Apuleius von Madaura

Und so, mein lieber Glaukon, ist denn dieser Mythos erhalten worden und ist nicht untergegangen, und er wird vielleicht auch unsere Seelen retten, wenn wir ihm nämlich folgen. (Platon, Politeia 621c)

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Lucius verwandelt sich vom Esel zurück zum Menschen. By Bartolomeo di Bartoli for Bruzio Visconti – 2D copy of a scan of an medieval manuscript, Public Domain, Link

Warum ein Eingangszitat von Platon für einen Beitrag über Apuleius von Madaura?

Nun, der Autor vom Goldenen Esel, um den es letzte Woche ging, war ein bekennender Mittelplatoniker, möglicherweise Neupythagoreer, lebte im Umfeld von verschiedenen christlichen Schulen und kannte sicherlich auch die Stoa. – Und man sagt ja, dass alle Philosophie irgendwie von Platon ausging. 😉

Es würde zu weit führen, die verschiedenen platonischen Gedankenschulen, die sich im Laufe der Zeit entwickelten, genaustens darzustellen, aber um sich dem Menschen Apuleius zu nähern, sind ein paar Hintergründe hilfreich. Nicht zuletzt ist der Platonismus nur eine der verschiedenen Gedankenrichtungen, die “Lucius” Apuleius beeinflussten oder mit denen er im Laufe seiner zahlreichen Reisen in Berührung kam, denn das zweite Jahrhundert nach Christus erscheint rückblickend wie eine Art “Einmachglas” mit unterschiedlichsten Leckereien gefüllt, die Welt – und das Leben – zu verstehen.

Und mittendrin schwimmt der berühmte Autor des Goldenen Esels: Apuleius.

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Apuleius auf einem Cover von 1902. Zu sehen ist rechts der „goldene“ Esel, links Pamphile, eine der Hexen ganz zu Beginn des Buches, die sich in eine Eule verwandelt. By Unknownhttp://www.jnanam.net/golden-ass/goldass/apu01.jpg, Public Domain, Link

Apuleius (ca. 123-170) lebte in Madauros/Madaura im Nordosten des heutigen Algeriens. Apuleius ist nicht der Vorname, sondern ein Familienname. Möglicherweise hieß Apuleius mit Vornamen „Lucius“ – und hätte damit denselben Namen wie die Hauptfigur des Goldenen Esels – doch das ist Spekulation und nicht gesichert.

Man kann noch heute ein paar antike Überreste von Madaura finden.

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Madaura befand sich damals im Königreich der Numider, war aber eine römische Provinz. Apuleius bezeichnete sich einst als “halber Numider”. Die römischen Kaiser, unter denen Apuleius lebte, waren Hadrian (117-138), Antonius Pius (138-161) und Marc Aurel (161-180). Gerade letzterem wird eine intensive philosophische Beschäftigung nachgesagt, sein Buch „Selbstbetrachtungen“ gehört noch heute zum Kanon der Weltliteratur und hat auf Amazon fast durchweg mehr als vier Sterne. 😉  Ich spreche hiermit eine klare Leseempfehlung aus! (Meine Oma hat es auch gelesen und für gut befunden, übrigens.)

https://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&url=search-alias%3Ddigital-text&field-keywords=marc+aurel

Das Buch von Marc Aurel basiert auf stoischer Philosophie, die – grob gesagt – versucht, dem einzelnen Menschen einen Platz (Sinn) im Leben (Kosmos) zuzuweisen, wohingegen das Ziel des Lebens im platonischen Sinne darin bestand, ganz abseits vom Leben irgendwie herauszubekommen, was denn eigentlich nun das „Wahre“ und „Gute“ wirklich ist. – Also eher so Gedankenspekulationen.
Platon – über den mal geschrieben wurde, dass sämtliche philosophischen Gedanken der Moderne eigentlich nur „Fußnoten“ (also kleinere Erklärungen) zu seinen antiken Schriften seien – ging davon aus, dass die Welt nicht so ist, wie sie ist, sondern dass es irgendwo von jedem Ding, das wir sehen (oder auch nicht sehen) ein Idealbild gibt. Also das perfekte Abbild – oder vielleicht besser „Urbild“ – von dem sich alle anderen Gegenstände (oder Gedanken) ableiten. Das nannte er dann: „Idee“.
Die „Idee“ des Guten ist also „besser“ (da originaler) als „das Gute“, oder was auch immer der Mensch vornehmlich darunter versteht.
Man kann vielleicht sagen: Platon war ein lebensfernerer Perfektionist, wohingegen die Stoa (Gründer: Zenon von Kition) sich eher damit beschäftigte, inwiefern das, was die Philosophie so herausfand und beforschte, für das Leben des Einzelnen wirklich nutzbar gemacht werden konnte.
Allerdings würde Platon – ganz perfektionistisch – dem natürlich widersprechen und mittels verschiedener Fragen zeigen, dass nur die „Idee“ des Nützlichen wirklich Nutzen bringen kann.

Um die Gedanken der beiden Schulen etwas „greifbarer“ zu machen, stelle ich im Folgenden mal ein paar Zitate gegenüber.

Platon  428/427 v. Chr. in Athenoder Aigina; † 348/347 v. Chr. in Athen

SelfhtmlBy SilanionUser:Bibi Saint-Pol, own work, 2007-02-08, Public Domain, Link

Zenon 333/332 v. Chr. in Kition; gestorben 262/261 v. Chr.

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Von Paolo MontiVerfügbar in der digitalen Bibliothek BEIC und hochgeladen in Partnerschaft.Dieses Bild stammt aus der Stiftung Paolo Monti, die im Besitz von BEIC ist und and im Städtischen Fotoarchiv von Mailand angesiedelt ist., CC-BY-SA 4.0, Link

Freundschaft
Wo aber keine Gemeinschaft ist, da kann auch keine Freundschaft sein.

Ein Freund: meine anderes Ich.

Gott
Als nun aber der Vater, welcher das All erzeugt hatte, es ansah, wie es bewegt und belebt und ein Bild der ewigen Götter geworden war, da empfand er Wohlgefallen daran, und in dieser seiner Freude beschloß er denn, es noch mehr seinem Urbilde ähnlich zu machen.

Gott ist der Ursprung von allem, er ist der reinste Körper und seine Vorsehung durchdringt alles.

Das Gute
Das Gute schafft die Ordnung, das Schöne ist sie.

Nicht in dem Großen liegt das Gute, sondern in dem Guten liegt das Große.

Der Mensch
Als Naturwesen bleibt der Mensch an den Körper gebunden, als Geisteswesen aber hat er Flügel.

Der Charakter ist die Quelle des Lebens, aus der die einzelnen Handlungen fließen.

Das Leben
Das Leben ist eine kurze Verbannung.

Das Ziel des Lebens ist ein Leben im Einklang mit der Natur.

Das jeweils erste Zitat unter dem Thema gehört zu Platon, das zweite stammt von Zenon. Ich finde, man erkennt daran ganz gut, dass die Stoa insgesamt etwas „lebenspraktischer“ unterwegs war. Zenon würde wahrscheinlich mit Erich Kästner übereinstimmen: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ und Platon würde Kästner lange befragen, um dieses „Gute“ zu definieren – und wahrscheinlich würde er auch versuchen das „Tun“ irgendwie einzugrenzen, bevor es denn überhaupt zum “guten Tun” kommt.

Es gibt eine dritte „geistige“ Strömung, der Apuleius ausgesetzt war: Das Christentum.
Die Christen waren damals noch ziemlich neu und erstmal auch nicht besonders beliebt. Während es im 1. Jahrhundert zu kleineren Christenverfolgungen kam, konnte sich das Christentum im 2. Jahrhundert (also zur Lebenszeit Apuleius) relativ ungehindert entfalten. Allerdings gab es damals noch nicht „die Kirche“, sondern verschiedene Bereiche, wo über theologische Fragen (was ist Gott, wie soll man sich verhalten, wie ist die Kirche organisiert, was soll eigentlich gelehrt werden und so weiter …) gesprochen wurde. Für den Raum Afrika ist dabei vor allem die sogenannte Gnosis interessant, die dort durch einen Mann namens Marcion eine recht große Verbreitung fand.

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By Unknown(Life time: 1100?) – Original publication: Manuscript, Italy, 11th centuryImmediate source: http://corsair.themorgan.org/cgi-bin/Pwebrecon.cgi?BBID=338126, Public Domain, Link

Marcion war ein christlicher Kaufmann, der ein beträchtliches Vermögen an die damals entstehenden Kirche in Rom spendete, der mit „seinen Leuten“ aber immer wieder aneinander geriet und daher irgendwann frustiert eine eigene Kirche gründete.
Marcion lehrte (vielleicht beeinflusst von Platon?), die Idee eines „Gottes der Liebe“, der den Menschen bis dato gänzlich unbekannt gewesen, was bedeutet, bis Jesus auf die Erde kam und Marcion seine Jesus-Kirche gründete. Marcion mochte Jesus voll gerne, fand das Alte Testament aber ziemlich doof, weil es seiner Meinung nach von einem strafenden, bösen „Demiurgen“ (einem Schöpfergott) handle, den die Menschen nicht brauchten. Die gängige Lehrmeinung damals war aber, dass das Alte Testament und das Neue Testament (was damals so langsam entstand) zusammen gehörten. Durch Jesus, so Marcion, habe sich Gott aber in seiner wahren (idealen? Platon lässt grüßen) Natur der „Liebe“ gezeigt – und dies sei der einzige Gott, den man anbeten sollte, also weg mit dem ollen Alten Testament.
Marcions Lehren haben sich in der christlichen Kirche in den folgenden Jahrhunderten übrigens nicht durchgesetzt, ganz im Gegenteil, die Anhänger dieser Vorstellung wurden bald von den „offiziellen Christen“ (Rom, Byzanz) verfolgt.
Erst mit Adolf von Harnack (+ 1930) ist Marcion wieder ins christliche Blickfeld geraten und wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts von vielen Theologen für seine Ansichten geschätzt.

Selfhtml Apuleius rät zum Gebrauch von Dämonen als Mediatoren zwischen Menschen und Göttern – ein zentraler Aspekt seiner philosophischen Lehre. By Maître FrançoisApuleius advises the use of demons as mediators between mankind and the gods – Maïtre François CC0 View item at Koninklijke Bibliotheek , Public Domain, Link

Irgendwo zwischen all diesen Gedanken und Ideen, die damals kreuchten und fleuchten  (man bedenke noch die verschiedenen Mysterienkulte), schreibt Apuleius dann sein Buch „Der Goldene Esel“. Es gibt auch noch eine weitere geistige Strömungen, die Apuleius Denken möglicherweise beeinflusst haben, doch dazu unten mehr.

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By ApuleiusAvailable in the BEIC digital library and uploaded in partnership with BEIC Foundation., Public Domain, Link

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By Matteo Maria Boiardohttp://www.metmuseum.org/art/collection/search/345033This file was donated to Wikimedia Commons by as part of a project by the Metropolitan Museum of Art. See the Image and Data Resources Open Access Policy বাংলা | Deutsch | English | Esperanto | português | +/−, CC0, Link

Apuleius war der Sohn eines Bürgermeisters und stammte aus einer wohlhabenden Familie. Er studierte in Kathargo und später auch in Athen. Er bereiste verschiedene Städte im Mittelmeerraum (Athen, Samos, Phrygien, Rom) und arbeitete als Rechtsanwalt.

Zusätzlich zu den bisher benannten Ideenlehren, kam Apuleius bei seinen Reisen auch mit ziemlicher Sicherheit mit den Vorstellungen der Neupythagoreer in Berührung, die damals in Athen eine Art Renaissance erfuhren. Wikipedia informiert über die Pythaoreer folgendermaßen:

„Für die Pythagoreer charakteristisch ist die Überzeugung, dass der Kosmos eine nach bestimmten Zahlenverhältnissen aufgebaute harmonische Einheit bildet, deren einzelne Bestandteile ebenfalls harmonisch strukturiert sind oder, soweit es sich um menschliche Lebensverhältnisse handelt, harmonisch gestaltet werden sollten. Sie nahmen an, dass in allen Bereichen – in der Natur, im Staat, in der Familie und im einzelnen Menschen – dieselben zahlenmäßig ausdrückbaren Gesetzmäßigkeiten gelten, dass überall Ausgewogenheit und harmonischer Einklang anzustreben sind und dass die Kenntnis der maßgeblichen Zahlenverhältnisse eine weise, naturgemäße Lebensführung ermöglicht. Das Streben nach Eintracht beschränkten sie nicht auf die menschliche Gesellschaft, sondern dehnten es auf die Gesamtheit der Lebewesen aus, was sich in der Forderung nach Rücksichtnahme auf die Tierwelt zeigte. (…) Ausgangspunkt der konkreten Zahlenspekulation war der Gegensatz von geraden und ungeraden Zahlen, wobei die ungeraden als begrenzt (und damit höherrangig) und – wie im chinesischen Yin und Yang – als männlich bezeichnet wurden und die geraden als unbegrenzt und weiblich. Die als Prinzip der Einheit aufgefasste Eins galt als der Ursprung, aus dem alle Zahlen hervorgehen (und infolgedessen die ganze Natur); so gesehen war sie selbst eigentlich keine Zahl, sondern stand jenseits der Zahlenwelt, obwohl sie rechnerisch als Zahl wie alle anderen erscheint.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Pythagoreer#Mathematik_und_Zahlensymbolik

Für die Neupythagoreer war also „Harmonie“ das oberste Prinzip. Die (Neu)Pythagoreer waren Vegetarier, lebten bescheiden, halfen einander in Notlagen, waren ein wenig „kommunistisch“ drauf (wobei diese Bezeichnung nicht 100% passt), glaubten an die ewige Wiederkehr der „Seele“ und an Vernunft. Mit Gott oder Göttern hatten sie es nicht so, bzw. nahmen an, dass Götter gar nicht existieren (oder existieren, aber für das Leben der Menschen keine Bedeutung haben).
Die Neupythagoreer namen Bezug auf Philosophen vor ihnen wie z.B. Pythagoras, Solon, Anthisthenes und … Platon (oder zumindest ein Teil seiner Ansichten). Diese “alten Philosophen” lebten schon ein paar Jahrhunderte zuvor und wurden als „Sophisten“ bezeichnet. „Sophist“ bedeutete ursprünglich nur „weiser Mann“, im Laufe der Zeit (und auch durch die Verfolgung der Sophisten, Sokrates ist ein berühmtes Beispiel, ihm wird „Abesie“ vorgeworfen, also „Gotteslästerung“ und deswegen muss er den Schierlingsbecher trinken) … im Laufe der Zeit wird daraus ein Schimpfwort und es heißt wohl sowas wie „Rumschwafler“ oder „Laberkopp“ und wurde bzw. wird für Menschen gebraucht, die einfach nicht auf den Punkt kommen oder total waghalsige Behauptungen aufstellen.

SelfhtmlDer Tod des Sokrates`. By José Maria de Medeiros[1], Public Domain, Link

Von Apuleius philosophischen Texten sind nur wenige erhalten geblieben, bei vielen wird über die Echtheit spekuliert. Erhalten geblieben und wahrscheinlich “echt” (also von Apuleius) sind: „Über den Gott des Sokrates“ (De deo Socratis), „Über Platon und seine Lehre“ (De Platone et eius dogmate), „Über die Welt“ (De mundo) und Peri hermēneías (De interpretatione, „Über die Aussage“ oder „Über das Urteil“).
Außerdem verfasste er ein Buch „Über die Magie“ (De magica), das auf einem Prozess basiert, in dem er angeklagt worden war, seine Frau Pudentilla durch Magie zur Heirat gezwungen zu haben.

Nach seinen Reisen heiratete Apuleius nämlich eine reiche Witwe namens Pudentilla. Einer ihrer Söhne fand das nicht gut und begann einen Prozess gegen Apueius, in dem er ihm vorwarf, die Mutter durch magische Handlungen zur Heirat verführt zu haben. Allem Anschein nach wurde Apuleius aber freigesprochen. Bis zu seinem Tod blieb er dann in seiner Heimat Nordafrika, zunächst in einem Ort namens Oea, dem heutigen Tripolis, und später in Karthago, wo er als Priester arbeitete. Wann genau er gestorben ist, weiß man heute nicht mehr genau.

Eindrucksvoll ist in jedem Fall, wie Apuleius Schaffen nach seinem Tod weiterlebte. Im Folgenden gebe ich dazu einen kleinen Einblick, wer mag, kann sich gerne den passenden Wikipedia-Artikel mit all seinen Unterverlinkungen dazu durchlesen, – sehr lohnenswert und von Wikipedia selbst als “lesenswert” deklariert.

 

Apuleius Nachleben und Wirkung

Bereits kurz nach seinem Tod wurden Apuleius einige Statuen errichtet. Im 4. Jahrhundert gab es dann sogenannte „Kontorniaten“ mit seinem Abbild drauf. Die Verwendung dieser Kontroniaten ist umstritten, vielleicht waren es Spielplaketten, vielleicht kleine Abzeichen, um den heidnischen Glauben (gegen die Christen) zu verteidigen.

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By Johann Jacob Bernoulli – Johann Jacob Bernoulli, Römische Ikonographie, Bd. 1: Die Bildnisse berühmter Römer mit Ausschluss der Kaiser und ihrer Angehörigen. Stuttgart u.a. 1882, Münztaf. 5,117., Public Domain, Link

Die frühen christlichen Kirchväter kannten Apuleius größtenteils und lobten in für sein Werk, kritisierten ihn teilweise aber auch als zu „belletristisch“ und deuteten seine Erzählungen in radikal christlichem Sinn. Im Mittelalter gab es Gelehrte, die auf die Schriften von Apuleius Bezug nahmen (Isidor von Sevilla, Fulgentius, Bernardus Silvestris, Johannes von Salisbury, Albert der Große). Die frühen Humanisten kannten Apuleius (Petrarca, Boccaccio, da Strada, …).
Mit der Verbreitung des Buchdrucks und dem Aufkommen von populärer Literatur, griffen einige Autoren auch auf die Erzählmotive von Apuleius` zurück.
Niccolo Machiavelli beispielsweise schrieb nicht nur etwas über Staatsphilosophie, sondern auch eine (unvollendete) Geschichte über einen verwandelten Esel. Apuleius Metamorphosen galten sogar als Vorbild für eine gesamte Literaturgattung: den sogenannten „Schelmenroman“ (bestes Beispiel: Don Quijote).

Besondere Beachtung fand allerdings die Erzählung von Amor und Psyche. Zahlreiche Humanisten und spätere Autoren haben die Geschichte ausgedeutet oder neu geschrieben, darunter Boccaccio, Niccolò da Correggio, Galeotto del Carretto, Juan de Mal Lara, Ercole Udine, Edmund Spenser (The Faerie Queene), William Browne (Britannia’s Pastorals), Shackerley Marmion (The Legend of Cupid and Psyche), Thomas Heywood (Loves Maistresse or The Queens Masque), Calderón (Ni Amor se libra de amor), Johann Ludwig Prasch (Psyche Cretica), Jean de La Fontaine (Les amours de Psyché et de Cupidon), Johann Wilhelm Ludwig Gleim, Herder, Mary Thighe, …
Einige sehr bekannte Werke, wie das oben schon erwähnte „Don Quijote“ oder Shakespeares Mittsommernachtstraum enthalten einzelne Elemente oder Episoden aus Apuleius „Amor und Psyche“.

Und auch ganz aktuelle Werke heute noch bekannter Autoren thematisieren Apuleius Schreiben aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. So unter anderem
Elizabeth Barrett Browning  und C.S. Lewis, der nicht nur die „Chroniken von Narnia“ schrieb, sondern die Geschichte aus der Sicht von Psyches älterer Schwester darstellt.

Daneben gab und gibt es auch musikalische Versionen:

Auch in der Psychologie (eine Disziplin, die im 20 Jahrhundert größere Verbreitung fand) spielte die Erzählung von „Amor und Psyche“ eine Rolle. Das ist nicht allzu verwunderlich, bezeichnet der Name der Menschenfrau, in die Amor sich verliebt, ja auch tatsächlich DIE „Psyche“, – also im Sinne von „Seele, Verstand, Gedanken“ – dasselbe Wort wie in Psychologie.

Über all dem gibt es auch eine große Anzahl an Bildern, die es ohne Amor und Psyche nicht gäbe.  Anbei ein paar Beispiele (in chronologische Reihenfolge). – Und damit verabschiede ich mich dann auch erst einmal ganz schlicht und leise. Ich wünsche euch das Allerbeste, mir hat´s sehr viel Spaß gemacht diese Reihe zu schreiben! Bis ganz bald!

Eure Runa Phaino

Selfhtml ca. 70 n. Chr. (Kann das sein? Vielleicht aufgrund einer vorhergehenden Erzählung???)By Stefano BologniniOwn work, Attribution, Link

Selfhtml Wahrscheinlich 3. Jahrhundert n. Chr. By FravekatorOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Selfhtml 1345. By Bartolomeo di Bartoli for Bruzio Visconti – 2D copy of a scan of an medieval manuscript, Public Domain, Link

Selfhtml ca. 1600. By Bartholomeus Spranger – found online [2]Upload: James Steakley, Public Domain, Link

Selfhtml 1605.

By Joseph Heintz the Elder – (Original text: Stadt Augsburg: http://www2.augsburg.de/uploads/pics/F_1548_01.jpg), 11. August 2007(11 August 2007 (original upload date)). Original uploader was Brezelsuppe at de.wikipedia, Public Domain, Link

Selfhtml 1817. By Jacques-Louis David – Author, Public Domain, Link

Selfhtml ca. 1850. By Reinhold Begas (1831-1911) – Alte Nationalgalerie, CC0, Link

Selfhtml Psyche öffnet die Tür zu Amors Garten. Waterhouse 1903. By John William Waterhousejwwaterhouse.com, Public Domain, Link

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Zerrissen

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Stolz wie eine Königin schritt Psyche ihren Schwestern voran. Das Schloss von außen verblüffte, doch als Tessa und Gorda den Innenraum betraten, entfuhr beiden ein spitzer Schrei.
„Sind das Edelsteine?“, keuchte Gorda.
Psyche nickte. Der Fußboden glitzerte und funkelte im Sonnenlicht und selbst sie war erstaunt über das Blitzen und Blinken.
„Habe ich euch zu viel versprochen?“, fragte Psyche.
Tessa tippte Gorda ans Kinn, die daraufhin ihren Mund schloss.
„Und es gibt noch mehr zu sehen!“, rief Psyche und zog ihre Schwestern durch die Räume. „Hier ist der Speiseraum! Hier das Bad! Hier ist mein Zimmer … und hier … das ist mein Lieblingsraum!“
Psyche schritt die Treppe zur Bibliothek hinab und bemühte sich zu erklären, was genau es mit den „Büchern“ auf sich hatte.
Tessa und Gorda sahen sie mit großen Augen an.
„Seht doch“, sagte Psyche und hielt ihnen ein Buch entgegen. „Da stehen Geschichten drin!“
Gorda und Tessa steckten ihre Nase zwischen die Buchseiten, aber schüttelten den Kopf.
„Was soll das sein?“
„Das ist meine Lieblingsgeschichte, sie handelt von einem Mädchen, das in ein verwunschenes Schloss kommt. Fast so wie hier.“ Psyche schmunzelte. „Ich muss unbedingt meinen Mann fragen, warum ihr das nicht lesen könnt.“
„Wie ist er eigentlich so, dein Mann?“, fragte Tessa.
Psyche klappte das Buch zu und stellte es zurück ins Regal. „Was wollt ihr denn wissen?“
„Na, wie er aussieht zum Beispiel. Wie alt er ist. Was er so macht. Er muss ja steinreich sein, wenn er sich das hier alles leisten kann.“
Psyche zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“
„Was weißt du nicht?“, fragte Gorda.
„Also“, sagte Psyche, „ich weiß eigentlich nichts über ihn.“
„Du weißt nichts über ihn?“, staunte Tessa.
„Na ja“, beschwichtigte Psyche. „Ich weiß, dass er hier wohnt, dass er nett ist, dass er zärtlich ist … dass er … dass er mich liebt.“
„Wo ist er denn beispielsweise jetzt?“, fragte Tessa.
„Das weiß ich nicht.“
„Wie kann das sein?“, fragte Tessa. „Stört dich das gar nicht?“
„Doch …“, sagte Psyche. „Aber ich vertraue ihm.“
„Er hat bestimmt etwas vor dir zu verbergen.“ Gordas Blick verfinsterte sich. „Als ich eine Zeitlang nicht wusste, wo sich mein Mann aufhielt, da habe ich eines Tages nach ihm gesucht und ihn in der Speisekammer gefunden. Mit der Sklavin.“
„Ich weiß nicht …“ Psyche griff an das Geländer der Treppe. Ihre Schwestern weckten mit den Fragen Gedanken, die am Grunde ihres Bewusstseins schlummerten. „Also er hat keine andere, das ist es nicht. Ich glaube, er spricht gerade mit seinen Eltern, weil …“
Psyche brach ab und biss sich auf die Lippe.
„Weil?“, hakte Tessa nach.
Seufzend sagte Psyche. „Weil sie noch nichts von mir wissen.“
„Seine Eltern wissen nichts von Dir?!“ Tessa fasste sich an die Brust. „Das heißt, ihr seid hier, zusammen … ohne … oh ihr Götter!“
„Na ja“, Psyche krallte ihre Finger in das Holz. „Vielleicht … ich glaube, er will mich vielleicht einfach nicht herzeigen.“
Psyche wandte das Gesicht ab, doch ihre Schwestern kannten sie gut.
„Nicht weinen, Psyche“, sagte Gorda und nahm Psyche in den Arm. „Nicht weinen.“
„Doch!“, schniefte Psyche. „Doch. Ihr habt ja Recht. Ich bin mir einfach nicht sicher. Er sagt zwar, dass er mich liebt. Er tut alles für mich. Aber er hat mich noch nicht einmal seinen Eltern vorgestellt. Dabei bin ich … ich bin …“
Psyche legte eine Hand auf ihren Bauch.
„Du bist schwanger?!“, keuchte Tessa entsetzt. Auch Gorda schüttelte ungläubig mit dem Kopf. „Oh Psyche! Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder weinen soll! Psyche … das ist … das ist gegen den Willen der Götter …“
„Ja“, schniefte Psyche. „Ich weiß! Und er ist einfach abgehauen, hat mich alleine gelassen. Ich weiß es doch auch nicht … ich meine jetzt, danach, er hat mir erlaubt, euch zu besuchen. Er war sehr nett.“
Gorda und Tessa blickten sich an. „Psyche, du bist eine Prinzessin. Du solltest dich nicht so behandeln lassen. Es gibt Rituale, die vollzogen werden müssen, bevor Mann und Frau … zusammen sein sollten.“
Psyche und wischte die Tränen von den Wangen. „Ihr habt ja Recht. Ich bin so unsicher. Ich weiß gar nicht mehr, was ich von all dem halten soll. Es ist wie ein Traum, aber ich habe Angst.“
„Also wenn du mich fragst“, sagte Gorda und streichelte Psyche eine Haarsträhne hinter die Ohren. „Die hätte ich an deiner Stelle auch.“
Und Tessa nickte bestätigend. „Irgendetwas ist hier faul. Gewaltig faul.“
„Aber warum sagte ihr denn sowas?“, fragte Psyche leise.
„Na, guck dich doch mal um!“, sagte Tessa. „All das hier … es ist viel zu pompös, zu gewaltig … es ist zu gut, um wahr zu sein.“
„Meint ihr … es ist zu gut für … für mich?“ Psyche ließ den Kopf hängen und blickte zu Boden.
„Nein … nein“, sagte Gorda sanft.
Tessa widersprach. „Du musst zugeben, dass es seltsam ist. Niemand wollte Psyche haben und jetzt …“
Psyche hob ihr Gesicht. Sie blickte ihren Schwestern in die Augen und nickte langsam. „Ist schon gut“, sagte sie. „Ich weiß.“
Irgendwie erleichterte es sie, dass ihre Schwestern die Dinge genauso sahen wie sie selbst. Sie hatte dem Untier gerne glauben wollen, doch jetzt, bei Tageslicht, durch die Augen ihrer Schwestern, begriff sie endlich das Ausmaß der Unwirklichkeit.
„Ich weiß ja nicht einmal, wie er aussieht“, platzte es aus ihr heraus. „Er kommt nur her, wenn es dunkel ist. Stockfinster.“
Tessa schluckte schwer und trat neben sie. „Du weißt nicht einmal, wie er aussieht?“
Psyche schüttelte den Kopf. Die Nähe ihrer Schwestern beruhigte sie. Sie spürte Gordas Hand, die ihr tröstend den Rücken streichelte, während Tessa ihren Arm sanft drückte.
„Und diesem Mann vertraust du? Einem, dessen Gesicht du nicht kennst? Der nicht einmal die wichtigsten Rituale vollzieht, bevor er dich zu seiner Frau macht? Psyche, bist du wahnsinnig geworden? Haben dir die Diamanten neben deinem Stolz sogar deinen Verstand geraubt?“
„Ich …“, Psyche brach ab. Vor Scham konnte sie kaum noch atmen.
„Bedenke, dass das Orakel von einem Ungeheuer sprach“, sagte Gorda. „Vielleicht ist das die Erklärung für all das hier.“
„Ich hatte es schon vermutete, als ich hineingekommen bin. Dieses Schloss ist eine Falle!“, wisperte Tessa.
Psyche zuckte erschrocken zusammen. „Aber das kann nicht sein!“ Ihre Stimme zitterte. „Wenn ihr ihn kennenlernen würdet, ihr würdet verstehen …“
„Psyche, sei nicht so naiv“, unterbrach sie Tessa. „Was, wenn dieses Wesen dich dazu auserkoren hat, ihm ein Kind zu gebären, damit er es fressen kann? Es gibt so viel schlechtes auf der Welt, man kann gar nicht vorsichtig genug sein!“
Psyche suchte nach einer Verteidigung, einem Argument, dass sie den Tatsachen entgegenstellen konnte. Sie fand nichts. Das einzige, was sie spürte, war bodenlose Angst.
„Mir ist unheimlich zumute“, flüsterte Gorda und nahm Psyches Hand. „Ich möchte zurück! Komm mit!“
Psyche geleitete die Schwestern zum Tor. Der Flur mit den Edelsteinen glänzte noch immer, aber zum ersten Mal sah Psyche die scharfen Kanten und Spitzen. Das dunkle Rot der Rubine, das im Licht der Dämmerung aussah wie Blut.
„Ich kann das einfach nicht glauben …“, sagte Psyche endlich. Eine kühle Brise Abendluft wehte durch das Tor. „Ich bleibe hier.“
Tessa streichelte Psyche über die Wange. „Vergewissere dich.“
„Wie soll ich mich vergewissern?“, fragte Psyche und lehnte sich an den Rahmen des Tores.
„Es wird doch in deinem Schloss irgendwo ein Lämpchen geben, ein Zunderholz … Sieh ihn dir an. Vergewissere dich.“
Und dann verschwanden die Schwestern über die Wiese, so schnell, wie sie gekommen waren. Psyche blickte ihnen lange hinterher.

Der Kuss

Amor fühlte sich bestens vorbereitet. Er hatte den perfekten Köder gefunden. Es gab nichts, das eine Erdenfrau mehr faszinierte als dieses winzige Etwas. Amor wusste zwar nicht, warum gerade dieses Objekt so anziehend wirkte, allerdings musste er zugeben, dass es sich sehr angenehm anfühlte.
Vorsichtig tapste er durch das dunkle Schloss. Es war finster wie die Nacht, genauso wie er es geplant hatte.
In der Hand hielt er das kleine Ding, das ihm als Köder dienen würde. Daran befestigt war eine lange, dünne Kette. Sobald die Prinzessin danach schnappte, würde er sie an sich ziehen und dann …
Der Gedanke verursachte ein prickelndes Gefühl in seinem Bauch.
Amor grinste glücklich.

Voller Angst lauschte Psyche. Gewiss war es das Ungeheuer, das sich dort im Flug bewegte. Oh, sie war so dumm! Den ganzen Tag über hatte sie die Bedrohung ignoriert, nur ab und zu war die Erkenntnis wie ein Schrecken über sie gefallen. Aber gleich darauf hatte sie sich einlullen lassen von all den Wunderdingen dieses Schlosses. Wenn sie doch geflohen wäre! Jetzt war es zu spät. Sie konnte nichts mehr tun.
Die Schritte näherten sich.
Psyche umklammerte die Vase. Sie würde sich nicht kampflos ergeben. Im Raum war es stockfinster. Sollte sie sich verstecken? Würde ihre Hässlichkeit sie schützen? Konnte das Ungeheuer in der Dunkelheit sehen?
„Oh Mist!“, rief da eine Stimme und etwas im Flur ging klirrend zu Bruch.
Das Ungeheuer war also genauso blind wie sie, schloss Psyche. Nicht einmal ihre Hässlichkeit würde sie retten. Psyches Herzschlag übertönte fast das leise Knarren der Tür. Sie hielt den Atem an.
Mit einem leise „Pling“ landete etwas auf dem Boden. Direkt neben ihr. Ein feines, schleifendes Geräusch ertönte. Psyche hielt sich schützend den Arm vors Gesicht und erwartete das Schlimmste.
Das schleifende Geräusch wiederholte sich. Ruckartig. Oder war es vielmehr ein Klingen? Weiter geschah nichts. Kein hereinstürmendes Ungetüm, kein Angriff.
Psyche nahm wahr, dass ihre Finger schmerzten. So fest hielt sie die Vase umklammert.
Und wieder ertönte ein klingendes Geräusch.
Stirnrunzelnd hockte sich Psyche auf den Boden und stellte die Vase ab.
„Wer ist da?“, flüsterte sie.
Keine Antwort. Dafür aber bewegte sich das Klingen jetzt schnell springend fort. Psyche griff danach und fühlte etwas Kleines, Rundes, das in der Mitte ein Loch hatte.
„Ein Ring“, stellte Psyche verwundert fest. Was sollte das denn?
Sie bemerkte, dass an dem Ring noch etwas befestigt war. Es war hauchdünn, fast nicht zu spüren, vielleicht ein Spinnengewebe, nein, dafür war es zu fest. Was war es?
Mit einem Ruck wurde Psyche fortgezogen und fand sich im selben Moment wieder in einer Umarmung, gepresst an einen Körper, von dem ein so betörender Duft ausging, dass ihr Schrecken sich mit einem Atemzug verlor.
„Du gehörst jetzt mir“, flüsterte eine Stimme in ihr Ohr.
Dann spürte sie einen weichen Mund auf ihren Lippen. Der Geruch war noch stärker als zuvor, er vernebelte ihren Geist.

„Was tu ich hier?“, fragte sich Psyche. Ich küsse. Wie denn? Ich küsse? Ist das eine Zunge? Wie soll ich die Lippen bewegen? Wie atmen? Küssen. Es funktionierte einfach so. Seltsam. Und irgendwie …
Bevor sich Psyche völlig verlor, löste sie ihre Lippen.
„Wow“, sagte die fremde Stimme. „Das ist ja besser als fliegen.“
Psyche versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. „Fliegen?“
„Klar! Ich zeig es dir!“
Sogleich wurde Psyche hochgehoben und spürte für einen kurzen Moment, wie sie in den Armen des Fremden tatsächlich flog.
Dann stieß er sich den Kopf an der Decke und beide fielen unsanft zu Boden. Direkt neben die Blumenvase. „Hatschi!“, schnaubte Psyche.
„Wer –hatschi- oder was bist du überhaupt?“, brachte Psyche zwischen ihrem Nießen hervor.
„Das ist doch nicht wichtig!“, sagte der Fremde und lachte. „Lass uns lieber noch einmal küssen!“
Psyche musste wieder niesen. Sie brauchte unbedingt ein Tuch, um sich die Nase zu schnäuzen.
„Moment mal …“, sagte sie und tastete in der Dunkelheit. „Warum ist das hier so finster?“, murrte sie. „Gibt es keine Fackeln?“
„Nein!“, sagte der Fremde. „Das habe ich extra so eingerichtet!“
Psyche erspürte das Laken und schnäuzte sich die Nase. Der Fremde rückte an sie heran. „Sowas passiert mir öfter. Ich meine, dass ich mich irgendwo stoße. Aber ich bin auch selbstbewusst. Und behaart. Und ich möchte dich noch einmal küssen. Ich liebe dich nämlich!“
Psyche wischte sich die tränenden Augen und rückte weg. „Ich … ich muss nachdenken“, sagte sie. „Das ist alles so … verwirrend!“
„Dann … äh … klar, denke! Du kannst alles denken und mir dann alles sagen, Psyche. Das ist so, wenn man sich liebt.“
Der Fremde versuchte, ihre Hand zu finden. Psyche zog sie vorsichtig zurück. Was war das für ein Wesen? So etwas hatte sie noch nie erlebt. Hatte es gerade gesagt, dass es sie liebte?
„Du sprichst von Liebe?“, fragte Psyche. „Ist das dein Ernst?“
„Ich schwöre es bei meinem Leben!“
„Bis vor ein paar Minuten habe ich noch gedacht, du willst mich töten …“
„Wie bitte?“ Die Stimme klang ehrlich entsetzt. „Warum hast du das gedacht? Was hätte ich tun können, es zu verhindern? War etwas nicht zu deiner Zufriedenheit?“
Psyche erinnerte einzelne Bilder des Tages. Der leckere Kuchen, das schaumige Bad …
„Nein, es war alles … gut. Aber ich wusste nicht, was mich erwartet.“
„Es tut mir leid“, gab die Stimme zu. „Daran habe ich nicht gedacht.“
„Wer oder was bist du?“, beharrte Psyche.
„Ich kann es dir nicht sagen. Ich werde alles tun, alles, was du willst, aber das kann ich dir nicht sagen.“
„Warum nicht?“
„Es geht nicht. Psyche, bitte, frag nicht weiter. Ich … ich liebe dich!“
Das fremde Wesen machte den Versuch, sich ihr wieder zu nähern. Sein Geruch war einfach zu gut. Psyche hielt sich die Nase zu, bevor sie wieder den Verstand verlor.
„Gut, dann sage mir, was dieses Schloss ist. Ich habe so etwas noch nie gesehen.“
„Es ist ein Traumschloss. Ich habe es für dich erschaffen.“
„Das ist unmöglich!“
„Gefällt es dir nicht?“
„Darum geht es nicht!“, rief Psyche aufgebracht. „Das alles kann einfach nicht wahr sein!“
„Wieso sagst du so etwas?“, fragte die Stimme. „Es ist wahr, warum glaubst du das nicht?“
Das fremde Wesen sprach auf einmal ganz leise. „Du hast den Köder gefunden. Du hast den Ring … Komm zu mir, bitte!“
Es klang so verzweifelt, dass Psyche einen Moment stutzig wurde.
„Wieso?“, fragte sie.
„Ich weiß nicht …“, sagte das Wesen und Psyche konnte hören, wie die Stimme leicht zitterte: „Liebst du mich denn nicht?“
Psyche schüttelte den Kopf. Das alles war viel zu absurd, um wahr zu sein. Aber wie verrückt sie auch geworden war, sie wollte niemandem eine Erklärung schuldig bleiben.
Also sagte sie:
„Ich weiß doch überhaupt nicht, wer oder was du bist. Ich kenne dich nicht. Um jemanden zu lieben … das dauert. Das ist nicht einfach so da. Glaube ich zumindest. Und all diese Dinge hier … wahrscheinlich träume ich nur. Das ist ein Trugschloss, es wird zerplatzen, sobald ich die Augen öffne. Außerdem ist es stockfinster. Wenn du mich sehen würdest, dann würdest du … “
„Ich habe dich gesehen“, unterbrach das Wesen ihre Gedanken. „Und im selben Moment habe ich mich in dich verliebt.“
„Ha!“, Psyche lachte trocken auf. „Ich wusste, dass hier etwas nicht stimmt. Das kann unmöglich sein! Niemand würde das tun. Keiner. Verstehst du? Irgendwas läuft hier gehörig schief, ich bin doch nicht bescheuert. Vielleicht ist das ein lange gehegter Plan … irgendwas Gemeines. Oder ich bin einfach nur verrückt geworden. Ich bin verrückt geworden …“

Amor versuchte ein paar Mal, Psyche zu beruhigen, aber sie schien ihn nicht zu hören. Also verließ er schlurfend das Zimmer. Er war so betrübt, dass er nicht einmal fliegen konnte. Auf seinem Weg stieß er gegen so ziemlich jede Vase und jede Kostbarkeit, die im Schloss aufgestellt war. Klirrend zerbrachen sie auf dem Boden. Egal. Egal. Es war ihm egal.
Was hatte er falsch gemacht? Der Kuss war das Schönste, was er bisher erlebt hatte. Psyches Lippen hatten sich so wundervoll angefühlt, einfach perfekt, und doch, nur einen Moment später, hatten diese harten Worte sie verlassen. Worte, die ihn getroffen hatten, wie Steine.
Er hatte alles so gemacht, wie Apollo es gesagt hatte. Aber er hatte versagt. Psyche würde ihn niemals lieben. Der Pfeil würde seine Wirkung nur tun, wenn sie ihn sah. Und das war unmöglich.
Er musste etwas tun! Er konnte ohne Psyche nicht leben. Dieser Kuss … und hatte sie ihn nicht erwidert? Hatte sie sich nicht an ihn geklammert, ja, ihn umarmt, ein wenig festgehalten, wenigstens ebenfalls berührt?
Hinter Amor schlossen sich die großen Flügeltüren. Am Himmel zeigte sich der Mond. Er machte ein trauriges Gesicht, fand Amor. Es war Vollmond und keine günstige Zeit, um Diana einen Besuch abzustatten, aber er brauchte ihren Rat. Er hatte etwas falsch gemacht, aber er wusste nicht, was es war. Er brauchte den Rat einer Frau. Und dann dachte er wieder an diesen Kuss. Dieser Kuss …

Rosa Schweino in groß!

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Heute hat Rosa Schweino ihr Alter Ego getroffen. Ein Drachenschwein, das aufsteigen wollte. Ob das als Metapher für Rosas literarische Ambitionen gewertet werden kann?

Einen lieben Gruß von der Schreibfront bzw. Schweinfront!!!!

😉

Runa

PS. Ten days to go …

Amors Abenteuer (2)

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Apollos Wagen funkelte und strahlte wie die Sonne selbst. Der Zephyr gab mir Antriebskraft. Unter mir zogen Wolken dahin, dazwischen konnte ich die Erde sehen: Flüsse, Berge, Städte. Das Meer mit winzigen weißen Punkten, Schaumkronen und Wellen.
Apollo schätzte es nicht, wenn ich ihn bei der Arbeit besuchte, aber dies war ein Notfall. Außerdem, fand ich, arbeitete er gar nicht, sondern jagte mit einer mordsmäßigen Geschwindigkeit durch den Äther. Cooler Job.

»Oh Shit!« Ich purzelte kopfüber auf die Rückbank, wobei eine meiner Federn brach.
»Ey, Alter!«, Apollo dreht sich zu mir um, »Was is`n los, Mann?«
»Ich dachte, ich komm mal vorbei …«
Apollo ließ die Peitsche knallen und die Pferde wieherten. Es waren vier riesige Tiere mit flammend hellen Mähnen, wilden Augen und gefährlich schlagenden Hufen.
»Krass schnell, was?«
»In der Tat«, bestätige ich, während ich versuche, meinen Kopf nach oben und meine Beine nach unten zu bekommen.
»Das is´n Phaeton, zehn Ellen lang. Üppiger Radstand, goldene Karosserie, kaum Schnörkel, dafür straffe Linien an den Seiten – das Teil hat Charakter. Zwei Pferdestärken mehr und heizt richtig rum!«
»Meinst du, ich kann vielleicht den alten Wagen haben?«, fragte ich, mittlerweile richtig positioniert. Es war zwar nicht mehr das neuste Modell, aber es war ein WAGEN, kein Westwind, keine Wolke und vor allem keine affigen Flügel mit weißen (und ein paar hellrosa) Federn, die aufgeregt flatterten, wenn ich flog.
»Klaro, wenn deine Alte das erlaubt …« Apollo lachte. »Was willste? Ich muss arbeiten, weißte doch.«
»Jaja«, sagte ich und schüttelte kurz den Kopf, was Apollo nicht sehen konnte. Arbeiten, von wegen.
»Ich habe eine Frage. Und du bist der schlauste aller Götter, also …«
Apollo ließ die Peitsche knallen.
»Haste schon gemerkt, dass die Sonne jetzt weiter hinten hängt?«, fragte Apollo.
Ich drehte mich um.
»Stimmt, ist nicht mehr so heiß hier wie früher.«
Apollo nickt zufrieden.
»Und die Sitze sind aus Leder«, er machte eine bedeutungsvolle Pause, »vom kalydonischen Eber.«
Gerade hatte ich mir eine richtig gute Frage überlegt, aber seine Worte brachten mich aus dem Konzept.
»Aus Leder? Von einem Tier? Und deine Schwester?«
Apollos Zwillingsschwester Diana war, was Tiere anbelangte, ziemlich eigen. Zwar war sie eine Jägerin, aber gleichzeitig auch selbsterklärte: »IchbeschützealleTiererin«
»Das ist das Beste!«, feixte Apollo. »Die hat ihn auf dem Gewissen.«
»Echt jetzt?«
»Ja, irgend so ein König hat vergessen ihr Opfergaben darzubringen und dann hat sie den kalydonischen Eber auf ihn gehetzt. Der ist dabei leider umgekommen.«
»Und opfern die Leute ihr jetzt wieder?«
»Klaro.«
Den Gedanken, dass die Verbreitung von Angst und Schrecken eine Lösung für mein Opfergabenproblem sein könnte, verwarf ich sofort wieder. Dianas Methoden waren zu extrem.
»War Vollmond?«, fragte ich.
Apollo grinste. »Zu meinem Glück! Guck dir das Leder mal an, komplett weiß, wunderbar weich; ey, pass mit deinen Füßen auf!«

»Okay«, begann ich, »mal angenommen, deine Opfergaben würden schwinden, was würdest du tun?«
»Das passiert nich.«
»Ja, aber mal angenommen.«
»Nee, das passiert nich.«
Ich versuchte es noch einmal.
»Ja, aber mal angenommen!«
Apollo guckte mich skeptisch an. »Was´n los, Kleiner, gibt´s Probleme?«
»Nein«, antwortete ich, konnte aber nicht verhindern, dass meine Flügel aufgeregt zitterten.
»Du kriegst eh nix. Also isses … deine Ma?«
»Quatsch!«, rief ich. Jetzt zitterte mein ganzer Körper. Mist!
»Deine Ma. Wusste ich´s doch.«
Ich seufzte.
»Sag´s nicht weiter«, bat ich, enttäuscht, dass er mir so schnell auf die Schliche gekommen war. Aber ich konnte ihm vertrauen. Bestimmt. Er war schließlich mein bester Freund.
»Mann, voll peinlich, Alta, das sollte sich echt nicht rumsprechen«, sagte Apollo.
»Ja«, pflichtete ich ihm kleinlaut bei. »Ich versuche, der Sache auf den Grund zu gehen und dachte mir, du kannst mir helfen.«
Apollo rieb sich das Kinn.
»Woran könnte es liegen, dass die Göttin der Liebe keine Opfergaben mehr kriegt?«
Er guckte nach links und nach rechts, nach oben und nach unten. Das alles wirkte sehr theatralisch auf mich.
»Was meinst du?«, fragte ich.
Jetzt sah er mich direkt an mit seinen stechenden blauen Augen, während den Pferden der Schaum vom Maul flog.
»Wer is´n verantwortlich für die Liebe?«
»Na …«, ich dachte kurz nach, »Ich.«
»Und was machst du den ganzen Tach?«
»Äh …«
Ich hatte das untrügliche Gefühl, dass das jetzt sehr, sehr unangenehm werden würde.
»Nix!«, fuhr Apollo fort. »Du machst nix. Du pennst bis in die Puppen, du säufst wie ein Loch, du jammerst rum und vor allem: Du machst deine Arbeit nicht, seit – ich weiß gar nicht wie lange!«
»Aber …«, ich wollte das nicht auf mir sitzen lassen. DAS konnte unmöglich der Grund sein. »Aber wenn Du Deine Arbeit nicht machst …«
Apollos Blick verfinsterte sich.
»Äh, ich meine, wenn du sie nicht machen kannst, weil deine Schwester den Mond vor die Sonne schiebt, klar, du machst ja immer deine Arbeit und tut mir leid, ich wollte dich jetzt echt nicht kritisieren …«
»Das hoffe ich.«
»Okay«, fuhrt ich fort, »wenn irgendwas deiner Arbeit im Wege steht, dann opfern die Menschen doch wie verrückt!«
»Klaro«, entgegnete Apollo ungerührt. »Weil sie Angst haben. So eine Verdunkelung der Sonne ist eben schwer zu ertragen für die Menschen. Meine Schwester darf sich solche Späße auch nicht allzu oft erlauben.«
Ich pflichtete ihm bei. Diana hatte einen makabren Sinn für Humor.
»Ja, aber meine Schwester kriegt ´ne Menge Opfergaben«, fuhr Apollo fort. »Sie zieht ihr Grausamkeits-und-Ich-bin-doch-ganz-nett-Ding konsequent durch. Du aber solltest jetzt echt mal zusehen, den ganzen Mist der letzten Zeit wieder auf die Reihe zu kriegen. Ich hab´s dir von Anfang an gesagt.«
»Du hast nicht gesagt, dass es keine Opfergaben mehr geben würde!«, protestierte ich.
Apollo rollte mit den Augen. Er hielt die Hand in die Luft, streckte den Daumen aus, dann den Zeigefinger, dann den Mittelfinger.
»EINS, ZWEI, DREI!«, zählte er. »Oder anders gesagt: Lo-gik.«
»Konquesennzen?«, fragte ich bekümmert.
»Genau, Amor. Das sind Kon-se-quen-zen.«
»Scheiße«, seufzte ich.
Apollo drehte sich zu mir um kräuselte die Brauen.
»Jetzt schwirr ab und lass mich meine Arbeit machen.«
»Was soll ich denn jetzt tun?«
»Dir wird schon was einfallen.«
»Und wenn nicht?«
»Tja, dann … gibt´s halt keine Opfergaben mehr und du wirst ein armer Schlucker.«
»Apollo!« Langsam machte er mir wirklich Angst.
»Komm, Kleiner, das wirste doch selber hinkriegen.« Er gab mir einen Klaps auf die Schulter. Das untrügliche Zeichen, dass ich abflattern sollte. Es machte mich auch ein bisschen stolz, dass er glaubte, ich selbst würde eine Lösung finden.
»Na gut,« sagte ich, »Danke, du bist echt toll, Mann.«
»Na klaro«, entgegnete Apollo, »Ich bin Apollo.«
Ich war schon halb in der Luft, als Apollo mir hinterherrief: »Denk heute Abend an den Retsiner!«
Apollo hatte einen ausgezeichneten Geschmack. Der Retsiner war der beste Tropfen im Weinkeller meiner Mutter.

(…)

https://lehmofen.wordpress.com/2015/07/25/amors-abenteuer/

Amors Abenteuer (1)

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„Amor, mein Honigschätzchen, Amor!“

„Nur noch fünf Strahlen“, murmelte ich. Mein Kopf dröhnte. Die Scheißsonne kitzelte meine Nasenspitze. Apollon war also schon wieder auf seinem Wagen. Es war erstaunlich. Egal, wie viel wir den Abend vorher gesoffen hatten, egal, was wir geräuchert hatten, er zog die Sonne pünktlich übers Firmament. Er war ein Übergott. Und mein bester Freund.

„Amor, wo bist du?“, schallte ihre Stimme durch den Himmel.

Ich drehte mich auf die andere Seite und verbarg mein Gesicht in der Wolkenwatte. Dann spürte ich, dass Wolke sich langsam in Bewegung setzte.

„Wolke, bleib hier, bitte!“, stöhnte ich in die Watte und versuchte, sie festzuhalten. Das erwies sich als sinnlos, weil sie durch den Himmel flog und ich auf ihr lag.

Dunkele Erinnerungen traten in mein Bewusstsein. Weinkrüge über Weinkrüge, die Apollon und ich gestern leerten, diverse Kräuter, die wir in kleinen Tongefäßen räucherten. Auf meiner Wolke musste es aussehen wie auf einem Schlachtfeld.

Scheiße. Wenn Mutter das sah, wäre sie bestimmt nicht amüsiert.

Also aufstehen. Ich holte tief Luft. Aufstehen. Jetzt. Oh ihr Götter, das würde nicht einfach werden!

Irgendwie schaffte ich es, meinen Körper aufzurichten. Mein Kopf explodierte vor Schmerzen. Ich presste meine Hände auf die Schläfen. Der Wein, der Wein … lass ihn lieber sein … pochten die Gedanken.

»Amor, mein Liebling, komm zu deiner Mama!«

Unter Qualen klaubte ich Krüge, Kräuter und die Statuetten mit den üppigen Brüsten zusammen und schmiss sie aus vollen Händen runter gen Erde.

Keinen Sonnenstrahl zu früh, wie es schien, denn auch wenn Wolke normalerweise ein eher behäbiges Tempo flog, wenn meine Mutter nach ihr rief, war sie kaum zu bremsen.

„Mein kleiner Cupido!“

Venus lächelte verzückt und warf mir eine Kusshand zu. Sie stand am Rand ihrer rosafarbenen Wolke und blickte auf mich herab. Hinter ihr blitzte ein goldener Palast im Licht der aufgehenden Sonne. Zwischen meinen Kopfschmerzen nagte genauso schmerzhaft die Frage, warum ich eigentlich immer noch mit dieser kleinen, widerspenstigen Ausstattung einer Cumuluswolke versehen war, kaum größer als ein King-Size Bett.

„Guten Morgen, Ma“, sagte ich. „Du bist heute so wunder-, wunderschön, Ma.“

Immer weckte sie mich wegen irgend so einem langweiligen Schwachsinn, ob ihr das Gewand gut stände –Pastellrosa oder doch lieber Himmelblau?-, ob sie „die Schönste im Götterhimmel und auf Erden“ sei, und ob sie „die Allerschönste im Götterhimmel und auf Erden“ sei.

Venus warf sich in Pose und lächelte verzückt.

„Findest du? Das Kleid ist erst vor ein paar Stunden in meinen Detoto-vonalien erschienen!“

„Äh, was?“

„In meinen Detoto-votialien oder wie das heißt.“ Mutter klatschte in die Hände und drehte sich einmal im Kreis.

„Nenn es doch einfach: Opfergaben“, schlug ich vor.

„Wie findest du es?“

Apollon sollte mich später mit einem süffisanten Lächeln aufklären, dass es Devotionalien hieß. Apollon wusste alles.

Ma besaß unten auf der Erde – im- Gegensatz zu mir – jede Menge Tempel, Altäre, Priester und alles, was dazugehörte. Die Menschen opferten ihr beständig irgendwas, das in ihrem Opferschrank landete, ein großes, braunes Ungetüm aus Zedernholz, mit vielen magischen Zeichen.

Mir war ja am liebsten, wenn die Menschen Wein oder Kräuter opferten, weil ich davon am meisten profitierte. Davon kam jedoch weniger als ein Viertel nach oben. Die Priester waren ebenfalls keine Kostverächter. Besonders gierige Exemplare beschoss ich hin und wieder mit einem Liebespfeil, dann hatte deren Karriere im Tempel zumeist ein jähes Ende. An Kleider waren die meisten wie ich, nicht besonders interessiert.

„Jaja“, sagte ich. „Ganz fantastisch. Dieses Purpur. Grandios.“

„Das sind Korallensplitter“, tadelte Venus.

„Oh, wie konnte ich das übersehen? Natürlich, Korallensplitter. Entzückend! Hast Du es Pa und Vulcanus schon gezeigt?“

Natürlich interessierten Mars oder mein Stiefvater Vulcanus sich nicht im geringsten für Mas Outfit, aber ich wurde nicht müde, mehr Unterstützung einzufordern. Meine Mutter war unglaublich eitel und brauchte ständig Bestätigung. Wäre das nicht eigentlich die Aufgabe meiner Väter? Statt meine? Mich morgens früh aus dem wohlverdienten Schlaf zu wecken! Wegen sowas!

„Ach, Dein Vater“, Venus machte eine abfällige Handbewegung. „Der lebt doch nur für den Krieg. Und Vulkanos …“, Venus kicherte, wobei sie sich die Hand vor den Mund hielt.

„Allein die Vorstellung, dass Vulcanus irgendwas von Schönheit weiß …, ach, du verstehst es, mich aufzumuntern!“

„Aber Vulcanus kann echt tolle Karren bauen.“

Ich witterte die Chance, das Thema mal wieder auf meinen derzeit größten Wunsch zu lenken: Einen Wagen, so wie Apollon ihn fuhr. Dann wäre die Unterredung mit Ma wenigstens zu etwas nutze.

Venus hob tadelnd den Finger. „Fang ja nicht wieder mit diesem kindischen Wunsch an.“

»Aber Apollo hat auch einen.«

»Amor, Du kannst selber fliegen.«

»Aber, … ich könnte viel schneller fliegen, wenn …«

»Wenn du schneller fliegen willst, dann steht dir der Zephyr zur Seite.«

»Aber das ist nur ein blöder Wind! Ich will ne richtige Karre, so mit Gold und Felgen und so!«

Venus verdrehte die Augen. „Jetzt hör endlich auf mit diesem kindischen Wünschen!“

„Das ist nicht kindisch.“

„Doch. Das ist ein kindischer Wunsch, kleiner Cupido!“

Ich hasste es, wenn sie mich „Cupido“ nannte. Dieser verdammte Name. Ich weiß nicht, wie oft ich meiner Mutter in den letzten hundert Sonnenläufen gesagt habe, dass ich so nicht mehr genannt werden möchte. Ihre stete Antwort darauf war, dass ich ja immer noch und bis in alle Ewigkeit ihr kleiner Cupido sein würde und dass ich immer noch Babyspeck hätte, wobei sie mich meistens Waden oder Unterarm kniff. Sowas von peinlich.

„Ma …“

Ihre Miene verfinsterte sich und ich verschluckte den weiteren Protest. Meine Zeit würde kommen. Auf hundert Sonnenläufe mehr oder weniger kam es dabei nicht mehr an. Ich knipste also mein „Ich bin ein lieber Junge“-Lächeln an.

„Ich habe dich übrigens nicht rufen lassen, um mir Komplimente zu machen. Auch wenn ich das sehr schätze, Cupido.“

Es dauerte ein paar Sekunden, dann war mir klar, was sie wollte. Mutter sagte häufig nicht einfach, was sie dachte, sondern versuchte mich dazu zu bringen, ihre Gedanken zu lesen.

„Was ist los?“, fragte ich also. Eine Frage, die sich bisher sehr bewährt hatte.

Mit einem Satz sprang sie runter zu mir und kniff mir in die Waden.

„Aua! Lass das!“

„Cupido“, sagte sie, packte meine Schultern und versuchte unter ihren langen Wimpern einen ernsthaften Blick auszusenden.

„Cupido, es ist was Ernstes.“

Der Griff an meinen Schultern verstärkte sich.

„Guck mal, dieses Kleid, es ist wirklich schick. Aber …“ Sie blickte nach links und rechts, so als ob uns niemand hören dürfte.  „Es ist das erste seit ein paar Tagen! Die Menschen bringen mir keine Opfergaben mehr dar. Meine Altäre rauchen nicht mehr!“

„Vielleicht sind die Priester schuld?“

Vor meinem inneren Auge zeigte sich das Bild, das ich bei einer der letzten Visiten auf der Erde beobachten konnte. Einer der jungen Novizen trug tatsächlich die Kleider meiner Mutter! Ein pausbäckiger Junge in einem purpurnen Prinzessinnenkleid. Wie er dastand und posierte, hätte er meiner Mutter fast Konkurrenz machen können. Umgeben von Fackeln, mitten in der Nacht, ganz allein.

Hauptsache er ließ die Finger vom Wein.

„Das ist es ja …“, flüsterte Ma, „die meisten Priester sind verschwunden!“

Ich fühlte, dass mir flau im Magen wurde und das lag nicht an der Tatsache, dass ich gestern ordentlich gebechert hatte.

„Bist du dir sicher?“, fragte ich. „Du hast doch dieses hübsche Kleid …“

„Ja“, wisperte Mutter, „das erste seit Tagen.“

„Ich kümmere mich drum, Ma“, sagte ich. Natürlich hatte ich keinen blassen Schimmer, wo ich anfangen sollte, aber die Sache schien mir bedenkenswert.

„Woher soll ich denn jetzt schöne Kleider bekommen?“, jammerte Mutter.

„Ich kümmere mich …“, wiederholte ich. Dabei dachte ich an die Weinvorräte im Palast meiner Mutter, die sicherlich auch schon seit Tagen nicht mehr angefüllt worden waren.

Mutter hauchte einen Kuss auf meine Stirn.

„Danke, mein Kleiner. Aber pass bitte auf, dass sich das nicht rumspricht unter den Göttern. Wie stehen wir denn sonst da?“

Ich nickte ihr tapfer zu. Wäre doch gelacht, wenn ich das Problem nicht in den Griff kriegen würde. Immerhin kannte ich den schlausten aller Götter: Apollon. Er wusste bestimmt Rat, auch wenn das der Bitte meiner Mutter widersprach, niemandem etwas davon zu erzählen. Aber wozu sonst hat man Freunde? Ich musste nur geschickt genug vorgehen.

(…)

Einfach mal so …

Am heutigen Tage möchte ich, unabhängig jedweder Literaturvorgabe, meine persönlichen Schreibtipps zum Besten geben.

1. Spreche mit deinem Material

Das mag sich erstmal merkwürdig lesen. Wie oder wieso sollte man mit einem Thema “sprechen” oder – womit überhaupt soll man sprechen?

Relativ verständlich ist dieser Vorschlag bei Figuren. Man hat also Figur x,y und z und an mancher Stelle weiß man nicht, wieso sie dies oder das tun – oder: was sie überhaupt tun.

Fragt sie! Redet mit ihnen! Schreibt mit ihnen!

Es gibt die Möglichkeit, einen Steckbrief auszufüllen. Das Internet ist voller Vorschäge (Steckbrief Figur, Charakterisierung), aber ich glaube, das ist nur eine und vielleicht sogar eine “schlechte” Variante, um herauszubekommen, was und wer und wie die Figur eigentlich ist.

Ich mag Interviews. Eigene Fragen, geschriebene Antworten – die ich mir “selbst” gebe, durch die Figur. Kommt viel bei rum, finde ich. Wobei es immer noch eine Weile dauert.

Aber gerade wenn man vielleicht noch nicht in der Lage ist, seine Figuren in einen Steckbrief zu “stecken”, sollte man sich vielleicht einfach mal mit ihnen unterhalten – auf schriftlicher Ebene.

2. Sex

Wie sähe – für Dich persönlich – die beste Liebesnacht Deines Lebens aus? Was müsste passieren? Wer müsste dabei sein und wie würde “man” vorgehen?

Ich finde, um die Rhythmik und Spannung einer guten Geschichte zu eruieren – um diese herauszubekommen – sollte man sich “back to the roots” aufmachen und darüber nachdenken – und nachschreiben – wie eine perfekte Liebesnacht auszusehen hätte.

Das mag auf den ersten Blick wenig mit “der Geschichte” zu tun haben, aber – hey – subcontious it has! Oder anders gesagt: im Unbewussten wird das seine Wirkung tun.

Womit wir schon bei Punkt 3. wären:

3. Esoterik

Es gibt, laut Freud, sowas wie das Unbewusste. Nichts in den großen Romanen ist dem Zufall überlassen. Alles, was dort geschrieben steht, und sei es nur die stupide Beschreibung einer Vase, hat etwas mit unserem Unbewussten zu tun. Mag sein, dass es auch den ein oder anderen Autoren gibt, der sich da nicht 100% drauf verlässt. Aber grundsätzlich gilt: wenn z.B. von einer “Tür” die Rede ist, dann ist das immer eine Möglichkeit, neue Wege zu beschreiten.

Oder wenn von “Tunneln” oder “Höhlen” geschrieben wird: hier sind reinkarnierende Kräfte am Werk! (Reinkarnation = Wiedergeburt; oder im übertragenen Sinn auch einfach: ein Neuanfang).

4. Musik

Schreiben, in letzer Konsequenz, ist meiner Meinung nach Musik. Oder “wie” Musik.

Um sich dessen zu behelfen, kann es sinnvoll sein  – aber das ist eine Typfrage – beim Schreiben Musik zu hören. Diese muss gar nicht mal zum Thema passen, solange sie den Vibe des Themas zu transportieren vermag.

Also: hört Musik und schreibt!

Nun zum letzten und wichtigsten Punkt:

5. Schreiben

Wer schreiben will, sollte schreiben. Ich habe festgestellt, dass es eigentlich egal ist, was geschrieben wird. Z.B. mein Blog hat schon sehr viel in mir ausgelöst … vielleicht auch die Gegebenheit, dass ich durch den Blog viel lese (das als Tipp 5.1. Lesen ist superwichtig), was andere Blogger so schreiben.

Das war es für heute. Morgen gibt es was über den Kaktus. Versprochen.

Beste Grüße und bis bald

Runa