchte Amor und rannte wütend aus dem Schloss.