Der Sieger

***Heute etwas später als sonst am Abend, das neuste Kapitel von “Amors Abenteuern”. Rosa Schweino ist schuld. Viel Freude beim Lesen!***

„Was für ein Ritt, was für ein Tag!“, rief Jupiter, streckte seinen Arm in die Höhe und ließ Blitze zucken. „Ich fühle mich um tausend Jahr verjüngt! Deinen Job, mein lieber Sohn, möchte ich haben!“

Galant sprang er aus der Kutsche und übergab Apollo Peitsche und Zügel, küsste ihn links und rechts auf die Wange und klopfte ihm auf die Schulter. Dann wandte er sich zu Amor.

„Amor, sei gegrüßt!“

Jupiter schüttelte ihm die Hand. „Sohn meiner schönsten Tochter Venus! Welche Freude, dich hier zu sehen! Und Diana natürlich, meine Holde“, sagte Jupiter und verneigte sich leicht.

„Vater, du willst bestimmt wissen, warum du heute Morgen für Apollo einspringen musstest. Also: Amor hat einen Liebespfeil auf Apollo und das Gegenteil auf so eine Nymphe geschossen. Er hat dafür gesorgt, dass sich mein armer Bruder, dein Sohn, bis auf die Knochen blamiert hat!“

„Sie hieß Daphne“, sagte Apollo trocken.

„Es ist eine Freude euch alle hier zu sehen!“, rief Jupiter und drehte sich im Kreis. „Ja, ein gänzlich unverhofftes, aber freudvolles Treffen!“

„Aber Vater!“, rief Diana.

„Aber Diana!“, Jupiter klatschte in die Hände. „Keine Beschwerden, zumindest vorerst. Lasst uns diesen Abend mit Nektar, Ambrosia und Wein vollenden, denn so jung wie heute kommen wir nicht mehr zusammen!“

Verwundert schlurfte Amor hinter Vater und Sohn in den olympischen Palast. Apollo und Jupiter fachsimpelten über Lenktechniken und Feuerpferdpflege. Hinter sich hörte er Diana fluchen.

Der Palast bestand fast gänzlich aus weißem Marmor. Hier und da standen ein paar Stelen auf denen massige Fratzen thronten.

Amor musste an Psyche denken, die jetzt, nach Sonnenuntergang, mit seiner Rückkehr rechnete. Er seufzte sehnsüchtig.

„Das ist die Galerie unserer Ahnen“, sagte Jupiter und drehte sich nach ihm um. „Dieser alte Haudegen hier, mein Vater Saturn, hatte alle meine Geschwister verspeist.  Hätte meine Mutter mich damals nicht vor ihm versteckt und ihm statt meiner einen Stein zu fressen gegeben: wir alle würden nicht existieren.“

Die Statuen zogen an ihnen vorbei. Im nächsten Raum, riesengroß und strahlend weiß, fand sich in der Mitte eine gedeckte Tafel. Jupiter geleitete Amor, Diana und Apollo dorthin und befahl ihnen, sich zu setzen.

Auf einen Fingerzeig Jupiters füllten sich die Kelche mit einer roten Flüssigkeit.

„Dann lasst uns anstoßen“, sagte Jupiter. „Auf das Wohl meines Sohnes Apollo und seine erste große Liebe!“

„Vater, bitte, das ist doch kein Grund …“, sagte Apollo.

„Doch. Prost!“, unterbrach Jupiter und die Kelche stießen klangvoll zusammen. Amor nahm einen kräftigen Schluck.

„Wisst ihr“, sagte der Göttervater und richtete sich auf. „Bevor es Amor gab, fand die Liebe die Götter auf seltsamen Wegen, einen Weg aber fand sie immer. Ich fürchtete schon, in den heutigen Tagen sei sie für die Wolkenbewohner verloren. Also, freu dich einfach, dass du auch mal von ihr heimgesucht wurdest. Nebenbei gefragt: wie war es? Wild, leidenschaftlich, besessen?“

„So ungefähr“, sagte Apollo. Er schmunzelte verlegen.

„Aber die Angebetete hat dich nicht erhört?“

Apollo schüttelte den Kopf.

„Tja …“, Jupiter legte seine Stirn in Falten. „Dabei bist du ein Gott. Diese Frauen … unberechenbar.“

Diana verdrehte die Augen.

„Wie ich schon sagte, das war Amor. Es war sein Pfeil, ein falscher Pfeil! Es war nicht die Schuld einer Frau!“, rief Diana.

„Es lag am Pfeil?“, fragte Jupiter.

„Ja! Hörst du mir überhaupt zu? Und abgesehen davon, wollte sie … sie wollte das wirklich nicht, diese Nymphe, sie hat ihren Vater um Hilfe angefleht, wollte, dass er sie verwandelt,-  und Apollo hat einfach nicht aufgehört … es war schauderhaft!“

„Wie du sagtest, es lag am Pfeil“, schloss Jupiter. „Eigentlich wollte sie es auch.“

Apollo nickte.

„Das glaube ich nicht!“, rief Diana. „Das glaube ich einfach nicht.“ Die Wangen der Göttin leuchteten  Rot.

„Das ist einfach mal wieder so typisch … Männer!“

Sie nahm einen kräftigen Schluck, wischte sich mit dem Handgelenk über die Lippen und sagte mit fester Stimme: „Ich verstehe. Ihr seid einfach nicht mehr bei Trost. Da kann man nichts machen.“

Sie atmete tief ein und grollte dann, als wäre sie eine Donnergöttin: „Ich für meinen Teil wünsche, Vater, dass du diesem da“, – sie zeigte auf Amor – „für immer verbietest, Pfeile auf mich zu schießen. Denn ich, ich will mich niemals verlieben!“

Amor wäre am liebsten unter dem Tisch verschwunden, um sich vor den Blitzen aus Dianas Augen zu verstecken.

„Schwöre es!“, kreischte Diana.

„Also, äh, gut“, keuchte Amor. „Ich tu´s nicht, versprochen. Hätt ich eh nicht, ich meine …“

„Gut“, sagte Diana und faltete die Hände vor ihrem Gewand. „Vater, du hast seinen Schwur vernommen?“, fragte Diana.

„Gewisse, mein Kind“, sagte Jupiter und prostete ihr nickend zu.

“Dann werde ich jetzt gehen”, sagte sie. Sie ließ einen kurzen Pfiff ertönen und die Mondhirsche kamen mit der Kutsche durch den Lichtschacht des Speiseraumes getrappelt. Ohne ein weiteres Wort schwang sich die Göttin auf ihre Kutsche. Jupiter, Apollo und Amor blickten Diana schweigend hinterher.

„Vater, ich habe auch eine Bitte an dich“, sagte Apollo nach einer Weile. „Die Nymphe, die ich liebte, hat sich in einen Baum verwandelt. Einen Lorbeerbaum. Und ich möchte gerne, im Andenken an sie, dass dieser Baum geehrt wird. Es soll ein heiliger Baum sein, dem sich jeder nur mit Ehrfurcht nähert. Jeder soll wissen, dass dieser Baum einst Daphne war, meine erste große Liebe. – Hier.“

Apollo übergab Jupiter den grünen Zweig, den er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte.

„Ein wirklich schönes Exemplar“, sagte Jupiter. „Um welche Art von Baum handelt es sich?“

„Es ist ein Lorbeer“, antwortete Apollo.

„Hm“, sagte Jupiter und betrachtete den Zweig genau. Dann hauchte er ihn mit seinem Atem an. Aus dem Zweig sprossen weitere Blätter hervor, er bog sich und verwandelte sich in einen Kranz. Jupiter legte Apollo den Kranz auf den Kopf.

„Mag Liebe dich besiegt haben, so bist doch du der Sieger. Denn wer liebt, siegt immer. Verlierer sind die, die niemals lieben. So soll dieser Kranz das Zeichen eines Siegers sein und du sollst ihn tragen, bis in alle Ewigkeit.“

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Die Versammlung der Götter

Als Amor erwachte, spürte er starke Schmerzen in seinem rechten Ellenbogen. Ein furchtbarer Muskelkater zog sich von dort tief in seinen Rücken. Er reckte und streckte sich und erblickte den Stapel Pfeile, der schon sichtbar geschrumpft war. Ein wohliges Gefühl von Zufriedenheit erfüllte ihn.
Heute würde er damit fortfahren, die noch übrigen kämpfenden Truppen seines Vaters miteinander zu versöhnen. Amor schmunzelte.
Da erblickte er die rosafarbene Wolke seiner Mutter Venus.
„Was will die denn hier?“, grummelte Amor. Der Tag hatte so aussichtsreich begonnen. Warum musste seine Mutter ihm jetzt einen Besuch abstatten?
Venus winkte ihm schon von weitem zu. Kaum hatte ihre Wolke gestoppt, klappten sich Wattestufen aus und Venus eilte hinab. Sie umarmte ihren Sohn und drückte ihm einen dicken Kuss auf den Kopf.
„Ma“, murmelte Amor, sein Gesicht gepresst in den roten Stoff von Venus Gewand, „lass mich los!“
Venus ließ Amor frei. Er fuhr sich durch die Haare und sah seine Mutter ungläubig an. Venus seufzte und schickte sich an, ihren Sohn erneut zu umarmen.
Amor wich ein paar Schritte zurück.
„Äh, stopp mal: Was ist los?“
„Ach.“ Venus hielt theatralisch eine Hand an ihre Stirn. „Ach, mein kleiner Cupido! Ich habe dich so grausam und so falsch behandelt. Es tut mir unendlich leid. Ich weiß jetzt, dass das alles nicht deine Schuld war …“
Amor spitzte die Ohren. Das waren ja ganz neue Töne!
„Wie kommst du darauf?“
„Die Opfergaben“, sagte Venus. Sie stand auf und griff nach Amors Hand. „Du trägst keine Schuld daran. Es gibt auf der Erde eine Prinzessin, die sich für mich ausgegeben hat. Sie ist ein ganz fieses, hinterhältiges Ding.“
Amor riss erstaunt die Augen auf.
„Ein Mensch hat deine Opfergaben erhalten? Wie ist das möglich?“
„Ich weiß es nicht“, murmelte Venus verdrossen. „Aber ich weiß, was zu tun ist. Ich will, dass du dieses Ding findest und es mit dem schrecklichsten Ungeheuer verbindest, was sich auf der Erde findet. Bestrafe sie! Bestrafe sie so, dass niemand mehr auf die Idee kommt, meinen Platz einnehmen zu wollen! Tust du das, mein Schätzchen?“
Amor grinste. „Klar, kein Problem, Ma.“ Er wusste genau, in wen sich die Prinzessin verlieben würde. Was für ein genialer Tag! All seine Probleme schienen sich in Luft aufzulösen, – ganz nebenbei hatte er die perfekte Braut für Pluto gefunden!
„Danke“, sagte Venus und strich ihm lächelnd über die Wange. „Wie habe ich nur je an dir zweifeln können? Du bist so ein Guter!“
Amor strahlte über das ganze Gesicht. Es kam so selten vor, dass seine Mutter ihn lobte. Und noch seltener war er selbst stolz auf sich. Aber jetzt hatte er, fand er, allen Grund dazu.
„So und jetzt müssen wir zum Olymp“, fuhr Venus fort. „Mars ist außer sich. Jupiter hat alle Götter einberufen. Gestern Nacht haben sich merkwürdige Dinge ereignet.“
Schlagartig fiel Amors gute Laune in sich zusammen. „Was denn für Dinge?“, fragte er kleinlaut.
„Ich weiß es nicht, aber wir sollten uns beeilen.“

Um den Gipfel des Olymps drängten sich die Wolken der Götter. Fast jeder war der Einladung gefolgt. Die Versammlungen boten eine erheiternde Abwechslung zu den übrigen göttlichen Aufgaben. Vor allem, wenn es zu Streit kam. Und das war fast immer der Fall.
Die Plätze im großen, runden Saal Jupiters waren dicht besetzt. Ganz oben tobte die bunte Gefolgschaft des Hirtengottes Pan: Faune, Satyrn und ein paar Nymphen. Darunter saßen die neun Musen, unter ihnen entdeckte Amor Thalia und Kalliope. Es folgten fast alle wichtigen Götter des Pantheons. Ein aufgeregtes Plappern erfüllte die Luft.
Amor schob sich durch die Reihen, erwiderte Dianas Gruß und setzte sich zwischen Venus und Vulkanos, seinem Stiefvater. Vulkanos zog eine düstere Miene. Er schätzte es nicht, wenn seine Gattin Venus auf seinen Nebenbuhler Mars traf.
Aus der untersten Reihe löste sich die ehrwürdige Gestalt des alternden Göttervaters Jupiter. Er trat an die marmorne Säule in der Mitte des Halbkreises. Augenblicklich wurde es still im Saal. Jupiter begrüßte die Anwesenden und gebot Mars, sein Anliegen vorzutragen.
Das Gesicht des Kriegsgottes war verzerrt von Zorn, sein roter Umhang wehte, obwohl es windstill war. Seine Muskeln waren angespannt und drohten den eisernen Brustpanzer zu sprengen. Venus blickte verzückt auf das Geschehen und ignorierte Vulkanos eifersüchtigen Blick. Als Mars anhob zu sprechen, erfüllte seine gewaltige Stimme den gesamten Raum.
Amor sank ein wenig tiefer in seinen Platz.
„Unvorstellbare, unaussprechliche Dinge ereigneten sich in dieser Nacht. Ja, fast fehlen mir die Worte, die Geschehnisse zu beschreiben.“
Erregt fuhr Mars sich durch die Haare. Er hatte Schweißperlen auf der Stirn. Venus griff nach Amors Hand. „Dein armer Vater, so habe ich ihn noch nie gesehen!“
Das warnende Räuspern von Vulkanos entging zumindest Amor nicht.
„Ach, wird so schlimm schon nicht sein“, murmelte Amor beschwichtigend. Venus starrte wie hypnotisiert auf Mars. Sie leckte sich die Lippen und fasste sich keuchend an die Brust. Vulkanos Blick wurde immer finsterer.
Mars kämpfte um Worte. Schließlich spuckte er sie von sich, als wären es gefährliche Geschosse.
„Die Krieger, viele … fast alle … sie kämpfen nicht mehr. Im Gegenteil. Sie … lieben sich!“
Einen Moment lang sagte niemand ein Wort. Die Götter schüttelten verwundert die Köpfe. Hier und da zeigte sich ein Schmunzeln. Aus den oberen Reihen erklang leises Gelächter.
Venus hingegen hielt es nicht mehr auf ihrem Platz. Entrüstet rief sie: „Da gibt es nichts zu lachen! Das ist eine ernste Sache! Wahrscheinlich steckt etwas ganz Übles dahinter!“
„Ihr sagt es!“, rief Mars und warf ihr eine Kusshand zu. „Das Verhalten der Männer ist ungehörig, unschicklich, unsittlich! Wahrscheinlich droht ein Weltuntergang!“
„Es ist ein Geschehen wider der Natur!“, rief Venus errötend. „Nur Männer und Frauen sollten zusammen sein!“
„Ganz richtig!“, rief Mars. „ Frauen und Männer gehören zusammen! So ist es immer schon gewesen!“
Beide klatschten eifrig, bis ihnen auffiel, dass kaum jemand in den Applaus mit einstimmte.
In diesem Moment erhob sich Vulkanos, im Gesicht ganz schwarz vor Zorn.
„Ich wusste immer schon, dass du eine Memme bist!“, rief er in Richtung Mars.
Es folgten verschiedene Beleidigungen zwischen Vulkanos und Mars, während Venus versuchte zu beschwichtigen.
Aus den obersten Reihen juchzte es vergnüglich. Es waren die Satyrn, Faune und Nymphen, die sichtlich Spaß am Geschehen hatten. Als Vulkanos Mars mit eine Stück Kohle bewarf, gab es auch unter den Göttern kein Halten mehr.
Amor war das unendlich unangenehm. Seine Eltern machten sich zum Gespött dieser Versammlung. Und er trug die Schuld daran.
Jupiters weißes Haupt und ein kräftiger Donnerschlag sorgte dafür, dass der Streit ein abruptes Ende fand. Er trat an das Pult und gebot den Göttern zu schweigen.
„Kehren wir zurück zu deinem eigentlichen Anliegen, Mars“, sagte er, „Soweit ich mich entsinne, gibt es hier nur einen unter uns, der das Verhalten deiner Krieger erklären könnte, sofern es sich dabei wirklich um Liebe handelt.“
Amor hätte sich am liebsten unter dem roten Kleid seiner Mutter versteckt.
„Amor“, sagte Jupiter. „Würdest du deine Eltern bitte aufklären?“
Venus wurde schlagartig kalkweiß, selbst ihren Lippen entwich jegliche Farbe. Ihr Gesicht ähnelte dem einer Marmorstatue. „Amor?“, hauchte sie ungläubig.
Mars starrte seinen Sohn mit offenem Mund an. Die gesamte Spannung wich mit einem Mal aus seinem Körper und er sackte ein paar Zentimeter in sich zusammen.
Amor erhob sich zitternd. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Alle Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Jupiter nickte ihm ermutigend zu.
„Also, äh, ja. Ich hab das gemacht. Ich fand das nett. Liebe statt Krieg. Dachte, das ist gut. Tut mir leid, Pa, sorry, Ma!“
Stockend erklärte Amor, wie er darauf gekommen war, seine vielen Pfeile unter die Krieger zu bringen.
Die Faune, Satyrn und Nymphen stießen sich gegenseitig in die Seiten und kicherten vergnügt. Einige Götter klatschten Beifall.
Jupiter ließ ein Schmunzeln erkennen. Doch Amor plagten furchtbare Gewissensbisse. Er ballte seine Fäuste und schämte sich. Es war ihm unerträglich, dass seine Eltern so vorgeführt wurden.
„Das war bestimmt falsch! Bestraft mich!“, rief Amor. „Bitte!“
„Ich werde ein Urteil fällen“, sprach Jupiter und dachte kurz nach. „Du, Amor, sollst niemals wieder deine Pfeile in solchen Mengen unter die Truppen deines Vaters mischen. Es gibt ein unausgesprochenes Gebot, das besagt, die Arbeit eines anderen Gottes nicht zu stören.“
Jupiter fuhr grinsend fort: „Aber was die Liebe zwischen Männern generell anbelangt …Warum sollten die Menschen nicht in denselben Genuss kommen, wie euer aller Göttervater?“
Ein Raunen ging durch die Halle.
Jupiter nickte zufrieden.
„Ja, ihr habt richtig gehört. Es war zu einer Zeit, als die meisten von euch kaum ins Sein gerufen waren, da gab es einen jungen Mann namens Ganymed, der mir sehr zugetan war und ich ihm …“
„Genug davon“, fiel Juno ihrem Mann ins Wort. „Niemand hier will etwas von deinen Eskapaden hören!“
„Doch wir!“, riefen die Satyrn aufgeregt. „Ich auch!“, ließ der ein oder andere Gott seine Stimme verlauten.
„Unverschämtheit!“, kreischte Juno, „Raus! Alle miteinander!“
Jupiters Frau tobte. Das Gebäude begann zu wackeln.
„Ma, komm, es ist Zeit zu gehen.“ Amor zupfte Venus an ihrem Gewand. Seine Mutter wirkte wie versteinert, ließ sich aber aus dem Saal führen. Amor geleitete sie schuldbewusst zu ihrer Wolke. Er musste irgendetwas sagen.
„Ma, das ist doch … Liebe! Ich … Du kriegst bestimmt viele Opfergaben  … Ich habe mir nichts dabei gedacht … Ma, bitte verzeih mir! Es tut mir so leid! Ich werde dich nie wieder enttäuschen. Ich verspreche es. Ich habe einen Plan … Ich … “
Doch Venus schien ihren Sohn nicht zu hören. Sie stieg auf ihre Wolke und flog davon. Amor blickte ihr verzweifelt hinterher, während Junos zornige Stimme den gesamten Olymp erbeben ließ.

Liebe und Tod

Amor hatte der Wolke befohlen, den Eingang zur Unterwelt anzusteuern. Dort hatte er seine Pfeile versteckt. Die musste er holen, um wieder zu arbeiten.
Unter sich sah Amor kleine Schaumkronen blitzen. Er befand sich über dem Meer. Kein Schiff in Sicht.
Gut, dachte Amor und knackte seine Finger, dann kann es ja losgehen!
Mit einem gewaltigen Kick flog die erste Amphore von der Wolke. Wie er seine Arbeit hasste! Venus` Hohn klang in seinen Ohren. „Selbstständig?“ … „Mach deine Arbeit!“ … „Meine Schönheit verträgt keinen weiteren Ärger“.
Seine Mutter. Diese Harpyie!
Eine weitere Amphore folgte der ersten und zischte durch einen Schwarm aufgeregt krächzender Möwen. Warum hatte Venus ihm nicht zugehört? Es gab einen Grund dafür, dass er nicht mehr arbeitete.
Sein Job war … unsinnig. Liebe war der nichtsnutzigste Auftrag im Götterhimmel. Und auf der Erde sowieso. Männer und Frauen passten einfach nicht zusammen. Götter und Göttinnen übrigens auch nicht. Alle waren ohne dieses ganze Liebesgedöns besser dran.
Amor trat gegen die dritte Amphore und verknackste sich den Fuß.
„Au!“
Das Gefäß wog schwer. Anscheinend war noch Wein darin. Erschöpft sank Amor in die Wolkenwatte. Sein Fuß schmerzte. Er hatte keine andere Wahl. Die Aussicht, dass die Opfergaben sonst weniger würden, war düster. Götter, die keine Geschenke von den Menschen erhielten, verschwanden in Bedeutungslosigkeit.
Amor langte nach der Amphore. Er nahm einen großen Schluck und spürte zufrieden, wie der süße Wein seine Kehle hinabrann.
Latona zum Beispiel, die Mutter von Diana und Apollo, war total nett und konnte gut kochen. Bei ihr hatte er das erste Mal Fleisch gegessen und Wein getrunken, denn sie hielt nicht viel von Nektar und Ambrosia. Vor Unzeiten war Latona aus dem Osten eingewandert. Wo sie herkam, war sie in Vergessenheit geraten. Und hier hatte sie nie richtig Anschluss gefunden. Ohne ihre Zwillingskinder könnte sie sich gar nichts leisten.
Diana und Apollo waren von Geburt an strebsam, fleißig und sehr erfolgreich. Sie besaßen unzählige Tempel, bekamen unendlich viele Opfergaben und konnte ihre Mutter unterstützen. Doch Amor selbst war ohne den Ruhm von Venus nichts. Denn er besaß keinen Tempel, er erhielt keine Opfergaben. Er bekam sie von Venus.
Was Diana und Apollo zu seiner Misere sagen würden, daran wollte er gar nicht denken. Er musste das irgendwie wieder in Ordnung bringen.
Amor nahm einen weiteren, kräftigen Schluck und blickte von seiner Wolke hinab. Unter ihm befand sich das Kap Tenaro, eine schroffe Felslandschaft mit einem unscheinbaren Loch, aus dem stinkende Dämpfe emporstiegen.
Amor leerte die Amphore bis auf den letzten Tropfen. So ein Unterweltsbesuch war kein Zuckerschlecken, auch wenn er es bloß in die Vorhalle schaffen musste. Mit einem Satz sprang er von der Wolke. Mühelos flog er vorbei an den Rauchschwaden, leicht beschwipst vom Wein.
Vorsichtig blickte er in den Abgrund. Tief aus dem Innern hörte er ein unheimliches, grollendes Bellen. War das Kerberos, der Höllenhund? Amor seufzte. Warum hatte er sich kein neutraleres Versteck ausgesucht? Das Labyrinth vom Minotaurus vielleicht oder irgendeinen gottverlassenen Hain.
Mit ungutem Gefühl kletterte er hinein und folgte den eingeritzten Markierungen zum Versteck seiner Pfeile.
Als er die Vorhalle zur Unterwelt betrat, bot sich ihm ein erschreckendes Bild. Seine Pfeile lagen überall verteilt. Und mitten drin saß ein Schatten, gehüllt in dunkle Seide. Es war sein Großonkel Pluto. Der Gott des Todes höchstpersönlich.
Um ihn herum tollte der dreiköpfige Kerberos, in jedem Maul einen Pfeil.
„Fang die Stöckchen!“, rief Pluto. Die Liebespfeile und der Kerberos schossen kreuz und quer durch den Raum.
Vorsichtig tapste Amor rückwärts, bemüht, keinen Mucks zu machen. Doch die schwarze Figur begann, sich langsam in seine Richtung zu drehen.
„Bist du gekommen, um deinen Onkel zu besuchen?“
„Ich hab mich verlaufen“, keuchte Amor. „Bin schon wieder weg.“
„Du hast hier etwas verloren“, raunte Pluto.
„Äh …“
„Nun mach schon, sammele deine Pfeile zusammen.“ Pluto ließ einen seltsamen Pfiff ertönen und der Kerberos trollte sich zurück an das andere Ende der Halle.
Amor runzelte die Stirn. War das eine Falle? Eigentlich war dem Gott des Todes daran gelegen, jeden, der sein Reich betrat, für immer darin festzuhalten.
„Äh, nee, das mach ich ein Andermal. Tschüss dann …“
„BLEIB HIER.“
Amor hielt in seiner Bewegung inne. Nicht auch das noch. Nun würde er auf Ewigkeit im Reich des Todes verweilen … andererseits, vielleicht war das nicht die schlechteste Wendung für sein Schicksal.
„Okay.“
„SAMMEL DIE PFEILE“, Pluto räusperte sich, „ich meine: sammele die Pfeile auf.“
Möglichst unauffällig versuchte Amor, die Pfeile zusammen zu klauben und Pluto dabei nicht zu nah zu kommen. Immer wieder guckte er ängstlich in die Richtung seines Großonkels. Verblüfft stellte Amor fest, dass der versonnen den Sabber des Kerberos von einem Pfeil strich. Der Gott der Unterwelt schien ganz in die Betrachtung vertieft.
„Eine wirklich schöne Arbeit“, murmelte Pluto.
„Ähh, jaja“, brachte Amor hervor, der eifrig die Geschosse vom felsigen Boden pflückte. Vor allem zu schön, um damit „Fang-den-Stock“ zu spielen, dachte er bei sich. Ein wenig Empörung mischte sich in seiner Angst.
„Wirklich exzellent austariert …“, sagte Pluto und wog den Pfeil in seiner Schattenhand.
Ein bisschen geschmeichelt platzte es aus Amor heraus: „Die mache ich selber!“
„So?“, fragte Pluto und drehte sich in Amors Richtung. Amor hatte seinen Großonkel noch nie direkt angesehen. Nun stellte er fest, dass Pluto gar nichts zum Ansehen hatte. Unter dem Kapuzengewand zeigte sich ein dunkler Sog schwärzester Masse, gesprenkelt mit ein paar hellen Tupfern. So ein bisschen wie der nächtliche Sternenhimmel, aber gruselig.
„Jaja …“, rief Amor und flatterte aufgeregt durch die Halle. Es waren nur noch wenige Pfeile, die er fassen musste, dann würde er diesen unheimlichen Ort wieder verlassen. Irgendwie.
Plutos unendlicher Blick folgte ihm. Mit seiner ruhigen, tiefen Stimme fragte er:
„Ist Liebe … so wie dieser Pfeil?“
Amor verhedderte seine Flügel.
„Bitte was?“
„Was ist das, diese … Liebe?“, fragte Pluto.
„Liebe ist Schwachsinn“, antwortete Amor und landete mit einem Plumpsen auf dem Boden.
„Schwachsinn …“, murmelte Pluto. Er erhob sich. „Dann sind zwei Schatten aufgrund von ´Schwachsinn` aus meinem Reich verschwunden?“
Augenblicklich ließ Amor seine Sammlung fallen und floh in die nächstbeste Felsspalte. Pluto war riesengroß, wenn er stand, und dieser dunkle Strudel, wo eigentlich ein Kopf sein sollte, verhieß nichts Gutes.
„Was … was willst du von mir?“
„Zwei Schatten. Ein Mann und eine Frau. Sie sind verschwunden. Ich will wissen, warum.“
„Ich … ich weiß nicht!“, rief Amor. „Ich habe nichts damit zu tun!“
„Du musst etwas wissen. Es war ein Liebespaar.“
„Ein Liebespaar?“, fragte Amor erstaunt. „Meinst du etwa Pyramus und Thisbe?“
„Sie sind kurz nacheinander hier eingetroffen, vor etwa zwei Monden.“
„Dann waren es Pyramus und Thisbe!“, rief Amor. „Das heißt: sie leben wieder? Hast du sie frei gelassen?“
„Nein“, sagte Pluto und beugte sich hinab zu Amor. „Wie ich schon sagte, sie sind verschwunden. Sie sind nicht unter den Toten, nicht unter den Lebenden. Was weißt du?“
„Ich …“ Amor quetschte sich noch ein wenig tiefer in die Ritze. „ERZÄHLE!“
Amor zitterte am ganzen Leib. Er rang um Worte. Es war dramatisch gewesen, grausam. Manchmal war er nachts aufgewacht, schweißgebadet. Und dann sah er wieder den blutigen Schal und den knurrenden Löwen. Glücklicherweise lockerte der Wein seine Zunge.
„Also …“, hob Amor an, „die beiden, sie stammten aus verfeindeten Familien. Aber sie mochten sich. Und ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn sie sich verlieben. So Frieden, Happy End und so.“
„Wie meinst du das?“
„Na, ich dachte, dass die beiden heiraten und sich ihre Familien dann wieder vertragen. Aber es kam ganz anders.“ Amor hoffte, dass Pluto den Vorwurf gehört hatte, den er in die letzten Worte gelegt hatte.
„Wie sind sie gestorben?“, fragte Pluto unbeeindruckt.
„Sie hatten sich verabredet. Ein heimliches Treffen. Auf einem Friedhof. Kein schöner Ort, wenn du mich fragst. Dort hat Thisbe auf Pyramus gewartet. Sie sah so hübsch aus im Mondlicht! Plötzlich kam ein Löwe vorbei und Thisbe hat sich in einer Gruft versteckt. Als Pyramus kam, sah er den Löwen und Thisbes Tuch, das sie auf der Flucht verloren hatte …“
Amor hielt inne und wischte sich den Augenwinkel.
„Und dann?“, fragte Pluto.
Amor musste blinzeln. Irgendwie schien es in der Unterwelt viele Fliegen zu geben. Eine war ihm ins Auge geflogen.
„Er … er hat sich umgebracht!“, schniefte Amor.
„Und sie?“, fragte Pluto mit ausdrucksloser Miene.
„Sie hat sich auch umgebracht! Weil, als sie zurückkam, da hat sie Pyramus gefunden. Tot!“
„So?“, fragte Pluto.
„Ja!“, rief Amor. „Die größte Liebe überhaupt! Meine besten Pfeile habe ich hergegeben! Und dann das! Siehst du jetzt, wie schwachsinnig das alles ist?“
Amor atmete tief ein. Irgendwie fühlte er sich besser. Wer hätte gedacht, dass es so gut tun würde, mal all den Kummer rauszulassen?
Doch der Blick in Plutos wirbelndes Antlitz, das jetzt direkt über ihn schwebte, erschreckte ihn zu Tode.
„Eine nette Anekdote“, sagte Pluto. „Mich aber interessiert vor allem, wie stark diese … Liebe ist.“
Amor konnte den Puls der Zeit an seinem Körper spüren, als Pluto ihn einsog.
Dann war da nichts mehr.

Den ersten Teil gibt es hier.

Und hier die Audioversion.

Himmel und Erde

cover mit schrift und pfeilen
Cover mit Pfeilen

Amor schlief auf seiner Wolke, als er spürte, wie ein Sonnenstrahl seine Nasenspitze kitzelte. Unruhig wälzte er sich auf die Seite. Der Strahl strich über die Stirn auf seine Wange. Dort stach er zu.
„Lass das!“, schnaufte Amor und zog sich die Wolkenwatte über den Kopf. „Ist noch viel zu früh.“
Der Sonnenstrahl wanderte über die Watte, entdeckte einen nackten Fuß und piekste hinein.
Amor zuckte zurück und blinzelte in die Sonne. „Lass das, Apollo“, schimpfte er.
Direkt vor dem gleißend hellen Punkt entdeckte Amor den Sonnengott in seinem Wagen, der wild winkte.
„Was ist denn los, Mann?“
Amor rieb sich die Augen und erschrak.
Direkt über ihm schwebte die rosa Wolke seiner Mutter Venus. Die Göttin straffte mit den Händen ihre Gesichtszüge. Sie keuchte. Ihr pinker Umhang flatterte im Wind.
Amor rappelte sich auf.
„Das … ist Apollos Schuld … “, stammelte er, woraufhin ihn ein Sonnenstrahl in die Schulter zwackte.
„Au!“
Venus blies sich eine Locke aus dem Gesicht und befahl ihre Wolke mit ausgestrecktem Finger zu Amor. Sie überragte ihren Sohn um eine Haupteslänge.
Trotzig reckte Amor das Kinn. Er war kein kleiner Junge mehr. Er konnte tun und lassen, was er wollte. Irgendwann musste seine Mutter das einsehen. Vielleicht war heute der Tag gekommen.
In Venus Augen funkelte es bedrohlich.
„Du riechst wie eine ganze Taverne! Was ist hier vorgefallen? Woher kommt dieses Durcheinander?“
„Äh.“
Sogleich ärgerte Amor sich, dass ihm nichts Besseres als „Äh“ eingefallen war.
Venus stapfte mit gerafftem Kleid auf seine Wolke. Mit ihrem feinen, weißen Schuh berührte sie eine Amphore. Dann noch eine. Und noch eine.
„Hast du die alle alleine getrunken?“
„Apollo …“
Venus hielt Amor eine Hand entgegen. Ihre Augen waren zusammengekniffen.
„Spar dir deine Ausreden! Das ist so grauenvoll … Argh! Was ist das?“
Venus sprang erschrocken zurück. „Es hat geknackt! Was ist das? Was ist das, Cupido?“
„Ma …“
„ZEIG ES MIR!“
Sofort kniete Amor sich nieder und nestelte in Wolkes Watte. Venus hatte ihn „Cupido“ genannt. Wie er diesen Namen hasste! Es wäre besser, wenn Venus das, was er zu fassen bekam, nicht sehen würde. Aber in seinem Kopf herrschte nur Leere, kein genialer Einfall weit und breit. Verlegen stand er wieder auf.
„Ein Knochen? Bist du verrückt geworden?“
„Apollo und ich … wir haben gejagt“, entgegnete Amor. „Das macht Spaß … und Fleisch … Fleisch ist echt lecker.“
Ehrlich währt am Längsten, dachte Amor. Er war ganz zufrieden mit seiner Antwort. Erstaunt beobachtete er, wie Venus die gesamte Mimik entglitt.
„Igitt!!! Wie könnt ihr nur! Und was sagt überhaupt Diana dazu … und … und was ist das hier?“
Venus Fuß zeigte auf eine kleine, tönerne Schale, in der sich verkohlte Überreste befanden.
„Das ist Asche“, sagte Amor und verschränkte die Arme. Er war alt genug, bald dreihundert Jahre. Er hatte eigene Vorstellungen, einen eigenen Kopf! Fieberhaft suchte er nach Worten, mit denen er sich seiner Mutter verständlich machen konnte.
„Ich glaube es nicht!“, kreischte Venus. Sie raffte ihre Röcke und kehrte spitzfüßig zurück auf ihre Wolke. Sie hielt kurz inne, nahm einen Spiegel zur Hand und strich sich über die Stirn und die Augenpartie.
Als sie Amor wieder ansah, war ihr Gesicht ganz glatt, aber aus ihren Augen blitzte es.
„Wir Götter trinken Nektar, wir essen Ambrosia und wir lassen uns von den Menschen beräuchern! Du, mein Sohn bist ein Trunkenbold, ein Fleischfresser und ein Dichselbstbeweihräuchernder! Das erklärt alles!“
„Ma, es ist doch so …“, hob Amor an.
Venus ließ sich in ihre Wolke sinken.
„Ich bin verloren!“
Nun übertreibt sie es aber gewaltig, fand Amor. Nur weil er und Apollo mal eine Nacht lang gefeiert hatten, ging doch nicht gleich die Welt unter. Perplex stellte er fest, dass Venus schluchzte.
„Äh, Ma“, versuchte es Amor, „alles okay?“
Sie wandte sich ab und schnäuzte in ein rosa Taschentuch.
„Nein!“, rief Venus. In ihrem Blick lag solch ein Vorwurf, dass Amor erschauderte.
„Wie lange geht das schon so?“, fragte Venus.
„Was?“, fragte Amor.
„Stell dich nicht dümmer an, als du bist!“, schimpfte Venus aufgebracht. „Seit wann säufst du, rauchst du, und vernachlässigst all deine Aufgaben?“
„Äh …“
„Du weißt es nicht mehr? Oh, ich kann es dir genau sagen! Seit zwei Monden. Seit du von zu Hause ausgezogen bist! Du hast dich nie gemeldet und jetzt … jetzt sehe ich DAS HIER!“
„Sorry, Ma“, sagte Amor kleinlaut. Ihm wurde gerade bewusst, wie schnell die Zeit vergangen war.
„Du hättest wenigstens Mal zum Essen vorbeikommen können!“, klagte Venus.
Ein geniales Argument poppte in Amors Gedanken auf.
„Du siehst doch, dass ich mich selber versorgen kann. Ich bin … selbstständig.“
Er zeigte auf den Knochen.
Venus verzog spöttisch den Mund.
„Tatsächlich, schlanker bist du nicht geworden.“
„Ma!“ Amor war empört. Eine Frechheit war es, dass sie ihn mit seiner Figur neckte.
Venus warf ihr Haar zurück und lachte.
„Selbstständig … hahaha!“
Tränen liefen ihre Wangen hinab. „Mein kleiner Cupido … selbstständig …“
Vorsichtig betupfte sie ihr Gesicht und erhob sich. Das Rosa der Wolke verdunkelte sich mit einem Mal in ein tiefes Rot und aus seiner Mitte entfaltete sich ein Unwetter.
„Du Taugenichts! Du Faulpelz! Du … Menschgewordener! Wie erklärst du, dass ich seit zwei Monden kaum noch Opfergaben erhalte?“
„W… was?“
„Du hast richtig gehört, mein Kleiner! Die Gaben werden weniger, von Tag zu Tag! Und du bist der Grund dafür! Ich frage mich, ob sich da unten überhaupt noch jemand verliebt. Ab sofort ist alles gestrichen. Alles. Du kriegst nichts mehr von mir, nichts! Bis … bis das da unten wieder in Ordnung ist!“
„Ma“, stammelte Amor entsetzt. „Das kannst du nicht machen!“
„Doch, kann ich“, sagte Venus seelenruhig, während es in ihrer Wolke knallte und blitzte, als gehöre sie Jupiter persönlich.
„Aber …!“
„Da lässt man dich einmal alleine und dann … so was. Ich wusste von Anfang an, dass du noch zu jung dafür bist. Aber du wolltest es ja nicht anders. Du willst alles alleine machen. Jetzt sieh auch alleine zu, dass sich die Menschen ineinander verlieben und mir opfern. Mach deine Arbeit.“
„Aber Ma, ich kann nicht … es war tragisch!“, quiekte Amor verzweifelt.
„Was war tragisch?“
„Das mit Pyramus und Thisbe! Sie sind tot!“
Venus verdrehte die Augen. „Werde erwachsen, Cupido.“
„Aber …“
„Ich bin die Göttin der Liebe und du bist derjenige, der für die Liebe sorgt. Mach deine Arbeit und enttäusche mich nicht. Meine Schönheit verträgt keinen weiteren Ärger.“

Psyche zog den Mantel eng um sich und knetete ihre tauben Finger. Vom Morgengrauen an hatte sie im kalten Burghof gesessen, unbeweglich wie eine Statue, das Gesicht von einem Schleier verdeckt.
Beim ersten Sonnenstrahl öffneten die Sklaven das Tor und Menschen strömten hinein, umrundeten die Königstochter, wisperten und staunten. Mit einem Schaudern dachte Psyche daran, dass heute jemand versucht hatte, ihr den Schleier vom Gesicht zu reißen. Zum Glück hatten die Wachen ihn rechtzeitig eingefangen.
„Ich bin so froh, dass ihr da seid“, sagte sie zu ihren Schwestern Gorda und Tessa.
„Das ist doch selbstverständlich“, antwortete Tessa.
„Heute Abend findest du einen Ehemann!“, sagte Gorda und zwinkerte Psyche zu. Durch den dünnen Stoff sah Psyche die beiden auf ihrer Lagerstatt sitzen, um sie herum unzählige Gefäße mit Wassern, Ölen und Pulvern in den verschiedensten Farben, die sie eifrig kombinierten und vermischten.
„Mutter hat das ganz richtig gemacht“, plauderte Gorda. „Dass sie diesen Ball organisiert, jetzt, wo Vater fort ist. Wäre doch gelacht, wenn da kein Mann für dich dabei wäre. Und dann kommt Vater zurück und wir haben einen Bräutigam für dich gefunden. Da wird er aber Augen machen!“
„Ich hoffe es so sehr“, seufzte Psyche, „dass es dieses Mal klappen wird.“
„Wir haben einen Plan“, sagte Tessa zuversichtlich. „Obwohl es schon schade ist, dass du deiner Tätigkeit nach einer Hochzeit nicht mehr nachgehen könntest. Das, was das Volk hier lässt, ist durchaus profitabel.“
Psyche lächelte. Ihre Schwester Tessa hatte sich kaum verändert. Immer den Gewinn im Blick.
Es waren Jahre vergangen, seit sie Gorda und Tessa das letzte Mal gesehen hatte. Beide waren verheiratet und lebten mit ihren Gatten weit entfernt. Längst war es überfällig, dass sie, die Jüngsten, es ihnen gleich tat.
„Es ist Psyches Herzenswunsch!“, sagte Gorda sanft. „Sie wünscht sich doch so sehr einen Mann …“
Verlegen senkte Psyche den Blick. Ja, sie wünschte sich nichts sehnlicher, als jemanden zu finden, der sie akzeptierte, wie sie war, der sie vielleicht sogar lieben konnte.
„Ich tu mein Bestes“, sagte Tessa und vermengte in einem weiteren Tongefäß Pulver und Paste. „Das wird allerdings etwas stinken, fürchte ich.“
„Hauptsache, es hilft …“, murmelte Psyche.
„Hier, rühr weiter, es muss ganz sämig sein“, sagte Gorda und drückte Psyche ein Schälchen mit Stößel in die Hand.
„Ich mach dir jetzt noch was für die Haare …“
Gedankenverloren rührte Psyche in der Schale. Sie war ihren Schwestern so dankbar, dass sie gekommen waren. Schon früher hatte Psyche ihre kohlschwarz gerahmten Augen bewundert, ihre roten Lippen, die zarte, weiße Haut. Niemand wusste besser, mit Farben umzugehen, als sie.
„Gut so“, sagte Gorda und nahm Psyche das Schälchen aus der Hand. „Dann wollen wir mal sehen, was wir für dich tun können.“
„Muss ich dafür …“, fragte Psyche und hielt ihren Schleier fest.
„Liebes“, wisperte Gorda, „natürlich musst du dafür den Schleier abnehmen.“
„Ich weiß nicht …“, sagte Psyche zögernd.
„Stell dich nicht so an!“ Tessa grinste. „So furchtbar kann es doch nicht sein.“
„Ich weiß nicht …“, seufzte Psyche.
„Wir sind deine Schwestern, Psyche“, sagte Gorda.
Psyche nickte. Sie hob das Tuch auf das Schlimmste gefasst und das Schlimmste ereignete sich.
„Oh ihr Götter!“, stöhnte Gorda und wich einen Schritt zurück. Tessa sprang erschrocken von der Schlafstatt auf. Ein Tonschälchen zerbrach und das rote Pulver spritzte auf den Lehmboden.
Sofort zog Psyche den Schleier wieder über ihr Gesicht. Selbst ihre Schwestern schienen sie nicht wieder zu erkennen. Wie sie dasaßen, wie entsetzt sie guckten. Als wären sie Pluto, dem Gott der Unterwelt, persönlich begegnet. Oder seinem Höllenhund Zerberus, einem dreiköpfigen Ungeheuer. Wenn selbst ihre Schwestern sie nicht mehr ansehen konnten, dann war alles verloren …
Da stemmte Tessa die Hände in die Hüften und marschierte geradewegs auf Psyche zu.
„Darf ich?“, fragte sie.
Psyche seufzte traurig.
Tessa fasste beherzt an das Tuch und hob es hoch. Sie kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, während sie Psyches Antlitz betrachtete.
„Das ist unmöglich“, sagte Tessa.
„Nichts ist unmöglich“, sagte Gorda, die sich mittlerweile von ihrem Schock erholt hatte. „Wir kriegen das hin.“
„Meint ihr?“, fragte Psyche hoffnungsvoll.
„Gewiss“, murmelte Tessa.
Der Blick, den sie sich zuwarfen, entging Psyche nicht.
Beide begannen, die Pasten und Öle vorsichtig in das Gesicht ihrer Schwester einzuarbeiten. Psyche schloss die Augen und versuchte, den Gestank zu ignorieren. Sie wollte versuchen, ihren Schwestern zu vertrauen. Niemand verstand sich besser auf das Mischen von Farben als sie. Der Ball an diesem Abend war vielleicht ihre letzte Chance, einen Mann zu finden.
„Die Gäste sind da“, hörte Psyche die Stimme ihrer Mutter. „Wie weit seid ihr?“
„Noch ein paar Tupfer“, antwortete Gorda. „Psyche, stillhalten!“
„Lasst mich sie sehen!“, forderte die Königin.
Psyches Herz klopfte. Wie würde ihre Mutter reagieren? Hatten die Schwestern gute Arbeit geleistet?
Die gespannte Neugier im Gesicht der Königin verwandelte sich in helle Freude. Entgegen ihrer üblichen, beherrschten Art, musste sie um Worte ringen. Sie drückte die Hände von Gorda und Tessa. Dann wandte sie sich zu ihrer jüngsten Tochter.
Die Augen der Königin glitzerten tränennass.
„Psyche“, sagte sie, „du siehst ja aus wie … wie ein Mensch! Heute Abend wirst du einen Bräutigam finden!“

Amors Abenteuer (3)

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Meine rosaweißen Flügelchen trugen mich zielsicher zurück zu Wolke. Eigentlich wäre jetzt Zeit gewesen für einen ausgiebigen Mittagsschlaf nach all der Anstrengung. Aber da gab es dieses Problem.

Ich befahl Wolke, einen der grünen Hügel in der Landschaft Apuliens anzufliegen, um in Ruhe nachzudenken. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten. Nichts kündete von dem drohenden Unheil, das darin bestand, keinerlei Wein und Kraut in dem Palast meiner Mutter mehr vorzufinden. Wenn es ganz schlecht lief, würde ich zum armen Schlucker werden, wie Apollo es so treffend beschrieben hatte. Dann wäre ich das Gespött aller Götter. Und meine arme Mutter noch dazu.
Es musste etwas geschehen.
Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich den letzten Pfeil abgeschossen hatte. Nach einer Weile kam ich zu dem Schluss, dass das tatsächlich schon ziemlich lange her war. Apollo hatte also Recht. Wie immer.
Seufzend beschloss ich daher, die Arbeit wieder aufzunehmen.
Ich musste ziemlich lange kramen, bis ich meinen Köcher in Wolke fand. Er war voller Pfeile. An einer ganz anderen Stelle in Wolke entdeckte ich meinen Bogen. Ich legte beides über meine Schultern, was ziemlich anstrengend war. Anscheinend hatte ich die Bewegung nicht mehr so häufig ausgeführt.
Dann zog ich einen Pfeil aus dem Köcher und betrachtete ihn. Ganz dunkel erinnerte ich mich: es gab da auch noch so eine Höhle …
Der Pfeil blitzte im Sonnenlicht. Es war einer von den Goldenen, die die Liebe verursachten. Ehrlich gesagt hatte ich mich nie intensiv mit den Dingern beschäftigt.
»Leidenschaft«, stand am Pfeilende eingraviert.
»Leidenschaft«, murmelte ich. »Was auch immer es damit auf sich hat.«
Für mich waren diese ganzen menschlichen Emotionen wie barbarische Dörfer. Liebe, Leidenschaft, Gefühlsduselei, Strohfeuer, Kussfreundschaft, ewige Liebe, große Liebe, erste Liebe, Affäre, … bei den Titanen, wie viele Begriffe gab es für die Liebe?
Die bleiernen Pfeile waren weitaus nützlicher als die goldenen, denn sie hielten einem lästige Lebewesen – zum Beispiel Insekten – vom Leib. »Ablehnung« und »Ignoanz«, ich verbesserte mich: »Ignoranz«, vertrieben sogar Schmeißfliegen. Die Arbeit konnten sie aber nicht vertreiben.
»Nee, ey!«, stöhnte ich und ließ mich rücklings auf Wolke fallen. »Ich hab sowas von kein Bock!«

Wolke ruckelte sachte hin und her. Ich verstand das als Einladung, ihr mein Herz auszuschütten.
»Die Menschen sind in Liebesdingen eine Katastrophe. Weißt du, ich habe mich viele Jahre abgemüht, es ist immer dasselbe: Er liebt mich nicht, sie liebt mich nicht, wieso liebt der mich, aber nicht der, wieso liebt die mich, aber nicht die? Warum liebt mich keiner? Wieso-weshalb-warum ist die Mondsichel krumm?«
Ich stellte mich aufrecht hin. Es tat gut, das alles mal rauszulassen.
»Es ist doch so: Menschen sind nicht geschaffen für die Liebe. Da kann ich noch so toll schießen. Ständig finden sie irgendwelche Möglichkeiten, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Und falls, ja ich sage »falls« – denn es passiert selten – sich mal zwei gefunden haben, die sich wirklich lieben … dann stirbt der eine und der andere direkt danach.«
Ich setzte mich wieder.
Szenen spielten sich vor meinem inneren Auge ab. Pyramus hieß der Typ, soweit ich mich erinnerte, und Tisbe hieß die Frau.
Die hatten sich wirklich gerne, durften aber nicht zusammen sein, weil ihre Familien verfeindet waren. Ich half ihnen, so gut ich konnte. Zwei meiner schönsten goldenen Pfeile habe ich hergegeben, um sie so richtig dolle ineinander verliebt zu machen.
Was passierte?
Sie schlichen nachts aus ihren Häusern, um sich zu treffen. Ich erwartete ein Happy End!
Aber ein Löwe, ein verlorener Schal und ein Missverständnis machte alles zunichte.
Schlussendlich:
Beide mausetot.
Damals begriff ich: Männer und Frauen passen nicht zusammen!
»Wofür also soll ich schuften, weswegen mich abmühen, Wolke? Kannst du es mir sagen?«
In diesem Moment machte Wolke einen Satz; ich stolperte und fiel hinab. Mein Sturz verursachte ein riesiges Loch im Erdboden und ich hatte mir eine Locke verbogen. Tapfer rappelte ich mich wieder auf.
»Was erlaubst du dir? Ich bin ein Gott!«
Ich wollte Wolke gehörig die Meinung sagen, als mein Blick auf den Eingang einer Höhle fiel, die ich … zugegebenermaßen … etwas verdrängt hatte.
Ich bedachte Wolke mit einem bösen Blick, – gewiss steckte sie dahinter, mich genau hier abzuwerfen – und betrat mit einem unguten Gefühl in der Magengegend die Höhle. Es war stockfinster und ich brauchte einige Augenblicke, um mich an die Dunkelheit zu gewöhnen.
Dann sah ich sie. Ich hätte es mir kaum schlimmer vorstellen können. Pfeile um Pfeile, die ganze Höhle vollgestopft damit.
Und ich erinnerte mich, dass ich sie, – wenn es auf Wolke zu voll wurde – einfach hier abgeladen hatte. Scheiße!
Diese Dinger mussten verschwinden! Wenn mir jemand auf die Schliche kommen würde, nicht auszudenken! Apollo hatte so verdammt Recht gehabt.
Die Erkenntnis durchzog meinen Geist schmerzhaft wie die Kopfschmerzen, die in diesem Moment wieder einsetzten. Mit zusammengekniffenen Augen und beiden Händen an den Schläfen, meinen Kopf haltend, musterte ich den Schaden.
Immerhin hatte ich die Pfeile halbwegs sortiert. Die mit rosa Schimmer für Mädchen und Frauen, rechter Teil der Höhle, die mit blauem Schimmer für Jungs und Männer – linker Teil.
Aber wie verdammt sollte ich all die Pfeile loswerden? Es würde mehrere Erdumläufe dauern. Eine Ewigkeit. Auf jeden Fall zu lange. Auch wäre, so schien mir, damit viel zu viel Arbeit verbunden.

Ich bestopfte Wolke mit den goldrosa Liebespfeilen. Alles dabei: Leidenschaft, Strohfeuer, ewige Liebe, heftige Affäre … und flog los. Die Dinger mussten weg, so schnell wie möglich.
Und irgendwo über dem Mittelmeer, über den ägäischen Inseln, darunter eine mit dem vielversprechenden Namen »Lesbos«, schmiss ich sie einfach runter.

Die blaugoldenen Pfeile flog ich zu einer Halbinsel mit fünf kleineren Halbinselchen daran. Die Menschen nannten es Griechenland.
Mit Sicherheit paßten Männer viel besser zu Männern und Frauen viel besser zu Frauen. Es konnte nur besser werden als die klassische Variante »Mann-Frau«.
Ein genialer Plan! Ich heiße Amor! Ich bin ein Gott!

Als ich zurück kam, lagen immer noch einzelne Pfeile in der Höhle. Die hatte ich wohl übersehen. Ich überlegte, ob ich sie liegen lassen konnte. Genug getan für heute.
Sicherheitshalber klaubte ich sie doch zusammen und verstreute sie über einsamen Bergwipfeln, wo es nichts anderes zu geben schien als Hirten und ihre Herden.
Dann flog ich zurück zur Wolke, um einen wohlverdienten Frühabendschlaf abzuhalten. Ich war zufrieden mit mir. Während ich einschlief, stellte ich mir vor, wie Krüge um Krüge in den Opferschrank meiner Mutter geliefert wurden.
Die Griechen tranken ausgezeichneten Wein.
Ich war mir sicher, dass alles gut werden würde.
Wer hätte gedacht, dass Arbeit so glücklich machen kann!

Anmerkung:

Dies ist der vorerst letzte Teil des “Entwurfes” zu Amors Abenteuer. Ich plane aber, demnächst an dieser Stelle das Wagnis eines “Fortsetzungsromanes” zu beginnen.

Dazu brauche ich Deine Hilfe!

Wenn Du bis hierher gelesen hast und vielleicht sogar Freude daran empfandest, wäre ich schon mal sehr glücklich. 😀 Besonders wichtig ist für mich allerdings ein kurzes Feedback, ein Kommentar, damit ich ggf. die “Richtung” meines Buches noch etwas besser koordinieren kann.

Was hat Dir besonders gut gefallen?

Was hat Dir nicht so gut gefallen?

Was würdest Du gerne noch von Amor, Diana, Apollo, Venus, Mars, Jupiter … u.a. lesen?

Was sonst gibt es zu sagen?

Ich meine, klar, ich habe einen Plan, genauso wie unser Amor. 😉 — Aber mir ist es ganz wichtig, dass das, was ich schreibe, auch beim Leser ankommt. Dass es verständlich ist! Dass es Spaß macht, das zu lesen. Dass der Humor (hoffentlich) nicht zuuuu derb gewesen ist. Dafür ist jeder Kommentar hilfreich und wichtig!!!

Wer nicht hier drunter posten kann/mag, der ist natürlich herzlich eingeladen, mir eine private Nachricht zu schicken.

Runa.Phaino@gmail.com

Herzlichen DANK!!! ❤

Amors Abenteuer (2)

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Apollos Wagen funkelte und strahlte wie die Sonne selbst. Der Zephyr gab mir Antriebskraft. Unter mir zogen Wolken dahin, dazwischen konnte ich die Erde sehen: Flüsse, Berge, Städte. Das Meer mit winzigen weißen Punkten, Schaumkronen und Wellen.
Apollo schätzte es nicht, wenn ich ihn bei der Arbeit besuchte, aber dies war ein Notfall. Außerdem, fand ich, arbeitete er gar nicht, sondern jagte mit einer mordsmäßigen Geschwindigkeit durch den Äther. Cooler Job.

»Oh Shit!« Ich purzelte kopfüber auf die Rückbank, wobei eine meiner Federn brach.
»Ey, Alter!«, Apollo dreht sich zu mir um, »Was is`n los, Mann?«
»Ich dachte, ich komm mal vorbei …«
Apollo ließ die Peitsche knallen und die Pferde wieherten. Es waren vier riesige Tiere mit flammend hellen Mähnen, wilden Augen und gefährlich schlagenden Hufen.
»Krass schnell, was?«
»In der Tat«, bestätige ich, während ich versuche, meinen Kopf nach oben und meine Beine nach unten zu bekommen.
»Das is´n Phaeton, zehn Ellen lang. Üppiger Radstand, goldene Karosserie, kaum Schnörkel, dafür straffe Linien an den Seiten – das Teil hat Charakter. Zwei Pferdestärken mehr und heizt richtig rum!«
»Meinst du, ich kann vielleicht den alten Wagen haben?«, fragte ich, mittlerweile richtig positioniert. Es war zwar nicht mehr das neuste Modell, aber es war ein WAGEN, kein Westwind, keine Wolke und vor allem keine affigen Flügel mit weißen (und ein paar hellrosa) Federn, die aufgeregt flatterten, wenn ich flog.
»Klaro, wenn deine Alte das erlaubt …« Apollo lachte. »Was willste? Ich muss arbeiten, weißte doch.«
»Jaja«, sagte ich und schüttelte kurz den Kopf, was Apollo nicht sehen konnte. Arbeiten, von wegen.
»Ich habe eine Frage. Und du bist der schlauste aller Götter, also …«
Apollo ließ die Peitsche knallen.
»Haste schon gemerkt, dass die Sonne jetzt weiter hinten hängt?«, fragte Apollo.
Ich drehte mich um.
»Stimmt, ist nicht mehr so heiß hier wie früher.«
Apollo nickt zufrieden.
»Und die Sitze sind aus Leder«, er machte eine bedeutungsvolle Pause, »vom kalydonischen Eber.«
Gerade hatte ich mir eine richtig gute Frage überlegt, aber seine Worte brachten mich aus dem Konzept.
»Aus Leder? Von einem Tier? Und deine Schwester?«
Apollos Zwillingsschwester Diana war, was Tiere anbelangte, ziemlich eigen. Zwar war sie eine Jägerin, aber gleichzeitig auch selbsterklärte: »IchbeschützealleTiererin«
»Das ist das Beste!«, feixte Apollo. »Die hat ihn auf dem Gewissen.«
»Echt jetzt?«
»Ja, irgend so ein König hat vergessen ihr Opfergaben darzubringen und dann hat sie den kalydonischen Eber auf ihn gehetzt. Der ist dabei leider umgekommen.«
»Und opfern die Leute ihr jetzt wieder?«
»Klaro.«
Den Gedanken, dass die Verbreitung von Angst und Schrecken eine Lösung für mein Opfergabenproblem sein könnte, verwarf ich sofort wieder. Dianas Methoden waren zu extrem.
»War Vollmond?«, fragte ich.
Apollo grinste. »Zu meinem Glück! Guck dir das Leder mal an, komplett weiß, wunderbar weich; ey, pass mit deinen Füßen auf!«

»Okay«, begann ich, »mal angenommen, deine Opfergaben würden schwinden, was würdest du tun?«
»Das passiert nich.«
»Ja, aber mal angenommen.«
»Nee, das passiert nich.«
Ich versuchte es noch einmal.
»Ja, aber mal angenommen!«
Apollo guckte mich skeptisch an. »Was´n los, Kleiner, gibt´s Probleme?«
»Nein«, antwortete ich, konnte aber nicht verhindern, dass meine Flügel aufgeregt zitterten.
»Du kriegst eh nix. Also isses … deine Ma?«
»Quatsch!«, rief ich. Jetzt zitterte mein ganzer Körper. Mist!
»Deine Ma. Wusste ich´s doch.«
Ich seufzte.
»Sag´s nicht weiter«, bat ich, enttäuscht, dass er mir so schnell auf die Schliche gekommen war. Aber ich konnte ihm vertrauen. Bestimmt. Er war schließlich mein bester Freund.
»Mann, voll peinlich, Alta, das sollte sich echt nicht rumsprechen«, sagte Apollo.
»Ja«, pflichtete ich ihm kleinlaut bei. »Ich versuche, der Sache auf den Grund zu gehen und dachte mir, du kannst mir helfen.«
Apollo rieb sich das Kinn.
»Woran könnte es liegen, dass die Göttin der Liebe keine Opfergaben mehr kriegt?«
Er guckte nach links und nach rechts, nach oben und nach unten. Das alles wirkte sehr theatralisch auf mich.
»Was meinst du?«, fragte ich.
Jetzt sah er mich direkt an mit seinen stechenden blauen Augen, während den Pferden der Schaum vom Maul flog.
»Wer is´n verantwortlich für die Liebe?«
»Na …«, ich dachte kurz nach, »Ich.«
»Und was machst du den ganzen Tach?«
»Äh …«
Ich hatte das untrügliche Gefühl, dass das jetzt sehr, sehr unangenehm werden würde.
»Nix!«, fuhr Apollo fort. »Du machst nix. Du pennst bis in die Puppen, du säufst wie ein Loch, du jammerst rum und vor allem: Du machst deine Arbeit nicht, seit – ich weiß gar nicht wie lange!«
»Aber …«, ich wollte das nicht auf mir sitzen lassen. DAS konnte unmöglich der Grund sein. »Aber wenn Du Deine Arbeit nicht machst …«
Apollos Blick verfinsterte sich.
»Äh, ich meine, wenn du sie nicht machen kannst, weil deine Schwester den Mond vor die Sonne schiebt, klar, du machst ja immer deine Arbeit und tut mir leid, ich wollte dich jetzt echt nicht kritisieren …«
»Das hoffe ich.«
»Okay«, fuhrt ich fort, »wenn irgendwas deiner Arbeit im Wege steht, dann opfern die Menschen doch wie verrückt!«
»Klaro«, entgegnete Apollo ungerührt. »Weil sie Angst haben. So eine Verdunkelung der Sonne ist eben schwer zu ertragen für die Menschen. Meine Schwester darf sich solche Späße auch nicht allzu oft erlauben.«
Ich pflichtete ihm bei. Diana hatte einen makabren Sinn für Humor.
»Ja, aber meine Schwester kriegt ´ne Menge Opfergaben«, fuhr Apollo fort. »Sie zieht ihr Grausamkeits-und-Ich-bin-doch-ganz-nett-Ding konsequent durch. Du aber solltest jetzt echt mal zusehen, den ganzen Mist der letzten Zeit wieder auf die Reihe zu kriegen. Ich hab´s dir von Anfang an gesagt.«
»Du hast nicht gesagt, dass es keine Opfergaben mehr geben würde!«, protestierte ich.
Apollo rollte mit den Augen. Er hielt die Hand in die Luft, streckte den Daumen aus, dann den Zeigefinger, dann den Mittelfinger.
»EINS, ZWEI, DREI!«, zählte er. »Oder anders gesagt: Lo-gik.«
»Konquesennzen?«, fragte ich bekümmert.
»Genau, Amor. Das sind Kon-se-quen-zen.«
»Scheiße«, seufzte ich.
Apollo drehte sich zu mir um kräuselte die Brauen.
»Jetzt schwirr ab und lass mich meine Arbeit machen.«
»Was soll ich denn jetzt tun?«
»Dir wird schon was einfallen.«
»Und wenn nicht?«
»Tja, dann … gibt´s halt keine Opfergaben mehr und du wirst ein armer Schlucker.«
»Apollo!« Langsam machte er mir wirklich Angst.
»Komm, Kleiner, das wirste doch selber hinkriegen.« Er gab mir einen Klaps auf die Schulter. Das untrügliche Zeichen, dass ich abflattern sollte. Es machte mich auch ein bisschen stolz, dass er glaubte, ich selbst würde eine Lösung finden.
»Na gut,« sagte ich, »Danke, du bist echt toll, Mann.«
»Na klaro«, entgegnete Apollo, »Ich bin Apollo.«
Ich war schon halb in der Luft, als Apollo mir hinterherrief: »Denk heute Abend an den Retsiner!«
Apollo hatte einen ausgezeichneten Geschmack. Der Retsiner war der beste Tropfen im Weinkeller meiner Mutter.

(…)

https://lehmofen.wordpress.com/2015/07/25/amors-abenteuer/