Die Göttin Bubona

Cow Kuh und Kälbchen By CgoodwinOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Der heutige Artikel könnte nach wenigen Zeilen zu Ende sein oder ganze Bibliotheken füllen. Denn über die Göttin Bubona weiß man so gut wie gar nichts, aber immerhin, dass sich ihr Name vom lateinischen Substantiv „bos“ ableitet und dass sie im römischen Reich die Schutzgöttin für Rinder und Herden war.
Die Bedeutung vom in Bubona enthaltenem „bos“ macht sich schon mit Blick auf die für lateinische Substantive verrückt anmutende Deklination fest.
Während die gängigen Substantive der 3. Deklination (oder konsonantischen Deklination) normalerweise über regelmäßige Endungen an den Wortstamm verfügen, hält sich „bos“ stur an seine altgriechische Vorlage  βοῦς (bous)/ βῶς (bōs)  und trieb damit schon einige Latinisten zur Verzweiflung. Dazu noch hat das Wort zwei Genera, also zwei Geschlechter, nämlich maskulin und feminin, männlich und weiblich.
„Bos“, zu deutsch „Rind“ hat verschiedene Untergattungen wie Auerochse, Yak, Wasserbüffel – und von dort ist der Weg nicht mehr weit zu einem Kuh-Tier mit dem vermutlich weit verzweigtesten mythischen Erzählstrang überhaupt:
dem Stier.

Stier. By Benno Adamhttp://www.hampel-auctions.com/, Public Domain, Link

Minotauros Minotauros modern interpretiert. By Stefano.questioli at Italian Wikipedia, CC BY 3.0, Link

Kuh-Tiere waren für den frühen Menschen sehr wichtig. Wenn man eines besaß, dann hatte man sozusagen ausgesorgt. Sie lieferten nicht nur Nahrung und Bekleidung, sondern auch Dünger, Medizin, Wärme und Arbeitskraft.
Mit Kuhdung werden noch heute einfachere Häuser gebaut, es gibt einen Teil der ayuverdischen Medizin, in dem Kuhdung Verwendung findet und bei entsprechender Trocknung kann man mit den Fladen eine ganze Weile lang heizen.

Armenien Mauer aus Kuhdung in Armenien. By Rita Willaert from 9890 Gavere, Belgium – Aragat – Armenia, CC BY 2.0, Link

dung Brennender Kuhdung. By Petrol.91Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Der Stier im eigentlichen Sinne hieß bei den Römern „taurus“. In diesem Wort sieht man noch die etymologische Verbindung zum Mino-taurus. Der „taurus“ bezeichnet übrigens das geschlechtsreife männliche Rind.

Doch gelangte das Rind – oder der Stier – nicht erst bei den Römern zu Bedeutung. Es ist sogar eher davon auszugehen, dass die einst religiöse Bedeutung von Rindern und anderen Nutztieren seit der klassischen Antike (also bei den Griechen und Römern) abnahm, sofern man nicht gerade beruflich mit ihnen zu tun hatte. Also z.B. als Hirte, die auch noch lange Zeit die Göttin Bubona verehrten.

Hirte und Nymphe Hirte betrachtet eine schlafende Nymphe. Mit Amor. By Angelica KauffmanVictoria and Albert Museum, Public Domain, Link

Während der klassischen Antike entstand nämlich eine besondere literarische Gattung, die sogenannte „Bukolik“ oder „bukolische Dichtung“, zu deren Hauptvertretern der Grieche Theokrit (3. Jh. v. Chr.) zählte. Darin geht es zum Einen um die idyllische Lebensweise von Hirten, die sich aber – im Gegensatz zu den Stadtbürgern der Polis, wo die Erzählungen aufgeführt wurden – nicht so recht mit der Mythologie auskannten. Es sorgte bei den gebildeten Bürgern Athens für Gelächter, wenn sich zwei Hirten z.B. verdrehte Geschichten von Zyklopen und Menschenfrauen erzählten.
Das Leben eines Hirten wurde also romantisch verklärt und auch ein wenig ins Lächerliche gezogen. Man war eben etwas besseres und hatte sich als Stadtmensch von diesen „profanen“ Dingen entfernt.
Zeitgleich dazu entwickelte die römische Oberschicht eine immer feinere und freizügigere Lust am Essen.

Hier mal eine kurzer Einblick in eine Satire von Horaz (Satire 2,8, 1. Jahrhundert v. Chr.), einem römischen Humoristen, der die Essgewohnheiten der Römer scharf aufs Korn nimmt.

Obwohl die Gäste schon längst völlig vollgefressen sind, serviert ihnen der Gastgeber immer weitere lukullische Köstlichkeiten. So unter anderem:
einen lukanischen Eber, der bei mild wehendem Südwind gefangen worden sei, Vögel, Muscheln und Fische, ein Ragout aus Stachelflundern und Steinbutt, eine Muräne inmitten von schwimmenden Krabben, einen zerlegten Kranich, die Leber einer mit Feigen gemästeten Gans, Amseln mit gebräunter Haut … und so weiter und so weiter.
Die Gäste beschließen dann gemeinschaftlich, vor diesem Mahl, das langsam an Folter grenzt, zu fliehen, plündert jedoch vorher noch den Weinkeller, um sich zu rächen.

Nos nise damnose bibimus, moriemur inulti. = Wenn wir uns nicht hemmungslos betrinken, werden wir ungerächt sterben.

Wenn man sich also mit der Göttin Bubona beschäftigt, kommt man nicht drum herum, auch die eigenen Essgewohnheiten oder den Blick auf Nutztiere zu hinterfragen. Denn das Rind galt in einer frühen Zeit der Menschheit als ausgesprochen heilig und es liegt nahe zu vermuten, dass dies auch auf die Menschen zutraf, die viele Tiere (Rinder, Schafen, Ziegen) besaßen.

Im 17./18. Jahrhundert gab es übrigens eine Art Renaissance der „Bukolik“, zu sehen an den unzähligen Gemälden mit Hirten- und Tiermotiven dieser Zeit, von denen hier auch einige zu sehen sind.

Man hatte genug zu essen und trinken und das Vieh wärmte sogar. Van de Velde (17. Jahrhundert) By van de Velde, Adriaen (1636 – 1672) – Possibly afterDetails of artist on Google Art ProjectmwEaSahFiFkfNw at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Aus den frühen Kulturen der Geschichte kennen wir Rinder-, bzw. Stierabbildungen vor allem von den Minoern auf Kreta, die ihren gesamten Palast damit schmückten.

Stier Minoischer Stier, evtl. Sakralgefäß, ca. 1200 v. Chr. By Olaf TauschOwn work, CC BY 3.0, Link

Wandbild im Palast mit typisch minoischem Stiersprung. Ca. 1500 v. Chr. By JebulonOwn work, CC0, Link

Stierkopf Der berühmte Stierkopf, ca. 1500 v. Chr. By JebulonRéférences/references:ici/hereOwn work, CC0, Link

Minoer Das – neben der Doppelaxt – wichtigste Symbol der Minoer: Stierhörner. By JebulonOwn work, CC0, Link

Aber man kann auch noch weiter in die Geschichte zurückgehen und wird fündig:

Altamira Steppenbison in der Höhle von Altamira (Spanien), ca. 15000 v. Chr. Von RameessosEigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Kuhtiere wurden also weltweit als heilig erachtet, zumindest dort, wo es sie gab. Denn in Australien und Amerika gab es bis ins 16. Jahrhundert, also bis zur Kolonisation des Landes durch die Europäer, keine Rinder.

Cattle Was sich allerdings ein wenig geändert hat. By Peer VOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Ein gutes Beispiel für die religiöse und kulturelle Bedeutung dieser Tiere noch heutzutage ist Indien. Dort erscheint die Kuh u.a. in den alten Schriften der Veden (um 1000 v. Chr.) als Verkörperung der „Mutter Erde“ Prithivi Mata. Eine Kuh namens Kamadhenu erfüllte Wünsche. Der blaue Gott Krishna wuchs unter Kuhhirten auf und Kühe spielen dann auch in seinem weitere Leben eine große Rolle und das Begleittier des Gottes Shiva ist der Stier.
Noch heute gelten die Tiere deswegen dort als heilig, werden aber illegal gejagt und in Schlachtereien verfrachtet.

Kuh Kuh und Kuh-Container, in dem sich Futter für die Tiere (oder Müll) befindet. By Rod Waddington from Kergunyah, Australia – Holy Cow Container, India, CC BY-SA 2.0, Link

Interessant wäre mit Sicherheit ein Vergleich der indischen und europäischen Kuh-Mythen, zu deren bekanntesten Varianten die Geschichte vom Minotauros zählt.

Pasiphae Pasiphae und ein hübscher Stier. By Gustave MoreauOwn work, Public Domain, Link

Pasiphae Pasiphae steigt in eine Kuh-Attrappe. By Giulio ROmano – http://gidvgreece.com/labirint-minotavra-i-sovremennyj-labirint-v-grecii/, Public Domain, Link

kleiner Minotauros Pasiphae – Mutter des Minotauros. By Settecamini Painter – User:Bibi Saint-Pol, Own work, 2010-02-06, Public Domain, Link

Minos, der sagenhafte König von Kreta und mythischer Begründer der Minoer, bat den Meeresgott Neptun, ihm bei der Errichtung seiner Königsherrschaft zu helfen.
Neptun schickte ihm daraufhin einen wunderschönen, weißen Stier, den Minos eigentlich opfern sollte. Minos fand den Stier aber so toll, dass er ihn dann doch nicht opfern wollte und ein anderes Tier wählte.
Neptun merkte das natürlich und verfluchte daraufhin Minos Frau Pasiphae , sich in den nicht-geopferten Stier zu verlieben.
Was dann geschah, kann man anhand der oben angeführten Bildern nachvollziehen.
Der berühmte Architekt Daedalus, der dem Minotauros später auch das Labyrinth erbaute, befand sich übrigens passenderweise zu dieser Zeit auf der Insel Kreta und half Pasiphae dabei, die oben abgebildete „Kuh“-Konstruktion zu entwickeln, in die sie im mittleren Bild klettert.

Doch nicht nur Pasiphae entwickelte ein, sagen wir mal, eigentümlich Sexualleben. Sie hatte ihren Mann, den König Minos, mit einem eigentümlichen Treue-Zauber belegt, so dass er, wenn er einer anderen Frau beilag, Skorpione, Schlangen und Tausendfüßler ejakulierte – und damit seine Geliebten meistens tötete.

Minos Warum Michelangelo Minos wohl so gemalt hat?
By see filename or category – scan: De Vecchi, Cappella Sistina, 1999, Public Domain, Link

Die Eselsohren stehen angeblich für Dummheit, wobei Minos nach seinem Tod von Pluto/Hades dann zum Richter über die Toten erklärt wird. Das verdankt er bestimmt der Tatsache, dass er ein Sohn des Jupiter/Zeus war. – Hades/Pluto ist der Bruder von Jupiter/Zeus und König Minos damit so etwas wie sein Neffe. Vitamin B, sozusagen.

Doch bevor dies alles geschah, wurde das Kind von Pasiphae und dem Stier, der Minotauros, in ein großes Labyrinth gesperrt, das der Gelehrte Daedalus (Daedalus und Ikarus)gebaut hatte. Dem Ungeheuer werden jedes Jahr Jungfrauen dargereicht und als es fast keine mehr auf Kreta gibt, muss eigentlich die schöne Königstochter Ariadne dran glauben (die Halbschwester vom Minotauros), doch kommt in diesem Moment just der Held Theseus vorbei und alles wendet sich zum Guten. (Vorest.)
Mit Ariadne-Wollknäul bzw. -Faden ins Labyrinth, Minotauros getötet, Ariadne geheiratet. Doch dann muss er sie doch verlassen, weil er ja noch zum mythischen Gründer von Athen werden soll. Abgesehen davon, dass hier unverkennbar Parallelen zu Aeneas und Dido vorliegen, ist es Ariadne gar nicht so schlecht ergangen. Denn sie wurde dann vom fröhlichen Weingott Bacchus/Dionysus gefunden und geliebt.

Theseus Theseus Mosaik. By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – Theseus Mosaic, discovered in the floor of a Roman villa at the Loigerfelder near Salzburg (Austria) in 1815, 4th century AD, Kunsthistorisches Museum Vienna, Austria, CC BY-SA 2.0, Link

Eine mythische Geschichte also, die sich von einem Stier-Opfer zu Menschen-Opfern für den (bösen) Stier verändert.
Warum das so war, kann man nur vermuten. Gerd Hellmood hat eine interessante, tiefenpsychologische Deutung der Erzählung (von Dürremat) auf Deutsch verfasst. Mein Ansatz wäre eher kulturanthropologisch.
Wenn man bedenkt, dass die Oberschicht der Römer und Griechen wohl dazu übergingen, regelmäßig Rindfleisch zu verzehren, könnte es sich bei dem Mythos auch um eine nachträgliche oder parallel entstandene „Erklärung“ dafür handeln, warum es in Ordnung war, vom ursprünglichen, wahrscheinlich nur sakral legitimiertem Fleischverzehr abzuweichen.

Einiges vom „heiligen Rind“ blieb aber dennoch erhalten. So waren kultische Stier-Opfer noch ein großer Bestandteil im Mithras-Kult, auch Jesus wurde in einem Stall geboren „zwischen Ochs und Esel“, das Symboltier für den Evangelisten Lukas ist ein Stier und bis zur Entwicklung des Rindes zum allgemeinem Konsumgut dauerte es also noch eine Weile.

Burger. By Fritz SaalfeldOwn work, CC BY-SA 2.5, Link

MC MC Donalds-Filialen weltweit. – In Indien gibt es nur Hähnchen. By Ukelay33 and others, see file history – Self-published work by Ukelay33, CC BY-SA 3.0, Link

Anzahl Filialen Anzahl des Filialen pro Million Einwohner. By Karfreitag64Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Nicht zuletzt sieht man das auch an der Existenz der Göttin Bubona zur Zeit des römischen Reichs. Denn auch, wenn die Göttin an und für sich nicht besonders bedeutungsvoll daher kommt, so war sie dennoch über Jahrhunderte die Schutzgöttin für Rinder und Ochsen.

Möglicherweise steht die mythische Figur der Kyrene in Verbindung mit der Göttin Bubona.

Cyrene Kyrene. By Edward Calvert (1799-1883) – http://www.victorianweb.org/painting/calvert/paintings/1.html, Public Domain, Link

Kyrene war eine Nymphe, zu deren Vorfahren der Okeanos und die Meeresgöttin Tetys zählten. Sie interessierte sich nicht so sehr für die Arbeiten der Frauen (Weben und Nähen), sondern liebte es, die Herden ihres Vaters Hypseus mit Schwert und Schild vor wilden Tieren zu beschützen. Der Sonnengott Apollo war davon so beeindruckt, dass er sich in Kyrene verliebte, sie heiratete und mit ihr zwei Kinder (Aristaeus und Idmon) zeugte.
Die Nachfahren von Kyrene werden Jäger, gelangen in hohe Positionen (werden Könige, begleiten die Argonauten, gründen Städte), jedoch ist auffällig, dass sowohl Idmon als auch Aktaion, der Sohn von Aristaeus bei Jagdunfällen zu Tode kommen.
Idmon wird von einem riesigen Eber verwundet und stirbt. Die Geschichte von Aktaion, Kyrenes Enkel, ist ein wenig drastischer.

Not amused Die Mondgöttin Diana ist nicht erfreut, als Aktaion sie (zufällig?) beim Baden nackt sieht.

Aktaion Daher verwandelt sie ihn in einen Hirsch. By HaStOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Aktaeon Aktaion wird dann als Hirsch von seinen eigenen Gefährten gejagt und von seinen Hunden zerfleischt. Public Domain, Link

Ganz ähnlich wie bei der Geschichte vom Minotauros werden in diesem Mythos „wilde Tiere“ den Menschen gefährlich.Vielleicht geht es zu weit, aber möglicherweise spielen auch hier patriarchal oder matriarchal geprägte Gedanken eine Rolle. Zeitlich betrachtet dürfte die Geschichte von Aktaion (ca. 1200 v. Chr.) deutlich jünger sein als die des Minotauros (ca. 1700 v. Chr.)

Ein paar spekulative, abschließende Gedanken dazu:
Aktaion ist – wie der Minotauros – auch ein „halber“ Mensch, denn er ist sich im Zustand seiner Verwandlung noch bewusst.
Aktaion wird von der Mondgöttin Diana erschaffen, der Minotauros liegt in Neptuns, König Minos` und Daedalus Verantwortung.
Beide Mischwesen werden getötet.

Ich vermute, dass beide Geschichten möglicherweise die Loslösung vom „Tier“ als etwas „heiligem“ verkörpern. Denn die mit dem Tier überidentifizierten Menschen (Minotauros, Aktaion) sterben.
Berücksichtigt man die Initiatoren – einmal waren es Männer, einmal eine Frau -, dann bleibt eigentlich nur festzuhalten, dass beide Geschlechter irgendwie an dieser Entwicklung beteiligt waren.

Lady Gaga Fleischkonzert von Lady Gaga. By John Robert Charlton[1], CC BY 2.0, Link

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Anna Perenna

Anna Parenna ist eine eher unbekannte römische Göttin, die in einem kleinen Heiligtum an der Via Flaminia verehrt wurde. Daneben hatte sie auch ein Heiligtum auf Sizilien und in Rom selbst gab es einen Brunnen, an dem ihr zu Ehren Feste gefeiert wurden.

Der Urprung von Anna Perenna liegt im Dunkeln. Es könnte sich
1. um eine alte, etruskische Muttergöttin gehandelt haben,
2. vielleicht war sie (auch) die Schwester von Dido, einer karthagischen Königin,
3. oder es war eine ältere Frau, die sich während der römischen Ständekämpfe um die Plebejer (das einfache Volk) gekümmert hat – und deswegen von ihnen als Göttin verehrt wurde.

Daneben hat Anna Perenna auch viele Bezüge zu anderen Göttinnen, insbesondere der Mondgöttin Diana/Artemis.

Im Folgenden werde ich – ausgehend von den Feierlichkeiten für die Göttin – auf die möglichen Ursprünge Anna Perennas eingehen.

Via Flaminia

Teil der Via Flaminia, die Rom mit der Adriaküste verband. By No machine-readable author provided. Samba~commonswiki assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., Public Domain, Link

Brunnen Anna Perenna Opfergaben an die Göttin, gefunden im Brunnen. By Self-photographed by Szilas in the Museo Nazionale Romano – Terme di Diocleziano – Own work, Public Domain, Link

Anna Perenna Mögliches Profilbild der Göttin auf einer Münze (gefunden in Italien oder Spanien) 1. Jh. v. Chr. By Classical Numismatic Group, Inc. http://www.cngcoins.com, CC BY-SA 3.0, Link

Ob der heutige Brauch, Münzen in einen Brunnen zu werfen, wohl auf Anna Perenna zurück geht?
Neben diesen „Geldopfern“ sind auch Feste zu Ehren der Göttin bekannt.
Ihr Haupttag wurde im März gefeiert. Dabei floss angeblich Wein in Strömen und es gab derbe Witze und obszöne Lieder. Es war ein Fest für das einfache Volk, die sogenannten „Plebejer“, das in den Iden, also um Vollmond herum, gefeiert wurde.

Der römische Kalender (ein Mondkalender) hatte für jeden Monat bestimmte Termine:

Iden (Vollmond),
Kalenden (Neumond)
Nonen (zunehmender Mond)
Terminalien (abnehmender Mond)

Insgesamt gab es 13 Monate. Es waren mehrheitlich die uns heute noch bekannten, wenn auch mit teils anderen Namen, und ein 13. „Schaltmonat“ namens Mensis intercelaris oder – Plutarch folgend – Mercedonius. Die Einberechnung des Schaltmonates war äußerst kompliziert und fiel in Kriegszeiten teilweise aus. Normalerweise wurde in einem Zeitraum von acht Jahren drei Mal ein solcher Mercedonius „geschaltet“, er erschien dann zwischen Februar und März.
Umstritten ist, inwiefern der Schaltmonat auch Auswirkungen auf die Zinswirtschaft hatte. Möglich ist, dass in diesem Monat dann keine Zinsen fällig wurden. (Münzgeld – in einer Ausprägung, wie wir es heute kennen inklusive Verleih usw., trat übrigens erstmals im 3. Jh. v. Chr. flächendeckend (Griechenland, Rom, Persien, Indien) in Erscheinung.)

Wenn man sich den Hauptfesttag der Göttin ansieht, ist festzustellen, dass der erste Vollmond im Monat März zeitlich nah an der Frühlings-Tages und Nachtgleiche liegt. In einigen heutigen Kulturen (Iran u.a., Nouruz) wird der Beginn des Jahres an diesem Ereignis fest gemacht. Das neue Jahr beginnt also dann, wenn das „Licht“ (Tag) die „Dunkelheit“ (Nacht) gerade überholt. In unserer christlich geprägten Kultur hat sich dagegen der Zeitraum der Wintersonnenwende (die Tage werden wieder länger) um den 21./22. Dezember und darüber hinaus (also 1. Januar) als Jahresanfang durchgesetzt. Das lag unter anderem auch an den Römern, die im 2. Jh. v. Chr. beschlossen, das Amtsjahr im Januar beginnen zu lassen, wobei der offizielle Neujahrstermin noch im März lag.
Zuletzt gibt es noch weitere Möglichkeiten, das Jahr enden/beginnen zu lassen. Welcher Termin davon der „ursprünglichste“ war, lässt sich schwer ausmachen. Auffällig ist aber, dass sich gerade die jüngeren Termine eher von den kosmischen Ereignissen entfernt haben.

Bild mit verschiedenen Tag und Nachtgleichen Übersicht über Tagundnachtgleiche usw. Von Horst Frank aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, Link

solstice Hier eine Illustration zur Sonnenwende. CC BY-SA 2.0, Link

Aber wann auch immer das Jahr nun beginnen und/oder enden mag, fest steht folgendes:

Ende des Jahres Das alte Jahr ist dann Geschichte. By John T. McCutcheon – Cartoon by John T. McCutcheon, scanned from book “The Mysterious Stranger and Other Cartoons by John T. McCutcheon”, New York, McClure, Phillips & Co. 1905. Book reprints a collection of McCutcheon’s cartoons, some dating back a few years., Public Domain, Link

Festzuhalten ist, dass ähnlich der Entwicklung von „Erde“ und „Wind/Regen/Donner“ zu abstrakteren Versionen = Gottheiten, auch die Einteilung der Zeit in eine Phase mit „Anfang“ und „Ende“ eine Erfindung der Menschen ist, die sich im Laufe der letzten Jahrtausende entwickelt hat.

Ausgehend von der möglicherweise ursprünglichen oder ersten Vorstellung Gottes als „Erdenmutter“ und „Wettergott“, wäre es denkbar, dass auch die Einteilung des Jahres sich an dieser Idee orientierte.
Das alles ist sehr hypothetisch und spekulativ, aber es erscheint mir logisch, dass der für den frühen Menschen so wichtige Kreislauf von Aussaht, Regen/Befruchtung und Ernte als Grundstruktur der Zeiteinteilung diente.
Nimmt man die Vorstellung von antropomorphen Wesen wie „Wettergott“ und „Mutter Erde“ hinzu, die sich gegenseitig aneinander erfreuen, dann stellt sich eigentlich nur noch die Frage, wann „es“ eigentlich beginnt.
Beginnt das Leben mit der „Befruchtung“? = Jahresanfang im Frühling.
Beginnt das Leben mit der Rückkehr der Sonne, also mit der Ahnung von und Hoffnung auf „Befruchtung“? = Jahresanfang um die Wintersonnenwende.
Beginnt das Leben mit der Geburt? = Jahresanfang zur Erntezeit.
Oder ist gar schon der Frühling eine Art „Geburt“?

Also es gibt, wenn auch unterschiedlich interpretiert, grundlegende Gemeinsamkeiten in allen Kulturen der Welt was die Jahresanfänge anbelangt.
1. Die Orientierung an einem Zyklus von Werden und Sterben.
2. Die Einteilung dieses Zyklus in immer kleinere und genauere Zeitphasen.

Lebenskreis Kreis des Lebens. Bulgarien. By Edal Anton LefterovOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Kreis des Lebens Lebensrad. Nordindien. CC BY-SA 3.0, Link

Stonehedge Stonehedge. By Janßonius – Biblioteca Nacional de España, Public Domain, Link

Man bedenke, was aus den Windgöttern geworden ist.

Etruscan woman holding an egg Etruskische Frau, die ein Ei hält (Symbol für Fruchbarkeit und Wiedergeburt) By Anonymous (Etruscan)Walters Art Museum: Home page  Info about artwork, Public Domain, Link

Mit der Göttin Anna Perenna ist dieser Kreislauf eng verbunden. Denn ihr zweiter Name „Perenna“ leitet sich ab vom lateinischen Adjektiv „perennis“, das so viel bedeutet wie „jährlich wiederkehrend“. Wahrscheinlich handelt es sich bei ihr um eine etruskische Göttin, eine ältere Göttin also, als sie uns von den Römern bekannt sind, denn die Etrusker lebten bereits vor den Römern auf der italienischen Halbinsel und wanderten noch vor dem 1. Jahrtausend aus dem orientalischen Raum dorthin ein.

So wurde sie wahrscheinlich zunächst als klassische Muttergottheit verehrt und bekam im Laufe der Zeit dann andere Attribute zugeschrieben. Beispielsweise als „Retterin“ der Plebejer, die der Sage nach einst aus Rom auswanderten, weil sie keine Lust mehr hatten, für die reichen Patrizier dort zu arbeiten.
Der Bezug zu Didos Schwester ist insofern interessant, als dass etwa ab der Mitte des 1. Jahrtausends vor Christus männliche Gottheiten nach und nach den Glauben der Menschen dominieren. Ganz klar zu sehen in der Entstehung des Manichäismus, Mithraismus und Christentums um das 1. Jh. n. Chr.

Mithraism Mithras und der Stier. Public Domain, Link

Mani Mani, der Gründer des Manichäismus. Public Domain, Link

Jesus Jesus und vier Erzengel. By Internet Archive Book Imageshttps://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14742744896/Source book page: https://archive.org/stream/christianiconogr02didr/christianiconogr02didr#page/n89/mode/1up, No restrictions, Link

Die Geschichte von Dido – und Aeneas – repräsentiert nämlich auf verschiedenen Ebenen diesen Wandel im Denken weg von den Frauen hin zu den Männern.
Aeneas, als Stammvater der Römer, der aus Troja floh und auf Geheiß der Götter eine neue Heimat finden sollte, landete auf seiner Reise über das Mittelmeer eines schönen Tages in Karthago, der Hauptstadt des später mit Rom so verfeindeten Reiches. (Ab dem 3. Jh. v. Chr. drei Punische Kriege, Hannibal, – das ist alles historisch bezeugt und „korrekt“, also kein Mythos wie die Geschichte von Aeneas und Dido.)
Dort traf er auf die schöne Dido und verliebte sich unsterblich in sie.
Doch Aeneas war es nicht vergönnt, lange bei seiner neuen Liebe zu bleiben. Die Götter, namentlich der Botengott Merkur, forderten ihn auf, seine Reise fortzusetzen und sein Schicksal zu vollenden.
Was Dido daraufhin tat, ist sehr gut in dem unteren Bild zu erkennen.

Dido Dido ersticht sich. By Augustin Cayot (1667-1722)Marie-Lan Nguyen (2011), Public Domain, Link

Doch damit nicht genug. Wie oben bei der Skulptur zu erkennen, ersticht sich Dido, während sie auf einem „Podest“ aus Holz steht. Sie hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach zeitgleich verbrannt. Und zwar am Strand, wo Aeneas sie sehen konnte, während er mit seiner Mannschaft zur Küste Italiens zog.

Hier ein Bild aus glücklicheren Tagen:

Aeneas und Dido Aeneas und Dido begegnen sich zum ersten Mal. By Nathaniel Dance-HollandXQGCpNt3tbJiAw at Google Cultural Institute, zoom level maximum Tate Images (http://www.tate-images.com/results.asp?image=T06736&wwwflag=3&imagepos=1), Public Domain, Link

Gut zu sehen ist hier im Hintergrund Didos (linke Seite) ihre Schwester Anna. Die Anna, die also auch einen mögliche Gleichsetzung mit „Anna Perenna“ erfährt. Anna stand Dido immer zur Seite, riet ihr sogar zu der Beziehung mit Aeneas.
Nach Didos Tod muss Anna aus Karthago fliehen und wird nach einer längeren Odyssee über das Mittelmeer schlussendlich in eine Flussnymphe verwandelt.

Vielleicht geht es zu weit, wenn man behauptet, dass der Tod Didos mythisch eine Art „Endpunkt“ von Muttergottheiten darstellt. Dazu würde sich auch ein genauerer Blick auf Dido selbst lohnen, die ja hier eigentlich eher am Rande von „Anna Perenna“ auftaucht.

Wer möchte, findet einige Informationen dazu im wikipedia Artikel hier. https://de.wikipedia.org/wiki/Dido_(Mythologie)
Allerdings fehlt darin der Bezug zur karthagischen Religion, die übrigens schwierig zu rekonstruieren ist, da die Sieger über Karthago (also die Römer), natürlich nicht mit Verteufelungen über die Stadt sparten.
So könnte die Geschichte um Aeneas und Dido auch „nur“ beinhalten, dass Vergil (der Autor der sogenannten „Aeneis“) eine schöne Gründungsgeschichte und Lobhudelei auf Rom schrieb.

Aeneas selbst lebte auf jeden Fall glücklich und froh – und das auch mit mehreren Frauen.

Wohingegen z.B. Odysseus, ein anderer Mittelmeerreisender, dessen Mythos noch ein wenig älter ist (ca. 9. Jh. v. Chr.), trotz vieler Affären schlussendlich doch wieder zurück zu seiner Ehefrau Penelope fand.

Kreusa Aeneas mit seinem Vater Anchises auf dem Rücken (der die Hausgötter festhält), seinem Sohn Askanius im Vordergrund und Kreusa, seiner ersten Frau, die es leider nicht schafft, aus Troja zu fliehen. By Federico BarocciWeb Gallery of Art, Uploaded to en.wikipedia 03:45 28 Jul 2004 by en:User:Wetman., Public Domain, Link

Lavinia Aeneas römische Frau Lavinia mit ihrer Mutter Amata und Bacchantinnen. By Wenceslaus Hollar – Artwork from University of Toronto Wenceslaus Hollar Digital CollectionScanned by University of TorontoHigh-resolution version extracted using custom tool by User:Dcoetzee, Public Domain, Link

Odysseus und Penelope Als Odysseus von seiner Odyssee zurück kehrt, muss er erstmal die ganzen Freier beseitigen, die sich um seine Frau geschart hatten. Das waren noch Zeiten! By kladcatWoodcut illustration of Odysseus’s return to Penelope, CC BY 2.0, Link