Die Zwei-Zehn-Götter


Der Olymp. Von Charles-Amédée-Philippe van Looonline, Gemeinfrei, Link

Der folgende Beiträg enthält eine Übersicht über die Herkunft der zwölf olympischen Götter und ihren Auftritt in meinem im Dezember 2017 erscheinenden Roman „Amor und Psyche“. Abschließend gibt es einen Exkurs zur Zwei-Zehn oder Zwölf (12) – eine Zahl mit mythologischem Hintergrund.

Die Götter der Griechen und Römer waren überaus zahlreich. Es gab aber sowohl in Griechenland als auch in Rom ein festes Pantheon, also ein Verständnis davon, wer zu den Hauptgöttern zählte. Bereits von antiken Autoren werden 12 Götter zu den Hauptgöttern gezählt.
Die europäische Kultur-Geschichte begann allerdings weder mit den Römern (ca. 6. Jh. v. Chr.) noch mit den Griechen (ca. 9. Jh. v. Chr.), sondern mit solch weitgehend unbekannten Völkern wie den Hethitern, Assyrern, Urartäern, Babyloniern, Sumerern. Dies sind alte Hochkulturen, die ebenfalls mehrere Götter verehrten. Die Geschichte der Sumerer beginnt beispielsweise schon im Jahr 5000 vor Chr. Bekannter, aber nicht älter, sind nur die Ägypter.

Typisch für die Assyrer: Menschenköpfige, bärtige Flügelwesen. Von Austen Henry Layard 1817-1894. – (Originaltext: aus Layards Buch “Nineveh and Babylon; a narrative of a second expedition to Assyria during the years 1849, 1850, & 1851”), Gemeinfrei, Link

Keilschrift Keilschrift. Schriftzeichen dieser alten, eher unbekannten Kulturen. – Der Grund, warum auch der „Lehmofen“ seinen Namen trägt, denn die alten Texte wurden früher im Ofen wie Kekse „gebacken“. Von Hammurabi, King of Babylonia;Ungnad, Arthur, b. 1879 – https://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14576489278/Source book page: https://archive.org/stream/briefeknighamm00hamm/briefeknighamm00hamm#page/n19/mode/1up, No restrictions, Link

Die Geschichte „vor” dem Jahre 0 mit den Menschen, die an viele Götter glaubten, dauerte also bereits viel „länger“ als die Geschichte nach dem Jahr 0, die – zumindest heute – erst in den achten von insgesamt 12 Monaten, also August 2017, reicht.

Man kann sagen, dass alle römisch-griechischen Götter schon in den Gottheiten der alten Kulturen angelegt sind. Ähnlich wie im Beitrag über Mutunus Tutunus  sind es zwar niemals dieselben Götter, aber ihre Eigenschaften überschneiden sich. So ist z.B. Venus die Göttin der Liebe bei den Römern, Aphrodite bei den Griechen, Ishtar bei den Babyloniern, Inanna bei den Sumerern.
Auf der Website http://www.diegoetter.de findet man dazu viele Hintergrundinformationen.

Venus Venus/Aphrodite in einer bildnerischen Version des frühen 20. Jh. By Herbert James Draperhttp://1.bp.blogspot.com/_-H-t Wz1VNU/SoBcp_6TLKI/AAAAAAAAFIc/oIs6S25o8C4/s1600-h/Draper_PearlsOfAphrodite_100.jpg (cropped), Public Domain, Link

Ishtar Ishtargravur auf einem Tongefäß. By © Marie-Lan Nguyen / Wikimedia Commons, Public Domain, Link

Teil eines ehemaligen Inanna-Tempels in Uruk. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Doch nicht nur die Götter und ihre Eigenschaften, auch die Erzählungen von den Göttern überschneiden sich, verändern sich aber auch mit der Zeit. So gibt es einen sehr alten Mythos über Inanna und Dumuzi, wo – je nach Quelle – mal er, mal sie in die Unterwelt geschickt wird oder selber dorthin geht und später wieder rauskommt. Bei den Griechen/Römern findet sich die Geschichte in abgewandelter Form für Persephone/Proserpina und Hades/Pluto wieder.
Und auch im Christentum hat die Geschichte – in etwas anderer Form – Einzug gehalten und wird bis auf den heutigen Tag erzählt. An Karfreitag stirbt Jesus, am Ostersonntag darf er das Totenreich verlassen, ist „auferstanden von den Toten“. Und auch viele andere Kulturen kennen diese Art von Erzählung. Ein eigener Blog-Artikel dazu würde sich lohnen. 🙂

Unterwelt Hier ein Beispiel aus der nordischen Mythologie. Heimdall verlangt die Rückkehr Iduns aus der Unterwelt. By Carl Emil Doepler (1824-1905) – Wägner, Wilhelm. 1882. Nordisch-germanische Götter und Helden. Otto Spamer, Leipzig & Berlin. Page 285., Public Domain, Link

Diese Erzählung von “Tod und Auferstehung” hat also den Wandel der Zeiten bis auf den heutigen Tag überdauert. Warum das so ist, kann man nur vermuten. Ich denke: Zum Einen erleichtern diese Unterwelts-Rückkehr-Geschichten die Tatsache, dass der Mensch irgendwann einmal stirbt. Zum Anderen gibt es diesen Kreislauf von „Untergang“ und „(Wieder)Geburt“ auch ganz faktisch schon seit Menschengedenken, da sich die Sonne (oder auch der Mond) mal länger und mal kürzer am Himmel aufhält im Laufe unseres in 12 Abschnitte eingeteilten Jahres.

Tagundnachtgleiche Ein Astrologe beobachtet die Tag-und-Nachtgleiche. Im Hintergrund Adonis und Venus. (ca. 17. Jh. n. Chr.) By Domenicus van Wijnenpl.pinterest.com, Public Domain, Link

Dieser Erzählung – auf ihre Grundaspekte reduziert – ist auch kein europäisches, sondern ein weltweites Phänomen. Denn auch in anderen, alten und moderneren Gedankensystemen findet sich diese Spannung zwischen „Werden“ und „Vergehen“, „Tag“ und „Nacht“, „Frau“ und „Mann“.
Das bekannteste Symbol dafür ist wohl dieses hier:

Ying Yan Yin Yang. By Kenny Shen – Own work, Public Domain, Link

Für Spannungen ist auch das römisch-griechische Pantheon bekannt. Denn darin finden sich genau 6 Frauen und 6 Männer, verquere Beziehungen, Liebe und Triebe. Bzw. dieselbe Anzahl männlicher und weiblicher Gottheiten.

Namentlich sind es griechisch/römisch:

Zeus/Jupiter
Hera/Juno
Poseidon/Neptun
Demeter/Ceres
Minerva/Athene
Apollon/Apollo
Artemis/Diana
Ares/Mars
Aphrodite/Venus
Hephaistos/Vulkanus
Hermes/Merkur
Hestia/Vesta

Hochzeit Hier ein Schnappschuss von ihnen auf der Hochzeit von Amor und Psyche. (16. Jh. n. Chr.) By Creator:Raphael (Raffaello Sanzio or Santi)http://www.metmuseum.org/art/collection/search/692282This file was donated to Wikimedia Commons by as part of a project by the Metropolitan Museum of Art. See the Image and Data Resources Open Access Policy Deutsch | English | Esperanto | Português | +/−, CC0, Link

Der Einfachheit halber bleibe ich bei der Namensverwendung in der römischen Variante. So habe ich es auch in “Amor und Psyche” gehandhabt.

Jupiter ist der Göttervater und wurde im Großen und Ganzen in seiner ursprünglichen, antiken Variante belassen. Als letztgeborener Sohn des Titanenpaares Kronos und Rhea, erhält er von seiner Mutter die Aufgabe, all seine Geschwister, die der Vater aus Angst vor Entmachtung gefressen hatte, zu befreien und dann über die Erde zu herrschen.
Nicht alle Olympier sind aber die Geschwister Jupiters. Und sein Bruder Pluto, der Gott der Unterwelt, der in meinem Buch eine ganz entscheidende Rolle spielt, zählt historisch betrachte nicht einmal zu den großen 12 Göttern, die über die Erde herrschen. – Er ist eben ein Unterweltsgott.

Jupiter Adler. Jupiter und Ganymed. Und Prometheus. (16. Jh.) By Christian Griepenkerl – found online [2], James Steakley, Public Domain, Link

Hades Pluto und Proserpina. Und der Zerberus. (19. Jh.) By Publisher: Eduard Trewendt, Atelier für Holzschnittkunst von August Gaber in Dresden – Mythologie der Griechen und Römer für die reifere und gebildete weibliche Jugend,Von Julie Hoffmann; 264 Seiten, Breslau 1864, Public Domain, Link

Apollo und Diana kommt in meinem Roman eine besondere Stellung zu. Diana, die Mondgöttin, habe ich in ihren Eigenschaften ebenfalls sehr „natürlich“ übernommen. An Apollo, Amors bestem Freund, habe ich mich schriftstellerisch allerdings ausgetobt.
Klassischerweise ist er der Gott der Erkenntnis und des Lichts, in meinem Roman „Amor und Psyche“ wird er zum Sonnengott erhoben.
Das mag unter anderem an Bildern wie diesen liegen:

Phaeton Phaeton auf dem Wagen von Apollo. (18 Jh.) By Nicolas Bertin, Public Domain, Link

Apollo Apollo in seinem Wagen. By Cosmas Damian AsamHQFUx1ynbAZohw at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Aurora und Apollo Aurora und Apollo. By Costantino Cedini – Sotheby’s, Sale N08952 (New York, 2013-01-31–2013-02-01), Public Domain, Link

Venus und Mars spielen als Amors Eltern eine ebenfalls wichtige Rolle. Daneben auch Vulkanos, der beziehungstechnisch betrachtet der Stiefvater von Amor ist.

Venus und Mars Venus und Mars (antikes Fresco mit Magd und Amor). By SailkoOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Venus und Mars Venus, Mars und Amor. By SailkoOwn work, CC BY 3.0, Link

Vulkanos und Venus und Mars Vulkanos genervt von Venus und Mars Affaire. By Guillemot, Alexandre Charles (1786 – 1831) – Artist (French)Details of artist on Google Art ProjectNgFVL6Vteg3K6Q at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Juno (Muttergöttin), Ceres (Göttin des Getreides), Neptun (Gott des Meeres), Athene (Göttin der Weisheit), Merkur (Götterbote) und Vesta (Göttin des ewigen Herdfeuers) spielen bei „Amor und Psyche“ keine umfangreiche Rolle, kommen aber als Nebenfiguren vor.

Hera Juno. By VaskryOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Demeter Ceres. By SteffenheilfortOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Poseidon Neptun. By No machine-readable author provided. Neuceu assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., CC BY-SA 3.0, Link

Minerva Athene. By Miguel Hermoso CuestaOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Hermes Merkur. By Phidias (?) – original photo by Marie-Lan Nguyen (September 2009), CC BY 2.5, Link

Hestia Vesta. By Unknown[1], Public Domain, Link

Dafür finden sich in „Amor und Psyche“ einige andere Figuren der Antike, z.B. diese hier:

Pan Pan. Hier mit Venus und Amor. By Tilemahos Efthimiadis from Athens, Greece – Group of Aphrodite, Pan and Eros. About 100BCUploaded by Marcus Cyron, CC BY-SA 2.0, Link

Musen Die Musen. By Pierre Puvis de Chavannes – Pierre Puvis de Chavannes, 1884-1889, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19584966

Und nicht zuletzt gebührt eine besondere Ehre den beiden Protagonisten, die allerdings nicht zu den Hauptgöttern des Olymp zählen.

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Reinhold Begas (1831-1911) – Alte Nationalgalerie, CC0, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Ernst Roeber (1849-1915) – Dorotheum, Public Domain, Link

Amor und Psyche Amor und Psyche. By Adamo Tadolini (Skulptur), Carlo Brogi (Fotografie) – Eigener Scan, Mediathek des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte der Humboldt-Universität zu Berlin, Public Domain, Link

In meiner Interpretation handelt es sich bei ihnen um die beiden “Urprinzipien” von “Herz” und “Verstand” oder Liebe und Geist (Gedanken), einem göttlichen und einem menschlichen Aspekt, die eigentlich zusammen gehören, sich aber erst dann erkennen, wenn sie einander verlieren.

Was hat es nun mit der Zahl 12 auf sich?

Wenn man sich die Entstehung von Zahlsystemen ganz allgemein ansieht, landet man unweigerlich wieder bei den frühen Hochkulturen. Auf die Babylonier geht beispielsweise unsere – noch heute gültige – Einteilung der Stunde in 60 Minuten zu je 60 Sekunden zurück. Sehr wahrscheinlich ist dies ein Ansatz, den auch schon die Sumerer verfolgten.

Babylonisches Zahlsystem Babylonische Zahlen. Von Josell7File:Babylonian_numerals.jpg, GFDL, Link

60 besteht aus 5 x 12. Der Tag besteht aus 2 x 12 Stunden. Das Jahr aus 12 Monaten (der Mond umrundet die Erde in einem Jahr meistens 12 Mal, manchmal auch 13 Mal, dazu gkazakou).
Das römisch-griechische Pantheon besteht, wie oben beschrieben, aus 12 Hauptgöttern.

Daneben findet man diese Zahl in vielen anderen Gedankensystemen:

Odin hatte 12 Söhne.

Das heidnische Fest der „Rauhnächte“ dauert(e) 12 Tage. (Nacht Wintersonnenwende/etwa Weihnachten bis 6. Januar.)

Jesus hatte 12 Jünger.

Jakob (eine Figur des Alten Testaments/Bibel) hatte 12 Söhne, die die 12 Stämme Israels (Judentum) begründeten.

Die Stadt Jerusalem hat (immer noch) 12 Tore, die von 12 Engeln bewacht werden (wer weiß?).

Mohammed hatte – in einer Richtung des Islam (Shia, 12er-Shiiten, heute v.a. im Iran ansässig) – 12 ihm nachfolgende Imame. Ein Imam ist ein muslimisches Oberhaupt, an das man sich mit religiösen Fragen wenden kann. Sie sind also als eine Art Priester tätig, haben aber auch politische/weltliche Aufgaben.

In China gibt es die Einteilung der Zeit in einen 12-Jahres-Rhythmus, sogenannte „Erdzweige“. (Vergleichbar mit unseren Sternzeichen, Horoskopen.)

Die Ritter der Tafelrunde hatten die Anzahl 12.

Mit etwa12 Jahren galten Menschen im Mittelalter (und auch in der Antike) als „erwachsen“. Heutzutage beginnt etwa dann die Pubertät.

Die Gebrüder Grimm haben die Zahl in einigen Märchen verwendet. (Dornröschen, Die 12 Brüder …)

Im römischen Reich gab es 12 Liktoren (Bodyguards für damalige Politiker), die Rutenbündel (teils 12 Ruten + Beil) als Zeichen ihrer Macht getragen haben.

Im 12. Monat des Jahres 2012 sollte – dem Maya-Kalender zufolge – die Welt untergehen.

Und last but not least:

Es gibt 12 Jyotirlinga(m)s: die 12 heiligsten indischen Tempel für den Gott Shiva.  – Ein letzter, aktueller Bezug zu: Mutunus Tutunus 🙂 

Fest zu Ehren Shivas mit Lingam-Repräsentationen. By ChaubalsOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Nackt im Badezimmerspiegel

 

dsc_0838.jpg

Inspiriert von Gerda (hier) und einer anderen Künstlerin (hier) habe ich mich heute morgen gleich an eine blinde Aktzeichnung gewagt.

Ja, das da oben bin ich NACKT – im Spiegel. 😉

Wer sich jetzt wundert, dass es seit gestern zwei Portraits aber keine wirklich schriftstellerischen Beiträge von mir gab, dem sei gesagt, dass ich gerade meine zweitliebste Leidenschaft nach dem Schreiben wieder entdecke (und daher auch ein wenig damit Herumblödel 😉 ).

Nebst Amors Abenteuer (bzw. Amor und Psyche – noch 30 Seiten zu überarbeiten), prokrastiniere ich derzeit ein wenig herum und hatte mir gedacht, dass es doch ganz fein wäre, das Herzmärchen der Spinnerin wieder online einzustellen (ja, derzeit gibt es das nicht mehr) und zwar mit eigenen Illustrationen.

Ein paar Leser hatten mich vor zwei Jahren darauf hingewiesen und mittlerweile ist die Idee ausgereifter und in mein Bewusstsein vorgedrungen. (Alles hat seine Zeit).

Ich weiß nur noch nicht, wie ich die Illustrationen machen soll.

Bin so eine Kugelschreiber-Papier-Tante. Könnte mir aber auch was mit Filz vorstellen (dann wäre es bunt). Oder ich mache es ganz klassisch so im Stile des “Kleinen Prinzen” – also entfernt comicartige, liebevolle Skizzen.

Na, mal gucken, was die Zeit so mit sich bringt.

 

 

 

 

 

Früher war mehr Lametta

DSC_0810… und an der Nordsee gab es noch Muscheln.

Eigentlich sollte das ein ganz anderer Beitrag werden. Aber das hat irgendwie nicht funktioniert. Nun gibt es dafür (m)ein Selbstportrait, denn wie ein Lehmofen sehe ich eigentlich gar nicht aus. Eher so wie da oben.

Das Bild entstand in der Kinderabteilung auf dem Kirchentag. Man konnte sich selbst beim Malen im Spiegel betrachten, konnte aber nicht sehen, was man malt. Das erklärt, warum ich die Augenbrauen in den Augen und die Ohren rund ums Gesicht verteilt habe.

Kolorieren durfte man es dann glücklicherweise sehend. Obwohl das Ergebnis beim Nichtsehen sicherlich auch sehr interessant geworden wäre.

Was meint ihr?

 

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

An diesem Morgen verließ Amor Psyche kurz vor Sonnenaufgang, indem er sie küsste. „Ich werde heute mit meiner Mutter sprechen. Bald werden wir zusammen sein. Bis dahin lasse dich von deinen Schwestern trösten.“
„Geh nicht“, flüsterte Psyche, denn auf einmal war ihr ganz traurig zumute. Eine Träne stahl sich ihre Wange hinab und floss beinahe bis zu Amors Lippen. Doch die verschwanden, Flügel über Bein, und Amor schwang sich auf seine Wolke.
Venus bewohnte eine riesige, rosafarbenen Wolke, auf der ein gewaltiger, gold glitzernder Palast stand mit vielen kleinen Türmchen und Zinnen. Auf der höchsten von ihnen ließ Amor die Wolke landen.
„Ma!“, rief er und rannte so schnell er konnte die Wendeltreppe hinab, direkt vor Venus Schlafgemach. „Ma!“
„Amor?“, gab Venus verschlafen von sich.
„Ja, Ma, ich bin es!“, rief Amor. „Ich wünsche dir einen wunderschönen guten Morgen! Darf ich reinkommen?“
Er flitzte in den Raum, zog die Vorhänge zurück und schüttelte Venus Bett auf.
„Hast Du gut geschlafen, Ma? Lust zu frühstücken? Schau nur, was für ein herrlicher Tag das wird!“
Venus setzte sich im Bett auf und gähnte. Eine Haarsträhne umspielte ihr Gesicht.
„Du siehst toll aus, Ma!“, sagte Amor.
Venus sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an. „Ich bin noch gar nicht zurechtgemacht!“
„Doch, ehrlich, Ma. Ich finde, ohne diese ganzen Cremes und Öle … bist du richtig hübsch.“
Venus runzelte die Stirn, lächelte dann aber. „Das soll wohl ein Kompliment sein?“
„Na klar!“
„Gut, ich bitte dich trotzdem, noch etwas zu warten. Ich möchte mich erst einmal frisch machen. Bist du so gut, Cupido, und nimmst im Speiseraum Platz?“
„Aber sicher doch! Dein Cupido macht alles, was du von ihm verlangst!“, rief Amor.
„Und Danke für diesen geilen Bogen! Du bist die beste Mutter überhaupt!“
„Und du machst derzeit gute Arbeit“, entgegnete Venus kopfschüttelnd. „Was ist nur in dich gefahren?“
„Natürlich, Ma, ich verschwinde schon!“
Venus schloss die Tür zu ihrem Gemach und Amor flog ins Speisezimmer. Er fühlte sich großartig. Die Voraussetzungen für ein Gespräch waren einfach perfekt. Allerdings würde er nicht sofort mit der Sprache rausrücken. Man konnte nie wissen.
Im Speisesaal standen verschiedene Sitzmöbel und Tische. Amor ließ sich in einen der pinken Sessel sinken. Ein Satyr brachte ihm einen Krug mit Nektar und eine Schale mit Ambrosia. Amor nahm ein paar große Schlucke und merkte im selben Moment, dass ihm die Götterspeisen immer noch nicht schmeckte. Er spuckte alles in seine hohle Hand und legte es zurück in die Schale.
Und während er noch darüber sinnierte, wie sich zerkaute und unzerkaute Ambrosia voneinander unterschied, wurden die Schatten des Mobiliars allmählich länger und länger. Irgendwann trommelte Amor ungeduldig auf die Tischplatte. Er blickte nach links und nach rechts, lauschte, aber es war nichts zu hören. Wo blieb seine Mutter? Wieso ließ sie ihn so lange warten?
Endlich erschien Venus, aufgeputzt und in einem pinkten Rüschenkleid.
„Cupido!“, rief sie und breitete die Arme aus. „Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen!“
„Zuletzt vor fünf Stunden“, murmelte Amor leise. Er hätte es sich denken können, ihre Schönheit war Venus eben wichtiger als alles andere. Wichtiger als ihr eigener Sohn. Am liebsten hätte er auf den Tisch gehauen und seinen Ärger freigelassen, aber eine Stimme in seinem Herzen erinnerte ihn daran, dass es um mehr ging.
„Komm her und lass dich drücken, mein Schatz!“
Eine Wolke aus Parfum drang in seine Lungen.
„Du siehst anders aus“, stellte Venus fest und sah Amor ins Gesicht. „Bist du gewachsen?“
Amor nickte hustend.
„Und so muskulös. Anscheinen kommst du doch nach deinem Vater Mars. Das wurde auch mal Zeit.“
„Kannst du mich bitte loslassen?“
„Ach, jetzt lass dich noch einmal richtig drücken.“
„Ma, ich kriege keine Luft …“
„Jetzt hab dich nicht so!“
Aus purer Verzweiflung spannte Amor seine Arme an und versuchte sich zu befreien.
„Huch!“, rief Venus und ließ Amor augenblicklich los. „Du bist ja fast so stark wie dein Vater!“
„Also äh, Ma, eigentlich bin ich ja gekommen und mit dir über unseren Streit zu reden.“
„Ach ja?“, fragte Venus, setzte eine leidvolle Miene auf und nahm auf einem der Sessel Platz. „Worum ging es da noch mal? Ich hatte es schon total vergessen ….“
„Es ging um die Liebe“, sagte Amor.
„Ach ja?“, sagte Venus und legte ihr Kleid in Falten. „Das ist doch gar nicht so wichtig …“
„Wie findest Du Jupiters Erlaubnis, dass Götter und Menschen gleichgeschlechtliche Beziehungen eingehen dürfen?“
„Ach, jetzt lass doch dieses alte, langweilige Thema …“
„Mir ist es aber wichtig! Was denkst du darüber? Sprich!“
Amor betrachtete die Gesichtszüge seiner Mutter genau. Er brauchte eine klare und endgültige Antwort, etwas, worauf er bauen konnte. Nur dann – und nur dann – wollte er den Schritt weitergehen und ihr von Psyche erzählen.
„Nun, es ist die Entscheidung meines Vaters. Daher akzeptiere ich sie.“
„Du akzeptierst es also?“, hakte Amor nach.
„Ja“, sagte Venus und lächelte. „Und jetzt will ich über etwas Anderes sprechen.“
„Also findest du sie gut?”, fragte Amor.
„Ich stelle Jupiters Entscheidung nicht infrage.“
„Ehrlich? Also das hätte ich ja nicht gedacht. Ich dachte, du findest das vielleicht … seltsam“, führte Amor weiter aus. „Aber ich sehe, dass du jetzt damit einverstanden bist, was ich gut finde, denn ich will ich dich eigentlich was ganz anderes fra…“
Venus schnitt ihm das Wort ab und stampfte wütend mit dem Fuß auf.
„Selbstverständlich bin ich nicht damit einverstanden!“, rief sie empört. „Ich möchte nicht, dass wir deswegen streiten, aber lass mich offen sprechen: Ich finde Jupiters Entscheidung unterirdisch. Zu Pluto würde sie vielleicht passen. Aber zu unserem höchsten Gott? Dass ich nicht lache!“
„Ach so?“, fragte Amor verdattert.
„Ja, vor allem, weil wir uns jetzt alle daran halten sollen. Frechheit! Ich war von Anfang an dagegen. Männer und Männer. All diese Unwägbarkeiten! Ich darf gar nicht daran denken wohin das führt! Und damit hört es ja nicht auf! Du weißt es bestimmt selber …“
„Was denn?“ Amor schob sich in seinen Sessel zurück. Wie hatte er nur einen Moment hoffen können, dass seine Mutter die Dinge mittlerweile anderes sah?
„Na, das mit Apollo! Wahrscheinlich hat er dir gar nichts davon erzählt, weil er sich so sehr schämt. Eine Nymphe. Das ist wirklich unterstes Niveau. Man munkelt ja, dass du deine Finger da im Spiel hättest, aber das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Apollo ist dein bester Freund und du würdest ihm niemals so etwas antun.“
„Nein nein, ich war das nicht“, log Amor und drückte sich noch tiefer in den Sessel. Wie um alles in der Welt hatte sie davon erfahren?
„Eine Nymphe. Unterirdisch!“
„Nymphen leben aber gar nicht in der Unterwelt“, wagte Amor einzuwenden.
„Nein!“, rief Venus. „Sie leben auf der Erde. Genauso, wie diese Menschen. Na, es hätte Apollo noch schlechter treffen können: angenommen, er hätte sich in einen Menschen verliebt. Das wäre wirklich widerlich! Nein, ekelhaft! Wieso nicht gleich alles erlauben? Menschen und Tiere zum Beispiel, da kämen sicherlich interessante Mischwesen bei rum, eine wahre Bereicherung für die Flora und Fauna und nicht zuletzt für uns Götter!“
„Ja, widerlich …“, wiederholte Amor und fühlte sich, als hätte ihn ein Pferd getreten. „Tut mir leid, Ma“, flüsterte er.
„Ach, das muss dir doch nicht leid tun“, sagte Venus. Sie stand mittlerweile direkt vor ihm. „Das ist doch nicht deine Schuld. Dinge passieren und wie du siehst: schlimmer geht immer!“ Sie lachte spitz und wuschelte Amor durchs Haar.
„Es tut mir leid“, wiederholte Amor noch einmal und schluckte schwer. Dann streckte er sich und schenkte Venus sein strahlenstes “Ich-bin-ein-guter-Junge”-Lächeln. „Ma, würdest du bitte mit mir kommen? Ich muss dir unbedingt etwas zeigen!“

Mehr als ein Kuss

Psyche wartete schon seit Stunden. Wartete auf das Untier, das ihr versprochen hatte, nach Sonnenuntergang bei ihr zu sein. Das liebe, weiche, kuschlige Untier, das ihr seine Liebe gestanden hatte und sie die gesamte letzte Nacht über küsste, als würde es kein Morgen geben. Dann war es verschwunden wie jeden Tag.
Heute Nacht aber schien es nicht zu kommen. Ob ihm etwas passiert war? Unruhig schritt Psyche auf und ab. Sie konnte aufgrund der Dunkelheit längst nicht mehr erkennen, wohin sie trat, aber sie hatte sich die Gegebenheiten des Raumes gut eingeprägt und Überflüssige zur Seite geräumt.
Hier stand eine Kommode, da in der Mitte der Tisch, daran zwei Stühle. Auf dem Tisch duftete ein köstliches Mahl. Psyche hatte viel Zeit darauf verwendet, Speisen zu probieren, die die unsichtbaren Winde hervorzauberten, bis sie die schmackhaftesten Leckerbissen herausgeschmeckt hatte. Sie wollte ihr Untier damit überraschen. Sie wollte herausfinden, wie es hieß. Wie er hieß. Denn dass es männlich war, daran bestand keinen Zweifel. Sie wollte …
Psyche biss sich auf die Lippen. Ja, was wollte sie eigentlich? Auf jeden Fall spürte sie eine gewaltige Ungeduld in sich, so als ob sie platzen müsste, wenn das Untier nicht bald käme.
Sie tastete nach der Stuhllehne. Setzte sich. Fühlte über den Tisch, bis sie die Schale erreichte. Sie zog die Schale zu sich heran und tauchte den Finger hinein.
„Wir sind ein Liebespaar, würde ich sagen“, sagte Psyche und probierte die Speise.
Stille.
„Es ist so still hier“, sagte Psyche. „Könntet ihr nicht etwas lauter sein? Mit Geschirr klappern zum Beispiel, oder vielleicht kann auch mal ein Tor quietschen oder eine Tür? Es ist wirklich sehr still hier.“
Stille.
„Jetzt raschelt doch mal, ihr Winde!“
Ein Luftzug durchzog den Raum und gab ein leises Säuseln von sich.
„Oh, da seid ihr! Aber wo ist das Untier? Was meint ihr, wann das Untier heute kommt? Oder kommt es vielleicht gar nicht? Meint ihr, es kommt nicht, weil …“
Vor Psyches innerem Auge tauchte das Bild auf, das sie heute im Spiegel gesehen hatte. An Stelle des Untieres würde sie nicht zu diesem Ding zurückkehren, doch diesen Gedanken fand sie so entsetzlich, dass sie die Fäuste ballte und aufsprang.
„Nein!“, rief Psyche. „Ich will das nicht. Ich will das einfach nicht denken!“
Das Zersplittern von Tongefäßen, einige „Auas“ und „Autschs“ und ein eifriges Tapsen ließen Psyches Herz federleicht schlagen.
„Untier!“, rief sie und eilte zur Tür.
Und direkt auf der Schwelle fand sie das Untier, ließ sich von seinen Armen umschließen und an seine Brust drücken und atmete den warmen, würzigen Duft. Ließ sich die Stirn küssen und dann die Lippen.
„Es tut mir leid, meine Liebste“, flüsterte er. „Es tut mir so leid.“
Psyches lächelte bis sie über das ganze Gesicht grinste.
“Jetzt bist du da!“, sagte sie. „Ich habe dich so vermisst!“
„Ich dich auch“, wisperte das Untier und drückte seine Nase in ihr Haar. „Und du riechst so gut.“
„Du auch“, raunte Psyche. „Und ich habe etwas für dich vorbereitet!“
Psyche nahm die Hand des Untiers und führte es zum Tisch.
„Setz` dich“, sagte sie. „Wenn ich könnte, würde ich dir jetzt die Augen verbinden. Aber es ist stockfinster, daher brauche ich das nicht.“
„Was hast du vor?“, fragte das Untier. Psyche konnte die wohlige Spannung in seiner Stimme hören.
„Probier` mal“, sagte Psyche. Sie hatte sich gut eingeprägt, wo die verschiedenen Speisen standen. Vom würzigen Kuchen, den sie am ersten Tag im Schloss gegessen hatte, schnitt sie ein Stück ab und steckte es dem Untier in den Mund.
„Mh“, sagte es kauend. „Das schmeckt gut!“
„Wenn du das magst“, freute sich Psyche, „wirst du das hier lieben!“
Sie nahm etwas von der süßen Paste und strich sie auf ein dünnes Brot.
„Hier.“
Das Unter kostete bereitwillig auch diese Speise. „Süß“, sagte es. „Fast so süß wie deine Küsse.“
„Dann willst du vermutlich“, sagte Psyche, „diese Speise als nächstes ausprobieren.“
Und sie küsste das Untier, das sie auf seinen Schoß zog.
Als sich ihre Lippen berührten, wusste Psyche, was das Untier dachte. Es dachte nur an sie. Sie war überwältigt von der Liebe, die es für sie empfand. Und auch Psyche spürte dieses Gefühl, fühlte es fremd und schön, tauchte darin ein und wusste bald nicht mehr, wer sie war. Sie vergaß sich selbst. Immer dichter drängten sie aneinander. Ihre Münder verschmolzen zu einem Mund und bald atmeten sie denselben Atem. Ein und aus.

Der Sieger

***Heute etwas später als sonst am Abend, das neuste Kapitel von “Amors Abenteuern”. Rosa Schweino ist schuld. Viel Freude beim Lesen!***

„Was für ein Ritt, was für ein Tag!“, rief Jupiter, streckte seinen Arm in die Höhe und ließ Blitze zucken. „Ich fühle mich um tausend Jahr verjüngt! Deinen Job, mein lieber Sohn, möchte ich haben!“

Galant sprang er aus der Kutsche und übergab Apollo Peitsche und Zügel, küsste ihn links und rechts auf die Wange und klopfte ihm auf die Schulter. Dann wandte er sich zu Amor.

„Amor, sei gegrüßt!“

Jupiter schüttelte ihm die Hand. „Sohn meiner schönsten Tochter Venus! Welche Freude, dich hier zu sehen! Und Diana natürlich, meine Holde“, sagte Jupiter und verneigte sich leicht.

„Vater, du willst bestimmt wissen, warum du heute Morgen für Apollo einspringen musstest. Also: Amor hat einen Liebespfeil auf Apollo und das Gegenteil auf so eine Nymphe geschossen. Er hat dafür gesorgt, dass sich mein armer Bruder, dein Sohn, bis auf die Knochen blamiert hat!“

„Sie hieß Daphne“, sagte Apollo trocken.

„Es ist eine Freude euch alle hier zu sehen!“, rief Jupiter und drehte sich im Kreis. „Ja, ein gänzlich unverhofftes, aber freudvolles Treffen!“

„Aber Vater!“, rief Diana.

„Aber Diana!“, Jupiter klatschte in die Hände. „Keine Beschwerden, zumindest vorerst. Lasst uns diesen Abend mit Nektar, Ambrosia und Wein vollenden, denn so jung wie heute kommen wir nicht mehr zusammen!“

Verwundert schlurfte Amor hinter Vater und Sohn in den olympischen Palast. Apollo und Jupiter fachsimpelten über Lenktechniken und Feuerpferdpflege. Hinter sich hörte er Diana fluchen.

Der Palast bestand fast gänzlich aus weißem Marmor. Hier und da standen ein paar Stelen auf denen massige Fratzen thronten.

Amor musste an Psyche denken, die jetzt, nach Sonnenuntergang, mit seiner Rückkehr rechnete. Er seufzte sehnsüchtig.

„Das ist die Galerie unserer Ahnen“, sagte Jupiter und drehte sich nach ihm um. „Dieser alte Haudegen hier, mein Vater Saturn, hatte alle meine Geschwister verspeist.  Hätte meine Mutter mich damals nicht vor ihm versteckt und ihm statt meiner einen Stein zu fressen gegeben: wir alle würden nicht existieren.“

Die Statuen zogen an ihnen vorbei. Im nächsten Raum, riesengroß und strahlend weiß, fand sich in der Mitte eine gedeckte Tafel. Jupiter geleitete Amor, Diana und Apollo dorthin und befahl ihnen, sich zu setzen.

Auf einen Fingerzeig Jupiters füllten sich die Kelche mit einer roten Flüssigkeit.

„Dann lasst uns anstoßen“, sagte Jupiter. „Auf das Wohl meines Sohnes Apollo und seine erste große Liebe!“

„Vater, bitte, das ist doch kein Grund …“, sagte Apollo.

„Doch. Prost!“, unterbrach Jupiter und die Kelche stießen klangvoll zusammen. Amor nahm einen kräftigen Schluck.

„Wisst ihr“, sagte der Göttervater und richtete sich auf. „Bevor es Amor gab, fand die Liebe die Götter auf seltsamen Wegen, einen Weg aber fand sie immer. Ich fürchtete schon, in den heutigen Tagen sei sie für die Wolkenbewohner verloren. Also, freu dich einfach, dass du auch mal von ihr heimgesucht wurdest. Nebenbei gefragt: wie war es? Wild, leidenschaftlich, besessen?“

„So ungefähr“, sagte Apollo. Er schmunzelte verlegen.

„Aber die Angebetete hat dich nicht erhört?“

Apollo schüttelte den Kopf.

„Tja …“, Jupiter legte seine Stirn in Falten. „Dabei bist du ein Gott. Diese Frauen … unberechenbar.“

Diana verdrehte die Augen.

„Wie ich schon sagte, das war Amor. Es war sein Pfeil, ein falscher Pfeil! Es war nicht die Schuld einer Frau!“, rief Diana.

„Es lag am Pfeil?“, fragte Jupiter.

„Ja! Hörst du mir überhaupt zu? Und abgesehen davon, wollte sie … sie wollte das wirklich nicht, diese Nymphe, sie hat ihren Vater um Hilfe angefleht, wollte, dass er sie verwandelt,-  und Apollo hat einfach nicht aufgehört … es war schauderhaft!“

„Wie du sagtest, es lag am Pfeil“, schloss Jupiter. „Eigentlich wollte sie es auch.“

Apollo nickte.

„Das glaube ich nicht!“, rief Diana. „Das glaube ich einfach nicht.“ Die Wangen der Göttin leuchteten  Rot.

„Das ist einfach mal wieder so typisch … Männer!“

Sie nahm einen kräftigen Schluck, wischte sich mit dem Handgelenk über die Lippen und sagte mit fester Stimme: „Ich verstehe. Ihr seid einfach nicht mehr bei Trost. Da kann man nichts machen.“

Sie atmete tief ein und grollte dann, als wäre sie eine Donnergöttin: „Ich für meinen Teil wünsche, Vater, dass du diesem da“, – sie zeigte auf Amor – „für immer verbietest, Pfeile auf mich zu schießen. Denn ich, ich will mich niemals verlieben!“

Amor wäre am liebsten unter dem Tisch verschwunden, um sich vor den Blitzen aus Dianas Augen zu verstecken.

„Schwöre es!“, kreischte Diana.

„Also, äh, gut“, keuchte Amor. „Ich tu´s nicht, versprochen. Hätt ich eh nicht, ich meine …“

„Gut“, sagte Diana und faltete die Hände vor ihrem Gewand. „Vater, du hast seinen Schwur vernommen?“, fragte Diana.

„Gewisse, mein Kind“, sagte Jupiter und prostete ihr nickend zu.

“Dann werde ich jetzt gehen”, sagte sie. Sie ließ einen kurzen Pfiff ertönen und die Mondhirsche kamen mit der Kutsche durch den Lichtschacht des Speiseraumes getrappelt. Ohne ein weiteres Wort schwang sich die Göttin auf ihre Kutsche. Jupiter, Apollo und Amor blickten Diana schweigend hinterher.

„Vater, ich habe auch eine Bitte an dich“, sagte Apollo nach einer Weile. „Die Nymphe, die ich liebte, hat sich in einen Baum verwandelt. Einen Lorbeerbaum. Und ich möchte gerne, im Andenken an sie, dass dieser Baum geehrt wird. Es soll ein heiliger Baum sein, dem sich jeder nur mit Ehrfurcht nähert. Jeder soll wissen, dass dieser Baum einst Daphne war, meine erste große Liebe. – Hier.“

Apollo übergab Jupiter den grünen Zweig, den er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte.

„Ein wirklich schönes Exemplar“, sagte Jupiter. „Um welche Art von Baum handelt es sich?“

„Es ist ein Lorbeer“, antwortete Apollo.

„Hm“, sagte Jupiter und betrachtete den Zweig genau. Dann hauchte er ihn mit seinem Atem an. Aus dem Zweig sprossen weitere Blätter hervor, er bog sich und verwandelte sich in einen Kranz. Jupiter legte Apollo den Kranz auf den Kopf.

„Mag Liebe dich besiegt haben, so bist doch du der Sieger. Denn wer liebt, siegt immer. Verlierer sind die, die niemals lieben. So soll dieser Kranz das Zeichen eines Siegers sein und du sollst ihn tragen, bis in alle Ewigkeit.“

Schall und Rauch

***Dieses Kapitel ist ein Teil von meinem Projekt “Amors Abenteuer”, einer modernen Adaption des antiken Märchens “Amor und Psyche”, das ich aus Spaß an der Freude schreibe und nach einer Überarbeitung als eBook veröffentliche. Wer von Anfang an lesen möchte, ist herzlich eingeladen, bis ans untere Ende der Seite zu skrollen. Ich freue mich über jeden Kommentar. Donnerstags gibt es ein neues Kapitel und manchmal auch zwischendurch. Viel Vergnügen beim Lesen!***

Psyche zupfte zaghaft am Tuch, das den Spiegel verdeckte. Es war nur der Hauch einer Bewegung, doch das Tuch fiel. Schnell schloss Psyche die Augen.
Was würde sie zu sehen bekommen? Würde sie es überhaupt sehen wollen?
Sie erinnerte sich in diesem Moment an all die Situationen, in denen ihr bewusst wurde, wie hässlich sie war.
Die Gesichter der Bediensteten, die irgendwann so mitleidvoll aussahen, wenn sie Psyche begegneten. Die väterliche Anordnung, einen Schleier zu tragen. All die jungen Prinzen, die rücklings aus der Burg rannten, sobald sie die Prinzessin sahen.
Einmal, – und das war vielleicht die furchtbarste Erinnerung von allen – , hatte sie ihre Familie über sich sprechen hören.
Sie konnte nicht schlafen und war deswegen den langen Korridor in Richtung der königlichen Schlafgemächer getapst. Das Geräusch ihrer kleinen, platschenden Füße auf den polierten Sandsteinen klang noch in ihren Ohren. Einige waren noch warm von der Sonne. Die Wachen vor dem Gemach der Königin war eingenickt und Psyche schlüpfte unbemerkt durch die Tür.
„So kann es nicht weitergehen“, sagte die Königin in diesem Moment. „Sie ist so … schlecht gewachsen, die Diener reden schon über sie. Wenn sich das rumspricht.“
„Aber Mutter, was sollten wir tun?“, fragte Gorda.
„Nun, wir müssen Acht geben, dass sie niemand mehr zu Gesicht bekommt.“
„Ihr wollt sie einsperren?“
„Sie ist doch noch ein Kind, das könnt ihr nicht tun! Und sie mag den Garten so sehr!“, schaltete sich Tessas Stimme in das Gespräch ein.
„Es ist das Beste für uns alle und auch für Psyche“, sagte die Königin. „Wie mag es ihr gehen, wenn sie immer nur Ablehnung  erfährt?“
„Sie ist so lieb“, sagte Gorda kleinlaut. „Charakterlich ist sie nicht hässlich“, sagte Tessa. „Und ich möchte“, sagte die Königin, „dass das auch so bleibt.“ Psyche lauschte mit bebenden Lippen und aufgerissenen Augen, wie die Familie über ihr weiteres Schicksal verhandelte. Einsperren wollte man sie, wie einen Verbrecher! Dabei hatte sie niemals jemandem etwas getan. Und doch war sie schuld, trug sie eine Schuld, denn sie war eine Schande. Das hatte ihre Mutter gesagt, eine Schande für die Augen anderer.
In diesem Moment bewahrheitete sich für Psyche, was sie seit langem gefürchtet hatte.
Etwas an ihr ekelte die Menschen an.
Und sie konnte nichts dagegen tun.
Seit dieser Nacht hatte sie einen Schleier tragen müssen. Bis sie ihn vor etwa drei Tagen ablegte. Als sie das erste Mal das Schloss betrat. Alles hatte sich verändert. Sie war in einem Zauberschloss mit einem geheimnisvollen Fremden. Sie wurde geliebt. Psyche öffnete die Augen. Bestimmt hatte auch sie sich geändert.
Ein spitzer Schrei entwich ihrer Kehle, als sie das Monster sah. Ein wildes Ungetüm, in dessen weit aufgerissene, gelbe Augen sie starrte. Nur sein knallrotes Gewand ließ erahnen, wo der Kopf aufhörte und der Körper begann. Es wirkte grotesk. Am ehesten erinnerte es an eine Kröte.
Psyche brauchte einige Augenblicke, bis sie begriff, dass sie selbst es war. Voller Abscheu schlug sie gegen ihr Spiegelbild. Es zersprang in tausende, winzige Splitter und Psyche sank schluchzend zu Boden.
Die Winde umwirbelten sie, streiften tröstend über ihr Haar und ihren Rücken.
„Ich hatte gehofft, dass mich dieses Zauberschloss wenigstens etwas hübscher macht“, sagte Psyche schniefend. „Zeigt mir nie wieder einen Spiegel!“
Sie wischte sich die Tränen von den Wangen, schlüpfte aus dem roten Kleid, legte ihr altes Gewand wieder an und sah aus dem Fenster.
Es war noch viel zu hell.