Saturn

Heute geht es um den Gott Saturn und ein großes römisches Fest, das seinen Namen trägt, die „Saturnalien.“ – Und es geht gleich deftig zur Sache.

Hier sehen wir Saturn/Kronos und Zeus/Jupiter. By Anonymoushttp://bodley30.bodley.ox.ac.uk:8180/luna/servlet/detail/ODLodl~1~1~40328~108312:Le-roman-de-la-rose, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52963935“>Link

Das tat bestimmt weh. By Anonymoushttps://boondocksbabylon.com/2015/05/11/the-castration-of-uranus/, Public Domain, Link

Saturn als Gott hatte verschiedene Aufgabenbereiche. In der griechischen Antike ist er als „Kronos“ bekannt, der Sohn der Erde (Gaia) und des Himmels (Uranos).

By T2000 from pt, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3605290“>Link

Auf dem Bild zu sehen sind außerdem Pontos und Tartaros, also der Ozean und die Unterwelt, die im weitesten Sinne als Geschwister von Saturn/Kronos gelten können. Saturn/Kronos wird gemeinhin mit der Zeit assoziiert, aber ihm fielen auch noch Aufgaben zu wie zum Beispiel: Wohlstand, Ackerbau, Erneuerung, Freiheit …

Dieser Eigenschaften sind ihm mit der Zeit zuteil geworden. Welche Bestimmung seine anfängliche war, lässt sich schwer rekonstruieren. Vielleicht ist es richtig anzunehmen, dass er – im weitesten Sinne – zu den Fruchtbarkeitsgottheiten zählte, eine Mischung zwischenMutunus Tutunus und den Wettergöttern. Aber das ist spekulativ.

Interessant ist auf jeden Fall sein Verhältnis zu den Eltern (Gaia und Uranos) und den eigenen Kindern: Jupiter/Zeus und ein großer Teil des römisch-griechischen Pantheon.

Gaia und Uranos waren die Eltern der Titanen. Entweder hat Gaia Uranos aus sich selber heraus geboren (und geheiratet) oder Uranos hatte noch einen Vater, nämlich den Aether, der wiederum der Sohn der Dunkelheit (Erebus) und der Nacht (Nyx) war. Allerdings werden die Abstammungsverhältnisse immer ungenauer bzw. vieldeutiger, je genauer man sich mit ihnen beschäftigt, letztendlich landet man dann bei etwas, das als „kosmisches Ei“ beschrieben wird, nämlich die Vorstellung (wahrscheinlich ägyptischen Ursprungs), dass das Universum aus eben diesem Objekt entstanden sein soll – und dann natürlich all diese personifizierten Abstrakta, wie Zeit, Dunkelheit, Nacht, Tag usw.

Hier sehen wir „Geb“. By Anonymous (Egypt) – Walters Art Museum: Home page  Info about artwork, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18845554

Die Frage nach der Henne und dem Ei bleibt weiterhin unbeantwortet. „Geb“ ist sowohl der Name dieser Gans, die angeblich das kosmische Ei legte, aus dem alles entstand, als auch sein Kind (bzw. etwas, das aus dem Ei entstand), nämlich ein männlicher ägyptischer Erd-Gott namens Geb. Nut, sein Himmelspendant, war dagegen weiblich. (Man beachte die Umkehrung zu Gaia (Erde) und Uranos (Himmel) in der griechischen Antike.)

Die Vorstellung des kosmischen Eis bzw. Welten-Eis (womit ein EI und kein EIS gemeint ist) gibt es in sehr vielen Kulturen. Sogar im baltisch-finnischen Raum.

Saturn also, als letzter Sohn von Gaia und Uranos, sorgte dafür, dass er und seine Geschwister (zum Teil „normale“ Götter, zum Teil aber auch grauselige Ungeheuer) wieder aus dem Tartaros entkommen konnten, wohin sie Uranos geperrt hatte, da er fürchtete, seine Kinder würden ihm die Macht stehlen.

Saturn schaffte dies, indem er auf Geheiß seiner Mutter Gaia seinen Vater entmannte, wie man auf den obigen Bildern gut erkennen kann.

Allerdings ging es Saturn dann fast genauso, da er – selbst an der Macht – ebenfalls einige Fehler begann. Zum Beispiel befreite er seine eingesperrten Geschwister nicht, sondern ließ sie weiter in der Erde schmoren, was seiner Mutter Gaia (die Erde selbst) natürlich nicht so gut gefiel. Sie war es dann auch, die sagte, dass es Saturn mit seinen eigenen Kindern auch nicht leicht haben würde.

Um aber etwaige Probleme einfach im Keim zu ersticken, entschloss sich Saturn, seine Kinder einfach aufzuessen, wie man auf dem folgenden Bild gut erkennen kann.

Von Peter Paul Rubens[1], Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1723595“>Link

Doch Saturns Frau Rhea konnte das nicht länger mit ansehen und beschloss dann, ihr letztes Kind – Zeus/Jupiter, vor dem gefräßigen Vater zu verstecken. Zeus gelangte so auf die Erde und wurde von einer Ziege bzw. Amme gesäugt, der ja nachgesagt wird, auch etwas mit dem Füllhorn zu tun zu haben.

Als Zeus/Jupiter alt genug ist, fordert er von seinem Vater die Herrschaft über Himmel und Erde und zwei gewaltige Schlachten entbrennen, die als Titanomachie und Gigantomachie bekannt und vielfach bildnerisch festgehalten worden sind.

By Cornelis van Haarlemwww.smk.dk and soeg.smk.dk, Public Domain, Link

By GryffindorOwn work, Public Domain, Link

By Guido ReniOwn worksailko, Public Domain, Link

By Ethiop Painter – Jastrow (2006), Public Domain, Link

Nach diesen Kriegen teilen die Geschwister Zeus/Jupiter, Poseidon/Neptun und Hades/Pluto die Erde unter sich auf. Jupiter bekommt den Himmel, Neptun das Meer und Pluto die Unterwelt.

Geschichten von Götterkämpfen gibt es übrigens, wie auch die vom Ur-Ei, in vielen europäischen und südöstlichen Kulturen. Die skandinavischen Asen kämpfen mit den Wanen, in Babylon kämpft Marduk gegen Tiamat, bei den Hurritern kämpft Kumarbi gegen Anu, der hinduistische Indra kämpft gegen die Asuras, ..

Für den europäischen römisch-griechischen Raum wurden die Götterkampfgeschichten vor allem von Hesiod überliefert.

Hier mit seiner Muse.
By Gustave Moreau – Gustave Moreau, 1826-1898 : catalogue de l’exposition à Paris, Galeries nationales du Grand Palais, 29 septembre 1998-4 janvier 1999, à Chicago, the Art institute, 13 février-25 avril 1999, à New York, the Metropolitan museum of art, 24 mai-22 août 1999. Paris : Réunion des Musées Nationaux, 1996. ISBN 2711835774, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10748736“>Link

Von Hesiod wissen wir wenig, wahrscheinlich lebte er im 7. Jahrhundert vor Christus in Boiotien, eine Landschaft, die ihren Namen vom griechischen Wort für Rind hat. Seine bekanntesten Werke sind „Werke und Tage“ und die eben genannten Göttererzählungen stammen aus der „Theogonie“.

In „Werke und Tage“ lobt Hesiod den Wert der Arbeit und beschreibt die Abfolge der menschlichen Geschichte als eine Abfolge von immer schlechter werdenden Zeitaltern.

Saturn soll über das goldene Zeitalter der Menschen geherrscht haben. – Und ab da wurde alles nur noch schlechter. (Silbern, ehern/bronzen, eisern …)

Dieses Denken war in der Antike übrigens auch schon weit verbreitet, so sagt ein babylonischer Spruch aus dem Jahre 3000 v. Chr.

Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“.

  • Was möglicherweise einiges an der heutigen Situation erklärt. 😉

Und ist das vielleicht auch der Grund, warum zumindest mythisch betrachtet die Kinder ihre Eltern entmannen und entmachten?

Das goldene Zeitalter. Von Lucas Cranach der Ältere – 1. Unbekannt2. Nasjonalgalleriet, Presse, aktuelle Utstillinger i Oslo, Gemeinfrei, Link

Im goldenen Zeitalter, als Saturn herrschte, entstanden der Legende nach auch die Saturnalien. Justin, ein Historiker aus dem ca. 3. Jahrhunder nach Christus schreibt dazu:

Die ersten Bewohner Italiens waren die Aborigines [ab origine], deren König Saturnus ein Mann von solch außerordentlicher Gerechtigkeit gewesen sein soll, dass niemand ein Sklave in seiner Herrschaft war oder irgendein Privateigentum besaß, sondern dass alle Dinge allen gemeinsam waren und ungeteilt, als ein Anwesen für den Gebrauch eines jeden; in Erinnerung dieser Lebensweise wurde es angeordnet, dass sich bei den Saturnalien Sklaven mit ihren Herren zu Tisch begeben sollten.“

Die Saturnalien waren also ihrem Ursprung nach ein Fest, das direkt auf das goldene Zeitalter zurückzuführen war, in welchem die Menschen in paradiesischen Zuständen lebten und für ihre Nahrung keinen Finger zu krümmen brauchten, da die Erde ihnen ihre Früchte bereitwillig gab. Natürlich waren zu diesem Zeitpunkt auch alle Menschen gleich gestellt und es gab keinerlei Besitz und somit auch keinerlei Streitigkeiten. Während der Saturnalien kam es daher dann auch durchaus vor, dass die römischen Senatoren ihre eigenen Sklaven bewirteten. 

Im römischen Reich gab es vier große Feste:

Die Saturnalien 

Die Baccanalien

Die Lupercalien 

und die Feierlichkeiten um die Göttin Bona Dea.

Die Saturnalien fanden statt vom 17. Dezember bis zum 23. Dezember und überschneiden sich also weitgehend mit unserer heutigen Advents- bzw. Weihnachtszeit, interessanterweise einer Zeit, in der es ja angeblich auch eher um das Geben als um das Nehmen geht und hoffentlich paradiesische Zustände herrschen.

By Guido Reni – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=157954“>Link

Saturn hatte möglicherweise auch einen historischen Vorläufer, nämlich einen etruskischen Gott, der so ähnlich heißt wie ein neuzeitlicher Philosoph, nämlich Satre. Die Etrusker lebten vor und zeitgleich mit den Römern, stellten beispielsweise auch die ersten Könige Roms, und der Gott Satre stand bei ihnen für eine eher dunkle, unberechenbare Gottheit, deren Himmelsrichtung der Nordwesten war. Ihm kommt auch eine Bedeutung bei der Eingeweideschau zu, eine Wahrsagemethode, die die Römer von den Etruskern übernommen haben. Die Etrusker hatten dafür sogar ein eigenes Deutungswerkzeug.

By LokilechOwn work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1804667“>Link

Diese Form der Wahrsagung ist allerdings schon viel älter als die Etrusker, denn auch die Sumerer machten davon schon Gebrauch.

By UnknownJastrow (2005), Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=466940“>Link

Um das Jahr 2000 v. Chr. gab es einen regelrechten Kult um die Eingeweideschau, in der vor allem der Leber eine besondere Bedeutung zukam. Es wurden mehrere Keilschrifttäfelchen beschrieben, die genaue Angaben darüber enthielten, welcher wie geformte Teil der Leber wie zu deuten sei. An jedem Hof, der etwas auf sich hielt, gab es einen sogenannten „Haruspex“, bzw. Barutu (babylonisch). Auch bei den Azteken gab es solcherlei Zeremonien.

Bei Bedarf konnte man es aber auch weniger blutig haben, zum Beispiel bei Orakelmethoden mit schnödem Hausmehl, Rauch oder Öl.

Ein sehr beliebtes und sowohl damals auch heute weit verbreitetes Orakel ist das Ei. (Wir erinnern uns an das „Weltenei“, aus dem angeblich alles entstanden sein soll, und an seine VaterMutter „Geb“.)

Ich kann jedem, der sich dafür interessiert, diesen wunderbaren Wikipedia Artikel zum Eierorakel ans Herz legen.

Scheinbar ist diese Art der Orakelmethode bestens geeignet für die dunkle Jahreszeit und selbstverständlich, wen wundert es, zu Ostern.

By Stan Shebs, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=65109“>Link

Ostara. By Unknown – Transferred from de.wikipedia to Commons. original upload date 2004-01-30. Original uploader was Rumpenisse at de.wikipedia, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1914652“>Link

Geb und die Himmelsgöttin Nut. Von E. A. Wallis Budge (1857-1937) – The Gods of the Egyptians Vol. II, colour plate facing page 96, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11976865“>Link

Die Frau von Saturn wird in den meisten Quellen als „Ops“ bezeichnet, eine sabinische Göttin für Wohlstand, Ernte und Arbeit. Ihr zu Ehren gab es zwei Festtage, ein Erntedankfest und ein Fest, das während der Saturnalien abgehalten wurde. Sie zeigt viele Parallelen mit der späteren römischen Getreidegöttin Ceres auf, so ist ein gemeinsames Attribut beider Göttinnen beispielsweise das Füllhorn.

Manche Quellen nennen auch Lua als Saturns Gattin, die wahrscheinlich etruskischen Ursprungs ist. Ihr opferte man die erbeuteten Waffen der Feinde.

Eventuell waren Lua und Ops auch ein und dieselbe Göttin.

In der altgriechischen Variante Saturn = Chronos entspricht Ops/Lua = Rhea. Als Göttinnenmutter gibt es hier viele Parallelen zu Gaia, Magna Mater und Cybele.

Dies macht sich auch bei ihrem Kult bemerkbar. Denn Rhea wurde ursprünglich auf Kreta verehrt und ihr scheinen sehr rauschende und klangvolle Feste zuteil geworden zu sein.

By Jacques BlanchardUnknown, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4399546“>Link

Spannend ist auch die Namensgleichheit zu Rhea Silvia, der Frau, der Gott Mars einen Besuch abstattet um mit ihr ein ganzes Imperium zu erschaffen. … Doch um Rhea und Kybele geht es dann vor allem nächste Woche.

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Der letzte König

 

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Es war einmal ein König, der herrschte über ein schönes und großes Reich. Doch er ärgerte sich, weil es um ihn herum sechs andere Reiche gab, die von großen und schönen Königen beherrscht wurden, die alles anders machten als er. Außerdem fand er, dass es insgesamt viel zu viele Untertanen gab, und da aus manchen Gebieten die Untertanen in ein anderes Reich wanderten, sei es, um zu arbeiten oder weil sie die Luft dort lieber rochen, beschloss dieser König, dass es eigentlich nur seinen Untertanen richtig gut gehen sollte, dass nur seine Untertanen es wert waren, ein schönes Leben zu führen und dass sie es wären, die er als einziger König auf dem gesamten Gebiet der sieben Reiche beherrschen würde.
Der König ließ seine Boten ausreiten und diese verkündeten die Botschaft auf jedem Marktplatz in jeder Stadt. Doch da es dort auch Menschen aus den anderen Reichen gab, oder weil ein Papier verlustig ging, oder auch, weil der Wind die Worte einfach mit sich trug, hörten auch die Könige der anderen Reiche, dass ein König beabsichtigte, der größte und einzige König des gesamten Gebiets zu werden und sie sprachen mit ihren Beratern.
“Wir können uns das nicht bieten lassen”, sagten die Einen.
“Wenn wir nichts tun, dann werden wir verlieren!”, sagten die Anderen.
Einer kam daher und sagte: “Wer nicht kämpft, kann noch verhandeln.”
Doch dann sagten alle: “Wer nicht kämpft, hat schon verloren.”

Und so wurden sie sich schnell einig, zumal ein jeder König mit dem Rückhalt in seiner Bevölkerung rechnen konnte, die auf einmal anfing, sich in der Gestaltung von Waffen gegenseitig zu übertreffen. Die Schmiedefeuer brannten, glühende Eisen zischten in kalten Wassern, die Hammer hämmerten unaufhörlich und Rauch stieg zum Himmel empor.

Der kluge Berater aber begann, ein Netz aus Beratern zu bilden, die in den verschiedenen Königreichen arbeiten. Und er schaffte es, die Berater der Könige davon zu überzeugen, dass man noch verhandeln könne, solange man noch nicht kämpfe. So geschah es und über mehrere Jahre hielten die Berater die Könige zurück, während sich zeitgleich die Ritter und Kriegsherren rüsteten und die Waffen untereinander verkauften.

“Wir brauchen diese Todesmaschine, denn die anderen haben jene”, sagten die Einen.
“Wenn wir nichts tun, dann werden wir verlieren!”, sagten die Anderen.
Einer kam daher und sagte: “Wir müssen die Ersten sein, ansonsten sind wir die letzten!”
Und alle sagten: “Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!”

Dies geschah im Königshaus des besagten Königs, der einst über ein schönes und großes Reich herrschte, dessen Himmel nun von rauchgeschwärzten Wolken verhangen war.
Und kaum hatte er die Todesmaschinerie aus ihrem Käfig entlassen, da sprang sie über die sechs Reiche hinweg und aß alles auf, was lebendig war. Die Blumen, die Bienen, die Büsche – und die Menschen.
Und als nachdem sie alles abgegrast hatte, war sie noch immer hungrig und kehre zurück zum König, wohlwissend, dass es dort noch etwas zu essen gab.
Dann fraß sie in nur einer Nacht all die Untertanen des siebten Reiches, die letzten Berater und die gesamte königliche Familie.
Nur den König verschonte sie, denn sie verneigte sich vor seinem Wunsch, der ihr ein so reiches Festmahl beschert hatte.

Seitdem herrscht der König allein.

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Feldherr der Blumen

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In seinen jungen Jahren, da gab Franz Befehle.
„Stillgestanden!“
„Rechts um!“
„Rührt euch!“
Und die grün gekleideten Zöglinge bogen ihre Beine und strafften ihre Schultern vor der malerischen Kulisse grauer Kasernen auf Waschbetonplatten, durch die sich ein paar Unkräuter ihren Weg gen Sonne bahnten.
Bis Pauls Panzer alles plattmachte. Paul, der Leutnant, der Franz schon so oft aus der Patsche geholfen hatte. Der selbst im sibirischen Winter seinen Mann stand und den Feind vernichtete.

Diese goldenen Zeiten standen Franz vor Augen, während er sich über die Beete beugte und das Saatgut in Löcher vom Kaliber einer Granatpistole steckte. Die Blumenzwiebeln schmiegten sich in seine Hand wie Munitionsgeschosse, bald würden sie platzen und in die Höhe schießen.
Zufrieden betrachtete er sein Werk. Die Anpflanzung war perfekt angelegt, abgesteckt und eingezäunt von Ecke zu Ecke mit Schnur. Alles würde wachsen in Reih und Glied.

Franz lehnte sich in den Gartenstuhl und wartete. Die Vögel um ihn herum zwitscherten und die Sonne wärmte stärker von Tag zu Tag. Bald folgte Bombenwetter und Franz blinzelte durch die halb geschlossenen Lider unter seinen buschigen Augenbrauen hindurch.
Er sah die ersten Keime, hellgrün und zart. Er zupfte an seinem Bart und sah, dass es … Doch halt, was war das!
Da spross einer der Triebe schneller als ein anderer. Da zog die Osterglocke pfeilschnell an dem Veilchen vorbei! Da erhob sich die Narzisse über den Krokus! Da überwand gar ein freches Vergissmeinnicht die Grenze!

Und Unordnung herrschte in der Ordnung.

So war es nicht gut und Franz erhob sich aus seinem Stuhl. Er stellte sich auf zur vollen Größe, Schulter zurück, Gewehr bei Fuß, – denn so hatte er es gelernt.
„Stillgestanden!“, brüllte er das Vergissmeinnicht an.
„Rechts um!“, erging der Befehl an die Osterglocke.
„Rückzug! Rüüückzug!“, versuchte Franz den Krokus vor der überlegenen Narzisse zu retten.

“Ich bin der Herr dieses Feldes!”, rief Franz. “Ihr müsst mir gehorchen!”

Und während er noch versuchte, diese Schlacht zu gewinnen, da erging ein Befehl von höherer Stelle.
„Herr Meyer, beruhigen Sie sich bitte. Folgen Sie mir auf die Krankenstation. Dort werden Sie dringend gebraucht.“
„Ich kann meine Kameraden nicht im Stich lassen.“
„Gewiss, Herr Meyer. Aber Leutnant Paul wird hier gleich alles plattmachen.“
Leutnant Paul, sibrischer Winter, der nie jemanden zurück ließ. Bis zu dem Tag, als er … Der aufkeimende Gedanke verlor sich in Franz. Da war ein Fräulein, das hübsch lächelte.
„Nun denn, jawohl, Frau Oberleutnant!“

Und Franz folgte der jungen Dame im Schwesterngewand bis auf die Krankenstation, wo gefallene Krokusse, Narzissen und Vergissmeinnicht in Wasserbetten tranken, sicher dem Tode geweiht und schön anzusehen, wie Franz fand, der an seinem Kaffee nippte und ein Stück Marmorkuchen gereicht bekam.