Still some steps to go …

Dear visitor,

Why is the world as it is today?
In the last few years, I have studied a lot and thought about this, some of which can be read here online in the so-called “Lehmofen”.
I am currently thinking about how to put (what I think I have understood) into a useful and, above all, understandable shape.
The first contributions will probably be made at the end of 2018.

Until then I can recommend reading:

Cultural Code

Everything from him and his wife

As well as him and some other psychoanalysts

May the force be with you and read you soon. 🙂

Runa

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Diana – Göttin der Jagd

SelfhtmlBy Design by Géza Maróti (1875-1941), BudapestOwn work; Photo by Szilas in the Budapest Museum of Applied Arts; temporary exhibition of the Masters of the Art Nouveau, May 2013 – February 2014, Public Domain, Link

 

Die Göttin, um die es heute geht, – Diana –  könnte wie viele andere Frauen und Göttinnen der Antike heute bei der Kampagne #metoo mitmachen.

Allerdings stellte ihr nicht der Göttervater nach (der laut Postillon nach Belästigungsvorwürfen aus der griechischen Mythologie gestrichen worden sei), sondern ein Normalsterblicher namens Aktation – und sie wusste sich ganz trefflich zu wehren.

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By Nordisk familjebok – From http://runeberg.org/nfba/0250.html, Public Domain, Link

Diana verwandelte den Belästiger nämlich ganz einfach in einen Hirsch und ließ dessen Jagdkumpanen und Hunde dann den Rest erledigen. Sehr anschaulich und schön hat dies Ovid in den folgenden Zeilen beschrieben:

„Wie er (also Aktaion) jedoch das Gesicht und die Hörner im Wasser erblickte,
Wollt’ er rufen entsetzt: “Weh mir!” Nicht folgte die Stimme.
Dafür kam ein Gestöhn. Feucht ward von Tränen das Antlitz,
Welches das seinige nicht. Den Geist nur hatt’ er behalten.
Was nun soll er tun? Heimkehren zum Königspalaste

Oder sich bergen im Wald? Scham hinderte jenes, die Furcht dies.
Während er schwankt, ersehn ihn die Hund’, und das Zeichen mit Bellen
Gibt Melampus zuerst und Ichnobates trefflich im Spüren,
Dieser von gnosischem Stamm, von spartanischer Rasse Melampus.
Flüchtiger rennen herbei als sausende Winde die ändern:

Pamphagos, Dorkeus auch und Oribasos, Arkader alle;
Theron grimmig und wild, mit dem starken Nebrophonos Lailaps,
Pterelas hurtig im Lauf und die scharf auswitternde Agre
Und, von dem Eber gehaun unlängst, der kecke Hylaios,
Nape, gezeugt vom Wolf, und Poimenis, welche den Schafen

Achtsam folgt, und, begleitet von zweien der Söhne, Harpyia,
Ladon dazu mit schmächtigem Bauch, sikyonischer Herkunft,
Kanake, Dromas sodann und Stikte und Tigris und Alke,
Abolos schwarz von Haar und Leukon mit schneeigen Zotten,

Thoos und flink und behend mit dem kyprischen Bruder Lykiske
Und, an der dunklen Stirn mit schneeiger Mitte gezeichnet,
Harpalos, Melaneus auch und Lachne mit struppigem Leibe;
Labros, Agriodos dann, die Söhne lakonischer Mutter,
Vom Diktaier gezeugt, und mit gellender Stimme Hylaktor,

Und viele andre dazu. Die stürmen nach Beute begierig
Über Gestein und Felsen und unzugängliche Klippen,
Da, wo schwierig der Weg, und da, wo keiner gebahnt ist.
Selbst nun fliehet er dort, wo oft er Verfolger gewesen;
Ach, er flieht vor dem eignen Gefolg’! Gern hätt’ er gerufen:

“Ich, Aktaion, ja bin’s! Erkennt doch euren Gebieter!”
Worte gebrechen dem Wunsch. Vom Gebell hallt wieder der Aither.
Melanchaites zuerst verwundete jenem den Rücken,
Dann Theridamas auch; Oresitrophos biss sich am Bug ein.
Später begann ihr Lauf, doch über den Berg auf dem Richtpfad

Eilten dem Schwärm sie voraus. Indes den Gebieter sie hielten,
Drängt sich die Meute herzu und schlägt in den Körper die Zähne.
Schon zu Wunden gebricht es an Raum. Er stöhnet, und Töne,
Nicht wie ein Mensch, doch auch wie ein Hirsch niemals sie hervorbringt,
Stößt er aus und erfüllt das bekannte Gebirge mit Wehruf,

Und mit gebogenem Knie demütig und Bittenden ähnlich
Trägt er schweigend umher, als wären es Arme, die Blicke.
Aber den bissigen Trupp hetzt noch mit dem üblichen Zuruf
Sein argloses Gefolg’ und sucht mit den Augen Aktaion –
Und ruft laut, als wär’ er entfernt, um die Wette Aktaion –

Jener bewegt bei dem Namen das Haupt – und alle beklagen,
Dass er fern und des Fangs Schauspiel so lässig versäume.
Fern sein möcht’ er, allein er ist nah. Er möchte der Meute
Grimmiges Tun nur sehn und nicht auch selber empfinden.

Und zerfleischen den Herrn im Bilde des trügenden Hirsches.
Erst, wie am Ende geflohn durch vielfache Wunden das Leben,
Ruhte der Zorn, wie man sagt, der köchertragenden Göttin.“Quelle: http://www.gottwein.de/Lat/ov/met03de.php (2, 200-253)

 

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By Carole RaddatoOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

SelfhtmlBy Antonio Tempesta – Image: http://collections.lacma.org/sites/default/files/remote_images/piction/ma-31724028-O3.jpgGallery: http://collections.lacma.org/node/234460, Public Domain, Link

Leg Dich lieber nicht mit Diana an, könnte man da sagen.

Diana ist die Göttin der Jagd, des Mondes und der Geburt. Sie ist die Zwillingsschwester von Apollo, die Tochter von Zeus/Jupiter und Leto/Latona, und ihr wird nachgesagt, schon als frisch geborenes Baby ihrer Mutter bei der Entbindung von Apollo geholfen zu haben. In der griechischen Mythologie entspricht ihr Artemis. Ich denke, dass die Attribute “Mond” und “Geburt” erst später für Diana galten. Zunächst ist sie sehr wahrscheinlich vor allem eine Jagdgöttin gewesen.

Historisch betrachtet gab es viele Orte in Italien und Griechenland, an denen Diana verehrt wurde, allerdings lagen die römischen Stätten fast alle außerhalb von Rom, also außerhalb der Stadtgrenze. Einige Forscher vermuten, dass Diana daher möglicherweise von den heimkehrenden römischen Truppen verehrt wurde, die bis zum Ausruf des Triumphes draußen vor der Stadt zu warten hatten und die Grenze (Pomerium) nach Rom nicht überschreiten durften.

Besonders interessant ist das außerhalb von Rom gelegene Heiligtum der „Diana Nemorensis“.

SelfhtmlVon Pippo-b – eigenes Foto, CC BY-SA 3.0, Link

Wikipedia beschreibt sehr treffend:
„Zentrum des Heiligtums war eine der Göttin Diana (gleichgesetzt der griechischen Göttin Artemis) geweihte Eiche, die von einem Priesterkönig, dem rex nemorensis, bewacht wurde. Dieser war ein entlaufener Sklave, der Tag und Nacht den Baum bewachte. Er hatte sein Amt so lange inne, bis es einem anderen Entlaufenen gelang, ihn zu töten, einen Ast von der Eiche zu brechen und so seinerseits dieses gefährliche Amt zu übernehmen. Dieser Umstand war für die Antike so unüblich, dass (… vermutet wurde), der Kult könne aus vorgeschichtlicher Zeit stammen.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Heiligtum_der_Diana_Nemorensis

In dieser Erzählung findet sich, wenn man so will, lediglich das Motiv “Wald” (Eiche) und “Wache”, – noch kein Hinweis auf Mond oder Geburt.

Bei Diana handelt es sich also um eine Göttin, deren Ursprünge recht weit zurückliegen. Dies wird auch deutlich, wenn man sich die Verbindungen zu anderen Gottheiten ansieht.
So findet sich beispielsweise eine Gottheit namens Britomartis, die angeblich eine Vorform von Diana/Artemis war und auf Kreta verehrt wurde. Den Ursprungsmythos von Britomartis zu rekonstruieren ist so gut wie unmöglich, – angeblich stellte Minos ihr nach und sie rettete sich durch einen Sprung ist Meer, woraufhin die Göttin Artemis ihr beistand. (Hier ist historisch aber unklar, wie Artemis, die doch eigentlich eine weitere Ausdeutung bzw. spätere Entwicklung von Britomartis ist, „sich selbst“ in dieser Situation hätte helfen können. – Vermutlich wurde die Gestalt von Britomartis in spätere Mythen über Diana wieder eingebunden. Kompliziert das Ganze. ;))
Historisch einleuchtend ist die Vermutung, dass Britomartis in der frühen minoischen Zeit einen Tempel hatte, der mit „wilden Tieren“ (Hunden, ggf. Bären) assoziiert war. Dass sie also eine Art Jagdgöttin darstellte. Selbiges trifft auf eine indogermanische Gottheit namens „Artio“ zu, die schon vom Wortlaut her Ähnlichkeiten mit „Art“emis aufweist. Es gibt auch Annahmen, die Artemis auf ein altes Wort für “Bär” zurückführen. Dem Religionswissenschaftler George Dumézil zufolge ist Diana eine Art „Rahmen-Gottheit“, die viele archaische Elemente vereint und daher sehr alt sein muss. Er vergleicht Diana in ihrer Funktion mit dem nordischen Gott Heimdall, der Asgard bewacht. James Frazer (ein anderer Religionswissenschaftler) sieht eher eine Verbindung zwischen Diana und Janus.

Es ist sicherlich nicht falsch, „Diana“ vorrangig als sehr, sehr alte Jagdgöttin zu sehen, in die andere weibliche Jagdgottheiten „aufgegangen“ sind. Auch ein Diana geopferte Votivstein, in dem sich jemand für die reiche Bärenjagd bedankt, belegt diese Vermutung. Zudem gab es an einer anderen Kultstätte, in Brauron, noch lange Zeit die Tradition, dass sich junge Mädchen zu Ehren Dianas in Safran-Farbene Gewänder hüllten und eine Bärenjagd nachstellten.

Selfhtml Britomartis wird von Edmund Spenser im 16. Jahrhundert als englische Tugendfrau beschrieben. – Ein Bestseller. Von photo: C J Thomson – photo: Special:Contributions/SusanWynneThomson, GFDL, Link

SelfhtmlDie Göttin Artio, – 19. Jahrhundert.  Von Own photograph by Sandstein, CC BY 3.0, Link

Selfhtml Votivstein mit Dank für Bärenjagd. Von den SEX CAPTIS (UR)SIS sieht man allerdings nur das “SIS”.  Von Diagram LajardEigenes Werk, CC0, Link

Für das „mythische Alter“ der Göttin spricht auch eine Geschichte, die sehr stark an alte Themen wie „Inanna und Dumuzi“ erinnert. – Also Mann/Frau, Tod und Wiederauferstehung im weitesten Sinn.

Ich zitiere: „In römischer Zeit war die Legende verbreitet, der Hain von Nemi sei die Heimstatt der Nymphe Egeria, deren Obhut Diana ihren von den Toten erweckten Jagdgefährten Hippolytos anvertraute. Hippolytos, ein schöner Jüngling, hatte die Begehrlichkeit der Liebesgöttin Venus geweckt (die wiederum der griechischen Göttin Aphrodite entsprach). Hippolytos sah sich allerdings als Jünger der Diana der Jagd wie der Keuschheit verpflichtet und blieb gegenüber dem Liebeswerben der Venus standhaft. Diese sann auf Rache und verzauberte seine Stiefmutter Phädra dergestalt, dass sie für Hippolytos entflammte. Wiederum wies Hippolytos seine Verehrerin ab. Phädra schwärzte ihn daraufhin bei seinem Vater (und ihrem Gatten) Theseus an und behauptete, Hippolytos habe versucht, sie zu vergewaltigen, und beging sodann Selbstmord. Theseus wiederum verstieß seinen Sohn und beauftragte Poseidon, Hippolytos zu töten. Der Meeresgott vollbrachte dies, indem er ein Seeungeheuer losließ, das Hippolytos’ Streitwagen zu Fall brachte.
Diana wiederum wandte sich an Asklepios, der den Jüngling wieder zum Leben erweckte – nach göttlicher Auffassung ein Frevel, und aus Verärgerung darüber verbannte der Göttervater Jupiter Äskulap in den Hades. Damit Hippolytos nicht ähnliches widerfahre, versteckte Diana ihn bei ihrer Nymphe Egeria, gab ihm zudem ein paar Altersfalten, damit er nicht allzu leicht zu erkennen sei, und umnebelte ihn zudem mit einer Wolke. Der auferstandene Hippolytos nahm den Namen Virbius an und zeugte mit Egeria einen Sohn, der ebenso genannt wurde. Virbius war neben Diana daher eine der in Nemi verehrten Gottheiten.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Heiligtum_der_Diana_Nemorensis
Diana erweckt also ihren Geliebten Hippolytos mit Hilfe von Asklepios wieder zum Leben. Ähnliche Züge weist auch der Mythos um Diana und Orion auf. – Wobei das mit Diana und den Männern so eine Sache ist. In erster Linie waren es wohl nicht ihre “Geliebten”, sondern lediglich “Jagdgefährten”, denn die Göttin war nicht gerade für ihr ausschweifendes Liebesleben bekannt.

Diana steht auch in Verbindung mit der Euripides Erzählung „Iphigenie in Tauris“. Von Iphigenie war hier schon mal kurz die Rede, es ist die Frau, die für ihr Vaterland in Zusammenhang mit dem Trojanischen Krieg der Göttin Diana geopfert werden soll, dann aber von der Göttin “ex machina” gerettet wird. Später errichtet Iphigenie der Sage nach im oben erwähnten Brauron einen Tempel für Diana, in dem sich junge Mädchen als Bären verkleiden.

Selfhtml By Anonymous Ophelia2, Public Domain, Link

SelfhtmlBy Jens Cederskjold, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52601662

Im Mittelalter bzw. eher der frühen Neuzeit, wo vornehmlich Verfolgungen stattfanden, wurde Diana zur Göttin der Hexen, wurde also von der Jägerin zur Gejagten.

Selfhtml By Nye, Edgar Wilson “Bill” (1850-1896) – https://archive.org/details/billnyeshistoryo00nyebrich, Public Domain, Link

In der Antike war allerdings noch Hekate für Magie und Zauberei zuständig.

SelfhtmlBy The original uploader was Medos at German Wikipedia – Transferred from de.wikipedia to Commons by Ireas using CommonsHelper., Public Domain, Link

SelfhtmlBy Maximilián Pirnerhttps://lehmofen.files.wordpress.com/2017/11/954a8-hekate1901.jpg, Public Domain, Link

SelfhtmlBy ZdeOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Am wahrscheinlichsten ist, dass eine biblische Erwähnung vom Artemis-Tempel in Ephesos zu dieser Annahme führte, dass Diana/Artemis mit Hexen im Bunde stünde. Denn als Paulus und seine Männer dort in Ephesos christianisieren und missionieren, gab es einen riesigen Aufstand, Schlägereien und Paulus landete schließlich sogar im Gefängnis. Die Epheser hatten nämlich keine Lust auf eine neue Lehre und wollten lieber weiterhin Geld mit ihren hübschen Artemis-Figürchen für den Tempel verdienen, der der Sage nach übrigens von der Amazonen-Königin Ortrere gegründet wurde.
Das konnte ja nur Hexenwerk sein!

SelfhtmlBy DC Extended Universe Wiki – http://dcextendeduniverse.wikia.com/wiki/File:JL_Wonder_Woman.jpg, CC0, Link

Da ist sie wieder. “Diana” Prince, aka Wonderwoman. 😉

 

 

Hilfe zur Selbsthilfe

„Diana! Du musst mir helfen!“

Wie von Sinnen hämmerte Amor gegen das Tor von Dianas Baumpalast. Er hatte die Nacht kein Auge zugetan, denn etwas in seiner Brust schlug Purzelbäume und machte ihn ganz wahnsinnig. Sobald er Psyche schlafend wähnte, raste Amor auf seiner Wolke zur Waldlichtung von Diana.
„Hör auf so einen Lärm zu machen!“, hörte Amor Dianas Stimme aus dem Palast. „Ich will dich hier nicht sehen!“
„Bitte!“, rief Amor und schlug noch kräftiger gegen die Tür, „Bitte! Ich brauche Deinen Rat! Ich höre nicht auf, bis du mich reinlässt!“
Als Amor hörte, dass sich das Tor öffnete, atmete er erleichtert aus. Diana blickte ihn zornig an. „Ich hoffe, du hast wirklich einen guten Grund. Und glaube ja nicht, dass ich dir schon verziehen hätte. Das mit meinem Bruder …“
„Psyche ist schwanger!“, platzte es aus Amor heraus.
Überrascht sah Diana ihn an. Noch bevor die Göttin etwas sagen konnte fuhr Amor fort: „Du kennst dich doch aus mit Geburten und so. Vielleicht kannst du ihr einen Trank brauen oder …“
Unverständnis blitzte in Dianas blassblauen Augen auf. „Psyche ist schwanger, sie ist nicht krank. Es sei denn, du willst, dass ich ihr etwas mixe, damit sie das Kind verliert.“
„Bist du wahnsinnig? Das kommt überhaupt nicht in Frage!“ Vor lauter Schreck wich Amor ein paar Schritte zurück.
„Na dann … herzlichen Glückwunsch. Du wirst Vater, Amor“, sagte Diana und lehnte sich in den Türrahmen. „Was aber habe ich damit zu tun?“
„Ja, du … aber …“, aufgeregt schnappte Amor nach Luft. „Das ist so … so … “
„Ja?“, Diana gähnte in ihre hohle Hand. „Lass mich raten: Du freust dich total, aber du hast auch gewaltige Angst.“
„Ich? Angst? Niemals!“ Amor reckte seine Brust und spannte seinen Oberarm an. „Wovor sollte ich Angst haben? Ich bin ziemlich stark geworden.“
„Das ist albern“, sagte Diana. „Aber, es geht den meisten Männern so.“
„Ja?“ Amor sank wieder in sich zusammen. „Bist du dir sicher?“
Diana nickte. „Ja. Das, was dir – oder besser euch – gerade passiert, ist etwas ganz Besonderes. Alles wird sich ändern. Zeit, Verantwortung zu übernehmen.“
„Ja, du hast Recht!“, rief Amor. „Es ist etwas ganz Besonderes. Alles wird sich ändern! Das ist es!“ Am liebsten hätte er Diana umarmet, nur ihr skeptischer Blick hielt ihn davon ab.
„Gut“, sagte Diana, „Was gedenkst du nun zu tun?“
„Ich habe einen Plan“, sagte Amor und reckte sein Kinn.
„Na, da bin ich aber gespannt.“
Unruhig knetete Amor seine Hände, die immer noch schmerzten. So heftig hatte er gegen das Tor von Dianas Baumpalast gepocht.
„Ich werde meine Mutter besuchen.“
„Aha. Und weiter?
„Ich werde ihr sagen, dass ich Psyche liebe.“
„Und du meinst, Venus erlaubt das? Alles wird gut?“
„Ich hoffe es“, sagte Amor und begann hin und her zu laufen. „Es gibt doch schon gute Anzeichen. Sie hat mir einen Bogen geschenkt. Ich glaube, sie regt sich nicht mehr sooo sehr darüber auf, dass Männer Männer und Frauen Frauen lieben.“
„Du glaubst das“, sagte Diana. „Aber du weißt es nicht. Und ganz davon abgesehen geht es hier um die Liebe zwischen Göttern und Menschen.“
„Ja“, sagte Amor. „Na und? Ich werde Vater.“
Diana lachte hell auf. „Und Venus wird Oma. Das wird sie bestimmt freuen, wo sie sich ja gar keine Gedanken um Jugend und Schönheit macht.“
Missmutig kickte Amor einen Stein von sich. „Sollte sie zumindest. Er wird doch ihr Enkel!“
Diana zog die Brauen hoch. „Wieso denn ein „er“?“
„Weiß nicht, ist auch nicht so wichtig“, wiegelte Amor ab.
„Doch, das ist wichtig“, stichelte Diana. „Selbst du denkst in Schubladen, Amor. Selbst du hast bestimmte Vorstellungen davon, wie die Dinge sein sollen. Du bist deiner Mutter gar nicht so unähnlich. Du willst, dass dein Kind ein Sohn ist. Und ein Gott. Habe ich Recht oder ist es die Wahrheit?“
„Ein Halbgott wird es jawohl werden“, schnaufte Amor und verschränkte seine Arme. Diese ganze Fragerunde hatte ihn wütend gemacht. „Als ob du keine Fehler machen würdest. Ich sage nur Aktaion. Du hast ihn einfach so zerfetzt!“
„Zerfetzen lassen, wenn ich bitten darf!“ Dianas Blick wurde eiskalt. „Selbstverständlich mache ich „Fehler“, wenn du das so nennen willst. Ich erfülle meine Aufgaben, wandelbar wie der Mond und genauso wankelmütig. Wie ist es mit dir? Willst du wieder Pfeile auf meinen Bruder schießen?“
„Ich mache meine Arbeit gut“, rief Amor und stampfte mit dem Fuß auf. „Es ist mit sehr ernst damit geworden, seitdem ich Psyche kenne. Und außerdem … ich habe mich schon tausend Mal wegen Apollo entschuldigt!“
„Das macht es nicht wieder gut. Ich glaube, du solltest jetzt gehen. Ich habe zu tun.“
„Genau das werde ich tun“, rief Amor ihr hinterher. „Und glaube nicht, dass ich dich jemals wieder um Rat frage.“
„Gut“, sagte Diana und drehte sich mit blitzenden Augen nach Amor um, „denn es wird Zeit, dass du dir die Ratschläge selbst gibst.“
Mit wallender Wut kehrte Amor auf seine Wolke zurück. Er entdeckte eine alte Weinamphore, langte danach und leerte sie in einem Zug. Ihm war die ganze Angelegenheit unglaublich peinlich. Er verfluchte sich dafür, dass er jammernd und klagend an Dianas Tür geklopft hatte. Warum nur hatte er sie aufgesucht? Was bildete die sich ein, über seine Arbeit zu urteilen? Diana war ein Scheusal!
In einem Punkt aber gab er Diana wiederwillig Recht. Seine Mutter war sicherlich nicht leicht davon zu überzeugen, bald eine menschliche Schwiegertochter zu haben. Aber es gab einen Weg, wie er Venus von seiner Liebe zu einer Sterblichen überzeugen konnte. Seine Mutter musste sich in einen Sterblichen verlieben!

Der Sieger

***Heute etwas später als sonst am Abend, das neuste Kapitel von “Amors Abenteuern”. Rosa Schweino ist schuld. Viel Freude beim Lesen!***

„Was für ein Ritt, was für ein Tag!“, rief Jupiter, streckte seinen Arm in die Höhe und ließ Blitze zucken. „Ich fühle mich um tausend Jahr verjüngt! Deinen Job, mein lieber Sohn, möchte ich haben!“

Galant sprang er aus der Kutsche und übergab Apollo Peitsche und Zügel, küsste ihn links und rechts auf die Wange und klopfte ihm auf die Schulter. Dann wandte er sich zu Amor.

„Amor, sei gegrüßt!“

Jupiter schüttelte ihm die Hand. „Sohn meiner schönsten Tochter Venus! Welche Freude, dich hier zu sehen! Und Diana natürlich, meine Holde“, sagte Jupiter und verneigte sich leicht.

„Vater, du willst bestimmt wissen, warum du heute Morgen für Apollo einspringen musstest. Also: Amor hat einen Liebespfeil auf Apollo und das Gegenteil auf so eine Nymphe geschossen. Er hat dafür gesorgt, dass sich mein armer Bruder, dein Sohn, bis auf die Knochen blamiert hat!“

„Sie hieß Daphne“, sagte Apollo trocken.

„Es ist eine Freude euch alle hier zu sehen!“, rief Jupiter und drehte sich im Kreis. „Ja, ein gänzlich unverhofftes, aber freudvolles Treffen!“

„Aber Vater!“, rief Diana.

„Aber Diana!“, Jupiter klatschte in die Hände. „Keine Beschwerden, zumindest vorerst. Lasst uns diesen Abend mit Nektar, Ambrosia und Wein vollenden, denn so jung wie heute kommen wir nicht mehr zusammen!“

Verwundert schlurfte Amor hinter Vater und Sohn in den olympischen Palast. Apollo und Jupiter fachsimpelten über Lenktechniken und Feuerpferdpflege. Hinter sich hörte er Diana fluchen.

Der Palast bestand fast gänzlich aus weißem Marmor. Hier und da standen ein paar Stelen auf denen massige Fratzen thronten.

Amor musste an Psyche denken, die jetzt, nach Sonnenuntergang, mit seiner Rückkehr rechnete. Er seufzte sehnsüchtig.

„Das ist die Galerie unserer Ahnen“, sagte Jupiter und drehte sich nach ihm um. „Dieser alte Haudegen hier, mein Vater Saturn, hatte alle meine Geschwister verspeist.  Hätte meine Mutter mich damals nicht vor ihm versteckt und ihm statt meiner einen Stein zu fressen gegeben: wir alle würden nicht existieren.“

Die Statuen zogen an ihnen vorbei. Im nächsten Raum, riesengroß und strahlend weiß, fand sich in der Mitte eine gedeckte Tafel. Jupiter geleitete Amor, Diana und Apollo dorthin und befahl ihnen, sich zu setzen.

Auf einen Fingerzeig Jupiters füllten sich die Kelche mit einer roten Flüssigkeit.

„Dann lasst uns anstoßen“, sagte Jupiter. „Auf das Wohl meines Sohnes Apollo und seine erste große Liebe!“

„Vater, bitte, das ist doch kein Grund …“, sagte Apollo.

„Doch. Prost!“, unterbrach Jupiter und die Kelche stießen klangvoll zusammen. Amor nahm einen kräftigen Schluck.

„Wisst ihr“, sagte der Göttervater und richtete sich auf. „Bevor es Amor gab, fand die Liebe die Götter auf seltsamen Wegen, einen Weg aber fand sie immer. Ich fürchtete schon, in den heutigen Tagen sei sie für die Wolkenbewohner verloren. Also, freu dich einfach, dass du auch mal von ihr heimgesucht wurdest. Nebenbei gefragt: wie war es? Wild, leidenschaftlich, besessen?“

„So ungefähr“, sagte Apollo. Er schmunzelte verlegen.

„Aber die Angebetete hat dich nicht erhört?“

Apollo schüttelte den Kopf.

„Tja …“, Jupiter legte seine Stirn in Falten. „Dabei bist du ein Gott. Diese Frauen … unberechenbar.“

Diana verdrehte die Augen.

„Wie ich schon sagte, das war Amor. Es war sein Pfeil, ein falscher Pfeil! Es war nicht die Schuld einer Frau!“, rief Diana.

„Es lag am Pfeil?“, fragte Jupiter.

„Ja! Hörst du mir überhaupt zu? Und abgesehen davon, wollte sie … sie wollte das wirklich nicht, diese Nymphe, sie hat ihren Vater um Hilfe angefleht, wollte, dass er sie verwandelt,-  und Apollo hat einfach nicht aufgehört … es war schauderhaft!“

„Wie du sagtest, es lag am Pfeil“, schloss Jupiter. „Eigentlich wollte sie es auch.“

Apollo nickte.

„Das glaube ich nicht!“, rief Diana. „Das glaube ich einfach nicht.“ Die Wangen der Göttin leuchteten  Rot.

„Das ist einfach mal wieder so typisch … Männer!“

Sie nahm einen kräftigen Schluck, wischte sich mit dem Handgelenk über die Lippen und sagte mit fester Stimme: „Ich verstehe. Ihr seid einfach nicht mehr bei Trost. Da kann man nichts machen.“

Sie atmete tief ein und grollte dann, als wäre sie eine Donnergöttin: „Ich für meinen Teil wünsche, Vater, dass du diesem da“, – sie zeigte auf Amor – „für immer verbietest, Pfeile auf mich zu schießen. Denn ich, ich will mich niemals verlieben!“

Amor wäre am liebsten unter dem Tisch verschwunden, um sich vor den Blitzen aus Dianas Augen zu verstecken.

„Schwöre es!“, kreischte Diana.

„Also, äh, gut“, keuchte Amor. „Ich tu´s nicht, versprochen. Hätt ich eh nicht, ich meine …“

„Gut“, sagte Diana und faltete die Hände vor ihrem Gewand. „Vater, du hast seinen Schwur vernommen?“, fragte Diana.

„Gewisse, mein Kind“, sagte Jupiter und prostete ihr nickend zu.

“Dann werde ich jetzt gehen”, sagte sie. Sie ließ einen kurzen Pfiff ertönen und die Mondhirsche kamen mit der Kutsche durch den Lichtschacht des Speiseraumes getrappelt. Ohne ein weiteres Wort schwang sich die Göttin auf ihre Kutsche. Jupiter, Apollo und Amor blickten Diana schweigend hinterher.

„Vater, ich habe auch eine Bitte an dich“, sagte Apollo nach einer Weile. „Die Nymphe, die ich liebte, hat sich in einen Baum verwandelt. Einen Lorbeerbaum. Und ich möchte gerne, im Andenken an sie, dass dieser Baum geehrt wird. Es soll ein heiliger Baum sein, dem sich jeder nur mit Ehrfurcht nähert. Jeder soll wissen, dass dieser Baum einst Daphne war, meine erste große Liebe. – Hier.“

Apollo übergab Jupiter den grünen Zweig, den er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte.

„Ein wirklich schönes Exemplar“, sagte Jupiter. „Um welche Art von Baum handelt es sich?“

„Es ist ein Lorbeer“, antwortete Apollo.

„Hm“, sagte Jupiter und betrachtete den Zweig genau. Dann hauchte er ihn mit seinem Atem an. Aus dem Zweig sprossen weitere Blätter hervor, er bog sich und verwandelte sich in einen Kranz. Jupiter legte Apollo den Kranz auf den Kopf.

„Mag Liebe dich besiegt haben, so bist doch du der Sieger. Denn wer liebt, siegt immer. Verlierer sind die, die niemals lieben. So soll dieser Kranz das Zeichen eines Siegers sein und du sollst ihn tragen, bis in alle Ewigkeit.“

Geschwisterliebe

Amor rätselte, warum Diana nicht Richtung Sonne fuhr. Dann sah er die weiß blitzende Bergspitze und ihm wurde klar, dass Diana den Olymp ansteuerte. Er wagte nicht zu fragen, warum.

„Raus mit ihm!“, befahl Diana ihren Nymphen. Die hoben Amor umständlich aus dem Wagen und stellten ihn auf seine Füße.
Apollo saß auf den marmornen Stufen vor Jupiters gewaltigem, schneefarbenen Palast. Er hatte den Kopf auf die Knie gelegt und seine Arme darum geschlungen. Der Sonnengott wirkte winzig klein.
„Guck, was du angerichtet hast“, zischte Diana. „Jupiter höchstpersönlich musste heute für ihn einspringen.“
Amor schluckte. „Kann ich mit ihm sprechen?“
Diana blitzte ihn böse an, nickte und löste seine Fesseln.
Amor ging langsam auf Apollo zu. Fieberhaft überlegte er, was er sagen sollte. Als er schließlich vor Apollo stand, brachte er kein Wort heraus.
Apollo blickte auf. Sah ihn aus rotgeränderten Augen an. Lächelte schwach. In der Hand hielt er einen kleinen Zweig.
„Äh, also ich …“, versuchte es Amor.
Apollo klopfte mit seiner Hand auf die Stufen.
„Soll ich mich setzen?“, fragte Amor.
Apollo nickte.
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Und dann sagte Apollo einfach:
„Du hast gewonnen.“
„Wie bitte?“
„Ja, Kleiner“, sagte Apollo. „Du hast den Wettkampf für dich entschieden. Eindeutig.“
„Echt jetzt?“
„Mag mein Pfeil alles treffen, deiner traf mich. Wie du gesagt hast“, sagte Apollo. Er ließ den Zweig zwischen Daumen und Zeigefinger schnell drehen.
„Aber …“, Amor war verblüfft. „Du bist mir gar nicht böse?“
Apollo stand auf, straffte seine Schultern und räusperte sich. „Nun, ich verliere nicht gerne“, sagte er.
„Eigentlich“, sagte Amor. „Eigentlich hast du ja auch gewonnen, ich meine, den Mondhirsch hast du geschossen, – als Erster!“
„Stimmt“, sagte Apollo.
„Okay.“ Amor zwang sich ein Grinsen ab. „Also hast du gewonnen?“
„Sieht wohl so aus“, sagte Apollo und zeigte den Ansatz eines Lächelns. Aber seine Augen strahlten nicht.
„So!“, fuhr Diana dazwischen. „Hast du es ihm gezeigt? Oder muss ich das übernehmen?“
„Wir haben das geklärt, Diana“, sagte Apollo. „Es war nicht seine Schuld.“
„Oh doch!“, rief Diana aufgebracht. „Du wirst ihn nicht einfach davon kommen lassen!“
Apollo drehte sich zur Seite und blickte in den Himmel.
„Was meinst du, wann ist Vater wieder zurück? Ich vermisse meinen Wagen …“
„Lenk nicht ab! Dieser kleine Giftzwerg verdient eine Abreibung, die sich gewaschen hat! Hast du schon vergessen, wie es dir ging?“
Diana schien den „Lass gut sein. Ich will nicht darüber reden“-Blick von Apollo nicht zu bemerken. Unbeirrt fuhr sie fort: „Dieses „Ich bin ein Gott, der dich liebt“ und „liebste Daphne, erhöre mich“, und dann hast du ihr Allesmögliche versprochen und dann hast du angefangen zu weinen und dann hast du … “
„Hör auf, Diana!“, rief Amor. „Es tut mir leid! Ich bin schuld! Du hast Recht!“
„Ach ja, jetzt tut es dir also leid!“, fauchte Diana. „Als ob das reichen würde. Du wirst die Verantwortung übernehmen!“
„Diana, lass ihn“, sagte Apollo etwas lauter.
„Von wegen! Du hast gelitten wie ein Tier! Als ich dich heute Morgen fand, da konntest du kaum sprechen! Ich habe dir sogar verziehen, dass du meinen Mondhirsch getötet hast, so Leid hast du mir getan! Oh, mir wird richtig schlecht, wenn ich daran denke! Und jetzt soll alles wieder „okay“ sein?!“
Apollo kniff die Lippen zusammen und schüttelte seine Locken. „Du hast doch immer gemeckert, dass ich die Liebe nur als Spiel sehe! Jetzt weiß ich, wie sich wahre Liebe anfühlt!“
„Du bist doch … ihr seid doch!“, rief Diana und raufte sich die Haare. Die Mondgöttin konnte kaum an sich halten. „Also wenn dieses Gerenne, Gestammel und Geheule die wahre Liebe sein soll, dann … dann …“
„Platz da, …“, donnerte eine gewaltige Stimme über den Vorplatz des Olymp.
„Vater!“, rief Diana. „Endlich!“
Vier rauchende, schnaufende Pferde vollzogen eine scharfe Drehung, bäumten sich auf und quietschend kam der Sonnenwagen zum Stehen.

Strafe muss sein …

***Dieses Kapitel ist ein Teil von meinem Projekt “Amors Abenteuer”, einer modernen Adaption des antiken Märchens “Amor und Psyche”, das ich aus Spaß an der Freude schreibe und nach einer Überarbeitung als eBook veröffentliche. Wer von Anfang an lesen möchte, ist herzlich eingeladen, bis ans untere Ende der Seite zu skrollen. Ich freue mich über jeden Kommentar. Donnerstags gibt es ein neues Kapitel und manchmal auch zwischendurch. Viel Vergnügen beim Lesen!***

 

Amor lag auf seiner Wolke und blickte abwechseln nach unten und nach oben. Über ihm zog die Sonne ihre Bahn, doch Apollo schien tief in seinen Wagen gesunken, er ließ sich nicht blicken. Unter ihm lag das Schloss, in dem Psyche weilte. Amor war hin und hergerissen. Sollte er Apollo einen Besuch abstatten? Warten? Psyche die Wahrheit sagen?
Das war so unglücklich gelaufen gestern Nacht. Alles, was schiefgehen konnte, war schief gegangen. Wie es Apollo wohl ging?
Amor knirschte mit den Zähnen. Er war ein Dummkopf! Selbstverständlich ging es Apollo nicht gut, das zeigte alleine die Tatsache, dass die Sonne am heutigen Morgen später aufgegangen war, als jemals zuvor.
Und er selbst hatte sogar noch davon profitiert, wenn er es recht bedachte. Augenblicke länger konnte er in den süßen Armen seiner Psyche weilen. Oh, was war das für eine Nacht gewesen! Am liebsten wäre er gar nicht aufgestanden, aber er musste es tun, denn niemals durfte Psyche erfahren, wer er wirklich war.
Apollo wusste von Psyche. Das hatte er gesagt, bevor er Daphne hinterher gerannt war.
„Oh man“, seufzte Amor.
Apollo hatte jetzt gewiss allen Grund, seine Beziehung mit Psyche zu zerstören. Und Amor konnte es ihm nicht einmal übel nehmen, wenngleich der Gedanke daran ihm Qualen bereitete. Für immer wollte er mit Psyche zusammen sein. Ewiglich. Nicht nur in der Nacht. Also doch die Wahrheit sagen? Ungeachtet aller Gefahren? Mit Psyche fliehen?
„Ach, was soll ich bloß tun?“, klagte Amor. „Ich bekomme noch Kopfschmerzen von all den Gedanken.“
„Du tust gar nichts!“
Erschrocken blickte Amor auf und sah einen kleinen, silbrigen Wagen, gezogen von Hirschkühen, der in rasendem Tempo auf seine Wolke zusteuerte. Dann schoss etwas direkt neben seinen Fuß. Silbrig wie Mondlicht und mit weißen Federn am Ende. Ein ausgesprochen schönes, gut gearbeitetes Exemplar.
Dianas Pfeil.
„Du … Du Tyrann! Du Stück eines stinkenden Misthaufens! Du Monster!“
Diana legte nach. Ihr verzerrtes Gesicht ließ erahnen, wie zornig sie war.
Amor duckte sich und versuchte, sich die Wolkenwatte über den Kopf zu ziehen. Diana sah aus, als ob sie ihn töten wollte.
„Bleib hier!“, kreischte Diana. „Wage es ja nicht!“
Ein weiterer Pfeil bohrte sich direkt neben seinen großen Zeh. Amor schlug die Watte zurück. Es würde ihm nichts nützen, sich zu verstecken. Sollte Diana ihn also erschießen, er hatte es verdient.
Diana lenkte ihren Wagen vor Amors Wolke und hob triumphierend das Kinn.
„Fesselt ihn“, befahl sie ihren Nymphen. Die sprangen aus dem Wagen und legten Amor in dünne Ketten aus Spinnenweben. Dann hoben sie den stöhnenden Liebesgott in den Wagen, ein ziemlicher Kraftakt und für Amor äußerst unangenehm. Aber er biss die Zähne zusammen. Diana hatte Recht. Hatte Recht mit allem, was sie sagen und tun würde.
„Jetzt kriegst du deine Strafe“, sagte Diana mit finsterem Blick. Sie schnalzte mit der Zunge und die Hirschkühe setzten sich in Bewegung.
Amor blickte in den Himmel. Dort oben leuchtete die Sonne, viel weniger stark als sonst.
„Wie geht es ihm?“, fragte Amor.
Diana schüttelte ihren Kopf und schnalzte noch einmal mit der Zunge. Die Mondhirsche trippelten etwas schneller.
„Wir fahren zu ihm.“

 

 

Der Zorn der Göttin

 

„Wo bist du?“, rief Psyche. „Ungeheuer, wo bist du?“ Psyche bückte sich, um unter den großen Tisch zu sehen, der in der Mitte des Raumes stand. Sie schüttelte die Vorhänge, öffnete jede Schranktür und selbst die Schubladen.
Sie fand viele sonderbare Dinge, die sie noch nie gesehen hatte, aber vom Untier gab es keine Spur. Dabei war dieses Wesen ihr noch einige Erklärungen schuldig.
Schließlich ließ Psyche sich erschöpft auf einen Stuhl fallen.
Die Winde umschwirrten sie und vor Psyche auf dem Tisch erschienen wie von Zauberhand duftende Speisen, die köstlich aussahen.
Psyche zuckte mit den Schultern und begann zu essen.
„Das Untier ist nicht hier, oder?“, fragte sie zwischen zwei Bissen.
Die Winde ließen die Vorhänge rascheln, was Psyche als Kopfschütteln deutete.
„Na gut“, sagte Psyche, „es hat ja auch gesagt, dass ich es nicht sehen darf. Und momentan ist es taghell. Aber heute Abend kommt es wieder?“
Die Winde ließen das Geschirr ein wenig klappern.
„Ist das ein Ja?“, fragte Psyche und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Wisst ihr, das alles hier ist so seltsam. Aber ich könnte mich dran gewöhnen, glaube ich.“
Das Tischtuch wickelte sich selbst ein und verschwand. Psyche spürte, wie ein leichter Luftzug ihre Hand streifte.
„Soll ich mitkommen?“, fragte Psyche.
Der Luftzug strich erneut über ihre Hand.
„Ich deute das mal als ein Ja.“
Und sie stand auf und folgte dem Wirbel, der sich warm anfühlte wie ein lauer Frühlingswind.

Amor fand Diana in ihrem Waldhain. Die Göttin schlief auf einem Fleckchen Moos und schnarchte ein wenig. Amor ließ sich neben ihr nieder und seufzte. Sollte er Diana wecken? Es war gefährlich, sich ihr bei vollem Mond zu nähern. Wie oft hatte sie gesagt, dass dies ihre Zeit sei, in der sie ihre Ruhe haben wollte. Aber Amor musste mit Diana reden. Sie war die einzige, der er von gestern Nacht erzählen konnte. Und sie war eine Frau, was sie zu einer besseren Beraterin machte, als ihren Zwillingsbruder Apollo.
„Diana?“, flüsterte Amor.
Die Göttin wälzte sich auf die andere Seite.
„Diana …“, probierte es Amor noch ein wenig lauter.
Wind raschelte durch die Bäume des Waldes. Amor sah in die Baumwipfel und seufzte.
„Was willst du?“, fauchte die Göttin ihn plötzlich an.
„Ich … äh. Es tut mir leid. Aber es ist wichtig. Bist du wach?“
Diana reckte und streckte sich.
„Jetzt schon.“
„Hm. Okay, also gut. Diana … ich will ehrlich sein. Ich weiß ja, dass du ein Geheimnis für dich behalten kannst. Also, um es kurz zu machen, vorgestern, da habe ich …“
Amor erzählte Diana alles. Die Augen der Göttin wurden schmal und kritisch, dann wieder groß und staunend. Als Amor geendet hatte, herrschte eine Zeitlang Stille. Nur das Rauschen der Blätter war zu hören.
„Du hast dich also verliebt“, schloss Diana.
„Und wie!“, seufzte Amor.
„Und was erwartest du von mir?“
„Hilfe.“
Diana verzog das Gesicht. Verwundert beobachtete Amor das Spiel ihrer Mimik. Fast schien es, als würde sie eine Maske tragen, ein verzerrtes Abbild ihres eigentlich schönen Gesichts. Dann erkannte Amor, dass die Göttin grinste. Sie brach in tosendes Gelächter aus. Oder war es ein Kreischen?
Amor hielt sich die Ohren zu.
„Alles … alles in Ordnung?“
„Du hast Nerven!“, rief Diana. „Hier her zu kommen und mich nach der Liebe zu fragen. Du bist doch der Experte in diesen Dingen … oder solltest es zumindest sein. Dass ich nicht lache!“
Amor verschränkte die Arme und ärgerte sich. Er hätte Diana wirklich nicht bei Vollmond besuchen sollen. Sie war dann so anders, so unberechenbar.
„Ich bin kein Experte“, verteidigte er sich. „Aber du bist eine Expertin für Frauen. Ich will doch nur wissen, was ich falsch gemacht habe!“
Dianas Augen blitzen böse. „Du willst wissen, was du falsch gemacht hast? Du solltest froh sein, dass Psyche dir nicht den Schädel eingeschlagen hat. Sich einfach so nachts anzuschleichen, sie mit einem Ring zu ködern … hat dir das mein Bruder geraten?“
„Das mit dem Ring war meine Idee!“, rief Amor. Er konnte sich nicht erklären, was Diana so in Rage versetzte. „Was soll falsch daran sein?“
„Alles daran ist falsch! So funktioniert das nicht! Ihr Männer seid doch alle gleich, immer nur das Eine im Sinn!“
Diana schüttelte den Kopf.
„Ich weiß überhaupt nicht, wovon du sprichst!“
„Aktaion von Theben, sagt dir das noch was?“
„Äh … dieser Typ, den du gut findest?“
„Den ich gut fand. Ich habe mich so getäuscht. Das mit der Liebe, Amor, vergiss es einfach. Wir Götter sind nicht dafür geschaffen. Mein Bruder macht das ganz richtig mit seinen offenen Beziehungen … “
Amor begriff die Welt nicht mehr. Gerade noch hatte Diana ihn angebrüllt, jetzt auf einmal sprach sie leise und, wenn er es richtig erkannte, rollte sogar eine kleine Träne über ihre Wange.
„Was ist denn los?“, fragte er bekümmert.
„Ach, ihr Männer!“, schniefte Diana. „Aktaion von Theben, er hat mich gestern beim Baden überrascht. Hat sich einfach so angeschlichen, so wie du.“
„Aber Psyche war schon fertig gebadet.“
Diana rollte mit den Augen. „Es war dunkel, sie hatte bestimmt Angst, genauso, wie ich.“
„Du hattest Angst?“
„Ja.“
„Aber du magst ihn doch, oder nicht?“
„Nein. Nicht, nicht so. Männer sollten freundlich sein, aufmerksam, liebevoll. Er stand einfach nur da und hat mich angeglotzt, dieser Spanner!“
Da war so viel Wut in Dianas Stimme, dass Amor erschauderte.
„Aber ich will dir was sagen“, sagte Diana herrisch. „Ich weiß mich zu wehren. Und das habe ich getan.“
Amor verspürte den Impuls, sich erneut die Ohren zuzuhalten. Wenn Diana sich wehrte, ging das meistens nicht ohne Todesopfer vonstatten.
„Was, was hast du denn getan?“, stammelte Amor.
„Ich habe ihn in einen Hirsch verwandelt.“
Amor war verblüfft. Doch keine Bluttat? „Das ist ja … also … ach so, kein Grund zur Sorge. Verwandle ihn doch einfach zurück, er hat bestimmt gemerkt, dass sein Verhalten nicht so toll war.“
„Zu spät.“ Diana griff ins Moos und rupfte es aus. „Wie es das Schicksal so wollte, haben ihn seine Jagdkumpanen kurze Zeit später erlegt.“
„Bitte was?“
„Aktaion war auf der Jagd. Hatte ich das nicht erwähnt? Warum sonst sollte er sich in meinem Wald aufhalten?“
„Ach so, ja klar.“
Vor Amors innerem Auge poppte das Bild eines Hirsches auf, der von Hunden gejagt wurde. Jagdhunde hatten unterschiedliche Talente, das wusste Amor, denn er interessierte sich sehr dafür. Da gab es die, die gut Fährten lesen konnten und jene, die sogar Wildschweine verletzten. Ein Hirsch hatte keine Chance gegen eine Meute. Und es waren Hunde, deren Namen und Fähigkeiten Aktaion kannte …
Amor schüttelte die Gedanken fort.
„Das war … extrem“, schloss er.
„Mag sein“, sagte Diana und legte sich zurück auf ihren Schlafplatz. „Aber jetzt weißt du, warum ich bestimmt keine gute Beraterin in Liebesdingen bin. Wir Götter sollten uns davon fernhalten. Das endet nur in einer Katastrophe.“
„Aber …“
„Nun hast du meinen Rat. Lass mich schlafen!“
Als Amor sich erhob, fühlte er sich, als hätte er seine Wolke durch einen Sturm lenken müssen. Dass Liebe so gefährlich sein konnte, hatte er nicht bedacht.