Soll ich´s wirklich machen?

sad-woman-1048897
Quelle Pixabay (Danke!)

Immer, wenn Frau K. vor Entscheidungsschwierigkeiten stand, übergab sie ihr Anliegen einfach dem Schicksal, was sich darin äußerte, dass sie mehrere Menschen zu ihren Absichten befragte.

Natürlich geschah dies auf unterschiedliche Weise. Mal subtil, mal direkt konfrontativ, mal ganz allgemein, dann wieder sehr konkret. Mal war es die beste Freundin, mal der nette Nachbar, dann die Kassiererin im Supermarkt (-Wenn sie mir zwei zwei Euro-Stücke rausgibt, sollte ich es machen-) und eines schönes Tages verhielt es sich so:

Frau K. betrat den großen Raum, wusste gar nicht, wieso sie nun gerade hier war, aber wusste, dass die Menschen, sieben an der Zahl, die dort vor ihr standen, auf einem kleinen Podest im ansonsten leeren Dunkel des riesigen Saals von einem Spotlight angestrahlt, dass diese Personen so etwas wie die Sieben Weisen waren, die ihr nun, was ihr Vorhaben anbelangt, Rede und Antwort stehen würden.

Soll ich es also tun?“, fragte Frau K. Ihre Stimme klang ein bisschen piepsig, weil sie in Anbetracht der doch irgendwie feierlichen Atmosphäre leicht eingeschüchtert war.

Du solltest es auf jeden Fall tun“, sagte die erste Person, eine Frau mittleren Alters mit freundlichen Runzeln. „Du hast so viel Talent, ich liebe das, was du tust, schon vom ersten Blick an.“

Danke“, pieste Frau K. und wartete gespannt auf die nächste Antwort. (Das fängt gut an, finde ich, dachte sie bei sich.)

Nun“, brummte ein älterer Herr in einem karierten Anzug, „Ich denke, Sie haben auf jeden Fall das Zeug dazu. Sie müssen ein bisschen was dafür tun, aber das wird eine wie Sie doch nicht davon abhalten.“

Frau K. lächelte und freute sich. Nein, dachte sie, das wird mich, eine wie mich!, doch nicht abhalten.

Ein junges Mädchen in einer engen Jeans machte irgendeine Bewegung, die Frau K. zunächst irritierte, dann aber stellte sie aufgrund des Grinsens der jungen Frau fest, dass dies ihre Art war, Wohlbefinden und potentielle Unterstützung auszudrücken.

Und weil das junge Ding die Irritation von Frau K. nicht entging, sagte es noch: „Ey, geht voll klar, Alte!“

Voll klar“, wiederholte Frau K. zeigte einen Daumen hoch und musste ein wenig schmunzeln.

Die nächsten drei Antworten waren ebenfalls voller Zustimmung, Zutrauen und Zuversicht, kamen aus runden und freundlichen Mündern, die, wenn überhaupt, nur eine Haaresbreite von dem kritisierten, was Frau K. im Begriff war zu tun.

Doch dann bekam Frau K. Folgendes zu hören:

Ich finde, das ist eine ganz schlechte Idee.“

Die letzte Gestalt, die diese Worte sprach, war nicht wirklich als Person zu erkennen. Sie war ein wenig verpixelt, vielleicht auch verschwommen, möglicherweise war das Licht auch einfach nicht besonders professionell auf sie ausgerichtet. Es war unmöglich zu sagen, ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelte, unmöglich auszumachen, wie alt dieses Wesen war, das da so hart über Frau Ks. Pläne sprach.

Es war die letzte Stimme, die sprach. An dieser Stelle blieb Frau K. eine lange Zeit stehen, wohl um in Erfahrung zu bringen, ob die Stimme ihr noch etwas sagen würde. Nachzufragen traute sie sich aber nicht, obwohl sie gerne gewusst hätte, was genau denn „schlecht“ an der Idee war. Aber, dachte Frau K. bei sich, ich bin ja nicht blöd, ich kann das auch selber herausfinden.

Und so kam Frau K. nach einigem Nachdenken zu dem Schluss, dass diese und jene Punkte bei ihrem Vorhaben noch nicht richtig zu Ende gedacht worden waren. Dass es an der einen und der anderen Ecke sehr, sehr hakte. Dass es sicherer wäre, einfach noch eine Weile zu warten und das, was sie eigentlich schon umsetzen konnte, lieber noch einmal in die Waagschale zu werfen, um genau zu prüfen, ob es sich denn überhaupt lohnen würde.

Danke“, sagte Frau K. zu der nicht näher personifizierbaren Person.

Du hast mir sehr geholfen.“

Kurzum:

Frau K. setzte ihr Vorhaben nicht in die Tat um.

An einem anderen Tag aber, ein paar Jahrhunderte später, befand sich Frau K. aufgrund mirakulöser Gegebenheiten wieder in dem Raum, der ihr eine Entscheidung ermöglichen sollte. Sie war ziemlich wütend über diesen Umstand, denn sie empfand die Anwesenheit dort als pure Zeitverschwendung und hatte keine Lust mehr, ihr Vorhaben genau zu erklären. Daher wunderte es sie nicht, dass alle Personen (es waren die selben, wie beim letzten Mal) auf ihr Vorhaben eher verhalten reagierten, ausgenommen der einen Person, die recht optimistisch gestimmt war.

Es war Frau K. egal.

Sie verließ den Raum so schnell sie konnte

und

machte es einfach.

Advertisements

Der Kuss

Amor fühlte sich bestens vorbereitet. Er hatte den perfekten Köder gefunden. Es gab nichts, das eine Erdenfrau mehr faszinierte als dieses winzige Etwas. Amor wusste zwar nicht, warum gerade dieses Objekt so anziehend wirkte, allerdings musste er zugeben, dass es sich sehr angenehm anfühlte.
Vorsichtig tapste er durch das dunkle Schloss. Es war finster wie die Nacht, genauso wie er es geplant hatte.
In der Hand hielt er das kleine Ding, das ihm als Köder dienen würde. Daran befestigt war eine lange, dünne Kette. Sobald die Prinzessin danach schnappte, würde er sie an sich ziehen und dann …
Der Gedanke verursachte ein prickelndes Gefühl in seinem Bauch.
Amor grinste glücklich.

Voller Angst lauschte Psyche. Gewiss war es das Ungeheuer, das sich dort im Flug bewegte. Oh, sie war so dumm! Den ganzen Tag über hatte sie die Bedrohung ignoriert, nur ab und zu war die Erkenntnis wie ein Schrecken über sie gefallen. Aber gleich darauf hatte sie sich einlullen lassen von all den Wunderdingen dieses Schlosses. Wenn sie doch geflohen wäre! Jetzt war es zu spät. Sie konnte nichts mehr tun.
Die Schritte näherten sich.
Psyche umklammerte die Vase. Sie würde sich nicht kampflos ergeben. Im Raum war es stockfinster. Sollte sie sich verstecken? Würde ihre Hässlichkeit sie schützen? Konnte das Ungeheuer in der Dunkelheit sehen?
„Oh Mist!“, rief da eine Stimme und etwas im Flur ging klirrend zu Bruch.
Das Ungeheuer war also genauso blind wie sie, schloss Psyche. Nicht einmal ihre Hässlichkeit würde sie retten. Psyches Herzschlag übertönte fast das leise Knarren der Tür. Sie hielt den Atem an.
Mit einem leise „Pling“ landete etwas auf dem Boden. Direkt neben ihr. Ein feines, schleifendes Geräusch ertönte. Psyche hielt sich schützend den Arm vors Gesicht und erwartete das Schlimmste.
Das schleifende Geräusch wiederholte sich. Ruckartig. Oder war es vielmehr ein Klingen? Weiter geschah nichts. Kein hereinstürmendes Ungetüm, kein Angriff.
Psyche nahm wahr, dass ihre Finger schmerzten. So fest hielt sie die Vase umklammert.
Und wieder ertönte ein klingendes Geräusch.
Stirnrunzelnd hockte sich Psyche auf den Boden und stellte die Vase ab.
„Wer ist da?“, flüsterte sie.
Keine Antwort. Dafür aber bewegte sich das Klingen jetzt schnell springend fort. Psyche griff danach und fühlte etwas Kleines, Rundes, das in der Mitte ein Loch hatte.
„Ein Ring“, stellte Psyche verwundert fest. Was sollte das denn?
Sie bemerkte, dass an dem Ring noch etwas befestigt war. Es war hauchdünn, fast nicht zu spüren, vielleicht ein Spinnengewebe, nein, dafür war es zu fest. Was war es?
Mit einem Ruck wurde Psyche fortgezogen und fand sich im selben Moment wieder in einer Umarmung, gepresst an einen Körper, von dem ein so betörender Duft ausging, dass ihr Schrecken sich mit einem Atemzug verlor.
„Du gehörst jetzt mir“, flüsterte eine Stimme in ihr Ohr.
Dann spürte sie einen weichen Mund auf ihren Lippen. Der Geruch war noch stärker als zuvor, er vernebelte ihren Geist.

„Was tu ich hier?“, fragte sich Psyche. Ich küsse. Wie denn? Ich küsse? Ist das eine Zunge? Wie soll ich die Lippen bewegen? Wie atmen? Küssen. Es funktionierte einfach so. Seltsam. Und irgendwie …
Bevor sich Psyche völlig verlor, löste sie ihre Lippen.
„Wow“, sagte die fremde Stimme. „Das ist ja besser als fliegen.“
Psyche versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. „Fliegen?“
„Klar! Ich zeig es dir!“
Sogleich wurde Psyche hochgehoben und spürte für einen kurzen Moment, wie sie in den Armen des Fremden tatsächlich flog.
Dann stieß er sich den Kopf an der Decke und beide fielen unsanft zu Boden. Direkt neben die Blumenvase. „Hatschi!“, schnaubte Psyche.
„Wer –hatschi- oder was bist du überhaupt?“, brachte Psyche zwischen ihrem Nießen hervor.
„Das ist doch nicht wichtig!“, sagte der Fremde und lachte. „Lass uns lieber noch einmal küssen!“
Psyche musste wieder niesen. Sie brauchte unbedingt ein Tuch, um sich die Nase zu schnäuzen.
„Moment mal …“, sagte sie und tastete in der Dunkelheit. „Warum ist das hier so finster?“, murrte sie. „Gibt es keine Fackeln?“
„Nein!“, sagte der Fremde. „Das habe ich extra so eingerichtet!“
Psyche erspürte das Laken und schnäuzte sich die Nase. Der Fremde rückte an sie heran. „Sowas passiert mir öfter. Ich meine, dass ich mich irgendwo stoße. Aber ich bin auch selbstbewusst. Und behaart. Und ich möchte dich noch einmal küssen. Ich liebe dich nämlich!“
Psyche wischte sich die tränenden Augen und rückte weg. „Ich … ich muss nachdenken“, sagte sie. „Das ist alles so … verwirrend!“
„Dann … äh … klar, denke! Du kannst alles denken und mir dann alles sagen, Psyche. Das ist so, wenn man sich liebt.“
Der Fremde versuchte, ihre Hand zu finden. Psyche zog sie vorsichtig zurück. Was war das für ein Wesen? So etwas hatte sie noch nie erlebt. Hatte es gerade gesagt, dass es sie liebte?
„Du sprichst von Liebe?“, fragte Psyche. „Ist das dein Ernst?“
„Ich schwöre es bei meinem Leben!“
„Bis vor ein paar Minuten habe ich noch gedacht, du willst mich töten …“
„Wie bitte?“ Die Stimme klang ehrlich entsetzt. „Warum hast du das gedacht? Was hätte ich tun können, es zu verhindern? War etwas nicht zu deiner Zufriedenheit?“
Psyche erinnerte einzelne Bilder des Tages. Der leckere Kuchen, das schaumige Bad …
„Nein, es war alles … gut. Aber ich wusste nicht, was mich erwartet.“
„Es tut mir leid“, gab die Stimme zu. „Daran habe ich nicht gedacht.“
„Wer oder was bist du?“, beharrte Psyche.
„Ich kann es dir nicht sagen. Ich werde alles tun, alles, was du willst, aber das kann ich dir nicht sagen.“
„Warum nicht?“
„Es geht nicht. Psyche, bitte, frag nicht weiter. Ich … ich liebe dich!“
Das fremde Wesen machte den Versuch, sich ihr wieder zu nähern. Sein Geruch war einfach zu gut. Psyche hielt sich die Nase zu, bevor sie wieder den Verstand verlor.
„Gut, dann sage mir, was dieses Schloss ist. Ich habe so etwas noch nie gesehen.“
„Es ist ein Traumschloss. Ich habe es für dich erschaffen.“
„Das ist unmöglich!“
„Gefällt es dir nicht?“
„Darum geht es nicht!“, rief Psyche aufgebracht. „Das alles kann einfach nicht wahr sein!“
„Wieso sagst du so etwas?“, fragte die Stimme. „Es ist wahr, warum glaubst du das nicht?“
Das fremde Wesen sprach auf einmal ganz leise. „Du hast den Köder gefunden. Du hast den Ring … Komm zu mir, bitte!“
Es klang so verzweifelt, dass Psyche einen Moment stutzig wurde.
„Wieso?“, fragte sie.
„Ich weiß nicht …“, sagte das Wesen und Psyche konnte hören, wie die Stimme leicht zitterte: „Liebst du mich denn nicht?“
Psyche schüttelte den Kopf. Das alles war viel zu absurd, um wahr zu sein. Aber wie verrückt sie auch geworden war, sie wollte niemandem eine Erklärung schuldig bleiben.
Also sagte sie:
„Ich weiß doch überhaupt nicht, wer oder was du bist. Ich kenne dich nicht. Um jemanden zu lieben … das dauert. Das ist nicht einfach so da. Glaube ich zumindest. Und all diese Dinge hier … wahrscheinlich träume ich nur. Das ist ein Trugschloss, es wird zerplatzen, sobald ich die Augen öffne. Außerdem ist es stockfinster. Wenn du mich sehen würdest, dann würdest du … “
„Ich habe dich gesehen“, unterbrach das Wesen ihre Gedanken. „Und im selben Moment habe ich mich in dich verliebt.“
„Ha!“, Psyche lachte trocken auf. „Ich wusste, dass hier etwas nicht stimmt. Das kann unmöglich sein! Niemand würde das tun. Keiner. Verstehst du? Irgendwas läuft hier gehörig schief, ich bin doch nicht bescheuert. Vielleicht ist das ein lange gehegter Plan … irgendwas Gemeines. Oder ich bin einfach nur verrückt geworden. Ich bin verrückt geworden …“

Amor versuchte ein paar Mal, Psyche zu beruhigen, aber sie schien ihn nicht zu hören. Also verließ er schlurfend das Zimmer. Er war so betrübt, dass er nicht einmal fliegen konnte. Auf seinem Weg stieß er gegen so ziemlich jede Vase und jede Kostbarkeit, die im Schloss aufgestellt war. Klirrend zerbrachen sie auf dem Boden. Egal. Egal. Es war ihm egal.
Was hatte er falsch gemacht? Der Kuss war das Schönste, was er bisher erlebt hatte. Psyches Lippen hatten sich so wundervoll angefühlt, einfach perfekt, und doch, nur einen Moment später, hatten diese harten Worte sie verlassen. Worte, die ihn getroffen hatten, wie Steine.
Er hatte alles so gemacht, wie Apollo es gesagt hatte. Aber er hatte versagt. Psyche würde ihn niemals lieben. Der Pfeil würde seine Wirkung nur tun, wenn sie ihn sah. Und das war unmöglich.
Er musste etwas tun! Er konnte ohne Psyche nicht leben. Dieser Kuss … und hatte sie ihn nicht erwidert? Hatte sie sich nicht an ihn geklammert, ja, ihn umarmt, ein wenig festgehalten, wenigstens ebenfalls berührt?
Hinter Amor schlossen sich die großen Flügeltüren. Am Himmel zeigte sich der Mond. Er machte ein trauriges Gesicht, fand Amor. Es war Vollmond und keine günstige Zeit, um Diana einen Besuch abzustatten, aber er brauchte ihren Rat. Er hatte etwas falsch gemacht, aber er wusste nicht, was es war. Er brauchte den Rat einer Frau. Und dann dachte er wieder an diesen Kuss. Dieser Kuss …