Zerrissen

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Stolz wie eine Königin schritt Psyche ihren Schwestern voran. Das Schloss von außen verblüffte, doch als Tessa und Gorda den Innenraum betraten, entfuhr beiden ein spitzer Schrei.
„Sind das Edelsteine?“, keuchte Gorda.
Psyche nickte. Der Fußboden glitzerte und funkelte im Sonnenlicht und selbst sie war erstaunt über das Blitzen und Blinken.
„Habe ich euch zu viel versprochen?“, fragte Psyche.
Tessa tippte Gorda ans Kinn, die daraufhin ihren Mund schloss.
„Und es gibt noch mehr zu sehen!“, rief Psyche und zog ihre Schwestern durch die Räume. „Hier ist der Speiseraum! Hier das Bad! Hier ist mein Zimmer … und hier … das ist mein Lieblingsraum!“
Psyche schritt die Treppe zur Bibliothek hinab und bemühte sich zu erklären, was genau es mit den „Büchern“ auf sich hatte.
Tessa und Gorda sahen sie mit großen Augen an.
„Seht doch“, sagte Psyche und hielt ihnen ein Buch entgegen. „Da stehen Geschichten drin!“
Gorda und Tessa steckten ihre Nase zwischen die Buchseiten, aber schüttelten den Kopf.
„Was soll das sein?“
„Das ist meine Lieblingsgeschichte, sie handelt von einem Mädchen, das in ein verwunschenes Schloss kommt. Fast so wie hier.“ Psyche schmunzelte. „Ich muss unbedingt meinen Mann fragen, warum ihr das nicht lesen könnt.“
„Wie ist er eigentlich so, dein Mann?“, fragte Tessa.
Psyche klappte das Buch zu und stellte es zurück ins Regal. „Was wollt ihr denn wissen?“
„Na, wie er aussieht zum Beispiel. Wie alt er ist. Was er so macht. Er muss ja steinreich sein, wenn er sich das hier alles leisten kann.“
Psyche zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“
„Was weißt du nicht?“, fragte Gorda.
„Also“, sagte Psyche, „ich weiß eigentlich nichts über ihn.“
„Du weißt nichts über ihn?“, staunte Tessa.
„Na ja“, beschwichtigte Psyche. „Ich weiß, dass er hier wohnt, dass er nett ist, dass er zärtlich ist … dass er … dass er mich liebt.“
„Wo ist er denn beispielsweise jetzt?“, fragte Tessa.
„Das weiß ich nicht.“
„Wie kann das sein?“, fragte Tessa. „Stört dich das gar nicht?“
„Doch …“, sagte Psyche. „Aber ich vertraue ihm.“
„Er hat bestimmt etwas vor dir zu verbergen.“ Gordas Blick verfinsterte sich. „Als ich eine Zeitlang nicht wusste, wo sich mein Mann aufhielt, da habe ich eines Tages nach ihm gesucht und ihn in der Speisekammer gefunden. Mit der Sklavin.“
„Ich weiß nicht …“ Psyche griff an das Geländer der Treppe. Ihre Schwestern weckten mit den Fragen Gedanken, die am Grunde ihres Bewusstseins schlummerten. „Also er hat keine andere, das ist es nicht. Ich glaube, er spricht gerade mit seinen Eltern, weil …“
Psyche brach ab und biss sich auf die Lippe.
„Weil?“, hakte Tessa nach.
Seufzend sagte Psyche. „Weil sie noch nichts von mir wissen.“
„Seine Eltern wissen nichts von Dir?!“ Tessa fasste sich an die Brust. „Das heißt, ihr seid hier, zusammen … ohne … oh ihr Götter!“
„Na ja“, Psyche krallte ihre Finger in das Holz. „Vielleicht … ich glaube, er will mich vielleicht einfach nicht herzeigen.“
Psyche wandte das Gesicht ab, doch ihre Schwestern kannten sie gut.
„Nicht weinen, Psyche“, sagte Gorda und nahm Psyche in den Arm. „Nicht weinen.“
„Doch!“, schniefte Psyche. „Doch. Ihr habt ja Recht. Ich bin mir einfach nicht sicher. Er sagt zwar, dass er mich liebt. Er tut alles für mich. Aber er hat mich noch nicht einmal seinen Eltern vorgestellt. Dabei bin ich … ich bin …“
Psyche legte eine Hand auf ihren Bauch.
„Du bist schwanger?!“, keuchte Tessa entsetzt. Auch Gorda schüttelte ungläubig mit dem Kopf. „Oh Psyche! Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder weinen soll! Psyche … das ist … das ist gegen den Willen der Götter …“
„Ja“, schniefte Psyche. „Ich weiß! Und er ist einfach abgehauen, hat mich alleine gelassen. Ich weiß es doch auch nicht … ich meine jetzt, danach, er hat mir erlaubt, euch zu besuchen. Er war sehr nett.“
Gorda und Tessa blickten sich an. „Psyche, du bist eine Prinzessin. Du solltest dich nicht so behandeln lassen. Es gibt Rituale, die vollzogen werden müssen, bevor Mann und Frau … zusammen sein sollten.“
Psyche und wischte die Tränen von den Wangen. „Ihr habt ja Recht. Ich bin so unsicher. Ich weiß gar nicht mehr, was ich von all dem halten soll. Es ist wie ein Traum, aber ich habe Angst.“
„Also wenn du mich fragst“, sagte Gorda und streichelte Psyche eine Haarsträhne hinter die Ohren. „Die hätte ich an deiner Stelle auch.“
Und Tessa nickte bestätigend. „Irgendetwas ist hier faul. Gewaltig faul.“
„Aber warum sagte ihr denn sowas?“, fragte Psyche leise.
„Na, guck dich doch mal um!“, sagte Tessa. „All das hier … es ist viel zu pompös, zu gewaltig … es ist zu gut, um wahr zu sein.“
„Meint ihr … es ist zu gut für … für mich?“ Psyche ließ den Kopf hängen und blickte zu Boden.
„Nein … nein“, sagte Gorda sanft.
Tessa widersprach. „Du musst zugeben, dass es seltsam ist. Niemand wollte Psyche haben und jetzt …“
Psyche hob ihr Gesicht. Sie blickte ihren Schwestern in die Augen und nickte langsam. „Ist schon gut“, sagte sie. „Ich weiß.“
Irgendwie erleichterte es sie, dass ihre Schwestern die Dinge genauso sahen wie sie selbst. Sie hatte dem Untier gerne glauben wollen, doch jetzt, bei Tageslicht, durch die Augen ihrer Schwestern, begriff sie endlich das Ausmaß der Unwirklichkeit.
„Ich weiß ja nicht einmal, wie er aussieht“, platzte es aus ihr heraus. „Er kommt nur her, wenn es dunkel ist. Stockfinster.“
Tessa schluckte schwer und trat neben sie. „Du weißt nicht einmal, wie er aussieht?“
Psyche schüttelte den Kopf. Die Nähe ihrer Schwestern beruhigte sie. Sie spürte Gordas Hand, die ihr tröstend den Rücken streichelte, während Tessa ihren Arm sanft drückte.
„Und diesem Mann vertraust du? Einem, dessen Gesicht du nicht kennst? Der nicht einmal die wichtigsten Rituale vollzieht, bevor er dich zu seiner Frau macht? Psyche, bist du wahnsinnig geworden? Haben dir die Diamanten neben deinem Stolz sogar deinen Verstand geraubt?“
„Ich …“, Psyche brach ab. Vor Scham konnte sie kaum noch atmen.
„Bedenke, dass das Orakel von einem Ungeheuer sprach“, sagte Gorda. „Vielleicht ist das die Erklärung für all das hier.“
„Ich hatte es schon vermutete, als ich hineingekommen bin. Dieses Schloss ist eine Falle!“, wisperte Tessa.
Psyche zuckte erschrocken zusammen. „Aber das kann nicht sein!“ Ihre Stimme zitterte. „Wenn ihr ihn kennenlernen würdet, ihr würdet verstehen …“
„Psyche, sei nicht so naiv“, unterbrach sie Tessa. „Was, wenn dieses Wesen dich dazu auserkoren hat, ihm ein Kind zu gebären, damit er es fressen kann? Es gibt so viel schlechtes auf der Welt, man kann gar nicht vorsichtig genug sein!“
Psyche suchte nach einer Verteidigung, einem Argument, dass sie den Tatsachen entgegenstellen konnte. Sie fand nichts. Das einzige, was sie spürte, war bodenlose Angst.
„Mir ist unheimlich zumute“, flüsterte Gorda und nahm Psyches Hand. „Ich möchte zurück! Komm mit!“
Psyche geleitete die Schwestern zum Tor. Der Flur mit den Edelsteinen glänzte noch immer, aber zum ersten Mal sah Psyche die scharfen Kanten und Spitzen. Das dunkle Rot der Rubine, das im Licht der Dämmerung aussah wie Blut.
„Ich kann das einfach nicht glauben …“, sagte Psyche endlich. Eine kühle Brise Abendluft wehte durch das Tor. „Ich bleibe hier.“
Tessa streichelte Psyche über die Wange. „Vergewissere dich.“
„Wie soll ich mich vergewissern?“, fragte Psyche und lehnte sich an den Rahmen des Tores.
„Es wird doch in deinem Schloss irgendwo ein Lämpchen geben, ein Zunderholz … Sieh ihn dir an. Vergewissere dich.“
Und dann verschwanden die Schwestern über die Wiese, so schnell, wie sie gekommen waren. Psyche blickte ihnen lange hinterher.

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Der Sieger

***Heute etwas später als sonst am Abend, das neuste Kapitel von “Amors Abenteuern”. Rosa Schweino ist schuld. Viel Freude beim Lesen!***

„Was für ein Ritt, was für ein Tag!“, rief Jupiter, streckte seinen Arm in die Höhe und ließ Blitze zucken. „Ich fühle mich um tausend Jahr verjüngt! Deinen Job, mein lieber Sohn, möchte ich haben!“

Galant sprang er aus der Kutsche und übergab Apollo Peitsche und Zügel, küsste ihn links und rechts auf die Wange und klopfte ihm auf die Schulter. Dann wandte er sich zu Amor.

„Amor, sei gegrüßt!“

Jupiter schüttelte ihm die Hand. „Sohn meiner schönsten Tochter Venus! Welche Freude, dich hier zu sehen! Und Diana natürlich, meine Holde“, sagte Jupiter und verneigte sich leicht.

„Vater, du willst bestimmt wissen, warum du heute Morgen für Apollo einspringen musstest. Also: Amor hat einen Liebespfeil auf Apollo und das Gegenteil auf so eine Nymphe geschossen. Er hat dafür gesorgt, dass sich mein armer Bruder, dein Sohn, bis auf die Knochen blamiert hat!“

„Sie hieß Daphne“, sagte Apollo trocken.

„Es ist eine Freude euch alle hier zu sehen!“, rief Jupiter und drehte sich im Kreis. „Ja, ein gänzlich unverhofftes, aber freudvolles Treffen!“

„Aber Vater!“, rief Diana.

„Aber Diana!“, Jupiter klatschte in die Hände. „Keine Beschwerden, zumindest vorerst. Lasst uns diesen Abend mit Nektar, Ambrosia und Wein vollenden, denn so jung wie heute kommen wir nicht mehr zusammen!“

Verwundert schlurfte Amor hinter Vater und Sohn in den olympischen Palast. Apollo und Jupiter fachsimpelten über Lenktechniken und Feuerpferdpflege. Hinter sich hörte er Diana fluchen.

Der Palast bestand fast gänzlich aus weißem Marmor. Hier und da standen ein paar Stelen auf denen massige Fratzen thronten.

Amor musste an Psyche denken, die jetzt, nach Sonnenuntergang, mit seiner Rückkehr rechnete. Er seufzte sehnsüchtig.

„Das ist die Galerie unserer Ahnen“, sagte Jupiter und drehte sich nach ihm um. „Dieser alte Haudegen hier, mein Vater Saturn, hatte alle meine Geschwister verspeist.  Hätte meine Mutter mich damals nicht vor ihm versteckt und ihm statt meiner einen Stein zu fressen gegeben: wir alle würden nicht existieren.“

Die Statuen zogen an ihnen vorbei. Im nächsten Raum, riesengroß und strahlend weiß, fand sich in der Mitte eine gedeckte Tafel. Jupiter geleitete Amor, Diana und Apollo dorthin und befahl ihnen, sich zu setzen.

Auf einen Fingerzeig Jupiters füllten sich die Kelche mit einer roten Flüssigkeit.

„Dann lasst uns anstoßen“, sagte Jupiter. „Auf das Wohl meines Sohnes Apollo und seine erste große Liebe!“

„Vater, bitte, das ist doch kein Grund …“, sagte Apollo.

„Doch. Prost!“, unterbrach Jupiter und die Kelche stießen klangvoll zusammen. Amor nahm einen kräftigen Schluck.

„Wisst ihr“, sagte der Göttervater und richtete sich auf. „Bevor es Amor gab, fand die Liebe die Götter auf seltsamen Wegen, einen Weg aber fand sie immer. Ich fürchtete schon, in den heutigen Tagen sei sie für die Wolkenbewohner verloren. Also, freu dich einfach, dass du auch mal von ihr heimgesucht wurdest. Nebenbei gefragt: wie war es? Wild, leidenschaftlich, besessen?“

„So ungefähr“, sagte Apollo. Er schmunzelte verlegen.

„Aber die Angebetete hat dich nicht erhört?“

Apollo schüttelte den Kopf.

„Tja …“, Jupiter legte seine Stirn in Falten. „Dabei bist du ein Gott. Diese Frauen … unberechenbar.“

Diana verdrehte die Augen.

„Wie ich schon sagte, das war Amor. Es war sein Pfeil, ein falscher Pfeil! Es war nicht die Schuld einer Frau!“, rief Diana.

„Es lag am Pfeil?“, fragte Jupiter.

„Ja! Hörst du mir überhaupt zu? Und abgesehen davon, wollte sie … sie wollte das wirklich nicht, diese Nymphe, sie hat ihren Vater um Hilfe angefleht, wollte, dass er sie verwandelt,-  und Apollo hat einfach nicht aufgehört … es war schauderhaft!“

„Wie du sagtest, es lag am Pfeil“, schloss Jupiter. „Eigentlich wollte sie es auch.“

Apollo nickte.

„Das glaube ich nicht!“, rief Diana. „Das glaube ich einfach nicht.“ Die Wangen der Göttin leuchteten  Rot.

„Das ist einfach mal wieder so typisch … Männer!“

Sie nahm einen kräftigen Schluck, wischte sich mit dem Handgelenk über die Lippen und sagte mit fester Stimme: „Ich verstehe. Ihr seid einfach nicht mehr bei Trost. Da kann man nichts machen.“

Sie atmete tief ein und grollte dann, als wäre sie eine Donnergöttin: „Ich für meinen Teil wünsche, Vater, dass du diesem da“, – sie zeigte auf Amor – „für immer verbietest, Pfeile auf mich zu schießen. Denn ich, ich will mich niemals verlieben!“

Amor wäre am liebsten unter dem Tisch verschwunden, um sich vor den Blitzen aus Dianas Augen zu verstecken.

„Schwöre es!“, kreischte Diana.

„Also, äh, gut“, keuchte Amor. „Ich tu´s nicht, versprochen. Hätt ich eh nicht, ich meine …“

„Gut“, sagte Diana und faltete die Hände vor ihrem Gewand. „Vater, du hast seinen Schwur vernommen?“, fragte Diana.

„Gewisse, mein Kind“, sagte Jupiter und prostete ihr nickend zu.

“Dann werde ich jetzt gehen”, sagte sie. Sie ließ einen kurzen Pfiff ertönen und die Mondhirsche kamen mit der Kutsche durch den Lichtschacht des Speiseraumes getrappelt. Ohne ein weiteres Wort schwang sich die Göttin auf ihre Kutsche. Jupiter, Apollo und Amor blickten Diana schweigend hinterher.

„Vater, ich habe auch eine Bitte an dich“, sagte Apollo nach einer Weile. „Die Nymphe, die ich liebte, hat sich in einen Baum verwandelt. Einen Lorbeerbaum. Und ich möchte gerne, im Andenken an sie, dass dieser Baum geehrt wird. Es soll ein heiliger Baum sein, dem sich jeder nur mit Ehrfurcht nähert. Jeder soll wissen, dass dieser Baum einst Daphne war, meine erste große Liebe. – Hier.“

Apollo übergab Jupiter den grünen Zweig, den er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte.

„Ein wirklich schönes Exemplar“, sagte Jupiter. „Um welche Art von Baum handelt es sich?“

„Es ist ein Lorbeer“, antwortete Apollo.

„Hm“, sagte Jupiter und betrachtete den Zweig genau. Dann hauchte er ihn mit seinem Atem an. Aus dem Zweig sprossen weitere Blätter hervor, er bog sich und verwandelte sich in einen Kranz. Jupiter legte Apollo den Kranz auf den Kopf.

„Mag Liebe dich besiegt haben, so bist doch du der Sieger. Denn wer liebt, siegt immer. Verlierer sind die, die niemals lieben. So soll dieser Kranz das Zeichen eines Siegers sein und du sollst ihn tragen, bis in alle Ewigkeit.“

Liebe und Pfeile

Psyche hörte, wie das Untier krachend und polternd aus dem Schloss stürmte. So schnell war es geflohen, dass sie gar nicht reagieren konnte. Entgeistert tastete sie nach der Bettkannte und setzte sich.
Warum war das Ungeheuer davon gelaufen, gerade in dem Moment, als sie von „Freundschaft“ sprachen? Hatte sie etwas falsch gemacht?
Psyche grübelte noch eine Weile, dann überkam sie ein tiefer Schlaf. Doch als sie am Morgen aufwachte, vertrieben selbst die hellen und schönen Sonnenstrahlen nicht die grauen Gedanken.
Die Prinzessin ließ sich ankleiden und beobachtete, wie sich aus dem Nichts ein duftendes Frühstück auf einem kleinen Tischchen an ihrem Bett bereitete. Die Speisen sahen köstlich aus, doch als Psyche sie probierte, schmeckten sie ihr nicht. Ungeduldig stand sie wieder auf, ging zum Fenster und öffnete es. Die Sonne schien warm und Psyche sog die Luft in sich ein.
„Untier!“, rief sie in den Garten hinein. „Untier?“
Es antwortete nicht. Es war nicht da. Dieses seltsame Wesen war tagsüber nicht da, denn sie sollte es nicht sehen. Warum eigentlich? Es hatte davon gesprochen, dass es gefährlich sei. Gefährlich aber erschien es Psyche ganz und gar nicht. Eher etwas unbeholfen und tapsig. Auch wenn es sie gestern gerettet hatte. Alleine hätte sie den Weg aus der Bibliothek nicht zurückgefunden.
Psyche schloss das Fenster. Vielleicht, überlegte sie, war das Untier ebenfalls hässlich und versteckte sich aus diesem Grund vor ihr.
Bestimmt war es hässlich, denn wie sonst könnte es sie lieben?
Das hatte es nämlich gesagt.
„Ich liebe dich.“
Psyche seufzte. Sie konnte es nicht glauben, so wie sie all das nicht glauben konnte, was ihr wiederfuhr.
Doch die Speisen sättigten, die Wärme der Sonne fühlte sich natürlich an und als Psyche sich in den Arm kniff, tat es weh.
Was also, wenn dies alles gar kein Traum war?
Was, wenn es echt war?
Was, wenn das Ungeheuer sie wirklich liebte?
Und sie, Dummerchen, hatte gestern nur davon gesprochen, dass das alles nur ein Traum wäre. Sie hatte das Ungeheuer – oder was auch immer es war – überhaupt nicht ernst genommen. Kein Wunder also, dass es einfach so verschwunden war. Im Prinzip war sein Verschwinden sogar ein Beweis für die … Wirklichkeit.
Psyche fühlte sich völlig erschlagen von der Erkenntnis und setzte sich zurück auf das Bett.
Da gab es jemanden, der sie liebte. Und sie war ein Dummkopf! Bestürzung machte sich in Psyche breit.
Sie legte hin und nutzte die Decke, um ihre aufsteigenden Tränen aufzufangen. Oh, wie sehr sie jetzt wünschte, dass dieser kleine Kerl zurückkam!

Die Pfeile flogen aus Amors Händen. Ablenkung war laut Apollo das beste Mittel, um sich von trübsinnigen Gedanken zu befreien. Verschwitzt strich sich Amor die Locken aus der Stirn, griff in seinen Köcher und zielte erneut. Er fühlte sich so angespannt wie der Bogen, den er hielt.
Die Arbeit besserte seine Laune kein Stück, im Gegenteil, seine Wut wuchs und wuchs mit jedem Pfeil, den er schoss.
Er traf die Menschen. Mitten in ihre Herzen. Genauso, wie er Psyche getroffen hatte. Und die Menschen, was taten sie? Sie fielen sich in die Arme und küssten unaufhörlich, stundenlang, Ewigkeiten!
So wie Psyche ihn geküsst hatte, doch dann …
Amor spuckte zu Boden auf eines der küssenden Paare unter seiner Wolke.
Die beiden blickten nach oben, als hätte sie ein Regentropfen erwischt. Sie lachten und verschwanden unter dem Umhang des Mannes, wahrscheinlich knutschten sie dort weiter.
Amor schnaufte verächtlich und herrschte die Wolke an, zur nächsten Stadt zu fliegen.
„Hey, du trainierst ja wie besessen!“, rief eine Stimme aus dem Äther. „Hast wohl Angst vor unserem Wettkampf!“
„Apollo“, knurrte Amor und blinzelte in die Sonne. „Heute Nacht mach ich dich platt!“
„Hoho!“, rief der Sonnengott von seinem Wagen, „Was sind das denn für Töne? Und was sind das für neue Muckis, mein Dickerchen?“
„Warte nur ab!“, rief Amor und hob drohend die Hand in den Himmel.
Der Sonnengott lachte, ließ einen Sonnenstrahl in Amors Oberarm zwacken und vollzog eine scharfe Rechtskurve gen Westen.
„Auf in den Untergang!“, rief er fröhlich. „Und bis gleich!“
„Ja ja, bis dann“, murrte Amor und blickte hinab in die Stadt. Auch hier: Nur Geknutsche. Überall! Es war kaum auszuhalten!
Kurz überlegte Amor, einige seiner bleiernen Pfeile auf die Menschen abzufeuern. Pfeile, die die Liebe vertrieben anstatt sie zu wecken. Ein bisschen Liebesleid würde vielleicht dafür sorgen, dass er sich selbst nicht mehr so alleine fühlte.
Doch als Amor den bleiernen Pfeil anlegte, und umherblickte, auf wen er ihn schießen sollte, konnte er sich nicht entscheiden. Auf wen sollte er schießen? Auf den blassen Jüngling? Auf das zarte Mägdelein? Wenn er es täte, würden sie niemals zueinander finden. Wären für immer getrennt. Würden niemals erfahren, wie bittersüß die Liebe sein konnte. Sie würden sich nie verlieben …
Amor seufzte und schüttelte den Kopf. Was nur war in ihn gefahren? Psyche war so lieblich und so süß! Nur das, was sie sagte, wollte so gar nicht zu ihr passen. Wahrscheinlich, überlegte Amor, hatte er etwas falsch verstanden. Bestimmt war es so, denn anders konnte es nicht sein. Psyche musste ihn lieben,  – denn es bestand kein Zweifel daran, dass seine Pfeile funktionierten.
Beruhigt ließ Amor seinen Bogen sinken und legte den bleiernen Pfeil zurück in den Köcher. Er beschloss, sich wegen all der Aufregung ein paar Schlucke aus der Amphore seines Lieblingsweines zu gönnen, bevor er mit Apollo in den Wettstreit trat.

Schuld und Sühne

„Psyche!“, „Psyche!“, hörte sie ihren Namen. War das Gorda, die da sprach?
Psyche schlug die Augen auf. Sie saß auf einem Stuhl an der Tafel im Thronsaal. Durch den Schleier sah sie Gorda über ein geöffnetes Fläschchen fächeln, aus dem ein herber Duft strömte. Langsam drehte Psyche den Kopf zur Seite.
Am anderen Ende des Tisches erkannte sie den König und die Königin. Tessa schenkte dem König gerade Wein ein und Psyches erster klarer Gedanke war, warum das nicht, wie üblich, eine Sklavin erledigte.
„Wo sind die Diener?“, murmelte Psyche verwirrt.
„Sie ist wach!“, rief Gorda.
Augenblicklich drehten der König und die Königin sich in Psyches Richtung.
„Psyche, kannst du mich hören?“, fragte der König über die Tafel hinweg.
Psyche nickte.
„Kannst du sprechen?“
„Ja“, hauchte Psyche.
Der König nahm einen kräftigen Schluck Wein. Er wischte sich die Tropfen vom Bart, faltete die Hände und blickte Psyche ernst an.
„Wir haben nicht viel Zeit. Ich muss mit dir reden. Mit euch allen muss ich reden. Die Diener dürfen rein gar nichts davon zu Ohren bekommen, deshalb habe ich sie weggeschickt.“
Er machte eine bedeutungsschwere Pause und fuhr dann fort:
„Eure Mutter hat mir berichtet von eurem Versuch, einen Ehemann für dich zu finden. Wenngleich ich die Entscheidung nicht gut heiße, so kann ich sie dennoch verstehen.“
Die Königin drückte die Hand ihres Mannes. „Es war nur zu Psyches Bestem. Zum Besten für uns alle. Und fast hätte es geklappt …“
Der König nickte seiner Gattin zu. „Unter den gegebenen Umständen ist es …“
Der König brach ab und räusperte sich. In seinem Blick lag etwas, das Psyche nur schwer zu deuten vermochte. Dunkle Schatten überzogen seine Augen.
„Oh Psyche, warum nur hast du den Prinzen verscheucht?“, fragte die Königin anklagend.
Psyche war froh um ihren Schleier, denn niemand konnte sehen, wie sie errötete. Die Erinnerung an das Geschehene war ihr schmerzhaft peinlich.
Stockend berichtete sie von ihrem Erlebnis mit Aktaion.
Die Königin wurde blass. Tessa und Gorda sahen sich entsetzt an. Nur der König zeigte unter seinem Bart so etwas wie ein Schmunzeln. „Du hast es ihm gezeigt, würde ich sagen.“
Psyche nickte, erleichtert und erstaunt darüber, dass ihr Vater so reagierte.
„Hätte ich das gewusst, oh ihr Götter, was habe ich nur getan?“, stammelte die Königin.
„Lasst gut sein“, sagte der König. „Wir alle machen Fehler.“
Die Königin blickte ihren Mann zweifelnd an. „Was ist bloß los mit Euch?“, fragte sie. „Ich habe die Ehre unserer Tochter aufs Spiel gesetzt und Ihr … verzeiht das einfach so?“
Das Weinglas knackste. So fest wurde es von den Fingern des Königs umschlossen.
„Ich hatte euch nicht über den Grund meiner Reise informiert. So wisst nun, dass auch ich über Psyches … Situation … besorgt war. Ich wollte in Erfahrung bringen, welche Ursache es hat, dass sie keinen Ehemann findet.“
„Wo wart Ihr?“, „Warum ist das so?“, „Habt Ihr etwas herausgefunden?“
Gorda, Tessa und die Königin bestürmten den König mit Fragen. Psyche hingegen hatte ein ganz seltsames Gefühl. Am liebsten wäre sie einfach verschwunden, doch wie angeklebt blieb sie auf ihrem Stuhl sitzen und krallte die Nägel in die Lehnen.
„Ich habe einen Ehemann für Psyche gefunden.“
Die Aussage des Königs ließ alle Fragen verstummen. Einen Moment lang herrschte Totenstille.
Dann begann die Königin mit zitternder Stimme: „Das ist ja gro… großartig!“
„Wer ist es?“, wollte Tessa wissen.
Doch der König hob abwehrend die Hand.
„Es ist kein Grund zur Freude. Dennoch hoffe ich, dass …“
Er brach wieder ab.
„Vater, wo wart Ihr?“, fragte Gorda langsam.
Der König senkte den Blick.
„Ich war beim Orakel in Milet. Es soll angeblich eines der Besten sein. Das Orakel vom Sonnengott Apollo. Dort habe ich geopfert, heilige Rituale vollzogen und wurde von den Priestern in den Raum geführt, wo ich meine Frage stellen konnte.“
Psyche lauschte den Worten ihres Vater, die so unwirklich klangen, dass sie kaum zu glauben waren. Ihr Vater hatte niemals viel auf Götter oder Orakel gegeben. Es musste schlimm um sie bestellte sein, wenn der König ihretwegen einen solchen Ort aufgesucht hatte.
„Das Orakel gab mit folgende Antwort”, sagte der König:
» Stelle die Maid auf des Berges ragenden Gipfel,
Düsteren Schmuck des Grabs gib ihr als bräutlich Gewand.
Nimmer erwarte, dir werde zum Eidam ein sterblich Gebor’ner:
Grausam ist er und wild, giftig, ein böser Gesell.
Hoch zu dem Aether schwebt er, das All sucht heim er mit Plagen,
Jegliches Wesen der Welt lähmt er mit Feuer und Schwert.
Jupiter selbst erzittert vor ihm, er schreckt die Dämonen,
Furchtbar steigt er ins Meer und in die höllische Nacht.«

Die Worte haben sich eingebrannt“, schloss der König. „Hier.“
Er tippte mit einem Finger an seine Stirn. „Und hier.“ Er fasste sich an die Brust. „Was war ich für ein Narr, die Götter um Hilfe zu bitten. Psyche, es tut mir so leid.“
„Was hat das alles zu bedeuten?“, rief die Königin aufgebracht. „Kein sterblicher `Eidam`?“
„Es bedeutet“, sagte Tessa leise, „dass Psyches Ehemann kein Mensch sein wird. Eidam ist ein altes Wort für Bräutigam.“
„Kein Mensch …“, wiederholte die Königin ungläubig. „Sondern ein schreckliches, böses Ungeheuer? Das darf nicht wahr sein!“
Gorda traten Tränen in die Augen. Eilig lief sie zu Psyche, umarmte ihre Schwester und schluchzte.
Psyche fühlte sich, als wäre die Welt um sie herum auf einmal von einer dichten Wolke vernebelt. „Wann…“, hörte sie sich selbst fragen.
„Schon morgen, mein Kind“, sprach der König mit Grabesstimme.
„Warum …“
„Weil es eine Strafe ist.“
Ein wisperndes „Wofür?“ verließ Psyches Lippen.
„Für unredliches Verhalten, dafür, dass du dich wie eine Göttin verhälst.“
„Wie bitte?“, fauchte Tessa. „Das stimmt nicht! Das ist ein Missverständnis! Psyche ist keine Göttin und sie verhält sich auch nicht so!“
Der König blickte zweifelnd in die Richtung seiner Gattin.
„Oh nein!“, rief die Königin. „Das kann nicht der Ernst dieses Orakels sein!“
„Ihr seht, wie ernst es ist.“
„Ihr seid uns wohl eine Erklärung schuldig!“ Tessa stemmte die Hände in die Hüften. „Was ist hier vorgefallen?“
Die Königin schüttelte energisch ihr Haupt. „Das kann nicht sein … nicht deswegen …“
„Doch“, sagte der König. „Ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl bei der Sache. Dieser Orakelspruch ist nun die Quittung.“
„Nun redet endlich!“, rief Tessa aufgebracht. Und auch Gorda trocknete ihre Tränen und warf einen fragenden Blick in die Richtung der Eltern.
„Wir haben …“, hob der König an. „Psyche hat, durch ihr … besonderes Äußeres … die Neugier des Volkes geweckt. Seit einiger Zeit stehen die Menschen tagein, tagaus vor der Burg und wollen sie sehen. Selbstverständlich kriegt sie keiner wirklich zu Gesicht, sie ist immer verschleiert. Und seit ein paar Wochen bringen die Menschen verschiedene Geschenke für Psyche mit.“
„Geschenke?“ Psyche war auf einmal wieder ganz bei sich. „Welche Geschenke?“
„Wir wollten dich nicht beunruhigen“, erklärte die Königin. „Wir haben dir nichts davon gesagt.“
„Was sind das für … Geschenke?“, wollte Tessa wissen.
„Nichts Besonderes …“, versuchte die Königin auszuweichen.
„Nun sagt schon, oder ich werde es euch aus der Nase ziehen!“
Der König schenkte sich Wein nach, trank einen Schluck und seufzte. „Was macht das schon … Was macht das schon in Anbetracht dieses Urteils. Erzählt es ihnen. Erzähle alles.“
Die Königin bedachte ihren Mann mit einem traurigen Blick.
„Getreide, Gold und Silber – sehr kleine Mengen wohlgemerkt, Wein, Gewürze, Kräuter, Fleisch …“
„Das sind Gaben für die Götter!“, keuchte Gorda entsetzt.
„Richtig“, sagte die Königin. „Genauso aber sind es Dinge, die wir gut brauchen können. Die Dürre hat uns eine sehr magere Ernte beschert. Es gibt so viele Menschen im Reich, die Hunger leiden.“
Tränen rannen der Königin übers Gesicht, als sie zu Ende gesprochen hatte.
Der König fasste sich an die Stirn. „Nie hätte ich gedacht, dass es so weit kommen würde. Es tut mir so leid.“
Psyche erhob sich und ihr war, als ob sich alles um sie herum zu drehen begann. Sie musste sich an der Stuhllehne festhalten. Ungekannte Wut durchflutete sie, stärker als die Angst, die sie noch vor ein paar Stunden verspürt hatte.
„Ihr habt mich benutzt!“, rief sie zornig. „Ihr, meine eigenen Eltern! Was bin ich für euch? Oh, ich kann es euch sagen: eine hässliche Witzfigur, die keinen Mann abkriegt, die man zur Schau stellen kann! Mit der man die Staatskasse aufpoliert!
Und jetzt tut es euch also leid. Hättet ihr nur einen Moment früher daran gedacht, wie frevelhaft euer Verhalten war! Jetzt ist es zu spät … Oh, lieber vermähle ich mich mit einem Ungeheuer, als weiter in eurer Gegenwart zu weilen! Lasst mich bloß in Ruhe!“
Auf dem Absatz machte Psyche kehrt und rannte in ihre Gemächer. Tausend Gedanken mischten sich in den rotglühenden Zorn, zu schnell flogen sie dahin, waren nicht greifbar. Psyche starrte in die Dunkelheit der Nacht, während ihr Herz raste. Tessa und Gorda schickte sie fauchend fort. Sie ignorierte die Mutter, die leise schluchzend an ihre Tür pochte. Irgendwann hörte sie die Schritte des Königs vor ihrem Gemach stoppen, doch der Vater wagte nicht zu klopfen.
Als die ersten Sonnenstrahlen das Zimmer erhellten, wurde Psyche von der Trauer über den Verlust ihres ungelebten, ungeliebten Lebens überwältigt.
Heute würde sie sterben.

 

 

 

 

Runa Phaino und der Lehmofen

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