Diana – Göttin der Jagd

SelfhtmlBy Design by Géza Maróti (1875-1941), BudapestOwn work; Photo by Szilas in the Budapest Museum of Applied Arts; temporary exhibition of the Masters of the Art Nouveau, May 2013 – February 2014, Public Domain, Link

 

Die Göttin, um die es heute geht, – Diana –  könnte wie viele andere Frauen und Göttinnen der Antike heute bei der Kampagne #metoo mitmachen.

Allerdings stellte ihr nicht der Göttervater nach (der laut Postillon nach Belästigungsvorwürfen aus der griechischen Mythologie gestrichen worden sei), sondern ein Normalsterblicher namens Aktation – und sie wusste sich ganz trefflich zu wehren.

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By Nordisk familjebok – From http://runeberg.org/nfba/0250.html, Public Domain, Link

Diana verwandelte den Belästiger nämlich ganz einfach in einen Hirsch und ließ dessen Jagdkumpanen und Hunde dann den Rest erledigen. Sehr anschaulich und schön hat dies Ovid in den folgenden Zeilen beschrieben:

„Wie er (also Aktaion) jedoch das Gesicht und die Hörner im Wasser erblickte,
Wollt’ er rufen entsetzt: “Weh mir!” Nicht folgte die Stimme.
Dafür kam ein Gestöhn. Feucht ward von Tränen das Antlitz,
Welches das seinige nicht. Den Geist nur hatt’ er behalten.
Was nun soll er tun? Heimkehren zum Königspalaste

Oder sich bergen im Wald? Scham hinderte jenes, die Furcht dies.
Während er schwankt, ersehn ihn die Hund’, und das Zeichen mit Bellen
Gibt Melampus zuerst und Ichnobates trefflich im Spüren,
Dieser von gnosischem Stamm, von spartanischer Rasse Melampus.
Flüchtiger rennen herbei als sausende Winde die ändern:

Pamphagos, Dorkeus auch und Oribasos, Arkader alle;
Theron grimmig und wild, mit dem starken Nebrophonos Lailaps,
Pterelas hurtig im Lauf und die scharf auswitternde Agre
Und, von dem Eber gehaun unlängst, der kecke Hylaios,
Nape, gezeugt vom Wolf, und Poimenis, welche den Schafen

Achtsam folgt, und, begleitet von zweien der Söhne, Harpyia,
Ladon dazu mit schmächtigem Bauch, sikyonischer Herkunft,
Kanake, Dromas sodann und Stikte und Tigris und Alke,
Abolos schwarz von Haar und Leukon mit schneeigen Zotten,

Thoos und flink und behend mit dem kyprischen Bruder Lykiske
Und, an der dunklen Stirn mit schneeiger Mitte gezeichnet,
Harpalos, Melaneus auch und Lachne mit struppigem Leibe;
Labros, Agriodos dann, die Söhne lakonischer Mutter,
Vom Diktaier gezeugt, und mit gellender Stimme Hylaktor,

Und viele andre dazu. Die stürmen nach Beute begierig
Über Gestein und Felsen und unzugängliche Klippen,
Da, wo schwierig der Weg, und da, wo keiner gebahnt ist.
Selbst nun fliehet er dort, wo oft er Verfolger gewesen;
Ach, er flieht vor dem eignen Gefolg’! Gern hätt’ er gerufen:

“Ich, Aktaion, ja bin’s! Erkennt doch euren Gebieter!”
Worte gebrechen dem Wunsch. Vom Gebell hallt wieder der Aither.
Melanchaites zuerst verwundete jenem den Rücken,
Dann Theridamas auch; Oresitrophos biss sich am Bug ein.
Später begann ihr Lauf, doch über den Berg auf dem Richtpfad

Eilten dem Schwärm sie voraus. Indes den Gebieter sie hielten,
Drängt sich die Meute herzu und schlägt in den Körper die Zähne.
Schon zu Wunden gebricht es an Raum. Er stöhnet, und Töne,
Nicht wie ein Mensch, doch auch wie ein Hirsch niemals sie hervorbringt,
Stößt er aus und erfüllt das bekannte Gebirge mit Wehruf,

Und mit gebogenem Knie demütig und Bittenden ähnlich
Trägt er schweigend umher, als wären es Arme, die Blicke.
Aber den bissigen Trupp hetzt noch mit dem üblichen Zuruf
Sein argloses Gefolg’ und sucht mit den Augen Aktaion –
Und ruft laut, als wär’ er entfernt, um die Wette Aktaion –

Jener bewegt bei dem Namen das Haupt – und alle beklagen,
Dass er fern und des Fangs Schauspiel so lässig versäume.
Fern sein möcht’ er, allein er ist nah. Er möchte der Meute
Grimmiges Tun nur sehn und nicht auch selber empfinden.

Und zerfleischen den Herrn im Bilde des trügenden Hirsches.
Erst, wie am Ende geflohn durch vielfache Wunden das Leben,
Ruhte der Zorn, wie man sagt, der köchertragenden Göttin.“Quelle: http://www.gottwein.de/Lat/ov/met03de.php (2, 200-253)

 

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By Carole RaddatoOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

SelfhtmlBy Antonio Tempesta – Image: http://collections.lacma.org/sites/default/files/remote_images/piction/ma-31724028-O3.jpgGallery: http://collections.lacma.org/node/234460, Public Domain, Link

Leg Dich lieber nicht mit Diana an, könnte man da sagen.

Diana ist die Göttin der Jagd, des Mondes und der Geburt. Sie ist die Zwillingsschwester von Apollo, die Tochter von Zeus/Jupiter und Leto/Latona, und ihr wird nachgesagt, schon als frisch geborenes Baby ihrer Mutter bei der Entbindung von Apollo geholfen zu haben. In der griechischen Mythologie entspricht ihr Artemis. Ich denke, dass die Attribute “Mond” und “Geburt” erst später für Diana galten. Zunächst ist sie sehr wahrscheinlich vor allem eine Jagdgöttin gewesen.

Historisch betrachtet gab es viele Orte in Italien und Griechenland, an denen Diana verehrt wurde, allerdings lagen die römischen Stätten fast alle außerhalb von Rom, also außerhalb der Stadtgrenze. Einige Forscher vermuten, dass Diana daher möglicherweise von den heimkehrenden römischen Truppen verehrt wurde, die bis zum Ausruf des Triumphes draußen vor der Stadt zu warten hatten und die Grenze (Pomerium) nach Rom nicht überschreiten durften.

Besonders interessant ist das außerhalb von Rom gelegene Heiligtum der „Diana Nemorensis“.

SelfhtmlVon Pippo-b – eigenes Foto, CC BY-SA 3.0, Link

Wikipedia beschreibt sehr treffend:
„Zentrum des Heiligtums war eine der Göttin Diana (gleichgesetzt der griechischen Göttin Artemis) geweihte Eiche, die von einem Priesterkönig, dem rex nemorensis, bewacht wurde. Dieser war ein entlaufener Sklave, der Tag und Nacht den Baum bewachte. Er hatte sein Amt so lange inne, bis es einem anderen Entlaufenen gelang, ihn zu töten, einen Ast von der Eiche zu brechen und so seinerseits dieses gefährliche Amt zu übernehmen. Dieser Umstand war für die Antike so unüblich, dass (… vermutet wurde), der Kult könne aus vorgeschichtlicher Zeit stammen.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Heiligtum_der_Diana_Nemorensis

In dieser Erzählung findet sich, wenn man so will, lediglich das Motiv “Wald” (Eiche) und “Wache”, – noch kein Hinweis auf Mond oder Geburt.

Bei Diana handelt es sich also um eine Göttin, deren Ursprünge recht weit zurückliegen. Dies wird auch deutlich, wenn man sich die Verbindungen zu anderen Gottheiten ansieht.
So findet sich beispielsweise eine Gottheit namens Britomartis, die angeblich eine Vorform von Diana/Artemis war und auf Kreta verehrt wurde. Den Ursprungsmythos von Britomartis zu rekonstruieren ist so gut wie unmöglich, – angeblich stellte Minos ihr nach und sie rettete sich durch einen Sprung ist Meer, woraufhin die Göttin Artemis ihr beistand. (Hier ist historisch aber unklar, wie Artemis, die doch eigentlich eine weitere Ausdeutung bzw. spätere Entwicklung von Britomartis ist, „sich selbst“ in dieser Situation hätte helfen können. – Vermutlich wurde die Gestalt von Britomartis in spätere Mythen über Diana wieder eingebunden. Kompliziert das Ganze. ;))
Historisch einleuchtend ist die Vermutung, dass Britomartis in der frühen minoischen Zeit einen Tempel hatte, der mit „wilden Tieren“ (Hunden, ggf. Bären) assoziiert war. Dass sie also eine Art Jagdgöttin darstellte. Selbiges trifft auf eine indogermanische Gottheit namens „Artio“ zu, die schon vom Wortlaut her Ähnlichkeiten mit „Art“emis aufweist. Es gibt auch Annahmen, die Artemis auf ein altes Wort für “Bär” zurückführen. Dem Religionswissenschaftler George Dumézil zufolge ist Diana eine Art „Rahmen-Gottheit“, die viele archaische Elemente vereint und daher sehr alt sein muss. Er vergleicht Diana in ihrer Funktion mit dem nordischen Gott Heimdall, der Asgard bewacht. James Frazer (ein anderer Religionswissenschaftler) sieht eher eine Verbindung zwischen Diana und Janus.

Es ist sicherlich nicht falsch, „Diana“ vorrangig als sehr, sehr alte Jagdgöttin zu sehen, in die andere weibliche Jagdgottheiten „aufgegangen“ sind. Auch ein Diana geopferte Votivstein, in dem sich jemand für die reiche Bärenjagd bedankt, belegt diese Vermutung. Zudem gab es an einer anderen Kultstätte, in Brauron, noch lange Zeit die Tradition, dass sich junge Mädchen zu Ehren Dianas in Safran-Farbene Gewänder hüllten und eine Bärenjagd nachstellten.

Selfhtml Britomartis wird von Edmund Spenser im 16. Jahrhundert als englische Tugendfrau beschrieben. – Ein Bestseller. Von photo: C J Thomson – photo: Special:Contributions/SusanWynneThomson, GFDL, Link

SelfhtmlDie Göttin Artio, – 19. Jahrhundert.  Von Own photograph by Sandstein, CC BY 3.0, Link

Selfhtml Votivstein mit Dank für Bärenjagd. Von den SEX CAPTIS (UR)SIS sieht man allerdings nur das “SIS”.  Von Diagram LajardEigenes Werk, CC0, Link

Für das „mythische Alter“ der Göttin spricht auch eine Geschichte, die sehr stark an alte Themen wie „Inanna und Dumuzi“ erinnert. – Also Mann/Frau, Tod und Wiederauferstehung im weitesten Sinn.

Ich zitiere: „In römischer Zeit war die Legende verbreitet, der Hain von Nemi sei die Heimstatt der Nymphe Egeria, deren Obhut Diana ihren von den Toten erweckten Jagdgefährten Hippolytos anvertraute. Hippolytos, ein schöner Jüngling, hatte die Begehrlichkeit der Liebesgöttin Venus geweckt (die wiederum der griechischen Göttin Aphrodite entsprach). Hippolytos sah sich allerdings als Jünger der Diana der Jagd wie der Keuschheit verpflichtet und blieb gegenüber dem Liebeswerben der Venus standhaft. Diese sann auf Rache und verzauberte seine Stiefmutter Phädra dergestalt, dass sie für Hippolytos entflammte. Wiederum wies Hippolytos seine Verehrerin ab. Phädra schwärzte ihn daraufhin bei seinem Vater (und ihrem Gatten) Theseus an und behauptete, Hippolytos habe versucht, sie zu vergewaltigen, und beging sodann Selbstmord. Theseus wiederum verstieß seinen Sohn und beauftragte Poseidon, Hippolytos zu töten. Der Meeresgott vollbrachte dies, indem er ein Seeungeheuer losließ, das Hippolytos’ Streitwagen zu Fall brachte.
Diana wiederum wandte sich an Asklepios, der den Jüngling wieder zum Leben erweckte – nach göttlicher Auffassung ein Frevel, und aus Verärgerung darüber verbannte der Göttervater Jupiter Äskulap in den Hades. Damit Hippolytos nicht ähnliches widerfahre, versteckte Diana ihn bei ihrer Nymphe Egeria, gab ihm zudem ein paar Altersfalten, damit er nicht allzu leicht zu erkennen sei, und umnebelte ihn zudem mit einer Wolke. Der auferstandene Hippolytos nahm den Namen Virbius an und zeugte mit Egeria einen Sohn, der ebenso genannt wurde. Virbius war neben Diana daher eine der in Nemi verehrten Gottheiten.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Heiligtum_der_Diana_Nemorensis
Diana erweckt also ihren Geliebten Hippolytos mit Hilfe von Asklepios wieder zum Leben. Ähnliche Züge weist auch der Mythos um Diana und Orion auf. – Wobei das mit Diana und den Männern so eine Sache ist. In erster Linie waren es wohl nicht ihre “Geliebten”, sondern lediglich “Jagdgefährten”, denn die Göttin war nicht gerade für ihr ausschweifendes Liebesleben bekannt.

Diana steht auch in Verbindung mit der Euripides Erzählung „Iphigenie in Tauris“. Von Iphigenie war hier schon mal kurz die Rede, es ist die Frau, die für ihr Vaterland in Zusammenhang mit dem Trojanischen Krieg der Göttin Diana geopfert werden soll, dann aber von der Göttin “ex machina” gerettet wird. Später errichtet Iphigenie der Sage nach im oben erwähnten Brauron einen Tempel für Diana, in dem sich junge Mädchen als Bären verkleiden.

Selfhtml By Anonymous Ophelia2, Public Domain, Link

SelfhtmlBy Jens Cederskjold, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52601662

Im Mittelalter bzw. eher der frühen Neuzeit, wo vornehmlich Verfolgungen stattfanden, wurde Diana zur Göttin der Hexen, wurde also von der Jägerin zur Gejagten.

Selfhtml By Nye, Edgar Wilson “Bill” (1850-1896) – https://archive.org/details/billnyeshistoryo00nyebrich, Public Domain, Link

In der Antike war allerdings noch Hekate für Magie und Zauberei zuständig.

SelfhtmlBy The original uploader was Medos at German Wikipedia – Transferred from de.wikipedia to Commons by Ireas using CommonsHelper., Public Domain, Link

SelfhtmlBy Maximilián Pirnerhttps://lehmofen.files.wordpress.com/2017/11/954a8-hekate1901.jpg, Public Domain, Link

SelfhtmlBy ZdeOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Am wahrscheinlichsten ist, dass eine biblische Erwähnung vom Artemis-Tempel in Ephesos zu dieser Annahme führte, dass Diana/Artemis mit Hexen im Bunde stünde. Denn als Paulus und seine Männer dort in Ephesos christianisieren und missionieren, gab es einen riesigen Aufstand, Schlägereien und Paulus landete schließlich sogar im Gefängnis. Die Epheser hatten nämlich keine Lust auf eine neue Lehre und wollten lieber weiterhin Geld mit ihren hübschen Artemis-Figürchen für den Tempel verdienen, der der Sage nach übrigens von der Amazonen-Königin Ortrere gegründet wurde.
Das konnte ja nur Hexenwerk sein!

SelfhtmlBy DC Extended Universe Wiki – http://dcextendeduniverse.wikia.com/wiki/File:JL_Wonder_Woman.jpg, CC0, Link

Da ist sie wieder. “Diana” Prince, aka Wonderwoman. 😉

 

 

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Kybele

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Heute geht es um Kybele, bzw. Rhea, bzw. Magna Mater … und wer weiß, wie sie noch genannt wurde.

Ihre Entstehung geht weit zurück in die mythische Geschichte und es wurden schon allerlei Versuche unternommen, die Göttin und den Kult um sie zu klären, da vieles, wie so oft, nicht mehr verstanden werden kann.

Recht sicher scheint zu sein, dass Kybele eine Art manifestierte Weiblichkeit darstellt, da in ihrem mythischen Kontext fast immer ein (definitiv) männlicher Gegenpart auftaucht. Die Geschichte handelt von besagter Kybele und ihrem Gegenpart, einem jungen Mann namens Attis, doch zuvor seien noch ein paar andere Mann-Frau Mythen genannt, die historisch weiter(?) zurückreichen und einige Parallelen zum Mythos Kybele-Attis aufweisen.

Inanna und Dumuzi

Gemeinfrei, Link

Isis und Osiris

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Venus und Adonis.

By after Guercino – Quelle: SLUB Dresden, Public Domain, Link

Jeder, der mag, kann sich die Details in den entsprechenden Wikipedia-Artikeln durchlesen. Ganz kurz zusammengefasst geht es in allen Mythen darum, dass die Männer Dumuzi, Osiris und Adonis sterben. Wie das geschieht ist ganz unterschiedlich, teilweise gibt es auch noch andere Varianten der Erzählung, aber was auch allen Geschichten gemeinsam ist: die Frauen erwecken ihre toten Männer wieder zum Leben.

Historisch betrachtet entwickelten sich dann aus diesen Mythen(?) sogenannte Mysterienkulte, geheime Gesellschaften also, die verschiedene religiöse Praktiken teilten.

So war es auch bei Kybele, deren Kult zeitlich parallel zu den Kulten aus den oben dargestellten Varianten liegt (Orpheus/Orphiker,  Mysterien von Eleusis, die samothrakischen Mysterien, der Dionysoskult, der Kult des Liber Pater in Rom und in Süditalien, der Mithraskult, der Isis- und Osiriskult.)

Einige dieser Mysterienkulte beziehen sich nicht auf die Variante „toter Mann“, sondern beinhalten, beispielsweise wie die Mysterien von Eleusis, die Erzählung von Pluto und Proserpina (in der der Gott des Todes eine lebendige Frau von der Erde raubt). Ich gehe davon aus, dass diese jüngeren Datums sind, da sich hier die Verhältnisses umgekehrt haben.

Pluto und Proserpina. By reganiOwn work, Public Domain, Link

Tempel/Altar der Kybele, ca. 7 Jh. v. Chr. Midasstadt/Türkei. By Zeynel CebeciOwn work, CC BY-SA 4.0, Link

Tempel/Altar der Kybele, ca. 7 Jh. v. Chr. Midasstadt/Türkei. Von MEH BergmannEigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, Link

Wir erinnern uns, dass Kybele/Rhea auch mit der Frau von Saturn gleichgesetzt wurde. So wundert es nicht, dass ihr Mythos und Kult recht blutig daherkommt und wieder einmal von Entmannungen die Rede sein wird.

Der Mythos (in Grundzügen)

Der Legende nach schlief Jupiter/Zeus einst auf dem Berg Agdos (Phrygien) ein und verlor während des Schlafs seinen Samen. Daraus entstand das abscheuliche Wesen Agdistis, eine Art Zwergenzwitterding, das die Götter so hässlich fanden, dass sie es kastrierten.
Aus dem abgetrennten Glied entstand der gutaussehende Attis, von dem schon oben die Rede war, und aus dem entmannten Körper wurde die Göttin Kybele. In manchen Varianten gibt es auch noch eine Zwischenerzählung, in der ein Mandelbaum eine Rolle spielt und in der Attis durch eine Nymphe ausgetragen wird.
Kybele und Attis waren aber in allen Varianten ursprünglich ein und dieselbe Person. Aus diesem Grund waren sie natürlich besonderes interessiert aneinander und daran, wieder zusammen zu kommen. Nachdem sie sich gefunden haben, sind sie auch eine Zeitlang ausgesprochen glücklich miteinander, doch dann möchte Attis mehr Selbstständigkeit und plant, eine andere Frau zu heiraten.
Kybele ist natürlich total von den Socken und schlägt sowohl Attis als auch die gesamte Hochzeitsgesellschaft mit Wahnsinn.

Attis – total crazy in the head – rennt in den Wald und kastriert sich unter einer Pinie, wo er dann elendig verblutet.

Kybele bereut ihre Tat daraufhin und dann gibt es verschiedene Varianten, wie die Geschichte endet.
Attis verwandelt sich in eine Pinie.
Kybele bestattet Attis, dessen Körper aufgrund der Hilfe von Zeus/Jupiter niemals verwesen wird, in einem Berg und lässt ihn von Priestern beweinen.
Kybele erweckt Attis von den Toten und beide werden als Götter verehrt

Es gibt, wie oben schon angedeutet, noch weitere Varianten des Mythos und es würde wahrscheinlicher einer Doktorarbeit (oder zumindest einer sehr ausführlichen Abschlussarbeit) bedürfen, um die verschiedenen Quellen und Inhalte miteinander zu vergleichen.
Deutlich wird auf jeden Fall selbst bei einer oberflächlichen Betrachtung, dass wesentliche Elemente (Liebespaar, Tod, Wiedererweckung) anderer vorantiker Mythen hier wieder auftauchen.

Kybele ist eine Göttin, für die es auch noch andere Ursprungsmythen gibt als den oben erwähnten.

„Kybele soll aus einem der Steine gewachsen sein, die Deukalion und Pyrrha nach der Sintflut geworfen hatten. Oder ihr Vater war Meon (bzw. Protogonus), König in Phrygien und Lydien, ihre Mutter Dindyma. Meon wollte keine Tochter und ließ das Mädchen nach seiner Geburt auf dem Berg Kybelus aussetzen. Dort wurde sie von wilden Tieren aufgezogen, Panther und andere Raubtiere gaben dem Kind ihre Milch, bis einige Hirtinnen die Kleine fanden und zu sich nahmen.
Kybele wuchs zu einer schönen Jungfer heran, hielt sich dabei sittsam und erfand lieber Pfeifen, Trommeln und Cymbeln, die später im Kult der Göttin bedeutsam wurden, außerdem befaßte sie sich mit Heilkunde, besonders zugunsten des Viehs und der Kinder, welche sie mit ihren Worten heilte. Wegen dieses besonderen Verhältnisses nannte man sie „gebirgische Mutter”. Ein enger Freund war Marsyas, ihre Liebe der schöne Attis.“ Quelle: http://www.imperiumromanum.net/wiki/index.php/Kybele

Hier ist auf jeden Fall bemerkenswert, dass ein typischer Erzählstrang, wie er sonst nur von männlichen Nachkommen (v.a. Romulus und Remus) bekannt ist, auf eine Frau angewendet wird.
Tatsächlich finden sich in der Geschichte auch andere Mythen, in denen eine Frau von Tieren genährt und dann von Hirten und/oder Weisen gefunden wird.
Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Königin Semiramis.

By Ernest Wallcousins (1883–1976) – From Myths of Babylonia and Assyria by D. MacKenzie (1915-now in the public domain).Originally uploaded to en.wikipedia; description page was here., Public Domain, Link

Woher stammt der Mythos?

Viele Elemente des Mythos sind aller Wahrscheinichkeit nach phrygischen Ursprungs, wie man auch an den zahlreichen Attis-Darstellung (Phrygische Kleidung und insbesondere: die Mütze!) gut sehen kann.

CC BY-SA 3.0, Link

Die Phryger waren ein Königreich, das sich im Gebiet der heutigen Türkei um das 8. Jahrhundert vor Christus befand. Ein paar Jahrhunderte zuvor wohnten dort noch die Hethiter – und dann gibt es eine Zeit um das Jahr 1000 v. Chr., wo man nicht genau weiß, was passierte.
Bei den Phrygern war die Göttin Kybele so eine Art Hauptgöttin. Nebst Midasstadt wurde sie auch in anderen Städten verehrt, so zum Beispiel in Pessinus, wo der Legende nach auch der Palast von König Midas gestanden haben soll.

König Midas war wahrscheinlich eine historische existente Person, ein (erster?) König der Phryger. Auch über ihn gibt es verschiedene Legenden. So soll er ein Sohn von Kybele und Gordios gewesen sein, auf den wiederum, der Legende nach, der gordische Knoten zurückzuführen ist, den dann Alexander der Große im 3. Jahrhundert vor Christus mit einem schnöden Schwertschlag „löste“.

Midas war auch derjenige, der angeblich den törichten Wunsch hatte, dass sich alles, was er berührte in Gold verwandelt.

By Walter Crane (1845-1915) – http://www.reusableart.com/d/2974-2/midas-01.jpgGallery page http://www.reusableart.com/v/mythology/greek/midas/midas-01.jpg.html, Public Domain, Link

Die Gabe erwies sich als äußerst unpraktisch, weil er auch das, was er essen und trinken wollte, in Gold verwandelte – und sogar seine eigene Tochter -, doch nach einem Bad im Fluss Paktolos war er zum Glück wieder davon befreit.

Midas soll auch beim musikalischen Wettstreit zwischen Apoll und Pan als Schiedsrichter aufgetreten sein. In manchen Versionen findet man ihn auch als Schiedsrichter beim Streit zwischen Apoll und Marsyas.
Zur Strafe für seine falsche Entscheidung (er entschied sich in allen Varianten nicht für den Gott Apoll, sondern befand, dass Marsyas der bessere Musiker sei) hexte ihm Apollo Eselsohren an, die Midas dann unter der possierlichen phrygischen Mütze verbarg.

By Michelangelo Cerquozzihttp://www.christies.com/lotfinder/paintings/michelangelo-cerquozzi-king-midas-5022114-details.aspx, Public Domain, Link

By Anonymoushttp://www.pizan.lib.ed.ac.uk/otea.html, Public Domain, Link

By Andrea Vaccaro – http://www.dorotheum.com, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16084069

Der römische Dichter Ovid (um das Jahr 0) schreibt dazu:

„Midas verhehlet es zwar und sucht zu verhüllen die Schläfen,
Denen der hässliche Schimpf anhaftet, in purpurner Mütze.
Aber ein Diener, gewohnt mit dem Stahl ihm zu kürzen das Haupthaar,
Hatt’ es gesehn. Weil der die gesehene Schmach zu verraten
Nicht sich getraut, wie gern er zu Tage sie hätte gefördert,

Aber zu schweigen vermag auch nicht, gräbt endlich den Boden
Heimlich er auf, und was er für Ohren erblickt an dem König,
Meldet er leis und flüstert es zu dem gegrabenen Erdloch.
Wieder verscharrt er mit Erde sodann das entdeckte Geheimnis,
Geht stillschweigend hinweg und verlässt die verschüttete Grube.

Dort wuchs bald ein Gebüsch, dicht stehend von schwankendem Rohre;
Das tat kund, sobald es gereift nach vollendetem Jahre,
Wer den Acker bestellt. Denn jene vergrabenen Worte
Raunt es, erregt vom Süd, und bezichtigt die Ohren des Herren.“
Quelle: http://www.gottwein.de/Lat/ov/met11de.php

Kurz zusammengefasst: Midas versteckt seine Eselsohren, aber sein Friseur bekommt sie zu sehen und kann das Geheimnis nicht für sich behalten. Anstatt es einfach weiterzuerzählen, gräbt er ein Loch in den Boden und flüstert es dort hinein.
An dieser Stelle wächst dann Schilfrohr bzw. Binsen, das/die das Geheimnis an die Bauern ausplauderten.
Mag sein, dass unser heutiges Wort „Binsenweisheit“ darauf zurück zu führen ist. 🙂

Alles in allem bleibt also festzuhalten, dass die Phryger und insbesondere der erste große Herrscher Midas im Laufe der Geschichte eine gewisse Verhonepipelung erfahren haben.
Es wird nicht zu weit gedacht sein, wenn man behauptet, dass dies auch den Kult um Kybele betreffen könnte. Die unterschiedlichen Varianten ihres Mythos und weitere Details, die unten genannt werde, lassen so etwas auf jede Fall vermuten.
Dass die historischen Verlierer der Geschichte verunglimpft werden, ist auch etwas, das man fast immer beobachten kann, denn die Geschichte wird ja bekanntermaßen von den Siegern geschrieben, die kein Interesse daran haben, die Besiegten – wie auch immer – zu erinnern.
Schon Livius wies darauf hin (Livius war ein römischer Historiker), als er den Gallierkönig Brennus sagen ließ: „Vae victis“, also „Ihr armen Besiegten“.
Auch beim Sieg Roms über Karthago (Aeneas und Dido) kann man solcherlei Verhalten mutmaßen, wobei Kybele bei diesem Sieg eine wichtige Rolle zukommt.

Doch zuvor seien noch kurz ein paar Worte über den Kult um Kybele verloren.

Die Korybanten. By Roscher, Wilhelm Heinrich, 1845-1923 – http://ia360615.us.archive.org/2/items/ausfhrlichesle0201rosc/ausfhrlichesle0201rosc.pdf, Public Domain, Link

Bei den Feierlichkeiten zu Ehren der Göttin Kybele tanzten sogenannte Korybanten. Zwar heißt es im Mythos, dass die Feste vor allem in Erinnerung an ihren verstorbenen Liebsten Attis abgehalten wurden, jedoch hat sich aus dieser Trauerfeier dann alsbald eine sehr orgiastische Feier entwickelt, die große Ähnlichkeiten zur Party-Time der Bacchantinnen aufweist, wovon noch die Rede sein wird.
Übrigens, den männlichen Priestern der Kybele wird nachgesagt, dass sie sich selbst kastriert haben sollen während solch orgiastischer Feiern. – Um mal wieder auf Kastration zu sprechen zu kommen.

Im römischen Reich wird Kybele vor allem nach der Schlacht bei Zama verehrt. Der Karthager Hannibal hatte Rom über Jahrzehnte in Angst und Schrecken versetzt, und Cornelius Scipio – wie es sich für einen guten Römer gehört – konsultierte gemeinsam mit dem Senat das Orakel in Delphi, bevor er in die Schlacht gegen Hannibal zog.
Dort wurde ihnen geweissagt, dass Rom Karthago zerstören könne, wenn sie die „Große Mutter“ (Magna Mater) aus Phrygien importierten.
Gesagt getan, Kybele wurde als Magna Mater identifiziert, nach Rom verschifft und der Rest ist Geschichte. Ich denke, dass darin auch die wahrscheinlichste Antwort liegt, sie dann (auch) mit der Titanin Rhea zu identifizieren.

By Globetrotter19Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Cardea

By Adelino Manuel Pinhe…, CC BY-SA 3.0, Link

Bitte eintreten! 🙂

Heute geht um die römische Göttin Cardea, die für die Tür und alles, was damit zu tun hatte (Schwelle, Klinke, Scharniere, Griffe) zuständig war.
Ihr männliches Pendant hieß Forculus und wenn man von Türgottheiten schreibt, darf natürlich auch der Doppelgesichtige Janus nicht fehlen, der von allen der bekannteste sein dürfte.
Vielleicht öffnet dieser Beitrag ja auch eine Tür für den ein oder anderen Leser, der mit Mythologie bisher noch so gar nichts am Hut hatte. Das würde mich freuen! 🙂

By Ultima Thule, 1927 – Ultima Thule, 1927, Public Domain, Link
Der doppelköpfige Janus.

Janus hatte einen Tempel auf dem Forum Romanum, der angeblich schon in die Zeit des zweiten legendären römischen Königs Numa Pompilius zurückgeht. Dieser König war der Nachfolger von Romulus und mit einer Sabinerin verheiratet. Er führte neben Janus noch einen anderen wichtigen Kult (wahrscheinlich sabinischen Ursprungs) ein, nämlich den der Vesta.

Ein kurzer Rückblick in die römische Geschichte:
Romulus und Remus, die Söhne des Kriegsgottes Mars und der Vestalin Rhea Silvia, wurden nach dem Tod der Mutter (sie durfte als Vestalin keine Kinder bekommen) von einer Wölfin gefunden und gesäugt.

By Peter Paul Rubens[1], Gemeinfrei, Link
Mars und Rhea Silvia.

By Heinrich Aldegrever – Private collection, Public Domain, Link

Der Legende nach sollte Rhea Silvia im Tiber ertränkt werden, ein Diener sollte die Kinder ebenfalls in den Tiber werfen. Es gibt unterschiedliche Varianten darüber, was dann mit Rhea Silvia geschah. Entweder stirbt sie, oder aber der Flussgott Tiberius erbarmt sich ihrer – wie es Romulus und Remus geschah.

By Maître aux incriptions blanches, XV siècle – British Library: http://www.bl.uk/catalogues/illuminatedmanuscripts/results.asp, CC0, Link
Auf diesem Bild sieht man sehr schön, wie die Zwillinge von Faustulus gefunden und zu Acca gebracht werden. Faustulus, ein Hirte, und Acca, werden zu den Zieheltern von Romulus und Remus.

Romulus tötet seinen Zwillingsbruder Remus und wird er der erste König von Rom. Interessant ist hier die Parallele zum biblischen Brudermord von Kain und Abel.

By AnonymousHampel Auctions, Public Domain, Link

Als König von Rom hatte Romulus zunächst noch ein großes Problem: zwar gibt es eine Menge Männer in Rom, aber keine Frauen. Also beschließt Romulus, den Römern Frauen zu beschaffen und lockt seine Nachbarn in eine Falle: die Sabiner und insbesondere ihre Töchter, die Sabinerinnen.

By Christoph Fesel (1737–1805) Dorotheum, Public Domain, Link
Der Raub der Sabinerinnen.

Was zunächst als klassischer Frauenraub daher kommt, wirkt vielleicht etwas weniger drastisch, wenn man bedenkt, dass Romulus zunächst die Väter der Sabinerinnen um die Hand ihrer Töchter bat. Möglicherweise hatte sich die ein oder andere ja sogar in einen der stattlichen Römer verguckt?
Das ist natürlich sehr spekulativ, fest steht allerdings (mythologisch „fest“, wohlgemerkt), dass die Sabinerinnen dann als Mütter von römisch-sabinischen Kindern dafür sorgten, dass sich ihre Männer und Väter nicht weiter bekriegten.

By UnknownWeb Gallery of Art:   Image  Info about artwork, Public Domain, Link Gemälde von Jaques Louis David, gemalt 10 Jahre nach der französischen Revolution.

König Numa Pompilius, der Nachfolger von Romulus, lebte der Sage nach eine Zeitlang bei den Sabinern und brachte den sabinischen Vesta-Kult nach Rom.

By sv:Constantin Hölscher (1861–1921)http://www.villa-grisebach.de/, Public Domain, Link Im Tempel der Vesta.

Über die historische (soweit man das überhaupt historisch zurückverfolgen kann) Entstehung von Janus gibt es unterschiedliche Ansätze. Mythologisch wird sein Kult ja ebenfalls dem zweiten König Roms zugeschrieben.
Manche Religionswissenschaftler gehen davon aus, dass es sich bei ihm um eine Gottheit von „Anfang“ und „Ende“ handelt, eine Art „Hauptgottheit“, von der im Prinzip alles andere abhängt. Frei nach Hermann Hesse: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne und jedem Ende ein neuer Anfang.“

Vesta wäre dann die „dritte Seite der Medaillie“, eine Göttin des Feuers (des ewigen Feuers). Den Anfangs-Endgott Janus und Vesta findet man auch in anderen Kulturen wieder, insbesondere in Indien als Vaju und Saraswati.

By Suraj BelbaseOwn work, CC BY-SA 4.0, Link Vayu, eine Art „Windgott“, der auch mit dem Atem (Prana) in Verbindung steht.

By http://wellcomeimages.org/indexplus/obf_images/c2/62/726e0a0ed16128a5cc5dd714bd36.jpgGallery: http://wellcomeimages.org/indexplus/image/V0045121.html, CC BY 4.0, Link Saraswati mit Pfau (übrigens auch ein Symboltier der Juno/Hera).

Relativ kompliziert und auch schon etwas älter, nichtsdestotrotz lohnenswert sind dazu die Gedanken von den Religionswissenschaftlern Eliade, Schmitz und Dumézil, die freundlicherweise im englischsprachigen Wikipedia-Artikel über Janus aufgenommen wurden.

Bemerkenswert ist an dieser Stelle auch der im Artikel genannte Bezug von Janus zu einer Sonnengottheit, die wiederum in Verbindung mit den zwei Sonnenwenden im Jahr steht und schon den Sumerern bekannt waren. Isidor von Sevilla schreibt von „zwei Himmelstüren“ (ianuae coeli), aus denen die Sonne herauskommt und wieder hineingeht (Etymologiae 13.1.7). Ianua (lat. Tür) und Ianus/Janus stehen etymologisch in enger Verbindung.
Aus der Kenntnis über die Sonnenwenden sollen mythologisch die „göttlichen Zwillinge“ entstanden sein, die in vielen Kulturen auftauchen und meiner Meinung nach auch einen Wiederhall im Doppelgesichtigen Janus finden. Oder in der Geschichte von Romulus und Remus. Vielleicht sogar in der Geschichte von Kain und Abel?
Denn einer der Brüder ist sterblich und einer ist unsterblich.
Auch hier kann man sich umfassend dazu informieren, wobei der Bezug zur australischen Mythologie in beiden Teilen (noch) fehlt.

E. Smart kommt diesbezüglich allerdings zu einem Schluss, den ich jetzt auch formuliert hätte. 😉

Der Tempel von Janus hatte im alten Rom über Jahrhunderte eine besondere Funktion.

By Peter Paul Rubenshttp://www.abcgallery.com/R/rubens/rubens126.html, Gemeinfrei, Link Janustempel von Rubens.

Wann immer sich Rom im Krieg befand, blieben seine Türen geöffnet. In Friedenszeiten wurden die Türen wieder geschlossen. Möglicherweise ist diese Handhabung aber auch eine Erfindung von Kaiser Augustus, der sich zu seiner Herrschaftszeit damit rühmte, den Janustempel drei Mal geschlossen zu haben.

Wenn man sich die mythologischen Erzählungen um den Gott Janus ansieht, dann findet man auch eine Verbindung zur Göttin Cardea, die vom römischen Dichter Ovid überliefert wird.

By No machine-readable author provided. Auréola assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., Public Domain, Link Ovid in Microsoft Paint.

Ovid war ein Dichter – oder besser gesagt ein Schriftsteller, der in Versmaßen schrieb, wie es damals üblich war -, der zur Zeit von Kaiser Augustus lebte. Viele seiner Geschichten finden sich noch heute in abgewandelter Form in der modernen Literatur. Er machte es sich damals zur Aufgabe, über die Liebe und die Kunst zu Lieben zu schreiben (Amores , Ars Amatoria – wen erinnert das nicht an z.B. Erich Fromm ? – , sammelte aber auch verschiedene mythische Geschichten (Metamorphosen , Fasti) und wurde schlussendlich aus mehr oder weniger unbekannten Gründen aus seiner Lieblingsstadt Rom bis ans damalige Ende der Welt verbannt.
Die Geschichte von Janus und Cardea entstammt dem Teil seines Werkes, das sich mit mythischen Geschichten beschäftigt, den Fasti.

Public Domain, Link Ovid und seine Liebste Corinna.

Ovid war, das könnte man aus seinen Texten deuten oder oben ganz augenscheinlich betrachten, ein sehr leidenschaftlicher Mensch, wobei natürlich immer die Frage bleibt, ob er sich wirklich selbst beschrieb oder ein fiktives, lyrisches Ich erzählen ließ. So soll auch seine Verbannung möglicherweise niemals stattgefunden haben, sondern lediglich eine Erfindung von ihm gewesen sein.

By Evelyn De Morgan – artrenewal.com, Public Domain, Link Medea.

Diese „literarische Fiktion“ wird insbesondere dadurch interessant, dass die Stadt Tomis (Tomoi) der Sage nach der Bestattungsort von Absyrtos war, dem Bruder der Medea. Über Medea und ihre mythischen Bezüge würde sich auch ein eigener Blogartikel lohnen, auf jeden Fall wird auch hier ein Bruder ermordet, allerdings durch die Hand seiner Schwester.

Ovid nun also schrieb in den Fasti folgende Geschichte über Janus und Cardea:
Zunächst stellt er fest, dass der erste Tag des Monats der Göttin Carna geweiht ist, wobei er davon ausgeht, dass es sich um die Göttin Cardea handelt. Wahrscheinlich, weil dem 1. des Monats auch eine „Schwellen-Funktion“ zukommt.
Er nennt sie dann „Cranaë“ und erzählt die Geschichte dieser Nymphe, die fröhlich in den Wäldern Arkadiens jagte und hin und wieder mit der Mondgöttin Diana verwechselt wurde. Wann immer sich ihr ein Mann näherte, tat sie so, als ob sie mit ihm gehen wollte. „Such Du nur eine versteckte Höhle, ich komme gleich nach.“
So entledigte sich Cranaë all der lästigen Verehrer, denn natürlich versteckt sie sich dann schnell im Dickicht.
Nur mit einem will das nicht so recht gelingen, nämlich mit dem Doppelköpfigen Gott Janus, der sehen kann, was hinter seinem Rücken geschieht. Er überwältigt Cranae im Dickicht, was Ovid sehr deutlich beschreibt: „Du kannst nichts tun“, „Tu nichts“, lässt er Janus zwei Mal wiederholen.
Nach der Tat erklärt Janus sie dann zur Göttin über die Türschwellen.

Die Geschichte von „überfallsartiger Tat und anschließender Vergottung“ taucht in den Mythen häufiger auf. So zum Beispiel bei Bona Dea oder auch bei Priapus.

In der Göttin Cardea sind wahrscheinlich verschiedene Gottheiten verschmolzen. So findet sich bei dieser Göttin, wenn man den ovidischen Bezug von ihr als „Carna“ berücksichtigt, auch ein Bezug zu den Heilsgottheiten,
Carna war nämlich eine Göttin für das Herz und die menschliche Lebenskraft, die außerdem die Fähigkeit hatte, sogenannte Strigen abzuhalten, eigenartige Vampirvogelewesen, denen nachgesagt wird, dass sie kleine Kinder klauen. Ein Vorwurf, der auch Lilith galt.

By cjuneauLa Strige, CC BY 2.0, Link

Cardea konnte in ihrer Funktion als Türgottheit solche Strigen ebenfalls abhalten. Man braucht dafür nur ein wenig Weißdorn an die Tür hängen.

By FreddyKrueger 10:43, 13. Mai 2008 (CEST) – FreddyKrueger 10:43, 13. Mai 2008 (CEST), Attribution, Link

Anna Perenna

Anna Parenna ist eine eher unbekannte römische Göttin, die in einem kleinen Heiligtum an der Via Flaminia verehrt wurde. Daneben hatte sie auch ein Heiligtum auf Sizilien und in Rom selbst gab es einen Brunnen, an dem ihr zu Ehren Feste gefeiert wurden.

Der Urprung von Anna Perenna liegt im Dunkeln. Es könnte sich
1. um eine alte, etruskische Muttergöttin gehandelt haben,
2. vielleicht war sie (auch) die Schwester von Dido, einer karthagischen Königin,
3. oder es war eine ältere Frau, die sich während der römischen Ständekämpfe um die Plebejer (das einfache Volk) gekümmert hat – und deswegen von ihnen als Göttin verehrt wurde.

Daneben hat Anna Perenna auch viele Bezüge zu anderen Göttinnen, insbesondere der Mondgöttin Diana/Artemis.

Im Folgenden werde ich – ausgehend von den Feierlichkeiten für die Göttin – auf die möglichen Ursprünge Anna Perennas eingehen.

Via Flaminia

Teil der Via Flaminia, die Rom mit der Adriaküste verband. By No machine-readable author provided. Samba~commonswiki assumed (based on copyright claims). – No machine-readable source provided. Own work assumed (based on copyright claims)., Public Domain, Link

Brunnen Anna Perenna Opfergaben an die Göttin, gefunden im Brunnen. By Self-photographed by Szilas in the Museo Nazionale Romano – Terme di Diocleziano – Own work, Public Domain, Link

Anna Perenna Mögliches Profilbild der Göttin auf einer Münze (gefunden in Italien oder Spanien) 1. Jh. v. Chr. By Classical Numismatic Group, Inc. http://www.cngcoins.com, CC BY-SA 3.0, Link

Ob der heutige Brauch, Münzen in einen Brunnen zu werfen, wohl auf Anna Perenna zurück geht?
Neben diesen „Geldopfern“ sind auch Feste zu Ehren der Göttin bekannt.
Ihr Haupttag wurde im März gefeiert. Dabei floss angeblich Wein in Strömen und es gab derbe Witze und obszöne Lieder. Es war ein Fest für das einfache Volk, die sogenannten „Plebejer“, das in den Iden, also um Vollmond herum, gefeiert wurde.

Der römische Kalender (ein Mondkalender) hatte für jeden Monat bestimmte Termine:

Iden (Vollmond),
Kalenden (Neumond)
Nonen (zunehmender Mond)
Terminalien (abnehmender Mond)

Insgesamt gab es 13 Monate. Es waren mehrheitlich die uns heute noch bekannten, wenn auch mit teils anderen Namen, und ein 13. „Schaltmonat“ namens Mensis intercelaris oder – Plutarch folgend – Mercedonius. Die Einberechnung des Schaltmonates war äußerst kompliziert und fiel in Kriegszeiten teilweise aus. Normalerweise wurde in einem Zeitraum von acht Jahren drei Mal ein solcher Mercedonius „geschaltet“, er erschien dann zwischen Februar und März.
Umstritten ist, inwiefern der Schaltmonat auch Auswirkungen auf die Zinswirtschaft hatte. Möglich ist, dass in diesem Monat dann keine Zinsen fällig wurden. (Münzgeld – in einer Ausprägung, wie wir es heute kennen inklusive Verleih usw., trat übrigens erstmals im 3. Jh. v. Chr. flächendeckend (Griechenland, Rom, Persien, Indien) in Erscheinung.)

Wenn man sich den Hauptfesttag der Göttin ansieht, ist festzustellen, dass der erste Vollmond im Monat März zeitlich nah an der Frühlings-Tages und Nachtgleiche liegt. In einigen heutigen Kulturen (Iran u.a., Nouruz) wird der Beginn des Jahres an diesem Ereignis fest gemacht. Das neue Jahr beginnt also dann, wenn das „Licht“ (Tag) die „Dunkelheit“ (Nacht) gerade überholt. In unserer christlich geprägten Kultur hat sich dagegen der Zeitraum der Wintersonnenwende (die Tage werden wieder länger) um den 21./22. Dezember und darüber hinaus (also 1. Januar) als Jahresanfang durchgesetzt. Das lag unter anderem auch an den Römern, die im 2. Jh. v. Chr. beschlossen, das Amtsjahr im Januar beginnen zu lassen, wobei der offizielle Neujahrstermin noch im März lag.
Zuletzt gibt es noch weitere Möglichkeiten, das Jahr enden/beginnen zu lassen. Welcher Termin davon der „ursprünglichste“ war, lässt sich schwer ausmachen. Auffällig ist aber, dass sich gerade die jüngeren Termine eher von den kosmischen Ereignissen entfernt haben.

Bild mit verschiedenen Tag und Nachtgleichen Übersicht über Tagundnachtgleiche usw. Von Horst Frank aus der deutschsprachigen Wikipedia, CC BY-SA 3.0, Link

solstice Hier eine Illustration zur Sonnenwende. CC BY-SA 2.0, Link

Aber wann auch immer das Jahr nun beginnen und/oder enden mag, fest steht folgendes:

Ende des Jahres Das alte Jahr ist dann Geschichte. By John T. McCutcheon – Cartoon by John T. McCutcheon, scanned from book “The Mysterious Stranger and Other Cartoons by John T. McCutcheon”, New York, McClure, Phillips & Co. 1905. Book reprints a collection of McCutcheon’s cartoons, some dating back a few years., Public Domain, Link

Festzuhalten ist, dass ähnlich der Entwicklung von „Erde“ und „Wind/Regen/Donner“ zu abstrakteren Versionen = Gottheiten, auch die Einteilung der Zeit in eine Phase mit „Anfang“ und „Ende“ eine Erfindung der Menschen ist, die sich im Laufe der letzten Jahrtausende entwickelt hat.

Ausgehend von der möglicherweise ursprünglichen oder ersten Vorstellung Gottes als „Erdenmutter“ und „Wettergott“, wäre es denkbar, dass auch die Einteilung des Jahres sich an dieser Idee orientierte.
Das alles ist sehr hypothetisch und spekulativ, aber es erscheint mir logisch, dass der für den frühen Menschen so wichtige Kreislauf von Aussaht, Regen/Befruchtung und Ernte als Grundstruktur der Zeiteinteilung diente.
Nimmt man die Vorstellung von antropomorphen Wesen wie „Wettergott“ und „Mutter Erde“ hinzu, die sich gegenseitig aneinander erfreuen, dann stellt sich eigentlich nur noch die Frage, wann „es“ eigentlich beginnt.
Beginnt das Leben mit der „Befruchtung“? = Jahresanfang im Frühling.
Beginnt das Leben mit der Rückkehr der Sonne, also mit der Ahnung von und Hoffnung auf „Befruchtung“? = Jahresanfang um die Wintersonnenwende.
Beginnt das Leben mit der Geburt? = Jahresanfang zur Erntezeit.
Oder ist gar schon der Frühling eine Art „Geburt“?

Also es gibt, wenn auch unterschiedlich interpretiert, grundlegende Gemeinsamkeiten in allen Kulturen der Welt was die Jahresanfänge anbelangt.
1. Die Orientierung an einem Zyklus von Werden und Sterben.
2. Die Einteilung dieses Zyklus in immer kleinere und genauere Zeitphasen.

Lebenskreis Kreis des Lebens. Bulgarien. By Edal Anton LefterovOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Kreis des Lebens Lebensrad. Nordindien. CC BY-SA 3.0, Link

Stonehedge Stonehedge. By Janßonius – Biblioteca Nacional de España, Public Domain, Link

Man bedenke, was aus den Windgöttern geworden ist.

Etruscan woman holding an egg Etruskische Frau, die ein Ei hält (Symbol für Fruchbarkeit und Wiedergeburt) By Anonymous (Etruscan)Walters Art Museum: Home page  Info about artwork, Public Domain, Link

Mit der Göttin Anna Perenna ist dieser Kreislauf eng verbunden. Denn ihr zweiter Name „Perenna“ leitet sich ab vom lateinischen Adjektiv „perennis“, das so viel bedeutet wie „jährlich wiederkehrend“. Wahrscheinlich handelt es sich bei ihr um eine etruskische Göttin, eine ältere Göttin also, als sie uns von den Römern bekannt sind, denn die Etrusker lebten bereits vor den Römern auf der italienischen Halbinsel und wanderten noch vor dem 1. Jahrtausend aus dem orientalischen Raum dorthin ein.

So wurde sie wahrscheinlich zunächst als klassische Muttergottheit verehrt und bekam im Laufe der Zeit dann andere Attribute zugeschrieben. Beispielsweise als „Retterin“ der Plebejer, die der Sage nach einst aus Rom auswanderten, weil sie keine Lust mehr hatten, für die reichen Patrizier dort zu arbeiten.
Der Bezug zu Didos Schwester ist insofern interessant, als dass etwa ab der Mitte des 1. Jahrtausends vor Christus männliche Gottheiten nach und nach den Glauben der Menschen dominieren. Ganz klar zu sehen in der Entstehung des Manichäismus, Mithraismus und Christentums um das 1. Jh. n. Chr.

Mithraism Mithras und der Stier. Public Domain, Link

Mani Mani, der Gründer des Manichäismus. Public Domain, Link

Jesus Jesus und vier Erzengel. By Internet Archive Book Imageshttps://www.flickr.com/photos/internetarchivebookimages/14742744896/Source book page: https://archive.org/stream/christianiconogr02didr/christianiconogr02didr#page/n89/mode/1up, No restrictions, Link

Die Geschichte von Dido – und Aeneas – repräsentiert nämlich auf verschiedenen Ebenen diesen Wandel im Denken weg von den Frauen hin zu den Männern.
Aeneas, als Stammvater der Römer, der aus Troja floh und auf Geheiß der Götter eine neue Heimat finden sollte, landete auf seiner Reise über das Mittelmeer eines schönen Tages in Karthago, der Hauptstadt des später mit Rom so verfeindeten Reiches. (Ab dem 3. Jh. v. Chr. drei Punische Kriege, Hannibal, – das ist alles historisch bezeugt und „korrekt“, also kein Mythos wie die Geschichte von Aeneas und Dido.)
Dort traf er auf die schöne Dido und verliebte sich unsterblich in sie.
Doch Aeneas war es nicht vergönnt, lange bei seiner neuen Liebe zu bleiben. Die Götter, namentlich der Botengott Merkur, forderten ihn auf, seine Reise fortzusetzen und sein Schicksal zu vollenden.
Was Dido daraufhin tat, ist sehr gut in dem unteren Bild zu erkennen.

Dido Dido ersticht sich. By Augustin Cayot (1667-1722)Marie-Lan Nguyen (2011), Public Domain, Link

Doch damit nicht genug. Wie oben bei der Skulptur zu erkennen, ersticht sich Dido, während sie auf einem „Podest“ aus Holz steht. Sie hat sich aller Wahrscheinlichkeit nach zeitgleich verbrannt. Und zwar am Strand, wo Aeneas sie sehen konnte, während er mit seiner Mannschaft zur Küste Italiens zog.

Hier ein Bild aus glücklicheren Tagen:

Aeneas und Dido Aeneas und Dido begegnen sich zum ersten Mal. By Nathaniel Dance-HollandXQGCpNt3tbJiAw at Google Cultural Institute, zoom level maximum Tate Images (http://www.tate-images.com/results.asp?image=T06736&wwwflag=3&imagepos=1), Public Domain, Link

Gut zu sehen ist hier im Hintergrund Didos (linke Seite) ihre Schwester Anna. Die Anna, die also auch einen mögliche Gleichsetzung mit „Anna Perenna“ erfährt. Anna stand Dido immer zur Seite, riet ihr sogar zu der Beziehung mit Aeneas.
Nach Didos Tod muss Anna aus Karthago fliehen und wird nach einer längeren Odyssee über das Mittelmeer schlussendlich in eine Flussnymphe verwandelt.

Vielleicht geht es zu weit, wenn man behauptet, dass der Tod Didos mythisch eine Art „Endpunkt“ von Muttergottheiten darstellt. Dazu würde sich auch ein genauerer Blick auf Dido selbst lohnen, die ja hier eigentlich eher am Rande von „Anna Perenna“ auftaucht.

Wer möchte, findet einige Informationen dazu im wikipedia Artikel hier. https://de.wikipedia.org/wiki/Dido_(Mythologie)
Allerdings fehlt darin der Bezug zur karthagischen Religion, die übrigens schwierig zu rekonstruieren ist, da die Sieger über Karthago (also die Römer), natürlich nicht mit Verteufelungen über die Stadt sparten.
So könnte die Geschichte um Aeneas und Dido auch „nur“ beinhalten, dass Vergil (der Autor der sogenannten „Aeneis“) eine schöne Gründungsgeschichte und Lobhudelei auf Rom schrieb.

Aeneas selbst lebte auf jeden Fall glücklich und froh – und das auch mit mehreren Frauen.

Wohingegen z.B. Odysseus, ein anderer Mittelmeerreisender, dessen Mythos noch ein wenig älter ist (ca. 9. Jh. v. Chr.), trotz vieler Affären schlussendlich doch wieder zurück zu seiner Ehefrau Penelope fand.

Kreusa Aeneas mit seinem Vater Anchises auf dem Rücken (der die Hausgötter festhält), seinem Sohn Askanius im Vordergrund und Kreusa, seiner ersten Frau, die es leider nicht schafft, aus Troja zu fliehen. By Federico BarocciWeb Gallery of Art, Uploaded to en.wikipedia 03:45 28 Jul 2004 by en:User:Wetman., Public Domain, Link

Lavinia Aeneas römische Frau Lavinia mit ihrer Mutter Amata und Bacchantinnen. By Wenceslaus Hollar – Artwork from University of Toronto Wenceslaus Hollar Digital CollectionScanned by University of TorontoHigh-resolution version extracted using custom tool by User:Dcoetzee, Public Domain, Link

Odysseus und Penelope Als Odysseus von seiner Odyssee zurück kehrt, muss er erstmal die ganzen Freier beseitigen, die sich um seine Frau geschart hatten. Das waren noch Zeiten! By kladcatWoodcut illustration of Odysseus’s return to Penelope, CC BY 2.0, Link

Strafe muss sein …

***Dieses Kapitel ist ein Teil von meinem Projekt “Amors Abenteuer”, einer modernen Adaption des antiken Märchens “Amor und Psyche”, das ich aus Spaß an der Freude schreibe und nach einer Überarbeitung als eBook veröffentliche. Wer von Anfang an lesen möchte, ist herzlich eingeladen, bis ans untere Ende der Seite zu skrollen. Ich freue mich über jeden Kommentar. Donnerstags gibt es ein neues Kapitel und manchmal auch zwischendurch. Viel Vergnügen beim Lesen!***

 

Amor lag auf seiner Wolke und blickte abwechseln nach unten und nach oben. Über ihm zog die Sonne ihre Bahn, doch Apollo schien tief in seinen Wagen gesunken, er ließ sich nicht blicken. Unter ihm lag das Schloss, in dem Psyche weilte. Amor war hin und hergerissen. Sollte er Apollo einen Besuch abstatten? Warten? Psyche die Wahrheit sagen?
Das war so unglücklich gelaufen gestern Nacht. Alles, was schiefgehen konnte, war schief gegangen. Wie es Apollo wohl ging?
Amor knirschte mit den Zähnen. Er war ein Dummkopf! Selbstverständlich ging es Apollo nicht gut, das zeigte alleine die Tatsache, dass die Sonne am heutigen Morgen später aufgegangen war, als jemals zuvor.
Und er selbst hatte sogar noch davon profitiert, wenn er es recht bedachte. Augenblicke länger konnte er in den süßen Armen seiner Psyche weilen. Oh, was war das für eine Nacht gewesen! Am liebsten wäre er gar nicht aufgestanden, aber er musste es tun, denn niemals durfte Psyche erfahren, wer er wirklich war.
Apollo wusste von Psyche. Das hatte er gesagt, bevor er Daphne hinterher gerannt war.
„Oh man“, seufzte Amor.
Apollo hatte jetzt gewiss allen Grund, seine Beziehung mit Psyche zu zerstören. Und Amor konnte es ihm nicht einmal übel nehmen, wenngleich der Gedanke daran ihm Qualen bereitete. Für immer wollte er mit Psyche zusammen sein. Ewiglich. Nicht nur in der Nacht. Also doch die Wahrheit sagen? Ungeachtet aller Gefahren? Mit Psyche fliehen?
„Ach, was soll ich bloß tun?“, klagte Amor. „Ich bekomme noch Kopfschmerzen von all den Gedanken.“
„Du tust gar nichts!“
Erschrocken blickte Amor auf und sah einen kleinen, silbrigen Wagen, gezogen von Hirschkühen, der in rasendem Tempo auf seine Wolke zusteuerte. Dann schoss etwas direkt neben seinen Fuß. Silbrig wie Mondlicht und mit weißen Federn am Ende. Ein ausgesprochen schönes, gut gearbeitetes Exemplar.
Dianas Pfeil.
„Du … Du Tyrann! Du Stück eines stinkenden Misthaufens! Du Monster!“
Diana legte nach. Ihr verzerrtes Gesicht ließ erahnen, wie zornig sie war.
Amor duckte sich und versuchte, sich die Wolkenwatte über den Kopf zu ziehen. Diana sah aus, als ob sie ihn töten wollte.
„Bleib hier!“, kreischte Diana. „Wage es ja nicht!“
Ein weiterer Pfeil bohrte sich direkt neben seinen großen Zeh. Amor schlug die Watte zurück. Es würde ihm nichts nützen, sich zu verstecken. Sollte Diana ihn also erschießen, er hatte es verdient.
Diana lenkte ihren Wagen vor Amors Wolke und hob triumphierend das Kinn.
„Fesselt ihn“, befahl sie ihren Nymphen. Die sprangen aus dem Wagen und legten Amor in dünne Ketten aus Spinnenweben. Dann hoben sie den stöhnenden Liebesgott in den Wagen, ein ziemlicher Kraftakt und für Amor äußerst unangenehm. Aber er biss die Zähne zusammen. Diana hatte Recht. Hatte Recht mit allem, was sie sagen und tun würde.
„Jetzt kriegst du deine Strafe“, sagte Diana mit finsterem Blick. Sie schnalzte mit der Zunge und die Hirschkühe setzten sich in Bewegung.
Amor blickte in den Himmel. Dort oben leuchtete die Sonne, viel weniger stark als sonst.
„Wie geht es ihm?“, fragte Amor.
Diana schüttelte ihren Kopf und schnalzte noch einmal mit der Zunge. Die Mondhirsche trippelten etwas schneller.
„Wir fahren zu ihm.“

 

 

Die Versammlung der Götter

Als Amor erwachte, spürte er starke Schmerzen in seinem rechten Ellenbogen. Ein furchtbarer Muskelkater zog sich von dort tief in seinen Rücken. Er reckte und streckte sich und erblickte den Stapel Pfeile, der schon sichtbar geschrumpft war. Ein wohliges Gefühl von Zufriedenheit erfüllte ihn.
Heute würde er damit fortfahren, die noch übrigen kämpfenden Truppen seines Vaters miteinander zu versöhnen. Amor schmunzelte.
Da erblickte er die rosafarbene Wolke seiner Mutter Venus.
„Was will die denn hier?“, grummelte Amor. Der Tag hatte so aussichtsreich begonnen. Warum musste seine Mutter ihm jetzt einen Besuch abstatten?
Venus winkte ihm schon von weitem zu. Kaum hatte ihre Wolke gestoppt, klappten sich Wattestufen aus und Venus eilte hinab. Sie umarmte ihren Sohn und drückte ihm einen dicken Kuss auf den Kopf.
„Ma“, murmelte Amor, sein Gesicht gepresst in den roten Stoff von Venus Gewand, „lass mich los!“
Venus ließ Amor frei. Er fuhr sich durch die Haare und sah seine Mutter ungläubig an. Venus seufzte und schickte sich an, ihren Sohn erneut zu umarmen.
Amor wich ein paar Schritte zurück.
„Äh, stopp mal: Was ist los?“
„Ach.“ Venus hielt theatralisch eine Hand an ihre Stirn. „Ach, mein kleiner Cupido! Ich habe dich so grausam und so falsch behandelt. Es tut mir unendlich leid. Ich weiß jetzt, dass das alles nicht deine Schuld war …“
Amor spitzte die Ohren. Das waren ja ganz neue Töne!
„Wie kommst du darauf?“
„Die Opfergaben“, sagte Venus. Sie stand auf und griff nach Amors Hand. „Du trägst keine Schuld daran. Es gibt auf der Erde eine Prinzessin, die sich für mich ausgegeben hat. Sie ist ein ganz fieses, hinterhältiges Ding.“
Amor riss erstaunt die Augen auf.
„Ein Mensch hat deine Opfergaben erhalten? Wie ist das möglich?“
„Ich weiß es nicht“, murmelte Venus verdrossen. „Aber ich weiß, was zu tun ist. Ich will, dass du dieses Ding findest und es mit dem schrecklichsten Ungeheuer verbindest, was sich auf der Erde findet. Bestrafe sie! Bestrafe sie so, dass niemand mehr auf die Idee kommt, meinen Platz einnehmen zu wollen! Tust du das, mein Schätzchen?“
Amor grinste. „Klar, kein Problem, Ma.“ Er wusste genau, in wen sich die Prinzessin verlieben würde. Was für ein genialer Tag! All seine Probleme schienen sich in Luft aufzulösen, – ganz nebenbei hatte er die perfekte Braut für Pluto gefunden!
„Danke“, sagte Venus und strich ihm lächelnd über die Wange. „Wie habe ich nur je an dir zweifeln können? Du bist so ein Guter!“
Amor strahlte über das ganze Gesicht. Es kam so selten vor, dass seine Mutter ihn lobte. Und noch seltener war er selbst stolz auf sich. Aber jetzt hatte er, fand er, allen Grund dazu.
„So und jetzt müssen wir zum Olymp“, fuhr Venus fort. „Mars ist außer sich. Jupiter hat alle Götter einberufen. Gestern Nacht haben sich merkwürdige Dinge ereignet.“
Schlagartig fiel Amors gute Laune in sich zusammen. „Was denn für Dinge?“, fragte er kleinlaut.
„Ich weiß es nicht, aber wir sollten uns beeilen.“

Um den Gipfel des Olymps drängten sich die Wolken der Götter. Fast jeder war der Einladung gefolgt. Die Versammlungen boten eine erheiternde Abwechslung zu den übrigen göttlichen Aufgaben. Vor allem, wenn es zu Streit kam. Und das war fast immer der Fall.
Die Plätze im großen, runden Saal Jupiters waren dicht besetzt. Ganz oben tobte die bunte Gefolgschaft des Hirtengottes Pan: Faune, Satyrn und ein paar Nymphen. Darunter saßen die neun Musen, unter ihnen entdeckte Amor Thalia und Kalliope. Es folgten fast alle wichtigen Götter des Pantheons. Ein aufgeregtes Plappern erfüllte die Luft.
Amor schob sich durch die Reihen, erwiderte Dianas Gruß und setzte sich zwischen Venus und Vulkanos, seinem Stiefvater. Vulkanos zog eine düstere Miene. Er schätzte es nicht, wenn seine Gattin Venus auf seinen Nebenbuhler Mars traf.
Aus der untersten Reihe löste sich die ehrwürdige Gestalt des alternden Göttervaters Jupiter. Er trat an die marmorne Säule in der Mitte des Halbkreises. Augenblicklich wurde es still im Saal. Jupiter begrüßte die Anwesenden und gebot Mars, sein Anliegen vorzutragen.
Das Gesicht des Kriegsgottes war verzerrt von Zorn, sein roter Umhang wehte, obwohl es windstill war. Seine Muskeln waren angespannt und drohten den eisernen Brustpanzer zu sprengen. Venus blickte verzückt auf das Geschehen und ignorierte Vulkanos eifersüchtigen Blick. Als Mars anhob zu sprechen, erfüllte seine gewaltige Stimme den gesamten Raum.
Amor sank ein wenig tiefer in seinen Platz.
„Unvorstellbare, unaussprechliche Dinge ereigneten sich in dieser Nacht. Ja, fast fehlen mir die Worte, die Geschehnisse zu beschreiben.“
Erregt fuhr Mars sich durch die Haare. Er hatte Schweißperlen auf der Stirn. Venus griff nach Amors Hand. „Dein armer Vater, so habe ich ihn noch nie gesehen!“
Das warnende Räuspern von Vulkanos entging zumindest Amor nicht.
„Ach, wird so schlimm schon nicht sein“, murmelte Amor beschwichtigend. Venus starrte wie hypnotisiert auf Mars. Sie leckte sich die Lippen und fasste sich keuchend an die Brust. Vulkanos Blick wurde immer finsterer.
Mars kämpfte um Worte. Schließlich spuckte er sie von sich, als wären es gefährliche Geschosse.
„Die Krieger, viele … fast alle … sie kämpfen nicht mehr. Im Gegenteil. Sie … lieben sich!“
Einen Moment lang sagte niemand ein Wort. Die Götter schüttelten verwundert die Köpfe. Hier und da zeigte sich ein Schmunzeln. Aus den oberen Reihen erklang leises Gelächter.
Venus hingegen hielt es nicht mehr auf ihrem Platz. Entrüstet rief sie: „Da gibt es nichts zu lachen! Das ist eine ernste Sache! Wahrscheinlich steckt etwas ganz Übles dahinter!“
„Ihr sagt es!“, rief Mars und warf ihr eine Kusshand zu. „Das Verhalten der Männer ist ungehörig, unschicklich, unsittlich! Wahrscheinlich droht ein Weltuntergang!“
„Es ist ein Geschehen wider der Natur!“, rief Venus errötend. „Nur Männer und Frauen sollten zusammen sein!“
„Ganz richtig!“, rief Mars. „ Frauen und Männer gehören zusammen! So ist es immer schon gewesen!“
Beide klatschten eifrig, bis ihnen auffiel, dass kaum jemand in den Applaus mit einstimmte.
In diesem Moment erhob sich Vulkanos, im Gesicht ganz schwarz vor Zorn.
„Ich wusste immer schon, dass du eine Memme bist!“, rief er in Richtung Mars.
Es folgten verschiedene Beleidigungen zwischen Vulkanos und Mars, während Venus versuchte zu beschwichtigen.
Aus den obersten Reihen juchzte es vergnüglich. Es waren die Satyrn, Faune und Nymphen, die sichtlich Spaß am Geschehen hatten. Als Vulkanos Mars mit eine Stück Kohle bewarf, gab es auch unter den Göttern kein Halten mehr.
Amor war das unendlich unangenehm. Seine Eltern machten sich zum Gespött dieser Versammlung. Und er trug die Schuld daran.
Jupiters weißes Haupt und ein kräftiger Donnerschlag sorgte dafür, dass der Streit ein abruptes Ende fand. Er trat an das Pult und gebot den Göttern zu schweigen.
„Kehren wir zurück zu deinem eigentlichen Anliegen, Mars“, sagte er, „Soweit ich mich entsinne, gibt es hier nur einen unter uns, der das Verhalten deiner Krieger erklären könnte, sofern es sich dabei wirklich um Liebe handelt.“
Amor hätte sich am liebsten unter dem roten Kleid seiner Mutter versteckt.
„Amor“, sagte Jupiter. „Würdest du deine Eltern bitte aufklären?“
Venus wurde schlagartig kalkweiß, selbst ihren Lippen entwich jegliche Farbe. Ihr Gesicht ähnelte dem einer Marmorstatue. „Amor?“, hauchte sie ungläubig.
Mars starrte seinen Sohn mit offenem Mund an. Die gesamte Spannung wich mit einem Mal aus seinem Körper und er sackte ein paar Zentimeter in sich zusammen.
Amor erhob sich zitternd. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Alle Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Jupiter nickte ihm ermutigend zu.
„Also, äh, ja. Ich hab das gemacht. Ich fand das nett. Liebe statt Krieg. Dachte, das ist gut. Tut mir leid, Pa, sorry, Ma!“
Stockend erklärte Amor, wie er darauf gekommen war, seine vielen Pfeile unter die Krieger zu bringen.
Die Faune, Satyrn und Nymphen stießen sich gegenseitig in die Seiten und kicherten vergnügt. Einige Götter klatschten Beifall.
Jupiter ließ ein Schmunzeln erkennen. Doch Amor plagten furchtbare Gewissensbisse. Er ballte seine Fäuste und schämte sich. Es war ihm unerträglich, dass seine Eltern so vorgeführt wurden.
„Das war bestimmt falsch! Bestraft mich!“, rief Amor. „Bitte!“
„Ich werde ein Urteil fällen“, sprach Jupiter und dachte kurz nach. „Du, Amor, sollst niemals wieder deine Pfeile in solchen Mengen unter die Truppen deines Vaters mischen. Es gibt ein unausgesprochenes Gebot, das besagt, die Arbeit eines anderen Gottes nicht zu stören.“
Jupiter fuhr grinsend fort: „Aber was die Liebe zwischen Männern generell anbelangt …Warum sollten die Menschen nicht in denselben Genuss kommen, wie euer aller Göttervater?“
Ein Raunen ging durch die Halle.
Jupiter nickte zufrieden.
„Ja, ihr habt richtig gehört. Es war zu einer Zeit, als die meisten von euch kaum ins Sein gerufen waren, da gab es einen jungen Mann namens Ganymed, der mir sehr zugetan war und ich ihm …“
„Genug davon“, fiel Juno ihrem Mann ins Wort. „Niemand hier will etwas von deinen Eskapaden hören!“
„Doch wir!“, riefen die Satyrn aufgeregt. „Ich auch!“, ließ der ein oder andere Gott seine Stimme verlauten.
„Unverschämtheit!“, kreischte Juno, „Raus! Alle miteinander!“
Jupiters Frau tobte. Das Gebäude begann zu wackeln.
„Ma, komm, es ist Zeit zu gehen.“ Amor zupfte Venus an ihrem Gewand. Seine Mutter wirkte wie versteinert, ließ sich aber aus dem Saal führen. Amor geleitete sie schuldbewusst zu ihrer Wolke. Er musste irgendetwas sagen.
„Ma, das ist doch … Liebe! Ich … Du kriegst bestimmt viele Opfergaben  … Ich habe mir nichts dabei gedacht … Ma, bitte verzeih mir! Es tut mir so leid! Ich werde dich nie wieder enttäuschen. Ich verspreche es. Ich habe einen Plan … Ich … “
Doch Venus schien ihren Sohn nicht zu hören. Sie stieg auf ihre Wolke und flog davon. Amor blickte ihr verzweifelt hinterher, während Junos zornige Stimme den gesamten Olymp erbeben ließ.