Saturn

Heute geht es um den Gott Saturn und ein großes römisches Fest, das seinen Namen trägt, die „Saturnalien.“ – Und es geht gleich deftig zur Sache.

Hier sehen wir Saturn/Kronos und Zeus/Jupiter. By Anonymoushttp://bodley30.bodley.ox.ac.uk:8180/luna/servlet/detail/ODLodl~1~1~40328~108312:Le-roman-de-la-rose, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52963935“>Link

Das tat bestimmt weh. By Anonymoushttps://boondocksbabylon.com/2015/05/11/the-castration-of-uranus/, Public Domain, Link

Saturn als Gott hatte verschiedene Aufgabenbereiche. In der griechischen Antike ist er als „Kronos“ bekannt, der Sohn der Erde (Gaia) und des Himmels (Uranos).

By T2000 from pt, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3605290“>Link

Auf dem Bild zu sehen sind außerdem Pontos und Tartaros, also der Ozean und die Unterwelt, die im weitesten Sinne als Geschwister von Saturn/Kronos gelten können. Saturn/Kronos wird gemeinhin mit der Zeit assoziiert, aber ihm fielen auch noch Aufgaben zu wie zum Beispiel: Wohlstand, Ackerbau, Erneuerung, Freiheit …

Dieser Eigenschaften sind ihm mit der Zeit zuteil geworden. Welche Bestimmung seine anfängliche war, lässt sich schwer rekonstruieren. Vielleicht ist es richtig anzunehmen, dass er – im weitesten Sinne – zu den Fruchtbarkeitsgottheiten zählte, eine Mischung zwischenMutunus Tutunus und den Wettergöttern. Aber das ist spekulativ.

Interessant ist auf jeden Fall sein Verhältnis zu den Eltern (Gaia und Uranos) und den eigenen Kindern: Jupiter/Zeus und ein großer Teil des römisch-griechischen Pantheon.

Gaia und Uranos waren die Eltern der Titanen. Entweder hat Gaia Uranos aus sich selber heraus geboren (und geheiratet) oder Uranos hatte noch einen Vater, nämlich den Aether, der wiederum der Sohn der Dunkelheit (Erebus) und der Nacht (Nyx) war. Allerdings werden die Abstammungsverhältnisse immer ungenauer bzw. vieldeutiger, je genauer man sich mit ihnen beschäftigt, letztendlich landet man dann bei etwas, das als „kosmisches Ei“ beschrieben wird, nämlich die Vorstellung (wahrscheinlich ägyptischen Ursprungs), dass das Universum aus eben diesem Objekt entstanden sein soll – und dann natürlich all diese personifizierten Abstrakta, wie Zeit, Dunkelheit, Nacht, Tag usw.

Hier sehen wir „Geb“. By Anonymous (Egypt) – Walters Art Museum: Home page  Info about artwork, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18845554

Die Frage nach der Henne und dem Ei bleibt weiterhin unbeantwortet. „Geb“ ist sowohl der Name dieser Gans, die angeblich das kosmische Ei legte, aus dem alles entstand, als auch sein Kind (bzw. etwas, das aus dem Ei entstand), nämlich ein männlicher ägyptischer Erd-Gott namens Geb. Nut, sein Himmelspendant, war dagegen weiblich. (Man beachte die Umkehrung zu Gaia (Erde) und Uranos (Himmel) in der griechischen Antike.)

Die Vorstellung des kosmischen Eis bzw. Welten-Eis (womit ein EI und kein EIS gemeint ist) gibt es in sehr vielen Kulturen. Sogar im baltisch-finnischen Raum.

Saturn also, als letzter Sohn von Gaia und Uranos, sorgte dafür, dass er und seine Geschwister (zum Teil „normale“ Götter, zum Teil aber auch grauselige Ungeheuer) wieder aus dem Tartaros entkommen konnten, wohin sie Uranos geperrt hatte, da er fürchtete, seine Kinder würden ihm die Macht stehlen.

Saturn schaffte dies, indem er auf Geheiß seiner Mutter Gaia seinen Vater entmannte, wie man auf den obigen Bildern gut erkennen kann.

Allerdings ging es Saturn dann fast genauso, da er – selbst an der Macht – ebenfalls einige Fehler begann. Zum Beispiel befreite er seine eingesperrten Geschwister nicht, sondern ließ sie weiter in der Erde schmoren, was seiner Mutter Gaia (die Erde selbst) natürlich nicht so gut gefiel. Sie war es dann auch, die sagte, dass es Saturn mit seinen eigenen Kindern auch nicht leicht haben würde.

Um aber etwaige Probleme einfach im Keim zu ersticken, entschloss sich Saturn, seine Kinder einfach aufzuessen, wie man auf dem folgenden Bild gut erkennen kann.

Von Peter Paul Rubens[1], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1723595“>Link

Doch Saturns Frau Rhea konnte das nicht länger mit ansehen und beschloss dann, ihr letztes Kind – Zeus/Jupiter, vor dem gefräßigen Vater zu verstecken. Zeus gelangte so auf die Erde und wurde von einer Ziege bzw. Amme gesäugt, der ja nachgesagt wird, auch etwas mit dem Füllhorn zu tun zu haben.

Als Zeus/Jupiter alt genug ist, fordert er von seinem Vater die Herrschaft über Himmel und Erde und zwei gewaltige Schlachten entbrennen, die als Titanomachie und Gigantomachie bekannt und vielfach bildnerisch festgehalten worden sind.

By Cornelis van Haarlemwww.smk.dk and soeg.smk.dk, Public Domain, Link

By GryffindorOwn work, Public Domain, Link

By Guido ReniOwn worksailko, Public Domain, Link

By Ethiop Painter – Jastrow (2006), Public Domain, Link

Nach diesen Kriegen teilen die Geschwister Zeus/Jupiter, Poseidon/Neptun und Hades/Pluto die Erde unter sich auf. Jupiter bekommt den Himmel, Neptun das Meer und Pluto die Unterwelt.

Geschichten von Götterkämpfen gibt es übrigens, wie auch die vom Ur-Ei, in vielen europäischen und südöstlichen Kulturen. Die skandinavischen Asen kämpfen mit den Wanen, in Babylon kämpft Marduk gegen Tiamat, bei den Hurritern kämpft Kumarbi gegen Anu, der hinduistische Indra kämpft gegen die Asuras, ..

Für den europäischen römisch-griechischen Raum wurden die Götterkampfgeschichten vor allem von Hesiod überliefert.

Hier mit seiner Muse.
By Gustave Moreau – Gustave Moreau, 1826-1898 : catalogue de l’exposition à Paris, Galeries nationales du Grand Palais, 29 septembre 1998-4 janvier 1999, à Chicago, the Art institute, 13 février-25 avril 1999, à New York, the Metropolitan museum of art, 24 mai-22 août 1999. Paris : Réunion des Musées Nationaux, 1996. ISBN 2711835774, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10748736“>Link

Von Hesiod wissen wir wenig, wahrscheinlich lebte er im 7. Jahrhundert vor Christus in Boiotien, eine Landschaft, die ihren Namen vom griechischen Wort für Rind hat. Seine bekanntesten Werke sind „Werke und Tage“ und die eben genannten Göttererzählungen stammen aus der „Theogonie“.

In „Werke und Tage“ lobt Hesiod den Wert der Arbeit und beschreibt die Abfolge der menschlichen Geschichte als eine Abfolge von immer schlechter werdenden Zeitaltern.

Saturn soll über das goldene Zeitalter der Menschen geherrscht haben. – Und ab da wurde alles nur noch schlechter. (Silbern, ehern/bronzen, eisern …)

Dieses Denken war in der Antike übrigens auch schon weit verbreitet, so sagt ein babylonischer Spruch aus dem Jahre 3000 v. Chr.

Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“.

  • Was möglicherweise einiges an der heutigen Situation erklärt. 😉

Und ist das vielleicht auch der Grund, warum zumindest mythisch betrachtet die Kinder ihre Eltern entmannen und entmachten?

Das goldene Zeitalter. Von Lucas Cranach der Ältere – 1. Unbekannt2. Nasjonalgalleriet, Presse, aktuelle Utstillinger i Oslo, Gemeinfrei, Link

Im goldenen Zeitalter, als Saturn herrschte, entstanden der Legende nach auch die Saturnalien. Justin, ein Historiker aus dem ca. 3. Jahrhunder nach Christus schreibt dazu:

Die ersten Bewohner Italiens waren die Aborigines [ab origine], deren König Saturnus ein Mann von solch außerordentlicher Gerechtigkeit gewesen sein soll, dass niemand ein Sklave in seiner Herrschaft war oder irgendein Privateigentum besaß, sondern dass alle Dinge allen gemeinsam waren und ungeteilt, als ein Anwesen für den Gebrauch eines jeden; in Erinnerung dieser Lebensweise wurde es angeordnet, dass sich bei den Saturnalien Sklaven mit ihren Herren zu Tisch begeben sollten.“

Die Saturnalien waren also ihrem Ursprung nach ein Fest, das direkt auf das goldene Zeitalter zurückzuführen war, in welchem die Menschen in paradiesischen Zuständen lebten und für ihre Nahrung keinen Finger zu krümmen brauchten, da die Erde ihnen ihre Früchte bereitwillig gab. Natürlich waren zu diesem Zeitpunkt auch alle Menschen gleich gestellt und es gab keinerlei Besitz und somit auch keinerlei Streitigkeiten. Während der Saturnalien kam es daher dann auch durchaus vor, dass die römischen Senatoren ihre eigenen Sklaven bewirteten. 

Im römischen Reich gab es vier große Feste:

Die Saturnalien 

Die Baccanalien

Die Lupercalien 

und die Feierlichkeiten um die Göttin Bona Dea.

Die Saturnalien fanden statt vom 17. Dezember bis zum 23. Dezember und überschneiden sich also weitgehend mit unserer heutigen Advents- bzw. Weihnachtszeit, interessanterweise einer Zeit, in der es ja angeblich auch eher um das Geben als um das Nehmen geht und hoffentlich paradiesische Zustände herrschen.

By Guido Reni – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=157954“>Link

Saturn hatte möglicherweise auch einen historischen Vorläufer, nämlich einen etruskischen Gott, der so ähnlich heißt wie ein neuzeitlicher Philosoph, nämlich Satre. Die Etrusker lebten vor und zeitgleich mit den Römern, stellten beispielsweise auch die ersten Könige Roms, und der Gott Satre stand bei ihnen für eine eher dunkle, unberechenbare Gottheit, deren Himmelsrichtung der Nordwesten war. Ihm kommt auch eine Bedeutung bei der Eingeweideschau zu, eine Wahrsagemethode, die die Römer von den Etruskern übernommen haben. Die Etrusker hatten dafür sogar ein eigenes Deutungswerkzeug.

By LokilechOwn work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1804667“>Link

Diese Form der Wahrsagung ist allerdings schon viel älter als die Etrusker, denn auch die Sumerer machten davon schon Gebrauch.

By UnknownJastrow (2005), Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=466940“>Link

Um das Jahr 2000 v. Chr. gab es einen regelrechten Kult um die Eingeweideschau, in der vor allem der Leber eine besondere Bedeutung zukam. Es wurden mehrere Keilschrifttäfelchen beschrieben, die genaue Angaben darüber enthielten, welcher wie geformte Teil der Leber wie zu deuten sei. An jedem Hof, der etwas auf sich hielt, gab es einen sogenannten „Haruspex“, bzw. Barutu (babylonisch). Auch bei den Azteken gab es solcherlei Zeremonien.

Bei Bedarf konnte man es aber auch weniger blutig haben, zum Beispiel bei Orakelmethoden mit schnödem Hausmehl, Rauch oder Öl.

Ein sehr beliebtes und sowohl damals auch heute weit verbreitetes Orakel ist das Ei. (Wir erinnern uns an das „Weltenei“, aus dem angeblich alles entstanden sein soll, und an seine VaterMutter „Geb“.)

Ich kann jedem, der sich dafür interessiert, diesen wunderbaren Wikipedia Artikel zum Eierorakel ans Herz legen.

Scheinbar ist diese Art der Orakelmethode bestens geeignet für die dunkle Jahreszeit und selbstverständlich, wen wundert es, zu Ostern.

By Stan Shebs, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65109“>Link

Ostara. By Unknown – Transferred from de.wikipedia to Commons. original upload date 2004-01-30. Original uploader was Rumpenisse at de.wikipedia, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1914652“>Link

Geb und die Himmelsgöttin Nut. Von E. A. Wallis Budge (1857-1937) – The Gods of the Egyptians Vol. II, colour plate facing page 96, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11976865“>Link

Die Frau von Saturn wird in den meisten Quellen als „Ops“ bezeichnet, eine sabinische Göttin für Wohlstand, Ernte und Arbeit. Ihr zu Ehren gab es zwei Festtage, ein Erntedankfest und ein Fest, das während der Saturnalien abgehalten wurde. Sie zeigt viele Parallelen mit der späteren römischen Getreidegöttin Ceres auf, so ist ein gemeinsames Attribut beider Göttinnen beispielsweise das Füllhorn.

Manche Quellen nennen auch Lua als Saturns Gattin, die wahrscheinlich etruskischen Ursprungs ist. Ihr opferte man die erbeuteten Waffen der Feinde.

Eventuell waren Lua und Ops auch ein und dieselbe Göttin.

In der altgriechischen Variante Saturn = Chronos entspricht Ops/Lua = Rhea. Als Göttinnenmutter gibt es hier viele Parallelen zu Gaia, Magna Mater und Cybele.

Dies macht sich auch bei ihrem Kult bemerkbar. Denn Rhea wurde ursprünglich auf Kreta verehrt und ihr scheinen sehr rauschende und klangvolle Feste zuteil geworden zu sein.

By Jacques BlanchardUnknown, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4399546“>Link

Spannend ist auch die Namensgleichheit zu Rhea Silvia, der Frau, der Gott Mars einen Besuch abstattet um mit ihr ein ganzes Imperium zu erschaffen. … Doch um Rhea und Kybele geht es dann vor allem nächste Woche.

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Bona Dea

Die Göttin Bona Dea wurde im Rom etwa seit dem 3. Jahrhundert vor Christus verehrt. Zu den mit ihr verschmolzenen Göttinnen zählten wahrscheinlich die griechisch Göttin Hygieia, die für die Gesundheit der Frauen – und damit auch die Fruchtbarkeit – zuständig war.
Ein Tier, das mit all diesen Göttinnen in direkter oder indirekter Verbindung steht, ist die Schlange. Bona Dea Statuen und Abbildungen haben neben einer Schlange auch (meistens) ein „Füllhorn“, ein Gegenstand, der eigentlich der Göttin Fortuna zugeschrieben wird. Auch diese Göttin hat einen griechischen Urspung (Tyche) und mögliche Überschneidungen mit Bona Dea.
Es gibt weitere Bezüge und Verbindungen zu Fauna, Ceres, Terra, Ops, Kybele … ein Blogbeitrag dazu würde sich lohnen, in Anbetracht des Umfangs beschränke ich mich aber heute auf die zwei zunächst genannten Göttinnen: Hygieia und Fortuna und deren Hauptattribute, Schlange und Füllhorn.

Im Internet findet man – nebst Wikipedia – sehr viele Informationen über die Göttin und das, was „faktisch“ von ihr überliefert worden ist.

Beispiele für recht umfangreiche Zusammenstellungen gibt es hier (vorrangig Deutsch):

http://www.imperiumromanum.com/religion/antikereligion/bonadea_01.htm
https://artedeablog.wordpress.com/2017/02/05/santa-agatha-oder-die-brueste-der-goettin/
https://schwesternschaftderrose.wordpress.com/2015/12/03/bona-dea-die-goettin-der-fruchtbarkeit-heilung-jungfraeulichkeit-und-frauen/
https://www.thoughtco.com/bona-dea-roman-goddess-2562628
http://www.thaliatook.com/OGOD/bonadea.php

Man findet sogar den Anfang einer Dissertation zu Bona Dea und ihrem Kult online.

Es ist bemerkenswert, dass diese Göttin noch heutzutage – oder heutzutage wieder (im Zeitalter des Internets) – eine so große Resonanz erfährt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass man relativ viele und gesicherte Informationen über sie hat. So stand ihr Tempel in Rom vom 3. Jahrhundert vor Christus bis ins vierte Jahrhundert nach Christus, was einen Zeitraum von 700 Jahren umfasst.

Bona Dea (oder Ceres). By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – Marble statue of Demeter-Ceres or Bona Dea (The Good Goddess), Nîmes Archaeology Museum, France, CC BY-SA 2.0, Link

Weil ihr Kult geheim war, ranken sich viele Legenden um Bona Dea. Mal gilt sie als Frau des Faunus, mal als dessen Tochter. Angeblich war sie so schüchtern, dass sie nie das Haus verließ, sich aber daheim mit Wein betrank, weil ihr so langweilig war. Faunus war deswegen wütend und schlug sie mit Myrtenzweigen tot. Später bereute er seine Tat und vergöttlichte seine Frau.
Als Tochter des Faunus hatte Bona Dea es sogar noch schwerer. Denn der eigene Vater stellte ihr nach und sie war erst vor ihm sicher, als sie sich in eine Schlange verwandelte.
Es gibt auch die Variante, in der Bona Dea die Schwester von Faunus ist.

Aeskulap und Hygieia. By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/23/e8/bf37ac7142c9354f84444d1c23f5.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0036061.html, CC BY 4.0, Link

Hygieia war die Tochter von Aeskulap, also dem Gott der Heilkunst, und wird im Hippokratischen Eid angerufen. Der hippokratische Eid wird in Deutschland lediglich als moralisch-ethischer Maßstab herangezogen, seit der Antike und auch heute in den USA ist es jedoch auch ein feierlicher „Eid“ im klassischen Sinne, der bei der Promotion der Absolventen medizinischer Studiengänge vorgelesen wird.
Über Hygieia gibt es keine dramatischen Geschichten, aber auch diese Göttin hat „eigene“ Verbindungen zu z.B. Salus, Sirona, … bzw. zu all diesen hier. 🙂

Sowohl mit Hygieia, als auch Aeskulap (Aeskulap-Stab) waren Schlangen als Symboltiere verknüpft.
Im Tempel der Bona Dea soll es zahme Schlangen gegeben haben.

Aeskulap-Stab. By CFCFOwn work, CC0, Link

Die Schlange ist ein ausgesprochen interessantes Symboltier, geht ihre mythische Existenz doch sogar in vorweltliche – also paradisische – Zeiten zurück.
Sie war es, die Eva angeblich dazu angestiftet hat, in den Apfel der Erkenntnis zu beißen und ihn dann an den armen, unschuldigen Adam weiter zu reichen. 😉

Doch zuvor sei noch erwähnt, dass Herkules (ein antiker Held, von dem weiter unten noch die Rede sein wird) nachgesagt wird, als Kleinkind zwei Schlangen, die seine Stiefmutter Hera/Juno geschickt hatte, um ihn zu töten, mit bloßen Händen erwürgte.

Herkules als Baby.
By Internet Archive Book Imageshttps://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14763741315/Source book page: https://archive.org/stream/barclaysuniversa00barc/barclaysuniversa00barc#page/n501/mode/1up, No restrictions, Link

Der Sündenfall. By KopiersperreOwn work, Public Domain, Link

Das Alte Testamten bzw. die Geschichte im ersten Buch Mose wurde auf Hebräisch geschrieben, eine Sprache, in der „die Schlange“ maskulin ist. Sie heißt dort נחשׁ = nâchâsh, „was manchmal als Erklärung dafür dient, dass der „Schlang“ (so die Übersetzung von Seebass, 98) sich an die Frau wendet und nicht an Adam (…)“.
Quelle: Bibelwissenschaft
Auch Adams erste Frau, Lilith, wird häufig mit Schlangen assoziiert.


Lilith. By John CollierOwn work, Public Domain, Link

Dass Adam eine erste Frau hatte, wird im Talmud (einer Art Kommentar zum Tanach/Altes Testament) erzählt. Die Geschichte – so absurd wie wahr – geht wie folgt: Da es in der Bibel zwei Schöpfungsberichte gibt (einmal werden Mann/Frau gleichzeitig erschaffen 1 Mose 1, 27, einmal entsteht Eva aus der Rippe von Adam 1 Mose 2,26), brauchte es eine Erklärung. Die Erklärung lautete so: Adam hatte eine erste Frau, Lilith, mit der er sich aber gestritten hatte. Angeblich ging es darum, wer von beiden die Oberhand (beim Sex) haben durfte. Lilith wollte oben sein, Adam auch, das ging aber nicht, also entschied Lilith, das Paradies zu verlassen und Adam sich selbst zu überlassen. – Es ging also darum, wer über wen herrscht, wer das Sagen hat.

Adam, Eva und Lilith (die Schlange). By Hugo van der Goes – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, Link

Der Kern dieser biblischen Geschichte, wenn man so will, findet sich auch bei der Göttin Bona Dea wieder. Denn ihre Feierlichkeiten waren nur für Frauen zugänglich – und es findet sich auch die Besonderheit, dass die feiernden Frauen sich weigerten dem Helden Herkules etwas zu trinken zu geben (vielleicht, weil er als Baby zwei Schlangen tötete?). Woraufhin Herkules befahl, Frauen fortan von den Festlichkeiten an seinem Altar (ara maxima) auszuschließen.
Die Opfergaben für Herkules waren auch erstmals(?) nur an ihn selbst gerichtet, da keine anderen Götter angebetet werden durften. Im Laufe der Zeit wurden dann von reichen Patrizierfamilien am ara maxima vor allem Opfer für Geldangelegenheiten gemacht, man spendete bis zu 10% vom Gewinn des Handels. Es gab riesige Festgelage, von denen insbesondere die des Crassus (eines sehr reichen Römers, der auch mit Pompeius und Cäsar verbündet war) im Gedächtnis geblieben sind, da er die römischen Bürger drei Monate lang bewirtete.

Herkules. By SailkoOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Herkules trinkt. By Massimo Pallottino, The Etruscans, Indiana University Press, 1975 (1st edition: Etruscologia, Milan: Hoepli, 1942).References:Online commentary;Jean Bayet, Herclé, op. cit. p. 150 et pl. IV;A. J. Pfiffig, Herakles in der Bilderwelt der etruskischen Spiegel, 1980, p. 19., Public Domain, Link

Der Ursprung der Milchstraße. By Peter Paul Rubens[1], Public Domain, Link

Also die Frage, die sich gerade aufdrängt: was wollte Herkules wohl trinken beim Fest der Bona Dea? 🙂 🙂 🙂

Obwohl es eindeutig gesichert scheint, dass „Bona Dea“ die Göttin für einen reinen Frauenkult war, weist Brouwer in seiner obene genannten Dissertation darauf hin, dass möglicherweise auch Kaiser Augustus als Priester involviert war (Introduction, p. XXIII.) Auch ist auffällig, dass viele Männer der Göttin etwas schenkten oder widmeten, z.B. einen Altar, ihre Wünsche/Gebete, oder Statuen anfertigen ließen.

Eine Göttin, mit der Bona Dea ebenfalls verknüpft wird, ist nebst der oben genannten Hygieia die Göttin Fortuna.

Hier Fortuna in einer mittelalterlichen Darstellung links vom Rad des Schicksals. By Universidade Federal do Espírito SantoVitória [1], Public Domain, Link

Fortuna (griechisch Tyche) antik. By DaderotOwn work, Public Domain, Link

Füllhorn. By bukkOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Das Füllhorn ist ein ebenfalls interessantes antikes Symbol, das für Reichtum, Überfluss und „Fülle“ steht. Das Füllhorn wird auch sehr häufig in Verbindung mit Ceres (Göttin des Getreides und Wachstums) und Plutos (Gott des Reichtums) gebracht.

Es geht auf die Nymphe (oder Ziege) Amalthea zurück, die mit dem Horn einer Ziege den kleinen Zeus fütterte oder eben selbst diese Ziege war. Sie ist darüber hinaus auch die Mutter (oder Ehefrau) von Pan, dem Hirten- und Ziegengott.

Zeus/Jupiter verewigte die Ziege(?) Amalteia aus Dank über seine Rettung (sie hatte ihn ja mit ihrer Milch ernährt/Füllhorn) am nächtlichen Firmament als Sternbild.
Das Sternbild Capricornus bzw. „Ziege“. CC BY-SA 3.0, Link

Auch findet sich hier wieder eine Verbindung zu Herkules, denn die antiken Autoren berichten auch davon, dass Herkules beim Ringen mit dem Flussgott Acheloos diesem ein Horn abgebrochen habe, was dann zum Füllhorn wurde.

Warum Herkules das tat, ist wiederum eine interessante Geschichte.
Acheloos war nämlich genauso an der schönen Deianeira interessiert wie Herkules. Er kämpft mit Herkules um die Hand der schönen Deianeira (deren Name übrigens „Männerhasserin“ bedeutet), verwandelt sich in eine Schlange und in einen Stier, aber all das half ihm nix, Herkules tötete ihn.

Beeindruckend in Szene gesetzt hat diesen Kampf Thomas Hart Benton (1947).

By Thomas Hart BentonThis file was provided to Wikimedia Commons by the Smithsonian American Art Museum as part of a cooperation project., Public Domain, Link

Doch auch die alten Etrusker hatten schon einen ganz fidelen Blick auf die Problematik. By www.androphile.org, Gemeinfrei, Link

Es geht sogar noch etwas weiter. Denn die Geschichte „Kampf mit Fluss/Wesen“ wiederholt sich in der Geschichte von Herkules.
Als er und Deianeira einen Fluss überqueren müssen, bietet sich der Kentaur Nessos an, Deianeira hinüber zu tragen. Das tut er natürlich nicht ohne Hintergedanken, denn er will Deianeira für sich.

Hier Deianeira, die Schöne, und Nessos. – Was hat sich Arnold Böcklin dabei nur gedacht??? 🙂 Von Arnold Böcklin – 1. pfalzgalerie.de2. lessing-photo.com, Gemeinfrei, Link

Auch hier greif Herkules ein und gewinnt, indem er Nessos tötet. Doch hat Nessos zuvor Deianeira noch eine List ins Ohr gepflanzt. Er riet ihr, sollte Herkules ihr jemals untreu werden, ihm einen Mantel von Nessos zu geben, der ihr ewige Treue garantieren würde.
Viele Jahre später guckt sich Herkules tatsächlich mal nach anderen Frauen um.
Was tut Deianeira?
Sie gibt Herkules den Mantel, der daraufhin an elendigen Qualen (nicht) stirbt.

Sie selbst aber denkt, dass Herkules gestorben ist und bringt sich daraufhin um. Die Parallelen zu Didosind offenkundig.

Deianeira verzweifelt. By Evelyn De Morgan[1], Public Domain, Link

Herkules stirbt (doch nicht). By Francisco de Zurbarán – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, Link

Herkules wird nämlich kurz vor seinem Tod von den Göttern in den Olymp aufgenommen. Dort versöhnt er sich dann auch mit seiner Stiefmutter Hera/Juno und heiratet eine andere Frau: Hebe, die Göttin der rosigen Wangen = der Jugend. (Also keine Männerhasserin mehr.)

Faktisch und historisch gesichert schafft es Herkules als Gott sogar in den Buddhismus:

Er steht mit seiner Keule rechts hinter Buddha.
CC BY-SA 3.0, Link</

Bona Dea – und die dazu gehörigen Göttinnen – lebten und leben(?) insbesondere einigen weiblichen Heiligenfiguren weiter.

Heilige mit dem Attribut „Schlange“ sind unter anderem: Goar, Phillipus der Apostel, Wilburgis, Amandus von Maastricht, Hilarius von Poitiers, Jakobos von der Mark.
Diese Heilige haben die Schlange „nur“ als Symboltier, teils auch noch andere Symbole, stehen aber in keiner erzählerischen Verbindung zu dem Tier.

Für einige Heilige mit dem Attribut Schlange gibt es aber längere oder kürzere Geschichten, in denen die Schlangen mal in einem positiven, mal in einem negativen Licht erscheinen.

Notburga von Hochhausen erhält von einer Schlange heilende Kräuter, nachdem sie durch ihren gewalttätigen Vater einen Arm verliert.

Patrick von Irland wird nachgesagt, dass bei seiner Ankunft in Irland sämtliche Schlangen die Insel verlassen haben. Die letzte Schlange Irlands aber wurde von ihm in eine Kiste gelockt mit dem Versprechen, sie „morgen“ wieder frei zu lassen. Als die Schlange dann am nächsten Tag nach ihrer Befreiung fragte, antwortete er: „Morgen.“

Thekla von Ikonium weigerte sich, einen „Heiden“ zu heiraten, weil sie Christin geworden war. Da sie im noch heidnischen Rom lebte und als Christin damals sehr benachteiligt war, führte man sie in einen Kerker voller giftiger Schlangen, aber ein Blitzstrahl tötete die Reptilien. Thekla erfährt noch ein paar andere Gemeinheiten, diese gehen aber immer gut aus, da sie von Gott beschützt wird.

Benedikt von Nursia, der Gründer des Benediktinerordens, dem der schöne Spruch ora et labora zugeschrieben wird (dt. „bete und arbeite“), sollte von seinen eigenen Mönchen vergiftet werden. Doch das Gift entwich als Schlange aus dem Kelch, in dem es sich befand, als Benedikt ein Kreuzzeichen darüber machte.

Das Füllhorn scheint es nicht in die christliche Gedankenwelt geschafft zu haben. Allerdings scheinen der Prophet Joel (Altes Testament) und der Heilige Kajetan von Tiene ein Füllhorn als Attribut (allerdings ohne dahinter liegende Erzählung) zu haben.

Abschließend sei noch auf das Martyrium von Christina von Bolsena verwiesen, die von Schlangen gepflegt wird, nachdem sie unendliches Leid erlitt.

„Christina wurde geschoren und nackt vor eine Apollo-Statue geschleift, diese zerfiel zu Staub, der Richter starb vor Schreck. Sein Nachfolger sperrte sie fünf Tage in einen glühenden Ofen, sie wandelte darin und sang mit den Engeln. Schlangen wurden gebracht – sie leckten ihren Schweiß ab und legten sich kühlend um ihren Hals. Als ein Zauberer nun die Schlangen reizen sollte, stürzen sich diese auf ihn und töten ihn; Christina aber gebot den Schlangen, an einen wüsten Ort zu entweichen und erweckte den toten Zauberer. Schließlich wurden ihr die Brüste abgeschnitten, sie verströmten Milch statt Blut. Als ihr die Zunge abgeschnitten wurde, behielt Christina die Sprache, und sie warf die Zunge dem Richter ins Gesicht, worauf der erblindete. Von den Pfeilen, die er nun auf sie abschoss, trafen sie zwei und töteten sie.“
Quelle: Heiligenlexikon.

Noch heute gibt es in Italien Feierlichkeiten, die das Schicksal von Christina reinszenieren. Einen tollen Artikel mit vielen Fotos darüber findet man bei Bizzarrobazar.
Wirklich toll gemacht, klare Leseempfehlung.

Die Göttin Bubona

Cow Kuh und Kälbchen By CgoodwinOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Der heutige Artikel könnte nach wenigen Zeilen zu Ende sein oder ganze Bibliotheken füllen. Denn über die Göttin Bubona weiß man so gut wie gar nichts, aber immerhin, dass sich ihr Name vom lateinischen Substantiv „bos“ ableitet und dass sie im römischen Reich die Schutzgöttin für Rinder und Herden war.
Die Bedeutung vom in Bubona enthaltenem „bos“ macht sich schon mit Blick auf die für lateinische Substantive verrückt anmutende Deklination fest.
Während die gängigen Substantive der 3. Deklination (oder konsonantischen Deklination) normalerweise über regelmäßige Endungen an den Wortstamm verfügen, hält sich „bos“ stur an seine altgriechische Vorlage  βοῦς (bous)/ βῶς (bōs)  und trieb damit schon einige Latinisten zur Verzweiflung. Dazu noch hat das Wort zwei Genera, also zwei Geschlechter, nämlich maskulin und feminin, männlich und weiblich.
„Bos“, zu deutsch „Rind“ hat verschiedene Untergattungen wie Auerochse, Yak, Wasserbüffel – und von dort ist der Weg nicht mehr weit zu einem Kuh-Tier mit dem vermutlich weit verzweigtesten mythischen Erzählstrang überhaupt:
dem Stier.

Stier. By Benno Adamhttp://www.hampel-auctions.com/, Public Domain, Link

Minotauros Minotauros modern interpretiert. By Stefano.questioli at Italian Wikipedia, CC BY 3.0, Link

Kuh-Tiere waren für den frühen Menschen sehr wichtig. Wenn man eines besaß, dann hatte man sozusagen ausgesorgt. Sie lieferten nicht nur Nahrung und Bekleidung, sondern auch Dünger, Medizin, Wärme und Arbeitskraft.
Mit Kuhdung werden noch heute einfachere Häuser gebaut, es gibt einen Teil der ayuverdischen Medizin, in dem Kuhdung Verwendung findet und bei entsprechender Trocknung kann man mit den Fladen eine ganze Weile lang heizen.

Armenien Mauer aus Kuhdung in Armenien. By Rita Willaert from 9890 Gavere, Belgium – Aragat – Armenia, CC BY 2.0, Link

dung Brennender Kuhdung. By Petrol.91Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Der Stier im eigentlichen Sinne hieß bei den Römern „taurus“. In diesem Wort sieht man noch die etymologische Verbindung zum Mino-taurus. Der „taurus“ bezeichnet übrigens das geschlechtsreife männliche Rind.

Doch gelangte das Rind – oder der Stier – nicht erst bei den Römern zu Bedeutung. Es ist sogar eher davon auszugehen, dass die einst religiöse Bedeutung von Rindern und anderen Nutztieren seit der klassischen Antike (also bei den Griechen und Römern) abnahm, sofern man nicht gerade beruflich mit ihnen zu tun hatte. Also z.B. als Hirte, die auch noch lange Zeit die Göttin Bubona verehrten.

Hirte und Nymphe Hirte betrachtet eine schlafende Nymphe. Mit Amor. By Angelica KauffmanVictoria and Albert Museum, Public Domain, Link

Während der klassischen Antike entstand nämlich eine besondere literarische Gattung, die sogenannte „Bukolik“ oder „bukolische Dichtung“, zu deren Hauptvertretern der Grieche Theokrit (3. Jh. v. Chr.) zählte. Darin geht es zum Einen um die idyllische Lebensweise von Hirten, die sich aber – im Gegensatz zu den Stadtbürgern der Polis, wo die Erzählungen aufgeführt wurden – nicht so recht mit der Mythologie auskannten. Es sorgte bei den gebildeten Bürgern Athens für Gelächter, wenn sich zwei Hirten z.B. verdrehte Geschichten von Zyklopen und Menschenfrauen erzählten.
Das Leben eines Hirten wurde also romantisch verklärt und auch ein wenig ins Lächerliche gezogen. Man war eben etwas besseres und hatte sich als Stadtmensch von diesen „profanen“ Dingen entfernt.
Zeitgleich dazu entwickelte die römische Oberschicht eine immer feinere und freizügigere Lust am Essen.

Hier mal eine kurzer Einblick in eine Satire von Horaz (Satire 2,8, 1. Jahrhundert v. Chr.), einem römischen Humoristen, der die Essgewohnheiten der Römer scharf aufs Korn nimmt.

Obwohl die Gäste schon längst völlig vollgefressen sind, serviert ihnen der Gastgeber immer weitere lukullische Köstlichkeiten. So unter anderem:
einen lukanischen Eber, der bei mild wehendem Südwind gefangen worden sei, Vögel, Muscheln und Fische, ein Ragout aus Stachelflundern und Steinbutt, eine Muräne inmitten von schwimmenden Krabben, einen zerlegten Kranich, die Leber einer mit Feigen gemästeten Gans, Amseln mit gebräunter Haut … und so weiter und so weiter.
Die Gäste beschließen dann gemeinschaftlich, vor diesem Mahl, das langsam an Folter grenzt, zu fliehen, plündert jedoch vorher noch den Weinkeller, um sich zu rächen.

Nos nise damnose bibimus, moriemur inulti. = Wenn wir uns nicht hemmungslos betrinken, werden wir ungerächt sterben.

Wenn man sich also mit der Göttin Bubona beschäftigt, kommt man nicht drum herum, auch die eigenen Essgewohnheiten oder den Blick auf Nutztiere zu hinterfragen. Denn das Rind galt in einer frühen Zeit der Menschheit als ausgesprochen heilig und es liegt nahe zu vermuten, dass dies auch auf die Menschen zutraf, die viele Tiere (Rinder, Schafen, Ziegen) besaßen.

Im 17./18. Jahrhundert gab es übrigens eine Art Renaissance der „Bukolik“, zu sehen an den unzähligen Gemälden mit Hirten- und Tiermotiven dieser Zeit, von denen hier auch einige zu sehen sind.

Man hatte genug zu essen und trinken und das Vieh wärmte sogar. Van de Velde (17. Jahrhundert) By van de Velde, Adriaen (1636 – 1672) – Possibly afterDetails of artist on Google Art ProjectmwEaSahFiFkfNw at Google Cultural Institute maximum zoom level, Public Domain, Link

Aus den frühen Kulturen der Geschichte kennen wir Rinder-, bzw. Stierabbildungen vor allem von den Minoern auf Kreta, die ihren gesamten Palast damit schmückten.

Stier Minoischer Stier, evtl. Sakralgefäß, ca. 1200 v. Chr. By Olaf TauschOwn work, CC BY 3.0, Link

Wandbild im Palast mit typisch minoischem Stiersprung. Ca. 1500 v. Chr. By JebulonOwn work, CC0, Link

Stierkopf Der berühmte Stierkopf, ca. 1500 v. Chr. By JebulonRéférences/references:ici/hereOwn work, CC0, Link

Minoer Das – neben der Doppelaxt – wichtigste Symbol der Minoer: Stierhörner. By JebulonOwn work, CC0, Link

Aber man kann auch noch weiter in die Geschichte zurückgehen und wird fündig:

Altamira Steppenbison in der Höhle von Altamira (Spanien), ca. 15000 v. Chr. Von RameessosEigenes Werk, Gemeinfrei, Link

Kuhtiere wurden also weltweit als heilig erachtet, zumindest dort, wo es sie gab. Denn in Australien und Amerika gab es bis ins 16. Jahrhundert, also bis zur Kolonisation des Landes durch die Europäer, keine Rinder.

Cattle Was sich allerdings ein wenig geändert hat. By Peer VOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Ein gutes Beispiel für die religiöse und kulturelle Bedeutung dieser Tiere noch heutzutage ist Indien. Dort erscheint die Kuh u.a. in den alten Schriften der Veden (um 1000 v. Chr.) als Verkörperung der „Mutter Erde“ Prithivi Mata. Eine Kuh namens Kamadhenu erfüllte Wünsche. Der blaue Gott Krishna wuchs unter Kuhhirten auf und Kühe spielen dann auch in seinem weitere Leben eine große Rolle und das Begleittier des Gottes Shiva ist der Stier.
Noch heute gelten die Tiere deswegen dort als heilig, werden aber illegal gejagt und in Schlachtereien verfrachtet.

Kuh Kuh und Kuh-Container, in dem sich Futter für die Tiere (oder Müll) befindet. By Rod Waddington from Kergunyah, Australia – Holy Cow Container, India, CC BY-SA 2.0, Link

Interessant wäre mit Sicherheit ein Vergleich der indischen und europäischen Kuh-Mythen, zu deren bekanntesten Varianten die Geschichte vom Minotauros zählt.

Pasiphae Pasiphae und ein hübscher Stier. By Gustave MoreauOwn work, Public Domain, Link

Pasiphae Pasiphae steigt in eine Kuh-Attrappe. By Giulio ROmano – http://gidvgreece.com/labirint-minotavra-i-sovremennyj-labirint-v-grecii/, Public Domain, Link

kleiner Minotauros Pasiphae – Mutter des Minotauros. By Settecamini Painter – User:Bibi Saint-Pol, Own work, 2010-02-06, Public Domain, Link

Minos, der sagenhafte König von Kreta und mythischer Begründer der Minoer, bat den Meeresgott Neptun, ihm bei der Errichtung seiner Königsherrschaft zu helfen.
Neptun schickte ihm daraufhin einen wunderschönen, weißen Stier, den Minos eigentlich opfern sollte. Minos fand den Stier aber so toll, dass er ihn dann doch nicht opfern wollte und ein anderes Tier wählte.
Neptun merkte das natürlich und verfluchte daraufhin Minos Frau Pasiphae , sich in den nicht-geopferten Stier zu verlieben.
Was dann geschah, kann man anhand der oben angeführten Bildern nachvollziehen.
Der berühmte Architekt Daedalus, der dem Minotauros später auch das Labyrinth erbaute, befand sich übrigens passenderweise zu dieser Zeit auf der Insel Kreta und half Pasiphae dabei, die oben abgebildete „Kuh“-Konstruktion zu entwickeln, in die sie im mittleren Bild klettert.

Doch nicht nur Pasiphae entwickelte ein, sagen wir mal, eigentümlich Sexualleben. Sie hatte ihren Mann, den König Minos, mit einem eigentümlichen Treue-Zauber belegt, so dass er, wenn er einer anderen Frau beilag, Skorpione, Schlangen und Tausendfüßler ejakulierte – und damit seine Geliebten meistens tötete.

Minos Warum Michelangelo Minos wohl so gemalt hat?
By see filename or category – scan: De Vecchi, Cappella Sistina, 1999, Public Domain, Link

Die Eselsohren stehen angeblich für Dummheit, wobei Minos nach seinem Tod von Pluto/Hades dann zum Richter über die Toten erklärt wird. Das verdankt er bestimmt der Tatsache, dass er ein Sohn des Jupiter/Zeus war. – Hades/Pluto ist der Bruder von Jupiter/Zeus und König Minos damit so etwas wie sein Neffe. Vitamin B, sozusagen.

Doch bevor dies alles geschah, wurde das Kind von Pasiphae und dem Stier, der Minotauros, in ein großes Labyrinth gesperrt, das der Gelehrte Daedalus (Daedalus und Ikarus)gebaut hatte. Dem Ungeheuer werden jedes Jahr Jungfrauen dargereicht und als es fast keine mehr auf Kreta gibt, muss eigentlich die schöne Königstochter Ariadne dran glauben (die Halbschwester vom Minotauros), doch kommt in diesem Moment just der Held Theseus vorbei und alles wendet sich zum Guten. (Vorest.)
Mit Ariadne-Wollknäul bzw. -Faden ins Labyrinth, Minotauros getötet, Ariadne geheiratet. Doch dann muss er sie doch verlassen, weil er ja noch zum mythischen Gründer von Athen werden soll. Abgesehen davon, dass hier unverkennbar Parallelen zu Aeneas und Dido vorliegen, ist es Ariadne gar nicht so schlecht ergangen. Denn sie wurde dann vom fröhlichen Weingott Bacchus/Dionysus gefunden und geliebt.

Theseus Theseus Mosaik. By Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – Theseus Mosaic, discovered in the floor of a Roman villa at the Loigerfelder near Salzburg (Austria) in 1815, 4th century AD, Kunsthistorisches Museum Vienna, Austria, CC BY-SA 2.0, Link

Eine mythische Geschichte also, die sich von einem Stier-Opfer zu Menschen-Opfern für den (bösen) Stier verändert.
Warum das so war, kann man nur vermuten. Gerd Hellmood hat eine interessante, tiefenpsychologische Deutung der Erzählung (von Dürremat) auf Deutsch verfasst. Mein Ansatz wäre eher kulturanthropologisch.
Wenn man bedenkt, dass die Oberschicht der Römer und Griechen wohl dazu übergingen, regelmäßig Rindfleisch zu verzehren, könnte es sich bei dem Mythos auch um eine nachträgliche oder parallel entstandene „Erklärung“ dafür handeln, warum es in Ordnung war, vom ursprünglichen, wahrscheinlich nur sakral legitimiertem Fleischverzehr abzuweichen.

Einiges vom „heiligen Rind“ blieb aber dennoch erhalten. So waren kultische Stier-Opfer noch ein großer Bestandteil im Mithras-Kult, auch Jesus wurde in einem Stall geboren „zwischen Ochs und Esel“, das Symboltier für den Evangelisten Lukas ist ein Stier und bis zur Entwicklung des Rindes zum allgemeinem Konsumgut dauerte es also noch eine Weile.

Burger. By Fritz SaalfeldOwn work, CC BY-SA 2.5, Link

MC MC Donalds-Filialen weltweit. – In Indien gibt es nur Hähnchen. By Ukelay33 and others, see file history – Self-published work by Ukelay33, CC BY-SA 3.0, Link

Anzahl Filialen Anzahl des Filialen pro Million Einwohner. By Karfreitag64Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Nicht zuletzt sieht man das auch an der Existenz der Göttin Bubona zur Zeit des römischen Reichs. Denn auch, wenn die Göttin an und für sich nicht besonders bedeutungsvoll daher kommt, so war sie dennoch über Jahrhunderte die Schutzgöttin für Rinder und Ochsen.

Möglicherweise steht die mythische Figur der Kyrene in Verbindung mit der Göttin Bubona.

Cyrene Kyrene. By Edward Calvert (1799-1883) – http://www.victorianweb.org/painting/calvert/paintings/1.html, Public Domain, Link

Kyrene war eine Nymphe, zu deren Vorfahren der Okeanos und die Meeresgöttin Tetys zählten. Sie interessierte sich nicht so sehr für die Arbeiten der Frauen (Weben und Nähen), sondern liebte es, die Herden ihres Vaters Hypseus mit Schwert und Schild vor wilden Tieren zu beschützen. Der Sonnengott Apollo war davon so beeindruckt, dass er sich in Kyrene verliebte, sie heiratete und mit ihr zwei Kinder (Aristaeus und Idmon) zeugte.
Die Nachfahren von Kyrene werden Jäger, gelangen in hohe Positionen (werden Könige, begleiten die Argonauten, gründen Städte), jedoch ist auffällig, dass sowohl Idmon als auch Aktaion, der Sohn von Aristaeus bei Jagdunfällen zu Tode kommen.
Idmon wird von einem riesigen Eber verwundet und stirbt. Die Geschichte von Aktaion, Kyrenes Enkel, ist ein wenig drastischer.

Not amused Die Mondgöttin Diana ist nicht erfreut, als Aktaion sie (zufällig?) beim Baden nackt sieht.

Aktaion Daher verwandelt sie ihn in einen Hirsch. By HaStOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Aktaeon Aktaion wird dann als Hirsch von seinen eigenen Gefährten gejagt und von seinen Hunden zerfleischt. Public Domain, Link

Ganz ähnlich wie bei der Geschichte vom Minotauros werden in diesem Mythos „wilde Tiere“ den Menschen gefährlich.Vielleicht geht es zu weit, aber möglicherweise spielen auch hier patriarchal oder matriarchal geprägte Gedanken eine Rolle. Zeitlich betrachtet dürfte die Geschichte von Aktaion (ca. 1200 v. Chr.) deutlich jünger sein als die des Minotauros (ca. 1700 v. Chr.)

Ein paar spekulative, abschließende Gedanken dazu:
Aktaion ist – wie der Minotauros – auch ein „halber“ Mensch, denn er ist sich im Zustand seiner Verwandlung noch bewusst.
Aktaion wird von der Mondgöttin Diana erschaffen, der Minotauros liegt in Neptuns, König Minos` und Daedalus Verantwortung.
Beide Mischwesen werden getötet.

Ich vermute, dass beide Geschichten möglicherweise die Loslösung vom „Tier“ als etwas „heiligem“ verkörpern. Denn die mit dem Tier überidentifizierten Menschen (Minotauros, Aktaion) sterben.
Berücksichtigt man die Initiatoren – einmal waren es Männer, einmal eine Frau -, dann bleibt eigentlich nur festzuhalten, dass beide Geschlechter irgendwie an dieser Entwicklung beteiligt waren.

Lady Gaga Fleischkonzert von Lady Gaga. By John Robert Charlton[1], CC BY 2.0, Link

Der letzte König

 

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Es war einmal ein König, der herrschte über ein schönes und großes Reich. Doch er ärgerte sich, weil es um ihn herum sechs andere Reiche gab, die von großen und schönen Königen beherrscht wurden, die alles anders machten als er. Außerdem fand er, dass es insgesamt viel zu viele Untertanen gab, und da aus manchen Gebieten die Untertanen in ein anderes Reich wanderten, sei es, um zu arbeiten oder weil sie die Luft dort lieber rochen, beschloss dieser König, dass es eigentlich nur seinen Untertanen richtig gut gehen sollte, dass nur seine Untertanen es wert waren, ein schönes Leben zu führen und dass sie es wären, die er als einziger König auf dem gesamten Gebiet der sieben Reiche beherrschen würde.
Der König ließ seine Boten ausreiten und diese verkündeten die Botschaft auf jedem Marktplatz in jeder Stadt. Doch da es dort auch Menschen aus den anderen Reichen gab, oder weil ein Papier verlustig ging, oder auch, weil der Wind die Worte einfach mit sich trug, hörten auch die Könige der anderen Reiche, dass ein König beabsichtigte, der größte und einzige König des gesamten Gebiets zu werden und sie sprachen mit ihren Beratern.
“Wir können uns das nicht bieten lassen”, sagten die Einen.
“Wenn wir nichts tun, dann werden wir verlieren!”, sagten die Anderen.
Einer kam daher und sagte: “Wer nicht kämpft, kann noch verhandeln.”
Doch dann sagten alle: “Wer nicht kämpft, hat schon verloren.”

Und so wurden sie sich schnell einig, zumal ein jeder König mit dem Rückhalt in seiner Bevölkerung rechnen konnte, die auf einmal anfing, sich in der Gestaltung von Waffen gegenseitig zu übertreffen. Die Schmiedefeuer brannten, glühende Eisen zischten in kalten Wassern, die Hammer hämmerten unaufhörlich und Rauch stieg zum Himmel empor.

Der kluge Berater aber begann, ein Netz aus Beratern zu bilden, die in den verschiedenen Königreichen arbeiten. Und er schaffte es, die Berater der Könige davon zu überzeugen, dass man noch verhandeln könne, solange man noch nicht kämpfe. So geschah es und über mehrere Jahre hielten die Berater die Könige zurück, während sich zeitgleich die Ritter und Kriegsherren rüsteten und die Waffen untereinander verkauften.

“Wir brauchen diese Todesmaschine, denn die anderen haben jene”, sagten die Einen.
“Wenn wir nichts tun, dann werden wir verlieren!”, sagten die Anderen.
Einer kam daher und sagte: “Wir müssen die Ersten sein, ansonsten sind wir die letzten!”
Und alle sagten: “Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!”

Dies geschah im Königshaus des besagten Königs, der einst über ein schönes und großes Reich herrschte, dessen Himmel nun von rauchgeschwärzten Wolken verhangen war.
Und kaum hatte er die Todesmaschinerie aus ihrem Käfig entlassen, da sprang sie über die sechs Reiche hinweg und aß alles auf, was lebendig war. Die Blumen, die Bienen, die Büsche – und die Menschen.
Und als nachdem sie alles abgegrast hatte, war sie noch immer hungrig und kehre zurück zum König, wohlwissend, dass es dort noch etwas zu essen gab.
Dann fraß sie in nur einer Nacht all die Untertanen des siebten Reiches, die letzten Berater und die gesamte königliche Familie.
Nur den König verschonte sie, denn sie verneigte sich vor seinem Wunsch, der ihr ein so reiches Festmahl beschert hatte.

Seitdem herrscht der König allein.

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Mutunus Tutunus

Mutinus Caninus Der Pilz Mutinus Caninus. By Sanja565658Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Dieser Pilz verdankt seinen lateinischen Namen „Mutinus Caninus“ (dt. „Hundsrute“) einer römischen Gottheit: Mutunus Tutunus.

Mutunus Tutunus ist eine phallische Gottheit. Häufiger findet man auch den Namen „Priapus“, wobei es sich um zwei verschiedene Gottheiten handelte, deren Aufgaben sich aber überschnitten.

Im folgenden Beitrag werden Name und Herkunft des Gottes Mutunus Tutunus vorgestellt und Bezüge zu anderen Göttern – soweit möglich – angerissen.

Vorab: die Thematik phallischer Gottheiten ist sozusagen unerschöpflich! Daher erhebt dieser Blogpost auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. 🙂

Mutunus Tutunus Mutunus Tutunus, einzige (mögliche) Darstellung. By Unknown (coin) – [1], Gemeinfrei, Link

Der Name „Mutunus Tutunus“, oft auch als Mutinus Titinus wiedergegeben, leitet sich wahrscheinlich von den lateinischen Slang-Substantiven „muto“ (auch: mutto, später: mutonium) und „titus“ ab. Man findet die Worte beispielsweise in Klo-Graffiti aus Pompei.
Aber auch der altehrwürdige Satiriker und Dichter Horaz (1 Jh. v. Chr.) schreibt in seiner Satire 1.2. von „muttonis“. In der Satire geht es um Ehebruch und dessen Auswirkungen auf das gesellschaftliche Ansehen. So fragt der Verstand (animus) in einer sehr unangenehm ertappten Situation den mutto: „Was willst du denn noch alles von mir?“ Darauf antwortet der mutto bloß, dass die begehrte junge Dame doch immerhin die Tochter eines angesehenen Vaters sei und er somit zwei Fliegen mit einer Klappe schlüge.
In der Antike wurde dem männlichen Geschlechtsteil eine Art Eigenleben nachgesagt. [Btw: In Ägypten gab es diese Vorstellung auch für die Gebärmutter. So wurde Frauen mit Menstruationsbeschwerden geraten, sich über ein Räucherefäß mit Weihrauch zu stellen, um das „im Körper umherwandernde“ Organ wieder einzufangen.]

Augustinus Der Kirchenvater Augustinus. By Lua error in mw.wikibase.entity.lua at line 37: data.schemaVersion must be a number, got nil instead.Web Gallery of Art:   Image
Info about artwork, Public Domain, Link

Über Mutunus Tutunus als Gott ist leider nicht mehr sehr viel bekannt. Was man weiß, geht aus Beschreibungen hervor, die einige Jahrhunderte später verfasst wurden, in einer Zeit als vor allem christliche Intellektuelle schrieben. Wahrscheinlich spielte Mutunus Tutunus eine Rolle während römischer Hochzeitszeremonien, wohl um das Paar mit vielen Kindern zu segnen.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auf jeden Fall die Ausdeutungen späterer Kirchenväter, wie z.B. Augustinus (4 Jh. n. Chr.), die bekanntermaßen zölibatär lebten. In seinem Buch „Über den Gottesstaat“ (De Civitate Dei) kann man seine Meinung und Vorstellung über die vermeintliche Hochzeitsnacht der Römer lesen. Der dort erwähnte Gott „Priapus“ entspricht weitgehend Mutunus Tutunus in seiner Funktion als „Hochzeitsgott“.

„Da stellt sich ein die Göttin Virginiensis und der Gott Vater Subigus und die Göttin Mutter Prema und die Göttin Pertunda, dazu Venus und Priapus. Was soll das sein? Wenn überhaupt der Mann bei diesem Werk eine Hilfe von Göttern brauchte, würde nicht irgend einer oder irgend eine genügen? Wäre hier Venus allein nicht ausreichend, die sogar davon ihren Namen haben soll, daß ohne Kraftanwendung ein Weib seine Jungfrauschaft nicht verliert? Wenn sich bei Menschen noch ein Rest von Schamhaftigkeit findet, die den Göttern abgeht, müssen sie nicht in ihrer Vereinigung bei dem Gedanken, daß soviele Götter beiderlei Geschlechtes zugegen sind und sich um das Werk zu schaffen machen, so von Scham ergriffen werden, daß der Mann weniger erregt wird und das Weib sich heftiger widersetzt? Und jedenfalls, wenn die Göttin Virginiensis da ist, um der Jungfrau den Gürtel zu lösen, wenn der Gott Subigus da ist, damit sie sich dem Manne hingebe, wenn die Göttin Prema da ist, damit sie sich, ohne sich zu rühren, umarmen lasse, was hat noch die Göttin Pertunda dabei zu leisten? Sie soll sich schämen und wegheben; etwas wird doch auch der Mann zustande bringen. Es wäre sehr unanständig, wenn das, wonach sie benannt ist, jemand anderer als er vollbrächte. Aber vielleicht duldet man sie deshalb, weil sie angeblich eine Göttin ist und nicht ein Gott. Denn würde man diese Gottheit für männlichen Geschlechtes halten und Pertundus nennen, so müßte sich der Gemahl wider ihn für die Keuschheit seiner Frau noch um eine kräftigere Hilfe umsehen als die Wöchnerin wider Silvanus. Aber wozu diese Bemerkung? Ist doch auch Priapus anwesend, der übermännliche, auf dessen ungeheuerliches und abscheuliches Glied sich die Neuvermählte setzen mußte, nach der höchst ehrbaren und frommen Sitte der Matronen.“
(De Civitate Dei 6,9 http://www.unifr.ch/bkv/kapitel1924-9.htm)

Augustus
Kaiser Augustus. By Unknown – Santo Attilio, Augusto, Milano 1902., Public Domain, Link

Auf der Velia, einem Hügel Roms, gab es einen Tempel für Mutunus Tutunus, der aber schon zu Kaiser Augustus Zeiten (um das Jahr 0) nicht mehr existierte. Der Gelehrte Festus (2. Jh. n. Chr.) erwähnt dies in seinem Wörterbuch und schreibt auch davon, dass der Tempel von Frauen, die in die toga praetexta gehüllt waren, besucht wurde.
Das Besondere daran: Die toga praetexta war eigentlich ein Kleidungsstück, das im alten Rom hochangesehenen und männlichen Menschen vorbehalten war. Was wohl diese Frauen dort gemacht haben? Augustinus (siehe oben) schreibt von einer „höchst ehrbaren und frommen Sitte der Matronen“.
(Btw: Kaiser August (um 0) und der Kirchenvater Augustinus (4 Jh. n. Chr.) sind trotz des ähnlichen Namens zwei ganz unterschiedliche Menschen gewesen. 😉 )

Forum Romanum
Das Forum Romanum auf dem römischen Hügel Palatin. CC BY-SA 3.0, Link

Caesar
Gaius Julius Caesar. By UnknownRoma Musei Vaticani (Museo Pio Clementino), Public Domain, Link

Möglicherweise gab es sogar einen Schrein auf dem Palatin für Mutunus Tutunus, an dem Caesar kurz vor seiner Ermordung opferte. Für Augustus (den Nachfolger Caesars) war dies Anlass, den ungeliebten, frivolen Gott aus dem kollektiven Gedächtnis zu bannen und seinen Tempel anders zu verwenden. Augustus war ohnehin ein Kaiser, der sehr viel veränderte im römischen Reich. Nicht zuletzt machte er den gesamten Senat um einen Kopf kürzer und so gelang ihm das, was Caesar nicht schaffte: eine Art Diktatur aufzubauen unter Wahrung der äußeren Form der Republik.

Silen
Silen. Eine Art Satyrvater. By SailkoOwn work, CC BY 3.0, Link

Satyrvorstellung nach der Renaissance Satyr-, bzw. Faunskulptur nach der Renaissance (15 Jh. n. Chr.) By Edmé Bouchardon (French, 1698–1762)Jastrow (2006), Public Domain, Link

Bacchanal Ein ebenfalls post-Renaissance entstandenes Gemälde eines bacchanalischen Festes. By Cornelis van HaarlemMuseum of Fine Arts, Budapest, Domini públic, Link

Priapus Darstellung des Gottes Priapus aus Pompei (1 Jh. v. Chr.) Von Wolfgang Rieger – John R. Clarke: Ars Erotica. Darmstadt: Primus 2009, Gemeinfrei, Link

Priapus Noch einmal Priapus, hier besser zu erkennen. By Золоторёв Павелсобственная работа, CC0, Ссылка

antiker Satyr Antiker Satyr. By xeronesFlickr, CC BY 2.0, Link

Bacchanalien Bacchanalien mit einem betrunkenen Dionysus (Mitte). By World ImagingEigen werk, CC BY-SA 3.0, Link

Wie schon oben erwähnt und durch die Bilder zum Teil auch ersichtlich: es gab die Gottheit Mutunus Tutunus nicht nur in einer, sondern in sehr verschiedenen Formen. Über die genauen Bezüge, Verbindungen und Parallelen würde es sich gewiss lohnen, eine Doktorarbeit zu schreiben. Hier sei nur ein paar Verweise genannt.
Der Gott Liber (pater liber), dem Caesar möglicherweise als Mutunus Tutunus opferte, war eine römische Gottheit für Wein, Fruchtbarkeit und Freiheit. Er steht in enger Verbindung mit dem bekannteren römischen Gott des Weines Bacchus oder griechisch: Dionysus.
Bacchus und Dionysus sind übrigens auch nicht „ein und derselbe“ Gott, sondern hatten einen unterschiedlichen Kult, der sich teils auch regional voneinander unterschied.
Die deutlichste Parallele zu den phallischen Gottheiten findet man in einem Fest, den sogenannten „Bacchanalien“. Da es dazu noch einen eigenen Artikel geben wird, sei hier nur exemplarisch der „Thyrsos-Stab“ herausgegriffen, der in Verbindung mit dem Gott und dem Fest stand.

Der Thyrsos besteht aus einem Stengel von einem Riesenfenchel. Er wurde mit Weinreben geschmückt und obendrauf steckte ein Pinienzapfen. Riesenfenchel wird ca. zwei Meter groß, den Stab kann man sich als eine Art „Wanderzepter“ vorstellen. Er diente den Bacchantinnen vermutlich als Stütze, so nannte man die Frauen, die sich zu Anlass der Bacchanalien in den Wäldern mit Wein betranken. Und es gibt andere Mythen, die sich darum ranken.
Von Bacchus/Dionysus ist es nicht mehr weit zum Hirtengott Pan, der mit Faunen, Satyrn und Nymphen in den Landschaften Arkadiens zu feiern pflegte. Seinem Völkchen wird, ähnlich den Bacchantinnen (auch: Mänaden) die Bacchus (Dionysus) begleiteten, eine große Fröhlichkeit, Leichtigkeit und Freizügigkeit nachgesagt.
Der Gott Pan ist ein Mischwesen aus einem Menschen (Oberkörper) und einem Ziegenbock (Unterkörper). Und in ihrer dunkelsten Stunde trifft Psyche auf genau diesen Gott und seine lustige Schar. Pan ist übrigens einer der wenigen Götter, die die gleiche römische und griechische Bezeichnung haben.

Priapus, so erzählt der römische Dichter Ovid (um das Jahr 0), war – wie so oft in der Antike – ursächlich dafür, dass Nymphen in Bäume verwandelt wurden. Als die Nymphe Lotis ihren Rausch ausschlief, wollte Priapus über sie herfallen, aber ein Esel des Silen (eine Art „Satyrvater“) weckte sie mit lautem „I-A“. Dann verwandelte sie sich sicherheitshalber in einen Lotus und Priapus konnte ihrer nicht mehr habhaft werden. Zur Strafe dafür prügelte Priapus den Esel mit seinem riesigen Penis zu Tode.

Lingam Lingam und Yoni in trauter Zweisamkeit.By எஸ். பி. கிருஷ்ணமூர்த்தி at Tamil Wikipedia – Transferred from ta.wikipedia to Commons., GFDL, Link

Auch im Hinduisms ist des öfteren von phallischen Gott-Attributen die Rede. So repräsentiert der Lingam beispielsweise die Macht des Gottes Shiva als Zerstörer und Erneuerer. Sein Gegenstück ist die Yoni, welche das Attribut der weiblichen Gottheit Shakti ist. Shakti steht für gewaltige, ewige Energie, die das Universum durchströmt.
Historisch intressant ist an dieser Stelle die wahrscheinliche Verbindung zwischen den antiken Welten Mittelmeerraum und Indien. Oft wird angenommen, die Menschen damals wussten nichts voneinander, doch allein die Existenz der Seidenstraße zeigt ein anderes Bild.
Wohlmöglich hatten bzw. haben all die Gottheiten einen gemeinsamen Ursprung.

Amor schießt wieder!

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Am nächsten Donnerstag, den 6. Oktober 2016, geht es weiter mit dem Blogroman “Amors Abenteuer”. Jede Woche ein neues Kapitel, immer so gegen 18:00 Uhr.

Wer sich noch einmal einlesen möchte, der klicke HIER, scrolle ganz nach unten und lese.

Habt ein schönes Wochenende und eine schöne Woche, wir lesen uns hoffentlich dann am Donnerstag – bin schon ganz kribbelig, wie euch die restlichen Kapitel gefallen werden!

 

Alles Liebe

Eure

Runa

 

PS. Das schöne Bild habe ich von Jörg Bittner Unna – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35823161

 

 

Blinde Passagiere

Für Psyche dauerten die Stunden so lange wie Wochen. Ungeduldig ersehnte sie die Dunkelheit und das süße Gefühl, sich mit dem fremden Vertrauten zu verlieren, um sich gegenseitig zwischen den Laken zu entdecken. Das Schloss allein bei Tageslicht war kaum auszuhalten. Das einzige, was Psyche in dieser Zeit etwas Ablenkung verschaffte, waren die seltsamen Vierecke, deren Inneres sich zu Geschichten formte.
Das Untier nannte die eckigen Exemplare Bücher und hatte ihr erklärt, dass sie genauso verzaubert waren, wie das gesamte Schloss. Verwundert stellte Psyche eines Tages fest, dass sie eine Geschichte las, in der ein Mädchen, Bella genannt, in ein verwunschenes Schloss zu einem Ungeheuer gelangte. Dieses Buch las Psyche in einem Zug. Zu deutlich waren die Parallelen zwischen ihren Erlebnissen und der Geschichte von Bella. Nur eines stimmte nicht. Bella war ein wunderschönes Mädchen und keine hässliche Kröte wie sie, Psyche. Dagegen war das Ungeheuer furchtbar aussehend mit Klauen und einem Löwenkopf. Bella aber hatte sich in das Ungeheuer verliebt trotz seiner Hässlichkeit. Vielleicht, überlegte Psyche, wollte diese verzauberte Geschichte ihr also mittteilen, dass selbst die hässlichsten Wesen geliebt werden konnten. Anderseits aber verwandelte sich das Ungeheuer direkt nach Bellas Kuss in einen schönen Prinzen. Das war also kein wirklicher Beweis.
Bella hatte wirklich Glück, fand Psyche. Für ihren Kuss wurde sie mit einem schönen Prinzen belohnt. Doch am meisten beneidete Psyche das Ungeheuer. Denn sie selbst hatte sich trotz einer Unzahl an Küssen überall auf ihrem Körper nicht verändert. Kein Stück.
Psyche stand also den Geschichten eher skeptisch gegenüber. In manchen Büchern nämlich las sie auch von Zwergen, Feen und Elfen, Wesen, die sich Psyche kaum vorzustellen vermochte.
Und wieder andere Erzählungen berichteten von „Autos“, „Hochhäusern“ und „Versicherungsvertretern“. Für Psyche ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Bücher legte sie sofort zurück ins Regal, denn nicht einmal ansatzweise formten sich die Beschreibungen in ihrem Kopf zu einem Gedankenbild.
Eines Abends erzählte sie dem Ungeheuer von ihren Beobachtungen.
„Es ist so“, sagte Amor, „dass die Bücher in dieser Bibliothek größtenteils noch nicht geschrieben wurden. Sie werden es einmal sein, in ferner Zukunft.“
„Du bist so klug. Woher weißt du all diese Dinge?“, fragte Psyche.
„Ich weiß es einfach. Ich bin der Herr dieses Schlosses.“
Amor fühlte sich prächtig, dass er Psyche die Welt erklären konnte. Wie gut, dass er neulich Kalliope und Thalia über die Vorkommnisse befragt hatte. Die Musen der Schreibkunst hatten ihn zwar entsetzt angeguckt und gemeint, er hätte da ein Luftschloss erschaffen, ein Traumgebilde, das irgendwann platzen würde, aber das kümmerte Amor wenig. Psyche liebte Bücher, Psyche bewunderte ihn. Das war die Hauptsache.
„Glaubst du denn, dass die Geschichten wahr sind? Dass es irgendwann einmal „Versicherungsvertreter“ und „Feen“ auf der Erde geben wird?“, fragte Psyche.
„Auf jeden Fall“, sagte Amor.
„Und was ist mit den Liebesgeschichten?“, fragte Psyche.
„Die stimmen selbstverständlich auch alle“, sagte Amor stolz.
„Die meisten von ihnen gehen aber schlecht aus.“
„Auf keinen Fall!“ Entrüstet richtete Amor sich auf. „Niemand ist stärker als die Liebe, nicht einmal der Tod!“
„Aber die Geschichten gehen schlecht aus“, beharrte Psyche.
„Wie das?“
„Na ja, bei Romeo und Julia zum Beispiel …“ – Psyche erzählte ihm die Geschichte der beiden Liebenden, die aus verfeindeten Familien stammten. „Und dann gab es da noch Tristan und Isolde und … Pyramus und Thisbe …“
„Was hast du gesagt?“, entsetzt richtete sich Amor auf.
„Na, diese ganzen Liebespaare, die nicht zusammen kommen … Romeo und Julia, Tristan und Isolde …“
„Und?“
„Pyramus und Thisbe.“
„Woher kennst du sie?“
„Habe ich doch gerade gesagt, ich habe ihre Geschichte gelesen. Was ist denn bloß los mit dir?“
„Das hört sich an, wie mein Liebespaar“, murmelte Amor gedankenverloren. Vor sein inneres Auge traten die Bilder der sich erdolchenden Thisbe, neben ihr der blutüberströmte Pyramus.
Psyche horchte auf. „Dein Liebespaar? Was meinst du damit?“
„Äh“, sagte Amor und zog sich die Decke bis zum Kinn. Er hätte sich ohrfeigen können. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so unvorsichtig verhalten. Oder vielleicht auch doch, aber noch nie war es so heikel gewesen. Psyche durfte nicht erfahren, wer er war. Nicht einmal den Hauch einer Ahnung sollte sie haben. Also stammelte er: „Ich … ich, ach ehrlich gesagt, ich habe die Geschichte geschrieben!“
„Du?“, fragte Psyche.
„Ja, die Geschichte von Pyramus und Tisbe. Deswegen war ich so verblüfft. Hat sie dir gefallen?“
Einen Moment lang war nur Psyches Atem zu hören, so still war es.
Dann rief sie: „Oh Ungeheuer! Jetzt macht das alles Sinn, all die Bücher, wie du sie nennst, und dieses Schloss!“
Erleichtert atmete Amor aus. Das war die richtige Notlüge im richtigen Moment gewesen.
„Na klar macht das Sinn.“
„Du musst der größte Geschichtenerzähler der Welt sein! Und der berühmteste. Kein Wunder, dass ich dich nicht sehen darf!“
„Äh … ja.“
Amor schluckte. Hauptsache, Psyche folgte der falschen Fährte. Er würde das später irgendwann richtigstellen, nach dem Gespräch mit seiner Mutter. Und was seine beiden Liebenden anbelangte … er musste nachforschen, immerhin war er Pluto noch eine Erklärung schuldig.
„Untier“, flüsterte Psyche und schmiegte sich an ihn. „Hast du denn auch Liebesgeschichten geschrieben, die gut ausgehen?“
„Klar“, sagte Amor und biss sich auf die Lippe. „Gerade bin ich an einer dran.“
„Das ist gut“, seufzte Psyche. „Ich glaube nämlich, dass ich schwanger bin.“