Kummer und Sorge

sculpture-1801600_1920Als die Sicht wieder klar wurde, erkannte Psyche eine riesige, rosafarbene Wolke, auf die ein riesiger Palast gebaut worden war.

Wie ist das möglich?“, fragte Psyche.

Vorwärts!“, rief Liebeständelei und gab Psyche einen Stoß in den Rücken.

Mit großen Schritten bewegten sie sich auf das Schloss zu. Auf einer Empore über dem Eingang stand die Göttin. Ihre Schönheit war so gewaltig, dass sie den Sonnenuntergang überstrahlte. Doch nichts täuschte darüber hinweg, dass sie zornig war.

Was bist du nur für ein hässliches, widerwärtiges Ding!“, rief Venus vom Balkon hinab. „Glaube ja nicht, dass ich mich erweichen lasse, weil du meinen Enkel unter dem Herzen trägst. Kummer! Sorge! Ins Verließ mit ihr! Lasst sie genauso leiden, wie mein Sohn es tut!“

Die Flügeltüren des Palastes öffneten sich und hinaus trat ein junges Mädchen. Das Haar fiel ihm lose ins Gesicht, sein Gewand war fleckig und zerrissen. Es kümmerte sich nicht darum, was es von sich zeigte. Gebückt ging es, als ob es eine gewaltige Last tragen würde. Immer wieder wischte es sich die Augen.

Ihm folgte eine alte Frau. Sie blickte gerade heraus und stützte sich beim Gehen auf einen Stock. Ihre Stirn wirkte zerfurcht, ihr Gesicht von tiefen Falten durchzogen. Obwohl sie den Mund zu einer Art Lächeln verzog, zeigten die Mundwinkel hinab.

Hastig band Liebeständelei Psyches Arme los und wich ein paar Schritte zurück. Das kleine Mädchen nahm Psyches Hand, die alte Frau legte eine Hand auf ihre Schulter.

Und in diesem Moment schwand Psyches Mut und jede Hoffnung. Sie fühlte sich schwach und leblos. Ihr Vorhaben war zum Scheitern verurteilt. Was sollte sie schon ausrichten gegen den Willen einer Göttin? Sie hatte Amor zutiefst gekränkt. Nie würde er ihr verzeihen. Nichts war sie im Vergleich zu all dem, was sie umgab. Selbst der Schmutz im Verließ war wertvoller als sie. Und schöner.

Psyche sank gegen die kalte Mauer des Kerkers. Kummer und Sorge überwältigten sie und sie hatte nicht einmal mehr die Kraft zu weinen.

 

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Mut und Liebeständelei

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In der Nähe der kleinen Stadt Lindos gab es einen alten Tempel, welcher der Göttin Venus geweiht war. Es war ein Weg von drei Tagen, der durch eine karge Landschaft führte. Psyche trank nicht, sie aß nicht, machte nirgendwo Halt. Sie achtete nicht auf ihre schmerzenden Füße, sie kümmerte sich nicht um ihre kaputten Glieder.

Ich bin glücklicher, als ich es im Schloss war“, stellte Psyche dabei fest. „Es tut gut zu wissen, was man will.“

Am Abend des dritten Tages stand sie endlich vor den gewaltigen Marmorsäulen, die den Eingang zu Venus Heiligtum markierten. Tapfer betrat sie den Tempel.

Innen war es leer und still, die Priester hatten sich von dem Tagesgeschäft zurückgezogen. In einer Kuhle in der Mitte loderte ein Feuer. Ringsum standen Gaben für die Göttin. Große Amphoren mit Wein, Kleider und Papyrusblätter, auf die Menschen ihre Wünsche geschrieben hatten.

Ich bin hier!“, rief Psyche. „Ich bin hier und ich bin die, die du suchst, Venus!“

Aus dem Gemäuer löste sich ein dunkles Etwas. „Hab ich dich!“, rief es. „Da wird sich meine Herrin freuen!“

Das Wesen hatte grelle, rote Lippen und kohlrabenschwarz umrandete Augen. Es trug eine knappe Tunika mit tiefem Ausschnitt.

Bist du eine Priesterin?“, fragte Psyche verwirrt.

Weit gefehlt“, rief das Wesen, stürzte zu Psyche und fesselte ihr die Arme auf den Rücken. „Mein Name ist „Liebeständelei“ und ich bin der Liebling von Venus!“

Dann bringe mich zu ihr, denn deswegen bin ich hier.“

Liebeständelei zupfte an Psyches Haar und kicherte vergnügt. „Diese kleine Heldeneinlage wird dir nichts nützen. Sie wird dich bestrafen. Ganz böse bestrafen! Und mich wird sie belohnen, ganz gut belohnen!“

Sie ließ ein eigenartiges Trällern verlauten und aus dem Nichts entstand ein Nebel, der sie einhüllte und in die Höhe hob.

Das Geschenk von Ceres

cake-1306874_1920„Es tut mir leid wegen deiner Tochter“, sagte Psyche. Ihr Herz klopfte so stark, dass ihr schwindelig wurde. Am liebsten hätte sie Ceres tröstend umarmt, doch aus Ehrfurcht vor der Göttin ließ sie ihre Hände wieder sinken und sagte:

„Ich wünschte, ich könnte dir helfen.“

„Das kannst du nicht“, sagte Ceres traurig. „Denn selbst die Götter wissen nicht, wo sie ist. Ach. Und ich sitze hier und werde getröstet von der Feindin einer Freundin. Die Nornen haben einen seltsamen Sinn für Humor.“

„Die Nornen?“, fragte Psyche.

„Die Schicksalsspinnerinnen. Drei alte Weiber, eine frecher als die andere.“

„Oh ja“, Psyche nickte bekräftigend. Sie kannte die Nornen aus den Geschichten, hatte sie aber für eine Erfindung gehalten. Doch nach dem zu urteilen, was Ceres sagte, waren selbst die Götter einer höheren Macht unterworfen.

„Ich sollte jetzt weitergehen“, sagte Psyche. „Ich möchte nicht, dass du Streit mit Venus bekommst.“

„Was wirst du jetzt tun?“, fragte Ceres.

„Ich werde zu ihr gehen“, sagte Psyche.

„Wie bitte?“ Ceres sah Psyche mit ihren kornblumenblauen Augen an.

„Ja“, sagte Psyche. „Das erscheint mir die beste … nein, die einzige Möglichkeit zu sein. Ich werde zu ihr gehen und dann soll sie machen, was immer sie für richtig hält.“

Ceres schüttelte den Kopf. „Das wäre dein Tod. Verstecke dich lieber oder fliehe.“

„Du hast mir alles gesagt, was ich wissen musste“, entgegnete Psyche. „Amor liebt mich immer noch und das ist das einzige, was zählt. Wenn ich ihn zurückhaben will, dann geht das nur mit dem Einverständnis seiner Mutter.“

Psyche erhob sich.

„Du sagst, ich könnte sterben. Doch ohne Amor bin ich längst tot. Ich werde zu Venus gehen.“

„Du bist mutig“, sagte Ceres anerkennend. „Und auch, wenn ich dir nicht helfen kann, so will ich dir wenigstens etwas mitgeben, damit du deinen Hunger stillen kannst. Denn dass du hungrig bist, das sehe ich.“

Sie drückte Psyche ein kleines Bündel in die Hand. Psyche roch daran. Es roch süßlich und würzig zugleich. Der Stoff klebte leicht daran, ließ sich aber gut ablösen.

Es waren zwei kleine Honigkuchen.

Psyche bedankte sich und steckte sie ein. Und dann ging sie weiter.

Die Geister, die man rief …

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„Was kann denn gegen diesen Kummer helfen?“

„Nun“, sagte Pan und sah Psyche fest in die Augen. „Gegen alles ist ein Kraut gewachsen. Nur manch eines ist schwer zu finden. Doch heute ist dein Glückstag. Das, was du brauchst, ist eine neue Liebe.“

Pan setzte die Flöte ab und streichelte ihr mit den Fingerspitzen über den Rücken, federleicht. „Du könntest hierbleiben. Du wärest willkommen in unserem Kreis der Liebenden. Du würdest eine neue Liebe finden, gewiss. Vielleicht einen Satyr, vielleicht einen Stern, vielleicht jemanden wie mich …“

Hunderte Augenpaare sahen Psyche erwartungsvoll an. Sie spürte die Erleichterung, die im Vorschlag von Pan lag. Wie reizvoll es wäre, hier Zuhause zu sein und zu vergessen. Zu lachen, zu tanzen, zu feiern und zu trinken. Tagein tagaus und jede Nacht mit dieser lustigen Schar durch die Wälder zu ziehen.

„Ich suche schon seit einiger Zeit eine dauerhafte Gefährtin“, sagte Pan. „Eine einfache Frage, eine ehrliche Antwort: Willst du oder willst du nicht?“

Psyche wandte ihren Kopf zur Seite und hauchte:

„Nein. Es tut mir leid, ich kann nicht. Ich liebe ihn.“

Ein enttäuschtes Murmeln erklang von unten. Enttäuscht schürzte auch Pan die Lippen und zog seine Hand zurück.

„Nun, wenn du unbedingt leiden willst, dann willst du eben unbedingt leiden“, schloss Pan. Grinsend setzte er die Flöte wieder an. „Aber heute Nacht gehörst du zu uns.“

Und dann spielte er eine Melodie, die so fröhlich war, dass Psyche wie von selbst vom Stein in die wogende Masse der tanzenden Faune, Nymphen und Satyrn glitt.

 

 

„Amor! Wach auf!!!“ Das Zimmer zitterte, Pluto schlug so kräftig an die Tür, dass sie fast zu bersten drohte. „Wir haben eine Abmachung!“  Wieder wurde das Zimmer von berstenden Schlägen erschüttert.

„Liebesgott! Mach! Auf!“

Amor blinzelte verschlafen und richtete sich auf. In seiner Schulter pochten quälende Schmerzen. „Au“, wimmerte Amor und presste eine Hand auf den Verband.

„Tu nicht so wehleidig! Du entkommst mir nicht! Keiner entkommt mir!“

„Das ist gut“, keuchte Amor. „Ich bin bereit zu sterben …“

„Öffne die Tür!“

„Die Tür ist verschlossen, meine Ma hat den Schlüssel … “

Draußen herrschte einen Augenblick Stille. Dann beobachtete Amor, wie sich ein dunkler Nebel vom Türspalt her ausbreitete, feine Kreise zog und sich zu verwandeln begann. Und der Nebel wurde eine dunkle Gestalt mit einer Kapuze und einem strudelnden Gesicht.

„Hast du rausgekriegt, was mit Pyramus und Thisbe geschehen ist?“, blaffte Pluto.

„Wenn ich es dir sage, nimmst du mich dann trotzdem mit zu den Toten?“

„Auf jeden Fall“, entgegnete Pluto.

„Sie leben ewiglich in irgendwelchen Büchern, weil ihre Liebe ja soooo groß war.“ Amor rollte mit den Augen.

„Ein Liebespaar, hm?“ Hätte Pluto eine Stirn gehabt, er hätte sie sicherlich gerunzelt. Doch seine Stimme klang fröhlich.

„Na, dann lassen wir die beiden mal dort, wo sie sind. Denn die Liebe ist doch das schönste, was es gibt!“

Amor zog sich das Kissen über den Kopf. Das alles durfte nicht wahr sein!

„Was ist los mit dir?“, frage Pluto. „Bist du krank oder was?“

Amor linste unter dem Kissen hervor und deutete schwach auf seine Schulter. „Schwer verletzt.“

„Pah, das ist doch gar nichts!“

Pluto schnippte mit seinen Fingern und statt eines Strudels erschien auf einmal ein nahezu menschliches Gesicht unter der Kapuze.

„Wie findest du es?“, fragte Pluto. Seine Stimme strömte nun aus einem wirklichen Mund und sein Blick war viel leichter zu deuten. Neugierig sah er Amor an.

„Ähh …“ Amor war verblüfft über die plötzliche Verwandlung.

„Oder lieber so?“ Pluto schnippte noch einmal und sein Gesicht veränderte erneut die Form. Es war auf einmal bärtig mit dichten, buschigen Augenbrauen.

„Kantiger“, seufzte Amor.

„Kantiger?“, wiederholte Pluto und zwirbelte die Spitzen seiner Augenbrauen. „Das gefällt mir! Wie findest du mein Gewandt?“

Amor blickte Pluto skeptisch an. Warum verhielt er sich auf einmal wie Venus?

„Darf ich jetzt sterben?“, rief Amor verzweifelt.

Pluto schüttelte den Kopf.

„Sag mir erst, wie findest du es?“

Amor zog sich die Bettdecke bis zum Kinn und rollte mit den Augen.

„Sieht toll aus. Superschick. Ganz klasse.“

„Findest du? Meinst du das auch ernst? Sie ist nämlich wunderschön, musst du wissen“, fuhr Pluto fort, während er an seinem Kleidungsstück zupfte.

Plutos Gesicht verlor für kurze Zeit seine Form und Amor meinte, im Gewirbel unter der Kapuze einige Herzchen ausmachen zu können.

„Ich habe eine Frau gefunden. Die Frau, für die ich Blumen pflücken würde.“

„Ich will jetzt endlich sterben!“, japste Amor. Hatte sich denn alles gegen ihn verschworen?

 

Musikalische Jugendsünden …

Der Sprecher von Amors Abenteuern, ich möchte es euch nicht vorenthalten, hat einen Teil seiner musikalischen Anno-dazumals auf Soundcloud hochgeladen.

Musikfetzen, Songs und Experimente.

Das erste Lied “Butterfly Wings” ist eines meiner absoluten Lieblinge und rangiert auf meiner Playlist irgendwo zwischen David Bowie (Chapeau!), den Doors und anderen Genies. 😉

Viel Freude beim Anhören, wer mag!

Runa Phaino

HIER

Runa Phaino und der Lehmofen

Salve, “Hallo” and a warm and hearty welcome to this lovely crazy place!

If you prefer to read in English, please visit my page named Runa Phaino where I write English posts.

Ich liebe alte Gedanken und Ideen, Mythologie, Philosophie, Geschichte und Religion(en). Einiges davon habe ich studiert und war schon immer interessiert an Dingen, die noch viel älter sind als die alten Römer oder Griechen. Zurzeit veröffentliche ich jeden Donnerstag Abend einen Post zu Themen, die mich interessieren: z.B. Götter mit lustigen Namen wie Mutunus Tutunus.

Daneben und darüber schreibe ich auch Bücher. Im Dezember 2017 wird mein erster Roman über “Amor und Psyche” erscheinen. Die Geschichte stammt aus der Spätantike von einem Autor namens Apuleius. Ich habe mein Bestes getan, um sie in die heutige Zeit zu “übersetzen”.

Vieles von dem, was einst geschah, steckt noch immer tief in unseren Köpfen (in unserer Kultur und Gesellschaft). Ich glaube schon, dass man aus der Geschichte lernen kann, aber nur dann, wenn man sich der vergangenen Ereignisse bewusst ist. Dazu möchte der “Lehmofen”* einen kleinen Beitrag leisten.

Runa Phaino**

Keilschrifttafel Ein Hymnus an Ishtar. ( 2. Jh. v. Chr.)
By http://www.metmuseum.org/art/collection/search/321911This file was donated to Wikimedia Commons by as part of a project by the Metropolitan Museum of Art. See the Image and Data Resources Open Access Policy Deutsch | English | Esperanto | Português | +/−, CC0, Link

(* Vielen Dank für den Lehmofen im Header mit Genehmigung von: http://www.holzlehm.de)

(** Das Ph in “Phaino” wird wie F ausgesprochen. Ist was altgriechisches. Kennt man noch aus z.B. “Philosoph”. 😉